Ein Unternehmer will die abgeschalteten deutschen Kernkraftwerke wieder ans Netz bringen

Ging Ende 2021 vom Netz: Kernkraftwerk Brokdorf Foto: Alois Staudacher Lizenz: CC BY-SA 3.0


Im April 2023 wurden die letzten Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet. Ein Unternehmer aus Düsseldorf will sie wieder an Netz bringen, um den Strom in Deutschland sauberer und billiger zu machen.

Thomas Jobsky sitzt in der Lobby des Clayton Hotels im japanischen Viertel Düsseldorfs, während Nordrhein-Westfalen im Schnee versinkt. An diesem Januartag schlittern Autos durch den bräunlichen Matsch auf den Straßen und laufen die Heizungen auf Hochtouren. Der Strom, der an diesem Tag durch die Leitungen fließt, ist schmutzig: Mit 377 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde gehört Deutschland nach Norditalien, Polen und Tschechien zu den größten Verschmutzern in der Europäischen Union. Und teuer ist er auch. Sehr teuer.

38 Cent zahlten deutsche Haushalte nach Angaben des Strom-Reports im Dezember 2025 für eine Kilowattstunde Strom – Europarekord. In Frankreich lag der Preis bei 27 Cent, in Polen bei 26 und in Ungarn bei rund 10 Cent.

Jobsky will das ändern. Stillgelegte Kernkraftwerke will er wieder ans Netz bringen und damit den Strom in Deutschland sauberer und günstiger machen.

Ganz neu ist die Idee nicht: In den vergangenen Bundestagswahlkampf zogen die Unionsparteien mit der Forderung, die Wiederinbetriebnahme der Kernkraftwerke zu prüfen. Es lag an der SPD, dass dieses Vorhaben es nicht in den Koalitionsvertrag schaffte.

Thomas Jobsky ist Geschäftsführer der Ende 2024 gegründeten Avenes Europe GmbH mit Sitz in Düsseldorf. Das Unternehmen, sagt Jobsky, wird unterstützt von Industrievertretern wie Framatome und Westinghouse. Er sei in Gesprächen mit Investoren. Namen nennen möchte er noch nicht.

Er hat an der RWTH Aachen Maschinenbau mit Schwerpunkt Nukleartechnik und Kernphysik studiert und danach unter anderem für die Unternehmensberatung Arthur D. Little und ein internationales Private-Equity-Unternehmen gearbeitet. Sein Projekt soll helfen, die Deindustrialisierung zu stoppen und die Klimaziele zu erreichen. Dabei ist die Wiederinbetriebnahme von bis zu acht Reaktoren ein wichtiger Baustein. Unter anderem sollen Brokdorf, Grohnde und Isar II in Zukunft wieder Strom liefern. Gleichzeitig soll damit auch die Finanzierung einer neuen, in Deutschland zu entwickelnden sicheren Generation kleiner Reaktoren auf Basis der Salzschmelztechnologie, sichergestellt werden.

In enger Abstimmung mit der Politik und Besitzern der Reaktoren will er die alten Kernkraftwerke in eine neue Betreiberstruktur in Form einer Public-Private-Partnership (PPP) unter Beteiligung des Bundes und privater Gesellschafter überführt werden. „Für die Aktionäre von RWE, E.ON, Vattenfall und EnBW ist das ein signifikanter Vorteil. Bei Rückbauzeiten von über 20 Jahren und den damit verbundenen finanziellen Langzeitrisiken können so die Bilanzen der Energieversorgungsunternehmen entlastet werden.“ Jobsky sagt, dass sich nach Meinung von Analysten eine solche Transaktion positiv auf den Aktienkurs der Energieversorger auswirken würde. Zu einem späteren Zeitpunkt könnten sie sich bei Interesse auch wieder als Gesellschafter an der PPP beteiligen.

Sein Plan ist technisch anspruchsvoll, aber das nötige Wissen in Deutschland vorhanden: Auf der World Nuclear Exhibition 2025 im November in Paris stellten nach einem Bericht der WELT deutsche Unternehmen die drittgrößte Ausstellergruppe. Und der Reaktorbauer Framatome stünde bereit, die alten Meiler wieder herzurichten. „Das ist unser Geschäft“, sagt Uwe Stoll. Stoll ist bei Framatome Technical Chief Advisor for Nuclear Facilities und war zuvor acht Jahre lang wissenschaftlicher Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit. 26 Jahre lang arbeitete er für die Kraftwerk Union. Die Siemens-Tochter hat die meisten der deutschen Kernkraftwerke geplant und gebaut. Heute gehören die verbliebenen Teile des Unternehmens Framatome, die wie die KWU ihren deutschen Hauptsitz in Erlangen hat.

Stoll geht davon aus, dass die Reaktivierung der Reaktoren, ähnlich wie bei den Reaktoren in Palisades und TMI1 in den USA, je nach Rückbauzustand zwischen einer und vier Milliarden Euro kostet. Verglichen mit den von Frankreich geschätzten gut 12 Milliarden Euro für den Neubau eines Reaktors ist das eine überschaubare Summe. „Das Kraftwerk muss ja nicht vollkommen neu gebaut werden. Das spart Geld.“ Wenn die Investitionskosten einmal abgeschrieben wären, könnten die Reaktoren Strom zu sehr attraktiven Marktpreisen liefern: „Ein Kernkraftwerk hat einen Riesenvorteil. Das läuft 8000 Stunden im Jahr rund um die Uhr mit bis zu 1500 Megawatt. Da kommt eine solche Riesenmenge Energie raus.“ Je länger die Reaktoren laufen würden, umso günstiger wird außerdem der Strompreis. Während in Deutschland die Reaktoren nach ca. 32 Betriebsjahren abgeschaltet wurden, haben in den USA inzwischen viele Reaktoren die Genehmigung, 80 Jahre betrieben zu werden. Strom aus Solarenergie spielt mit Kosten von 4 bis 14 Cent pro Kilowattstunde in derselben Liga, doch für den Kunden wird es allein wegen der Kosten für den Ausbau der Stromnetze deutlich teurer. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages schätzte 2024 die Kosten für die Energiewende auf insgesamt bis zu 11,3 Billionen Euro.

Am Ende, sind sich beide einig, sei es eine politische Entscheidung. Und wenn Deutschland wieder einsteigen will, müsse es Investoren glaubhaft versichern, dass nicht die nächste Regierung alles wieder kippen wird. Das Hin und Her der vergangenen Jahrzehnte – der rot-grüne Atomausstieg 2002, die Laufzeitverlängerung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel 2010 und ein Jahr später, nach dem Reaktorunglück von Fukushima, der endgültige Ausstiegsbeschluss 2011 – hätten nicht gerade für Vertrauen in die deutsche Energiepolitik gesorgt.

Der Energieökonom Manuel Frondel ist Leiter des Kompetenzbereiches „Umwelt und Ressourcen“ beim Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen. Für ihn ist die Reaktivierung der abgeschalteten Kernkraftwerke notwendig und kostengünstig, um die Klimaschutzziele zu erreichen und den Anspruch des Koalitionsvertrags der Bundesregierung zu erfüllen, zu einer führenden KI-Nation in der Welt zu werden: „Mit volatilem Strom aus Erneuerbaren-Anlagen können Rechenzentren nicht zuverlässig betrieben werden, und Strom aus Erdgaskraftwerken wäre dafür viel zu teuer.“ Frondel verweist auf eine Studie des amerikanischen Beratungsunternehmens Radiant Energy Group aus dem Dezember 2024, nach der es technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll sei, in Deutschland bis zu neun Kernkraftwerke wieder zu reaktivieren. „Bei entsprechenden Laufzeiten von 20 Jahren wären laut Studie hohe Steuereinnahmen von rund 100 Milliarden Euro für den Staat realistisch.“ Ein Industriestrompreis von 5 Cent ohne Subventionen sei möglich. Bleibe es beim Atomausstieg, müsse der Bau neuer Erdgaskraftwerke subventioniert werden, denn dafür fänden sich keine privaten Investoren. „Den Steuerzahler würde das voraussichtlich weit über 16 Milliarden Euro kosten.“ Die Energiewende habe entgegen allen Beteuerungen bislang nicht zu einem grünen Beschäftigungswunder geführt. „Ein solches Wunder wird es auch nicht geben. Denn der Ausbau der Erneuerbaren verursacht hohe jährliche Kosten von aktuell rund 20 Milliarden Euro.“

Die ehemaligen Betreiber der deutschen Kernkraftwerke sind auf Anfrage  von der Idee, ihre alten Anlagen wieder ans Netz zu bringen, nicht angetan und halten es auch technisch nicht für möglich: „Die Anlage ist damit technisch nicht mehr reaktivierbar“, sagt PreussenElektra, dem Isar II gehört. Der Rückbau habe Anfang April 2024 begonnen und sei in vollem Gang. RWE teilt mit, dass der Ausstieg aus der Kernenergie politisch entschieden und der zügige und sichere Rückbau der ehemaligen Kernkraftwerke gesetzlich vorgeschrieben sei. „Dieser Pflicht kommt RWE nach.“ Für Vattenfall steht fest: „Einmal stillgelegte und in den Rückbau überführte Kernkraftwerke lassen sich aus Sicht des Unternehmens nicht wieder hochfahren.“ Eine Reaktivierung sei daher nicht vorgesehen.“

Die Antworten der ehemaligen Betreiber passen zu einem Satz, der sich in der Studie der Radiant Energy Group findet. Demnach pflegen diese „größtenteils eine interne Kultur der Einhaltung der politischen Ziele“.

Frondel geht davon aus, dass durch Wärmepumpen, Rechenzentren und E-Autos der Strombedarf künftig steigt: „Es wäre dennoch eine große finanzielle und technische Herausforderung, den wachsenden Strombedarf ohne Atomkraft mit Erneuerbaren und Erdgaskraftwerken bestreiten zu wollen.“

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereist in der Welt am Sonntag

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