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„Eh du Marxist wirst, werde erst mal ein Mensch“ – Ein Plädoyer für den Individualismus

Karl Marx, philosopher

Ja, auch ich wollte mal ein Marxist werden. Ist zwar schon lange her, aber nicht so lange, dass ich es vergessen hätte. Dazu war die Zeit viel zu spannend und lehrreich. Aber dann kam dieser Abend an dem das Titelzitat für diesen Text ausgesprochen wurde. An den Namen seines Autors kann ich mich leider nicht mehr erinnern, aber daran, dass die Worte während einer Diskussion fielen, in der sowohl der Sprecher als auch ich selbst dem Alkohol in einer Menge zugesprochen hatten, die mir heute gelinde gesagt erstaunlich erscheint.

Nicht, dass wir uns gleich von Anfang an falsch verstehen. Ein Individuum ist Jeder. Das war auch uns beiden Diskutanten schon damals klar. Dass es aber nur wenige Individualisten gibt, habe ich erst viel später erkannt, und dass das für unsere Gesellschaft nicht gut ist, erst heute. Dabei könnte Jede oder Jeder einer sein. Die Fähigkeit dazu ist jedem Menschen genetisch gegeben. Sie ist weder an eine bestimmte Ethnie oder Kultur noch an einen besonders hohen IQ gebunden. Sie muss nur zugelassen und gefördert werden.

Aber genau da unterscheiden sich die Geister, denn für viele gilt der Individualismus bis heute als Bedrohung unserer Gesellschaft und das im Wesentlichen aus drei Gründen:

  1. Der Individualismus führe zum Egoismus, weil der, der seine eigenen Wünsche und Interessen in den Mittelpunkt stellt, nicht umhin kann, die Wünsche und Interessen anderer zu missachten.

 

  1. Der Individualist läge keinen Wert auf die Gemeinschaft, weil sie ihn aus der Natur der Sache heraus einschränken muss, um die Gesellschaft funktionsfähig zu halten.

 

  1. Der Individualist neige zur Ausbeutung anderer Menschen, weil er in der Regel nur auf Kosten anderer seinen materiellen und geistigen Egoismus befriedigen kann.

 

Das klingt, sofern man anzuerkennen bereit ist, dass der Mensch nicht ohne andere Menschen, d.h. unter den heutigen Bedingungen nicht ohne Gesellschaft, leben kann, durchaus plausibel. Die zeitgemäße Formel „individuell ja, individualistisch nein“ wird jedoch schnell zweifelhaft, wenn man die gesellschaftlichen Gruppen auflistet, die das Nein zum Individualismus besonders laut rufen.

Da sind zuallererst und traditionell die politischen Extremisten von rechts und von links, die sich in der Ablehnung dieser Geisteshaltung erstaunlich einig sind. Individualisten werden aber auch von denen nicht gemocht, die die Gemeinschaft der Familie, des Glaubens, der Ethnie oder der Nation oder gleich alles zusammen für unumstößliche Heiligtümer halten. Die dritte und wohl größte Fraktion der Individualismus Verächter bilden alle Ordnungs- und Sicherheitsliebhaber dieser Welt.

Sie können sich, ähnlich den Diktatoren dieser Welt, gesellschaftlich Kontrolle nur als permanent, umfassend und ausnahmslos vorstellen und erklären jede Form der diesbezüglichen Denunziation zum Bürgerrecht. Für alle diese Feinde des Individualismus ist die Einhaltung von Normen keine demokratisch korrigierbare soziale und rechtliche Gegebenheit sondern eine nicht hinterfragbare ideologische Pflicht.

Für sie alle führt der Individualismus unausweichlich zu Chaos und Anarchie. Für sie alle ist er letztlich eine geistige und emotionale Deformierung des Individuums, die ihm deshalb zeitig ausgetrieben werden muss. Zuerst durch Erziehung, d.h. durch Eltern und Lehrer, dann durch den Staat und seine Gesetze. Den Rest besorgt das sogenannte gesunde Volksempfinden, das im Ernstfall weitaus eindringlicher und brutaler agiert, als Polizei und Gerichte.

Schon allein deswegen, um auch das hier gleich klar zu stellen, brauchen auch Individualisten den Staat, bzw. seine Polizei und seine Gerichte, ja sogar seine Gefängnisse. Eine Gesellschaft funktioniert auch für sie nicht ohne Gesetze und Normen. Im Gegenteil, gerade der Individualismus braucht einen unabhängige und durchsetzungsfähige staatliche Verwaltung und Justiz. Allerdings auf Basis einer starken und kämpferischen Demokratie.

Individuen können auch in Diktaturen existieren, Individualisten nicht.

Individuen kann es nämlich auch in Diktaturen geben, Individualisten jedoch nicht. Sie sind es, die neben der politischen Opposition als erste bekämpft werden, weil sie aus ihrer Geisteshaltung heraus am wenigsten anpassungsfähig sind. Ihre Opposition ist weniger politischer als struktureller Natur, wobei das eine das andere nicht ausschließt, ja sich sogar schlagkräftig ergänzt, wie man an der Geschichte der demokratischen Widerstandsbewegungen gut studieren kann.

Es ist genau die den Individualisten von ihren Kritikern immer wieder vorgeworfene Kompromisslosigkeit, die sie, egal welcher demokratischen Partei- oder Glaubenszugehörigkeit, zu den vehementesten Gegnern jeglicher diktatorische Tendenzen macht. Die sie sogar innerhalb ihre politischen und religiösen Gemeinschaften, bei aller Gruppenloyalität und -solidarität, mehr als andere auf undemokratische Anteile achten, ja sie sogar bekämpfen lässt.

Dabei sind Individualisten aus ihrer Geisteshaltung heraus keineswegs immer Kompromiss- und Anpassungsverweigerer, denn der Individualismus ist mit Nichten das Tor zum Egoismus. Es ist vielmehr so, dass nur der, der seine eigenen Wünsche und Interessen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt, überhaupt wissen kann, was ein Kompromiss ist, und was nicht, bzw. was einen fairen Kompromiss ausmacht.

Wer dagegen die Schere der Gemeinschaft schon im Kopf hat, bevor er seine Handlungen abwägt, wer die Erwartungen und Normen seiner Umwelt so internalisiert hat, dass er seine eigene Anpassung, jenseits sozialer Notwendigkeiten und Absichten, gar nicht mehr bemerkt, der macht keine Kompromisse, sondern gibt nur dem gesellschaftlichen Druck nach. Er macht das zwar in der Regel nicht ohne Druckschmerz, aber doch ohne Widerspruch

Seine Individualität wird so zum Kreuzungspunkt der Erwartungen anderer degradiert. Sie ist nicht Ausdruck der subjektgebundene Einsicht, dass nicht alles durchsetzbar ist was man sich wünscht, sondern der Wunschverzicht selbst. Eine Gesellschaft die es dem Individuum nicht erlaubt, bzw. ermöglicht sich über seine unausweichliche gesellschaftliche Prägung zu erheben, macht es zu nicht mehr als zur individuellen Variation einer manipulierbaren Masse.

Der Egoismus der Masse

Damit ist das nicht individualistische Individuum, ganz im Gegenteil zu den Annahmen der Antiindividualisten, aber nicht vom Egoismus befreit. Als Variation der Masse neigt das Individuum vielmehr ganz besonders und zugleich unreflektiert zum Egoismus, wie die vielen Vorteilsnahmen innerhalb unserer Sozial- und Subventionssysteme tagtäglich zeigen. Das Recht auf die Hilfe anderer, bzw. des Staates, zeigt sich hier keineswegs immer als das Recht der Schwächeren, sondern mindestens genauso häufig als das der Gierigen aller Einkommensklassen. Etwas zu bekommen respektive zu haben, nur weil es die anderen haben, ist dabei oft das tragende gemeinsame Motiv.

Der Individualist dagegen setzt viel zu sehr auf seine materielle und geistige Autonomie, als dass ihn ein solches Motiv ernsthaft zum Egoismus antreiben könnte. Schon gar nicht wenn es sich dabei um einen gruppenbezogenen und -betriebenen handelt. Äußere Hilfe geht ihm vielmehr generell gegen den Strich, d.h. er nimmt sie selbst nur als absoluten Notbehelf in Ausnahmesituationen an. Als Dauerzustand führt sie bei ihm dagegen zu einer permanenten Selbstkränkung, ja zu dauerhafter Verzweiflung.

Damit ist der Egoismus beim Individualisten natürlich nicht gänzlich ausgeschlossen. Aber er ist nicht von der gängigen Mitnahmementalität gegenüber leistungsloser Vorteile/Einkommen sondern vom Willen zur besonderen, nur sich selbst zuzuschreibenden Leistung angetrieben, für die er rücksichtlos gegen sich selbst und andere arbeitet. Selbst gegenüber Menschen, die ihm ansonsten wert und teuer sind. Egomanie wäre hier allerdings der passendere Begriff zu Beschreibung dieses Verhaltens.

Individualisten beuten deswegen, im Gegensatz zu Egoisten, immer auch sich selbst aus. Sofern sie Unternehmer sind, können sie dabei zwar genauso gnadenlos gegenüber ihren Mitarbeiten sein wie Letztere. Eine abstrakte, sich selbst rechtfertigende Profitmentalität ist ihnen dagegen selten zu Eigen. Dafür sind sie zu stark produkt- und qualitätsorientiert und zu wenig auf rein finanzielle Anerkennung aus. Die emotionale und geistige ist ihnen oft sogar wichtiger als die materielle.

Individualisten sind deswegen unter den Reichen genauso die Ausnahme wie unter den Armen. Wer reich werden will nur um reich zu sein, bzw. möglichst viel mehr zu haben als andere, der steht unter dem gleichen Anpassungsdruck wie die, die niemals die Chance dazu bekommen. Während die Gier der Letzteren allerdings im wahrsten Sinne des Wortes notwendig ist, um zu überleben, ist sie bei denen, die schon alles haben, von einer geradezu lächerlichen, ja im Einzelfall sogar provokanten Erbärmlichkeit.

Individualismus braucht Chancengleichheit

Individualisten wissen dagegen instinktiv, dass zu viel Geld für die eigene Individualität genauso schädlich sein kann wie zu wenig. Die klugen unter ihnen haben sogar begriffen, dass zu viel Geld in einer Hand bzw. an der falschen Stelle, nicht nur die Demokratie sondern auch die wirtschaftliche Dynamik einer Gesellschaft gefährdet. Genauso wissen sie um soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Ausbeutung und haben deswegen nichts gegen Gewerkschaften und Sozialverbände, wenn sie ihnen auch selbst nur ungern angehören.

Individualist wird man nämlich nicht ohne Chancengleichheit und ohne soziale Unterstützung, geschweige denn ohne gute und für alle zugängliche Bildungssysteme. Individualist wird man erst recht nicht in privaten Internaten und sonstigen Eliteeinrichtungen. Man muss vielmehr schon vorher einer sein, um sie bei diese Art des erfolgsorientierten Verhaltensdrills nicht gänzlich zu verlieren. Bildungskasernen bleiben selbst auf hohem Wissensniveau und bester Lehrer- und Materialausstattung nun mal Kasernen.

Freies Denken entsteht dagegen einzig und allein im Kampf um und mit der Freiheit und nicht in sozial abgeschotteten Systemen kollektiver Bevorzugung egal welcher Art. Sie ist eine Pflanze unbändiger Fremd- und Selbstreflektion unter dem Druck realer Sozialität. Je mehr unterschiedliche Erfahrungen diese erlaubt, sprich je vielfältiger sie ist, umso mehr ist sie Humus für das Erblühen des Individualismus.

Elitarismus ist deswegen das Gegenteil von Individualismus. Er schafft in der Regel keine unabhängigen Persönlichkeiten sondern kollektives Standesbewusstsein. Er will soziale Distanz um der Distanz willen und nicht auf Grund realer Unterschiede in Einstellung und Wissen. Er feiert nicht den Unterschied als horizontale soziale Vielfalt sondern als vertikalen Distinktionsgewinn. Er ist eine Art soziale Verdummung auf hohem Niveau die sich obendrein dem freien Bildungswettbewerb durch gesellschaftliche Bevorteilung entzieht.

Der Individualismus als Kinderrecht

Wer mehr Individualisten haben will, der muss den Kindern schon in Elternhaus und Schule die größtmögliche Freiheit geben, denn das Kindeswohl ist nicht mit dem Erwachsenenwohl und erst recht nicht mit dem der Eltern und Lehrer zu verwechseln. Den Kindern Grenzen zu setzen, heißt eben nicht, dass man sie ihnen nicht zu erklären hätte. Erziehungs- oder Lehrautorität zu sein, bedeutet eben nicht die völlige Aufhebung des Dialogs, geschweige denn die Brechung des kindlichen Willens.

Im Gegenteil, wer mehr Individualisten säen möchte, der muss den Menschen möglichst früh Handlungsspielräume verschaffen in denen sie den eigenen Willen erproben und Grenzen auch überschreiten können. Der sollte darauf achten, dass sich Kinder auch dann ernst genommen fühlen, wenn es nicht nach ihrem Willen geht. Nur so wächst ihre Ichidentität. Nur so werden sie lernen, statt sich zu fügen Kompromisse zu machen. Nur so werden sie sich später weder alles gefallen lassen noch alles rücksichtlos durchsetzen wollen.

Nur so werden sie ein demokratisches Ich entwickeln, das seine damit verbundenen Freiheiten nicht nur für sich selbst sondern auch für andere zu verteidigen bereit ist. Das im Ernstfall aber auch rücksichtlos sein kann, wenn die Feinde dieser Freiheit sich nicht mehr an die demokratischen Regeln halten und zur Gewalt schreiten. Sie werden Persönlichkeiten die sich auch nicht durch ihren Glauben an höhere Wesen dazu bringen lassen, gegen die Menschenrechte zu verstoßen, geschweige denn im Namen Gottes Menschen zu unterdrücken, zu quälen oder zu töten.

Ein Individualist ehrt seine Eltern nicht, weil sie nun mal seine Eltern sind, sondern weil sie es sich durch ihre Kinderliebe verdient haben. Er/Sie achtet seine Lehrer, weil sie ihm ein Vorbild sind und nicht weil sie ihm Noten geben. Sie/Er nimmt Traditionen nur an, wenn sie ihm für sich und in seiner Zeit sinnvoll erscheinen und nicht weil es sie schon lange gibt. Er hält, egal welchem Geschlecht er angehört, die Kultur in der er aufgewachsen ist nicht per se für die bessere, geschweige denn die überlegene.

Nicht Kulturen begegnen sich, sondern Menschen

Kulturen begegnen sich nämlich nicht, geschweige treten sie miteinander in den Dialog. Das können nur Menschen. Je individualistischer sie erzogen worden sind, desto leichter wird es ihnen fallen, den Einzelnen zu sehen statt ihn kulturell vorzusortieren und vorzubeurteilen. Der Individualismus ändert zwar nichts an unserer kulturellen Prägung, aber er erleichtert im Konfliktfall die interkulturelle Kommunikation erheblich, weil er auch die Augen für die Probleme und Ungerechtigkeiten innerhalb der eigenen Ethnie und ihren Traditionen öffnet.

Der Individualismus ist deswegen die einzige Geisteshaltung, die uns die Herausforderungen der Zukunft gewaltfrei bewältigen lässt. Nicht er ist zu bekämpfen, sondern die, die ihn ver- und behindern. Die die Gemeinschaft über das Individuum stellen anstatt zu begreifen, dass es demokratische Gemeinschaften nicht ohne demokratische gesinnte, also eigenwillige Individuen geben kann.

Es ist eben nicht das Wir, das entscheidet. Wer sollte das auch sein. Auch eine kollektive Entscheidung wird von Einzelnen gefällt. Von vielen Einzelnen zwar, aber nicht vom Wir. Selbst als Gefühl ist das Wir ohne den Einzelnen nicht existent. Kollektive Entscheidungen werden vielmehr durch das Wir Gefühl in einer Weise manipulierbar, die den Einzelnen, die es zu mobilisieren in der Lage sind, besondere Macht verleiht.

Das gefühlte Wir und seine Profiteure

Das gefühlte Wir erzeugt auf diese Weise nicht immer, aber immer wieder, undemokratische Führungsstrukturen, die unter bestimmten Bedingungen sogar zur Diktatur führen können. Führer und Geführte werden ein auf einander bezogenes, in sich abgeschlossenes, geradezu zirkuläres Herrschaftssystem, das selbst durch Wahlen nicht revidiert werden kann, wenn die Kinder rechtzeitig und konsequent im Geiste des unbedingten Wir erzogen worden sind.

Das undemokratische Ich wird so nicht nur die Voraussetzung für die Diktatur sondern auch für die sogenannte gelenkte Demokratie, wobei beides einander vorzüglich ergänzt, bzw. nur ein andere Phase derselben Sache sein kann: der Herrschaft des Wir über und gegen das eigenwillige Ich. Der Herrschaft der individuellen Masse über den widerständigen Individualismus des Einzelnen. Genau hierin hatten die roten und die braunen Diktaturen unserer Geschichte ihr Gemeinsames und hierin lag auch der gröbste geistige Webfehler des Marxismus: Die Klassenherrschaft. Das marxistische Wir, sozusagen.

Dem wollte ich, spätestens seit dem Einmarsch der Sowjetarmee in Ungarn, genauso wenig angehören wie dem rassistischen und völkischen Wir der Faschisten und dem nationalistischen Wir der Vaterlandschauvinisten. Später kam das im Ernstfall mörderischen Wir der Familien(ehre) und das nicht hinterfragbaren heiligen Wir religiöser Fanatiker hinzu. Auch das kulturelle Wir wird mir zunehmend suspekt, da es schon im Ansatz die Angst vor dem Fremden und Anderen miteinhält.

Ein kluger Individualist weiß, dass er auf das Wir nicht gänzlich verzichten kann. Aber wo es irgendwie geht, versucht er ohne es auszukommen. Ab 10 Leute aufwärts enthält es nämlich nach meiner Erfahrung zunehmend Mitläufer, Opportunisten, Hinterbänkler und Claqueure. Selbst das private, ja intime Zweier-Wir der Paare basiert häufig auf einseitige Anpassung, wenn nicht sogar auf Unterwerfung statt auf faire Kompromisse und gleichberechtigten Meinungsaustausch.

Nur der Individualist weiß, dass er immer allein ist.

Das alles hat aber nichts an der menschlichen Sehnsucht nach dem großen Wir verändert, und das wissen die Wir-Apostel dieser Welt, egal ob sie religiös, politisch oder kulturell gefärbt sind. Der Mensch ist ein durch und durch soziales Wesen. Er wird nur in emotionaler Abhängigkeit groß und muss deswegen sein von Geburt an offen strukturiertes und dadurch lernfähiges Gehirn die ersten Jahre seines Lebens komplett mit Fremdgut füllen (lassen).

Bis ihm dann auffällt, dass seine Haut doch eine Grenze ist, und s e i n Geist nur in s e i n e m Gehirn steckt. Dass andere zwar seine Schmerzen mitfühlen können, sie aber deswegen nicht selbst haben. Dass andere sich zwar in ihn hinein verdenken können, aber deswegen nicht auch seine Gedanken denken, geschweige sie gänzlich verstehen. Dass er allein ist, auch wenn ihn ein anderer berührt, und dass er genau deswegen die Berührung so sehr braucht. Erst recht wenn es ihm dreckig geht.

Das menschliche Ich kann also ohne das Du nicht existieren. Wenn es beides aber zu eng miteinander verbindet, ja miteinander gleichsetzt, kann es erheblichen Schaden nehmen. Das Du des anderen ist nämlich immer auch ein Ich . Genau darum kann ein ernsthaftes und stabiles Wir nur auf Basis der bewussten Einzelheit existieren, und wenn es ein freiwilliges ist, nur auf Basis seiner ichbezogenen Eigenwilligkeit.

Hier schließt sich der Kreis zum Individualismus wieder, ohne den ein Individuum zwar existieren, aber nicht bewusst und demokratisch kooperieren und damit nicht wachsen kann. In dem es nur als individuelle Variante der Masse, nicht aber als eigenständige demokratische Persönlichkeit wirken kann. Das bedeutet zwar nicht, dass der Individualist völlig unabhängig von ihr agieren kann. Seine Abhängigkeit kann er jedoch dadurch soweit durchschauen, dass er sie sowohl allein als auch gemeinsam mit anderen milder und einschränken, ja im Ausnahmefall sogar verhindern kann.

Der Individualist ist nicht der bessere Mensch

Das alles macht den Individualisten natürlich nicht zum besseren Menschen, sondern nur zu einer bestimmten Art von Menschen, deren Besonderheiten ich hier nicht als Dogma sondern als Diskussionsbeitrag nach meiner Sicht der Dinge zusammen getragen habe. D.h. auch Individualisten neigen wie alle anderen Menschen zum Tarnen und Täuschen. Sie können in bestimmten Situation genauso zu Arschlöchern werden, wie alle anderen. Sie sind nicht die besseren Unternehmer, Ehepartner oder Liebhaber, geschweige sind sie anderen grundsätzlich überlegen.

Auch sie verstecken sich gelegentlich in der Masse, kriechen vor Autoritäten zu Kreuze und lassen sich durch Drohungen erpressen. Sie sind nicht immer mutig, melden sich nicht bei jeder Ungerechtigkeit zu Wort und wollen stattdessen nur ihre Ruhe haben. Auch sie suchen Freunde auf, wenn sie Trost brauchen, kehren immer wieder in den Schoß ihrer Familie zurück und bevorteilen die eigenen Kinder vor denen der anderen. Es gibt überzeugte Parteimitglieder und begeisterte Fußballfans unter ihnen. Sie gehören Vereinen der verschiedensten Art an und lassen auf ihre jeweilige „Truppe“ in der Regel nichts kommen.

Sie Unterwerfen sich also situativ immer wieder dem Kollektiv, weil auch sie gerne unter Menschen sind. Erst recht sind sie keine Eigenbrötler und Eremiten. Aber sie wollen in jeder Gemeinschaft auch immer wissen, wo sie selbst stehen. Sie wollen immer auch aus dem Kollektiv austreten können. Geschlossene Gesellschaften sind ihnen deswegen im Kleinen wie im Großen ein Graus. Dauerkontrolle und Gänsemarsch halten sie nicht lange durch. Mit einem Satz: Der Individualist hält, egal wo er ist, immer den sozialen Ausgang/Fluchtweg im Auge, während das Individuum erst danach sucht, wenn es zu spät ist.

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18 Kommentare zu “„Eh du Marxist wirst, werde erst mal ein Mensch“ – Ein Plädoyer für den Individualismus

  • #1
    WALTER Stach

    Arnold,
    „im großen und im ganzen“ einverstanden!

    Eine persönliche Anmerkung aus einem mittlerweilen langen Leben:
    Ich habe es von der Kinderheit an bis ins Alter und in allen Lebensbereichen und Lebensituationen stets als für mich sehr befrieidgend empfunden, mich anders zu verhalten als es von der Gemeinschaft, der ich zugehörte, erwartet wurde -ln der Schule, in Ausbildung und Studium, im Beruf, in der Poltik, im Sport, in Sachen Kultur und Religion.

    Ein Individualist? Ja, so nehem ich mich war.

    Ein Eigenbrötler, ein Egoist , ein „dickköpfiger“ Zeitgenosse? Ja, so nehmen mich gelegentlich Andere war.

    Meine Selbstwahrnehmung und meine Erfahrungen mit dem Individualisten sind zudem der Grund, daß ich jeden Menschen, der sich als Individualist positioniert, der z.B in der Poltik „querdenkt“, der nicht stets der Meinung hinterherläuft, die in der jeweiligen Gemeinschaft, der er sich zurechnet, aktuell die Mehrheitsmeinung ist.

    Ich frage mich, ob ein so verstandener Individualismus, den Du in Deinem Kommentar das Wort redest, eine angeborene Eigenschaft des Menschen ist oder ob sie ehe durch das soziale, das kuturelle Umfeld und durch die Erziehung im Elternhaus, in der Schule geprägt wird oder ob Beides letztendlich den Individualisten ausmacht -der ,zugegeben, für die Mitmenschen in der jeweiligen Gemeinschaften nicht der „pflegeleichte Zeitgenosse“.

    ( Intensiver Nachdenklich bedarf es m.E. bezüglich der Frage, ob jeder Mensch und ggfls. in welchem Maße jeder Mensch seinen Indiividualismus ausleben kann. Zwingt nicht der Kampf „ums Überleben“ so Manchen, sich gegen seine Überzeugung anzupassen, ja sich gegenteiliger Meinung zu unterwerfen?

    Unterwirft sich nich zudemt so Mancher freiwillig, wo möglich seinen eigen Wesen zuwiderlaufend,dem Diktat Anderer, passt er sich nicht bereitwsillig dem an, was z.B. die Mehrheit denkt, wenn ihm das geeignet erscheint, seinen Status -idell, materiell- aufzubessern?)

    Gut, daß Du in Deinem Kommentar klar machst, daß der Individualist keineswegs ein Widerspruch ist zu der Erkenntnsi, daß der Mensch nicht nur Individum, sondern zugleich (!!) auch eiin Gemeischaftswesen ist, so wie es beispielsweise dasd BVerFG ‚mal sinngemäß formuliert:
    „Der Mensch ist ein Individum, aber er ist kein selbstherrlcihes Wesen, sondern ein in die Gemeinschaft hineingebornes und ihre vielfältig verpflcihtetes.“

    In diesem Sinne wird hoffentlich niemand hier bei den Ruhrbaronen einen Widerspruch sehen zwischen meiner Selbstwahrenhmung als Individualisten und meinem permanenten und vehementen Einsatz für das Sozialstaatsprinzip gemäß unserer Verfassung. Das Eine schließt das Andere nicht aus, sondern ein.

    Arnold,
    schön, am Sonntagmittag Deinen bemerkenswerten Kommentar lesen und über seinen Inhalt nachdenken zu können.

  • #2
    leoluca

    Die dogmatische Linke, die angeblich marxistisch geprägte, bolschewistisch ideologisierte, als ML fixierte Weltanschauungsgemeinschaft krankte zur Hochzeit des Sowjetimperiums und krankt teils heute noch an einer besonderen Fälschung ihrer eigenen heiligen Schriften.

    Die bezieht sich auf das Individuum, das auf den Kern der Menschenrechte verweist, eine Fälschung, die eigentlich unbegreiflich ist, haben doch alle das kommunistische Manifest rauf und runter gelesen und dabei etwas Wichtiges übersehen. Bei Marx und Engels heißt es: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

    Was aber stand und steht teils auch heute noch in der Ideologie und in den Lehrbüchern? „Die freie Entwicklung aller ist die Bedingung für die freie Entwicklung eines jeden.“

    Eine verhängnisvolle Vorordnung des Kollektivs vor den Einzelnen und der Masse vor dem Subjekt.

  • #3
    Rainer Möller

    Im großen und ganzen leuchtet mir das nicht ein.

    Individualist ist einer, wenn er darauf besteht, seine eigenen Erfahrungen zu machen, daraus seine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen und damit seine eigenen Wünsche zu verbinden.
    Gerade das wird den Menschen auch in sogenannten demokratischen Staaten zunehmend unmöglich – sie sollen sich die Erfahrungen, Schlussfolgerungen und Wünsche der Machthaber zu eigen machen.

    Das staatlich-mediale „Wir“ – die sogenannte „Wertegemeinschaft der Verfassung“ – ist hohl.

    Das nichtstaatliche gemeinschaftliche „Wir“ ist de facto überall ein Zusammenschluss von Leuten, die gegen Staat und Mainstream-Medien ihre eigenen Erfahrungen, Schlussfolgerungen und Wünsche behaupten wollen. In diesem Sinn ist es – trotz kollektivistischer Übersteigerungen – keineswegs hohl.

  • #4
    Grundeinkommens Beführworter

    Egoisten führen keinen Krieg, weil sie darin ja umkommen oder ihr Eigentum verlieren könnten. Moralisten führen Krieg um ihre Moral von deren ideologischen Überlegenheit sie überzeugt sind anderen aufzuzwingen.
    Egoistisch gesehen macht es auch keinen Sinn über andere zu Herrschen, würde mich als Egoisten ja nur Stress und Zeit kosten die ich besser für mich selbst nutzen kann. Die meisten Diktatoren sind daher Moralisten die sich von Gott, der Geschichte, ihrer Klasse oder sonstwas auserwählt sehen ihre überlegene Moral über andere zu exerzieren. Massenbewegungen haben immer Moralistisch, Kollektivistische Ideologien. Von den Jakobinern, Bolschewisten, NSDAP, Rote Brigaden (Maoismus). Gewalt wird immer durch die höhere Moral einer Ideologischen Massenbewegung gerechtfertigt.

    Ich denke, die Welt wäre besser wenn sie nach wirklichen egoistischen Prinzipien funktionieren würde. Zum Beispiel habe ich ein egoistisches Interesse an einem Sozialstaat, freiem Gesundheitssystem, freie Bildung weil ich das brauche. Also man muss kein Moralwichtel sein um für eine soziale Gesellschaft einzutreten. Es ist somit nicht notwendig sich vor den Karren irgendwelcher Moralisten spannen zu lassen, gesunder Egoismus reicht aus um für ein soziales Miteinander einzutreten.

    Aus dem Grunde halte ich mich auch von den Linken fern, obwohl ich eher Kapitalismuskritisch bin. Die heutige Linke ist moralistisch bis zur Selbstkasteiung, Vegan Essen, Gender Korrekte Sprache benutzen, nur Ökosozial Einkaufen und so weiter, Lust und Lebensfeindlich dank Moral. Moral erzieht zum Kollektivismus da eben verlangt wird das sich alle gefälligst den gleichen moralischen Einheitswerten zu unterwerfen hätten. Die Linke Moral durchgesetzt würde somit den Einheitsmenschen schaffen, alle die da nicht mitmachen wären dann wohl „Schlechtmenschen“. Denn individualistische Lebensweisen welche von der Moralischen Norm abweichen werden von den Moralisten nicht toleriert.

    Das gerade die heutigen Linken davon so infiziert waren ist schade, Marx, Bakunin und co waren ja die Begründer einer Freiheitsbewegung, Herrschaftsfreiheit und Individuelle Selbstentfaltung („jeder nach seinen Bedürfnissen“) das Ziel. Die heutige Linke ist hingegen ein Moralistenkult, depressiv über die ach so böse Welt jammern, und als Ausweg jedoch nix als Moralische Selbstkasteiung und Unterwerfung unter ein moralischen Kodex anzubieten. An die Stelle der Utopie einer Herrschaftsfreien Gesellschaft ist die Moral getreten die jeden Individualismus und jedes befreiende Moment erstickt.

    Was es eigentlich bräuchte wäre eine neue Freiheitsbewegung ohne den Balast einer erdrückenden Moral.

  • #5
    Manfred Michael Schwirske

    Arnold Voss wie er leibt und lebt. Ich lese das als Bekenntnis und Selbstreflexion.

    Walter Stach stimme ich zu: im grossen und ganzen d´accord; bei Widerspruch in so ziemlich allen Details. Ein Gesamtkunstwerk, das auf Abstand wirkt.

  • #6
    Jens Schmidt

    @Rainer Möller

    Kommunismus und der momentan dominierende Korporatismus haben eine unerfreuliche Begleiterscheinung gemein: den Kollektivismus. Insofern spricht mir dieser Essay sehr aus der Seele, indem er vom mündigen Bürger eigenständiges Denken einfordert.

  • #7
    leoluca

    #4

    Pardon, nur eine kleine Besserwisserei.

    Es heißt im Original: „Jeder nach seinen Fähigkeiten , jedem nach seinen Bedürfnissen“.

  • #8
    Thomas Weigle

    Chapeau @Arnold Voss
    @Leoluca „Die freie Entwicklung aller ist die Bedingung für die freie Entwicklung eines jeden.“ Das hat in den so Lehrbüchern gestanden haben, aber nicht einmal daran haben sich die realen Sozialisten gehalten!

  • #9
    WALTER Stach

    leoluca
    Ja,.
    Sh. dazu u.a.als Rechtsnorm:

    Art.12 (2) der Verfassung der ehemaligen UDSSR
    „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“.

    In dem Zusammenhang verdient auch der Absatz 1 des Art.12 Erwähnung:
    „……..Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“

  • #10
    Thomas Wessel

    Und Brian antwortete und sprach: https://www.youtube.com/watch?v=QereR0CViMY

  • #11
    Klaus Lohmann

    Dass Braune die „Wertegemeinschaft der Verfassung” nicht kapieren, fälschlicherweise als Gegenentwurf zur eigenen Unfähigkeit der demokratischen Konsensfähigkeit verstehen, deshalb nicht akzeptieren und demnach dort eine große Leere sehen, gegen die man sich „gegen Staat und Mainstream-Medien“ mittels antidemokratischer Hetze und Propaganda „behaupten“ muss, überrascht uns jetzt nicht wirklich.

  • #12
    Thomas Weigle

    Es gibt da noch den §249 des STGB der DDR, der sich u.a. gegen „Parasiten und Asoziale“ richtete, also gegen Menschen, die sich dem „Recht auf Arbeit“ entzogen oder ihr Geld durch Vermietung von Wohnraum verdienten, auch durch Prostitution. Gemessen daran sind die Sanktionen, die im Rahmen von H4 verhängt werden, nicht wirklich menschenverachtend, was ja ein immerwährendes Lamento der SED-Nachfolgesozialisten ist.
    1936 säuberten die Nazis Berlin wg der OS Berlin von Obdachlosen, diese wurden nach Dachau verbracht.
    1973 stiegen in der DDR die Verurteilungen nach dem §249 signifikant an, für Ostberlin wurden Reisesperren verhängt.Grund waren die Weltfestspiele der Jugend. Man wollte ein sauberes Ostberlin. Selbst die Grepos und Vopos wurden für die Dauer des Festival in den Smile-Modus geschaltet. Was sonst nicht geduldet wurde, Straßenmusik bspw., welche ja Ausdruck von Individualismus ist, war für diese Zeit erlaubt.

  • #13
    WALTER Stach

    Ich will noch ‚mal auf den Grundgedanken von Arnold Voss zurückkommen, iindem ich anrege, daß jeder Mensch (auch der, der hier bei den Ruhrbaronen diskutiert, mich also eingeschlossen), selbstkritisch darüber befindet, ob er, wann er, wie er in seinem Leben bereit war bzw. gegenwärtig bereit ist und zukünfti bereit sein könnter, sich seiner selbst wegen als Indivdiualist im Sinne der Beschreibung von Arnodl Voss zu entwickeln und zu entfalten -selbstbewußt, konfliktbereit, denkbare Diskriminierungen, denkbare Beeinträchtigungen der Karriere -beruflich/politisch- in Kauf nehmend.

    Dass einer solchen Entwicklung und Entfaltung der menschlichen Persönlichkeiten häufig gewaltige objektive Hindernisse im Wege stehen, Hindernisse, die nicht so einfach wegzuräumen sind, darf bei einem Plädoyer für „mehr Individualismus“nicht außer acht gelassen werden, vor allem dann nicht, wenn „man“ den Mangel an Individualismus beklagt. Da regelmäßig ehe mit Beifall, mit Belohnung, mit gesellschaftlicher Anerkennung zu rechnen ist, wenn „man“ das macht was „In“ ist, was den Wünschen des jeweils Mächtigeren genehm zu sein scheint, was „mainstreamgemäß“ ist, erscheint das „Verkümmern des Individualismus“ doch menschlich allzu verständlcih, auch wenn es nicht zu wünschen ist.

  • #14
    WALTER Stach

    Nachtrag:
    Drei Fragen.

    1.
    Funktioniert und überlebt nicht jede Gesellschaft nur deshalb, egal wie sie verfaßt ist, weil die große Masse ihrer Mitglieder aus „angepaßten“ Menschen besteht -bestehen muß?- und nicht aus Individualisten?
    2.
    Sind die Individualisten insofern nicht stets die Ausnahme, aber als solche das lebensnotwendige Salz in jeder gesellschaftlichen Suppe?

    3.
    Könnte es deshalb als Privileg betrachtet werden,, als Individualist leben zu könnne, auch im Sinne von Überlebenkönnen in einer dem Individualisten kritisch bis feindlich gesonnenen Gesellschaft, ein Privileg, das man sich zu erarbeiten hat, das man aber auch nicht selbstbestimmten Umständen schuldet“

  • #15
    Arnold Voss Beitragsautor

    Gute Fragen Walter. Individualismus ist auf jeden Fall anstrengend. Sowohl für den Individualisten als auch für die, die ihn ertragen müssen. Konformismus ist deswegen insgesamt angesagter, wobei auch Konformisten unter Ausnahmebedingungen zu Individualisten werden können, bzw. sich von Individualisten zum Widerstand gegen die Mehrheit mitreißen lassen.

    Entscheidend ist allerdings, ob die Gesellschaft generell soviel Handlungsspielräume ermöglicht, dass viele ihrer Mitglieder als Individualisten ohne besondere Anstrengungen leben können. Dass sie dieses von dir als Privileg angesehene Lebensform als normal empfinden können.

    Hochproduktive demokratische Gesellschaften ermöglich dies schon deswegen, weil hier die freiwillige Konsumeinschränkung zumindest den permanenten Arbeits- und Verwertungsdruck senken kann, ohne dass dabei auf das Lebensnotwendige verzichtet werden muss. Traditionale und weniger produktive Länder erzeugen dagegen einen weitaus höheren Konformitätsdruck.

    Aber auch hier gibt es, wie die Geschichte immer wieder zeigt, Menschen, denen ihre Freiheit wichtiger ist als ihre Existenzbedingungen. Die entweder mehr Energie oder mehr Mut oder beides haben, den objektiven Bedingungen zu wiederstehen. Es ist, neben dem Klassen-Wir, der zweite große geistige Webfehler des Marxismus, diesen subjektiven Faktor geringer einzuschätzen als die objektiven Bedingungen.

  • #16
    WALTER Stach

    Danke für Deine Antworten, Arnold.
    Meine Fragen und Deine Antworten, deren Inhalt ich im wesentlichen teile, könnten ja Anlaß sein, für weitere Diskurse zum Thema „Individualismus“.

    Nachdenkliches meinerseits in Sachen „Webfehler des Marxismus“:

    Ich erkenne nicht, daß Karl Marx gegen den Individualismus als eine menschliche Eigenschaft, als eine menschliche Eigenart argumentiert oder gar dessen Exsitenz , unter entsprechendne materiellen Bedingungen, für auflösbar gehalten hat.
    Auch in einer „fortgeschrittenen sozialistischen Gesellschaft“ gilt, daß jeder nach seinen Fähigkeiten……
    Und eine dieser Fähigkeiten, die ebern nicht jeder, aber doch so mancher hat, ist die, durch eigenständiges, durch nicht gesellschaftskonformes Denken und Handeln „Salz in der Suppe“ zu sein, eben auch der „Suppe“ einer fortgeschrittenen sozialistischen Geselslchaft.
    In Diskussionen wie dieser verweise ich gerne auf klösterliche Gemeinschaften verschiedener Weltreligionen.
    Wenn ich z.B. an die Mönche in diversen christlichen Klöster denke, dann leben die dort nach dem christlichen Leitsatze (und dem marxistisch-leninistischen Motto für die klassenlose komm.Gemienschaft): : Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“.
    Und so lebt dann eben der hochintelligente, wissenschaftlich qualifizierte und dementsprechend für die klösterliche Gemienschaft arbeitende Abt „nach seinen Fähigkeiten“ und der mit der Gartenarbeit betraute Mönch ebenso und jeder bedient sich nahc seinen unterschiedlichen und verschiedenartigne Bedürfnisse.
    Schließt das für den Abt, schließt das für den enen oder den anderen Mönch aus, in dieser Gemeinschaft und ihr gegenüber verpflchtet sehr wohl Individualist sein zu können? Es könnte sich also insofern ehe die Frage nach dem WIE des individualistischen (Aus-)Lebens stellen als die , nach dem Ob eines solchen .

    PS
    Karl Marx dürfte einer der prominensten Menschen gewesen sein, die „ausgeprägte Individualisten“ waren -im Denken und im Tun-.

  • #17
  • #18
    Eric

    Ich bin erst jetzt darauf gestoßen und möchte mich dennoch für diesen zeitlosen Aufschrei bedanken.

    Ich erinnere mich gut an ein Essay im Deutschunterricht, in das ich mein Herzblut und eine gehörige Portion Naivität geschüttet habe. Titel "Volksgemeinschaft/Solidargemeinschaft, die Sehnsucht der Deutschen nach dem alle umfassenden Volksheim". Das war natürlich auch provokant, "Sturm und Drang" eines Teenagers, der sich an seiner Umgebung stößt.

    Mein alt68er Deutschlehrer hat mich mit einer Art Abscheu betrachtet, die ich im Gesicht dieses "alles locker"-Pädagogen zuvor noch nie gesehen hatte.

    Freiheit ist der Raum der entsteht, wenn der Einzelne seine Mitmenschen auf Abstand hält. Das stößt in einer Gesellschaft, in der die rhetorische Frage "hälst du dich etwa für was besseres?" die beleidigte Reaktion auf ein Ausscheren ist, auf tiefe Ablehnung. In meinen Augen ist es kein Zufall, dass die Deutschen sowohl den Marxismus, wie auch den Nationalsozialismus hervorgebracht haben. Der Kollektivismus, der Gleichschritt, steckt tief in den Deutschen. Das belegt die Geschichte der letzten 200 Jahre auf teils grausamste Weise. Und tatsächlich haben wir wenig daraus gelernt. Individualismus hat bei uns immer schnell die Fratze des hässlichen Egozentrikers, der gute Mensch denkt und handelt kollektivistisch und dementsprechend stößt auch paternalistische Politik auf breite Zustimmung, "Rechte und Linke" streiten sich nur um das "wie". Manchmal kann man eigentlich nur zum Nihilist werden..aber dann gibt es eine Verteidigung des Individualismus, wie deine hier und man geht hoffnungsvoller an die Sache. Viele Dinge sind ja auch schon besser geworden, man denke an den Umgang mit Minderheiten.

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