Ein offener Brief an Kardinal Marx: „Jesus war kein Pazifist“

Reinhard Kardinal Marx beim 45. internationalen Festival der Pueri Cantores in München Foto (Ausschnitt): Oliver Sold Lizenz: CC BY 4.0

Unser Gastautor Tobias Huch hat Reinhard Kardinal Marx einen offenen Brief wegen seiner Ablehnung des Krieges gegen das Mullah-Regime geschrieben.

Sehr geehrter Bischof Reinhard Kardinal Marx,

Eure Eminenz,

Sie haben bei der Vollversammlung des Diözesanrats der Münchner Katholiken den Krieg gegen das iranische Mullah-Regime als „illegitim“ bezeichnet – nach den Kriterien der katholischen Soziallehre. Das ist ein schweres Wort. Und ein schweres Wort braucht eine schwere Begründung. Die haben Sie bislang nicht geliefert. Deshalb schreibe ich Ihnen.

 Jesus war kein Pazifist

Ich fange mit dem Fundament an, denn dort liegt meiner Meinung nach das eigentliche Problem. Sie beschreiben Krieg als „das schlimmste Übel“. Das klingt fromm. Aber es ist nicht das, was uns das Evangelium lehrt.

Als Jesus in den Tempel kam und die Händler und Geldwechsler vorfand, hat er nicht gepredigt. Er wurde gewalttätig: „Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um…“ (Joh 2,15) Das war kein symbolischer Akt. Er hat eine Peitsche gebaut und Menschen aus dem Tempel getrieben. Mit Entschlossenheit, mit Zorn – mit Recht.

In der Nacht vor seiner Verhaftung sagte er zu seinen Jüngern – nicht: „Gebt euch friedlich gefangen“, sondern: „Da sagte er zu ihnen: Jetzt aber soll der, der einen Geldbeutel hat, ihn mitnehmen und ebenso die Tasche. Wer dies nicht hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich ein Schwert kaufen.“ (Lk 22,36) Ein Pazifist empfiehlt nicht, den Mantel zu verkaufen, um sich zu bewaffnen.

Und Paulus schreibt im Brief an die Römer über die staatliche Gewalt: „Denn sie steht im Dienst Gottes für dich zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht nämlich im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der das Böse tut.“ (Röm 13,4) Der Staat, der das Schwert gegen das Böse führt, handelt nach Paulus nicht gegen Gottes Willen – er vollzieht ihn. Das ist unsere Schrift.

Thomas von Aquin behandelt den gerechten Krieg in der Summa Theologiae (II-II, q.40) bezeichnenderweise nicht unter den Sünden, sondern unter der Tugend der Nächstenliebe. Ein Krieg, der Unschuldige schützt und Unrecht rächt, ist für ihn kein Widerspruch zum Evangelium, sondern dessen Ausdruck. Augustinus, auf den Thomas sich stützt, schreibt: „Wir führen Krieg, um Frieden zu haben“ – und dass wahre Religion jene Kriege als friedlich betrachtet, die nicht der Habgier dienen, sondern dem Schutz des Guten und der Bestrafung des Bösen.

 Die vier Kriterien – und warum ich sie anders bewerte als Sie

Die kirchliche Lehre nennt vier kumulative Kriterien für einen gerechten Krieg (KKK, 2309): gerechter Grund, richtige Absicht, letztes Mittel sowie Verhältnismäßigkeit und Erfolgsaussicht. Das ist ein Abwägungsrahmen – kein Freifahrtschein für bedingungslosen Pazifismus.

Beim gerechten Grund: Iran hat Israel im April 2024 mit rund 350 Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen angegriffen – der erste direkte Angriff Irans auf israelisches Territorium in der Geschichte. Im Oktober 2024 folgten rund 200 ballistische Raketen in einem zweiten Direktangriff, persönlich von Khamenei angeordnet. Das Regime hat seit 1979 die Vernichtung Israels als Staatsziel erklärt – nicht als rhetorische Übung, sondern als handlungsleitende Politik, die es durch Jahrzehnte von Proxy-Kriegen umgesetzt hat. Das ist kein hypothetisches Szenario. Es ist wiederholte und dokumentierte Aggression.

Zur Finanzierung der Hamas: Die IDF hat im Februar 2024 in einem Gaza-Tunnel Hamas-Dokumente gefunden, die Überweisungen aus dem Iran an Hamas und ihren Anführer Sinwar im dreistelligen Millionenbereich über mehrere Jahre belegen. Diese Dokumente stammen von einer Kriegspartei und wurden nicht unabhängig verifiziert – aber Irans jahrelange finanzielle und militärische Unterstützung der Hamas ist durch westliche Geheimdienste und Berichte des US-Finanzministeriums seit Jahren belegt. Und am Ende dieser Finanzierung stand der genozidale Überfall am 7. Oktober 2023. Der Unterschied zwischen Auftraggeber und jahrelangem Ermöglicher mag juristisch relevant sein. Moralisch ist er meinem Empfinden nach nicht.

Zur Frage des letzten Mittels: Das Atomabkommen von 2015 hat das Regime nicht gestoppt, sondern ihm Zeit und Ressourcen verschafft. Jahrzehntelange Sanktionen, UN-Resolutionen, Verhandlungsrunden – nichts hat die Entschlossenheit dieses Regimes gebrochen. Wann wäre für Sie, Eure Eminenz, das letzte Mittel erreicht? Das ist keine rhetorische Frage. Ich meine sie ernst.

Ihre Bedenken zur richtigen Absicht und zur Verhältnismäßigkeit nehme ich ernst: Wenn das Kriegsziel über Selbstverteidigung hinausgeht und auf Regimewechsel um seiner selbst willen zielt, ist das ein legitimer Einwand. Die humanitäre Lage der iranischen Zivilbevölkerung muss bedacht werden. Aber „mit Bedenken behaftet“ ist nicht dasselbe wie „illegitim“. Diese Unterscheidung hätten ich von Ihnen erwartet.

 Die Opfer, die in Ihrer Aussage nicht vorkamen

Was mich am meisten beschäftigt, ist nicht das Wort „illegitim“ allein – es ist das Schweigen davor.

Die Hisbollah, gegründet, finanziert und ausgerüstet durch die iranischen Revolutionsgarden, hat am 23. Oktober 1983 in Beirut zwei simultane Bombenanschläge auf US-amerikanische und französische Friedenstruppen verübt – sehr viele Menschen wurden ermordet. Ein US-Bundesgericht stellte 2003 rechtskräftig fest, dass Iran der Hisbollah die finanzielle und logistische Unterstützung für diesen Anschlag geliefert hatte. Das ist kein politischer Vorwurf – das ist ein rechtskräftiges Urteil auf höchster Ebene in einem demokratischen Rechtsstaat.

In Syrien waren Revolutionsgarden nachweislich präsent – Iran hat das selbst eingeräumt. Die Untersuchungen haben zweifelsfrei belegt, dass das Assad-Regime Giftgas gegen die eigene Bevölkerung einsetzte – unter militärischer Begleitung durch iranische Kräfte und die Hisbollah, die Assad ohne Irans Unterstützung nicht hätte halten können.

In Syrien, im Irak, im Libanon, im Jemen – überall dort, wo iranische Proxies operieren, sterben Zivilisten. Darunter Christen, die verfolgt, vertrieben, ermordet werden. Wenn Sie heute von „Zivilbevölkerung“ sprechen, Eure Eminenz, dann schließen Sie bitte auch diese Menschen ein. Sie sind Teil der Zivilbevölkerung. Und sie sind Teil der Kirche Christi.

 Was ich von Ihnen verlange

Eure Eminenz, ich verlange keine Zustimmung zu jedem Detail dieses Krieges. Ich verlange keine unkritische Gefolgschaft gegenüber Washington oder Jerusalem. Was ich verlange, ist Redlichkeit. Nennen Sie uns konkret, welche diplomatischen Mittel noch nicht ausgeschöpft sind. Erklären Sie, warum der gerechte Grund nicht erfüllt sein soll, obwohl Iran Israel mehrfach direkt und unzählige Male indirekt angegriffen hat. Und begründen Sie, warum Sie das sehr harte Wort – „illegitim“ – gewählt haben, anstatt jene Kriterien zu benennen, die tatsächlich fraglich sind. Ohne diese Begründung ist Ihr Urteil keine kirchliche Lehre. Bedenken Sie Matthäus 22,21. Es ist eine politische Aussage, die Sie mit dem Gewicht Ihres Amtes versehen haben. Das verdient Respekt als Bürger – aber nicht meine Zustimmung als katholischer Christ.

„Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.“ (Joh 8,32)

In diesem Geist – und in aller gebotenen Ehrerbietung gegenüber Ihrem Amt.

Tobias Huch

Der Text erschien bereits im Substack-Channel von Tobias Huch

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