
Der israelische Beitrag zum Eurovision Song Contest – Noam Bettans Song „Michelle“ – habe „die Zukunft des ESC“ aufs Spiel gesetzt. Warum? Weil erfolgreich. Und weil erfolgreich, sei völlig normal, wenn Demokratien Demokratie boykottieren. Dies die Logik des BDS, der Boykottkampagne gegen den jüdischen Staat. Und jetzt auch die von Leitmedien in Deutschland.
„Bangaranga“ hat gewonnen, der bulgarische Beitrag zum europäischen Pop-Wettbewerb. Musikalisch mag dies sein, wie es ist, politisch ist es sinnlos, und das tut dem Pop gut. Auch Dara selber, die „Bangaranga“-Interpretin, hatte sich gegen den Boykott Israels gewandt.
Anders fünf Demokratien – Spanien, Slowenien, Irland, Island und die Niederlande – , deren Rundfunkanstalten blieben dem diesjährigen ESC fern, was weithin als Boykott verstanden wurde, Boykott von Israel. Einer Demokratie wie die, in der sie selber senden. Veranstaltet wird der ESC von der European Broadcasting Union (EBU), zu deren 68 Mitgliedern etwa Ägypten rechnet, auf Demokratie-Indizes durchweg als „autoritäres Regime“ gelistet. Zu den assoziierten Mitgliedern der EBU zählt der Staatsfunk des Iran.
Beim Voting der 35 nationalen Jurys, die am vergangenen Samstag beteiligt waren, landete Noam Bettan, der 28jährige Israeli, auf Platz acht. Immerhin, ein Jahr zuvor hatten die nationalen Jurys den israelischen Beitrag von Yuval Raphael auf Platz 15 kaltgestellt. Raphael ist Überlebende des Hamas-Massaker von 10/7. Ihr Song „A New Day Will Rise“ hatte daran erinnert, dass Pop dem Terror widersprechen kann.
Beim Televoting der Zuhörer – 10 bis 20 Millionen Votes, die EBU veröffentlicht keine absoluten Zahlen – kam Yuval Raphael im vergangenen Jahr auf Platz eins und Noam Bettan jetzt auf Platz drei, was in der Summe jeweils Platz zwei ergab: Es ist das demokratische Voting, das die israelischen Beiträge schätzt.
Weswegen seit einem Jahr Vorwürfe rotieren, Israel habe, wie könnte es anders sein, das Tele-Voting manipuliert oder habe, so der Spiegel, „exzessive Werbung für den israelischen Beitrag“ betrieben. Tatsache ist, alle Länder promoten ihre Songs, auch der deutsche Beitrag wurde sowohl in öffentlich-rechtlichen wie in privaten Medien gepriesen. Ergebnis: drittletzter Platz für Sarah Engels, null Punkte von den Zuhörern.
Die Süddeutsche Zeitung deutet dies Ergebnis so: Der deutsche Beitrag habe „natürlich nicht“ zu den Favoriten gezählt, aber „am Ende reichte es“. Die Platzierung selber sei nicht so wichtig und auch nicht, dass Dara mit „Bangaranga“ gewonnen habe, entscheidend sei etwas anderes:
„Dara hat nicht nur gewonnen. Sie hat vor allem verhindert, dass Israel gewinnt.“
Welch ein Satz: hier Dara, ihr gegenüber kein Noam, sondern Dara gegen „Israel“. Noam Bettan habe lediglich einen „Nicht-Sieg“ errungen, so die SZ weiter, „denn was hätte das bedeutet, wenn Israel gewinnt? Einen ESC 2027 in Tel Aviv und mehr Boykotte? Das muss allen klar gewesen sein, ein Sieg Israels hätte den Contest in dieser Form vielleicht beendet.“
„Muss“. „Allen“. „Klar sein“. Dass, wenn es um Noam geht, nicht um Noam gehe, sondern um einen „Sieg Israels“. Und dass ein Sieg Israels Boykott bedeute. Für die SZ ist dies völlig selbstverständlich: dass, wenn sich Millionen Zuhörer wünschen, den kommenden ESC in Tel Aviv auszutragen, der ESC in Grund und Boden boykottiert werde. Und zwar von Demokratien, die ein demokratisch abgestimmtes Ergebnis sabotieren werden, sobald es für Kultur aus Israel votet und für Israel als Spielort von Kultur.
Zwölf Punkte vom Feuilleton für BDS
Derselbe Gedanke im Spiegel: Alles sei friedlich, fröhlich und gepflegt gewesen beim ESC, „bis das Publikumsvoting Israel auf Rang eins schob. Und plötzlich die Zukunft des ESC auf dem Spiel stand“. Seine „Existenz“ sei in Frage gestellt worden, der „Ernstfall“ habe gedroht, den wer zu verantworten habe? Noam Bettan? Die Tele-Voter?
„Israel, dessen militärisches Vorgehen in Gaza und im Libanon den ESC in seine bisher wohl schwerste Krise gestürzt hat.“
So der Spiegel, es ist die Logik zumindest in Teilen des Feuilletons, sie schmiegt sich an die des BDS: dass es nicht der Terror sei, der Kultur bedroht, sondern derjenige, der sich gegen Terror wehrt. Dass den Songcontest nicht zerstöre, wer ihn boykottiert, sondern wer boykottiert wird.
Eine bizarre Umkehr von Täter und Opfer, die sich hier zeigt. Und anschlussfähig ist an klassisch antisemitische Diskurse, wo der Täter-Opfer-Vertausch zum Markenzeichen zählt. Die Idee dagegen, es könnte eine Chance sein für den ESC, gerade jetzt nach Israel zu gehen, weil Demokratien sich wechselseitig stützen, diese Eurovision ist abgehakt, die Pop-Idee passé.
Und das in eben dem Moment, in dem sie sich beweist: zwölf Punkte von der Audience für Israel. Wer boykottiert wird, ist erfolgreich. Ist es dennoch oder gerade weil boykottiert, so ein häufiger Kommentar in ukrainischen Social Media, die sich über Noam Bettans Erfolg freuen. In der Ukraine weiß man zwischen Terror und Kultur zu unterscheiden.