EM 2024: Julian Nagelsmann legt sich schon vor Turnierbeginn selber das Messer an die Kehle

Gute Stimmung vor dem Länderspiel Deutschland gegen Frankreich im September 2023 in Dortmund. Foto: Robin Patzwaldt

Als Julian Nagelsmann im Herbst 2023 den Job als Bundestrainer antrat, da lag der deutsche Fußball stimmungstechnisch am Boden. Nachdem unter Coach Hansi Flick zum Schluss so gut wie nichts mehr gelingen wollte, trat Nagelsmann die extrem herausfordernde Mission ‚Heim-EM‘ mit der Erwartungshaltung an, dass er die Stimmung in den wenigen Monaten bis zum Turnier noch in eine positive verwandeln sollte. Ein fast unmögliches Unterfangen, wie viele Beobachter damals meinten.

Uns tatsächlich tat sich der Flick-Nachfolger zunächst schwer. Niederlagen gegen die Türkei (2:3) und in Österreich (0:2) schienen allen Skeptikern Recht zu geben. Erst eine mutige Kaderzusammenstellung zu den März-Landerspielen weckte den DFB-Kader auf. Überraschend gute Leistungen in Frankreich (2:0) und daheim gegen die Niederlande (2:1) weckten auch die Fans auf, schufen bei einigen zugleich aber auch schon wieder unrealistische Erwartungen.

Schnell war direkt wieder von Titelambitionen bei der Europameisterschaft die Rede. Erwartungen, die die jüngsten beiden Testspiele gegen die Ukraine (0:0) und gegen Griechenland (2:1), nicht mit Leistung zu unterfüttern wussten. Jetzt, so kurz vor dem Turnier, das am Freitag beginnt, geht der Bundestrainer volles Risiko.

Nagelsmanns Kaderbesetzung bei den Länderspielen war zuletzt bereits mutig. Die vieldiskutierte Entscheidung jetzt bei der Heim-EM an Torhüter Manuel Neuer vom FC Bayern München festhalten zu wollen, statt auf dem formstärkeren Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona zu setzen, ist nicht nur riskant, sie hat sogar schon etwas von Harakiri.

Schafft die Mannschaft, für die Nagelsmann aktuell die Verantwortung trägt, eine positive Überraschung, zieht sie, sagen wir einmal zumindest ins Viertelfinale der Europameisterschaft ein, wird er als wahrer Fachmann und Glücksgriff des DFB gefeiert werden. Scheitert das Team jedoch vorzeitig, unterlaufen Goalie Neuer womöglich zudem weitere Patzer wie zuletzt, wird man Nagelsmann Dickköpfigkeit oder Starrsinn vorwerfen und seine vor dem Turnier erfolgte Vertragsverlängerung beim DFB in Frage gestellt, womöglich sein Job schon in wenigen Wochen wieder durch jemand anderen besetzt werden.

Über Kadernominierungen für Auswahlmannschaften kann man naturgemäß immer diskutieren. Da hat schlicht jeder Fan und Experte eine etwas andere Vorstellung von der idealen Besetzung. Und Nagelsmann hat natürlich völlig Recht, wenn er sagt, dass er bei seinen Entscheidungen bleibt, weil er ja im Falle des Misserfolges auch den Kopf für die Aufstellung hinhalten muss. In der Rolle als Bundestrainer aber treibt der junge Coach dieses Prinzip zuletzt echt auf die Spitze.

Auf etablierte Spieler wie Mats Hummels und Leon Goretzka im Kader zu verzichten, um sie durch vergleichsweise unterfahrene Akteure zu ersetzen, und zugleich einem offenkundig formschwachen Keeper wie Manuel Neuer eine Art von Stammplatzgarantie für die EM auszustellen, zugleich aber auf einen nachweislich formstarken und selbstbewussten Goalie wie Ter Stegen zu verzichten, das erhöht nicht nur den Druck auf Neuer, dessen Taten das gesamte Turnier über unter der Lupe seziert werden dürften, es legt auch dem Trainer das Messer der vielen Kritiker sprichwörtlich bereits direkt an die Kehle, noch bevor das Turnier überhaupt gestartet ist.

Mutig ist das zweifelsohne. Aber ist es auch schlau? Wir werden es bald sehen….

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