Exit, bitte: Die Energiewende ist nicht zu retten

Windrad Vesta V90 Foto: Johan Wessman Lizenz: CC BY 2.0


Die Energiewende à la Germain führt zur Deindustrialisierung, Wohlstandsverlusten und einer immer teureren und unsicheren Energieversorgung. Doch für ein Umsteuern fehlt der Politik der Mut.

So manchem taz-Leser wird das Dinkelbrötchen aus der Hand gefallen sein, als er vor wenigen Tagen das Interview mit der Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln gelesen hat. Auf die Frage, ob sich Deutschland auf weniger Wachstum einstellen müsse, sagte sie, dass das Land das nicht könnte. „Wir sollten uns lieber fragen: Wie bekommen wir wieder mehr Wachstum? Denn bleibt das aus, ist der gesellschaftliche Frieden in Gefahr. Wir wissen aus der Forschung: Demokratie ist gut für Wirtschaftswachstum, aber Wirtschaftswachstum ist auch gut für die Demokratie. Wenn wir langfristig kein Wachstum hätten, bekämen wir ein ernsthaftes Problem.“ Weltweit gäbe es im Moment eine populistische, autoritäre Welle. „Der Mangel an Wachstum ist nicht der einzige Grund. Aber wenig Wachstum bedeutet härtere Verteilungskämpfe, und von denen würden autoritäre Politiker profitieren.“

Die Frage des Wachstums ist essenziell für den Erhalt der Demokratie. Nur ein reiches Land kann Bürger in wirtschaftlichen Nöten unterstützen, ihnen eine gute Krankenversorgung und ein leistungsfähiges Schulsystem bieten. Aber das ist natürlich nicht alles: Nicht im Supermarkt auf den Euro achten zu müssen, eine schöne Wohnung oder vielleicht sogar ein Haus zu haben, ein eigenes Auto und ab und an eine Urlaubsreise – das erhöht nicht nur die Zufriedenheit, es entspannt.

Die ehrlicheren der Prediger der Energiewende wie Ulrike Herrmann oder Volker Quaschning weisen darauf hin, dass zu ihren Konsequenzen ein anderes Leben gehört, was nichts anderes als Verzicht bedeutet. Natürlich kann weder ein industrialisiertes noch ein digitalisiertes Deutschland seine Energie ausschließlich aus Sonne und Wind beziehen. Es wird deutlich weniger Energie verbrauchen dürfen, damit es reicht. Und wenn seit Monaten die Prognosen für den künftigen Energiebedarf nach unten korrigiert werden, wird damit diese Entwicklung eingepreist.

Wenn die Bundesregierung nun mit irrwitzigen Subventionen versucht, die Stahlindustrie zu retten, einen Industriestrompreis einführt und doch noch ein Klimageld auszahlt, um die Folgen der hohen Energiepreise abzumildern, ist das schon mittelfristig aussichtslos: Der Staat wird es sich nicht erlauben können, gegen die Folgen der Energiewende anzusubventionieren. Das Geld, das ja ohnehin aus den Taschen der Steuerzahler genommen wird, reicht nicht nur nicht aus, es erhöht auch die finanzielle Belastung der Steuerzahler und schränkt ihre Ausgabemöglichkeiten ein. Die einzige Lösung wäre, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Energie wieder preiswert wird. Aber dafür müsste die Energiewende à la Germain gestoppt werden. Deutschland müsste die Kohlendioxidabscheidung auch bei Kohlekraftwerken zulassen, das eigene, reichlich vorhandene Gas fördern und nutzen sowie wieder in die Kernenergie einsteigen. Noch hätte das Land das Geld, diesen Schritt zu machen, aber es gibt keine Bereitschaft dazu. In keiner Partei. Fracking, die Förderung des eigenen Gases, ist ein Tabu. Die alten Kernkraftwerke werden gesprengt, über den Bau neuer, kleinerer Reaktoren, wie ihn Polen vorantreibt, wird nicht einmal diskutiert. Die Energiewende ist gescheitert – und das auf jeder Ebene: Strom ist in Deutschland nicht nur teuer, er ist auch schmutziger als in fast allen anderen europäischen Staaten. Gestern Abend wurden bei seiner Erzeugung nach Angaben von ElectricityMap  591 g CO₂ pro Kilowattstunde ausgestoßen. Dreckiger Strom zu Höchstpreisen, die das Land ruinieren und durch Wohlstandsverluste die Demokratie gefährden: Mehr Versagen geht nicht.

Aber es scheint der Weg zu sein, zu dem sich die Politik entschlossen hat.

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paule t.
paule t.
2 Monate zuvor

In dem Interview der taz mit Nicola Fuchs-Schündeln geht es an keiner Stelle um die Energiewende. Insofern ist dieser Artikel, der das Interview für seine Anti-Energiewende-These in Anspruch nimmt, schon eine sehr kreative Leistung.

Weniger kreativ sind die inhaltsleeren Anti-Öko-Phrasen a la „Dinkelbrötchen“. Es ist nur wenig sachgerechter, dass der Autor sich regelmäßig auf Postwachstumstheoretiker einschießt, obwohl die meisten Energiewendebefürworter natürlich sehr wohl an Wirtschaftswachstum als Ziel festhalten (etwa die Grünen in ihrem Bundestagswahlprogramm).

Ebenso wenig originell sind die in inzwischen zahllosen Artikeln des Autors wiedergekäuten, aber leider nicht wirklich begründeten Behauptungen, dass die Energiewende nicht funktionieren könne.
Angesichts ….
a) … der in den letzten Jahren massiv gewachsenen Produktion erneuerbarer Energie (dieses Jahr bisher 57,7% der Gesamtlast) und des weiterhin vorhandenen Wachstumspotenzials;
b) … der so stark gefallenen Preise der Erneuerbaren, dass die langfristigen Gestehungskosten der erneuerbaren Energien inzwischen deutlich niedriger sind als bei den fossilen und atomaren Alternativen;
c) … der ebenfalls massiv sinkenden Preise bei Stromspeichertechniken, die dafür sorgend werden, dass die Schwäche der erneuerbaren Energien, nämlich ihre Volatilität, immer weniger eine Rolle spielen wird;
… schon eine erstaunlich sicher vorgetragene Behauptung.

Besonders erstaunlich ist diese Sicherheit angesichts der informativen Lücken des Artikels. So beschreibt er es als angebliches Problem hinsichtlich des Wirtschaftswachstums, wenn „die Prognosen für den künftigen Energiebedarf nach unten korrigiert werden“. Dabei lässt er eine entscheidende Information weg: Handelt es sich um eine Prognose zum Strom- oder zum Primäerenergiebedarf? Der Unterschied ist wichtig, weil in zwei zentralen Bereichen – Verkehr und Heizung – die elektrischen Lösungen (Wärmepumpe und Elektromotor) so viel effektiver sind (Faktor 3 oder mehr) als die fossilen Techniken, dass eine Elektrifizierung in diesen Bereichen an sich schon, ohne irgendwelche Wohlstands- oder Wachstumsverluste, zwar einen erhöhten Strom-, aber einen sinkenden Primäerenergieverbrauch bedeuten würde. Weitere Effizienzsteigerungen durch technischen Fortschritt, dre bei verstärktem Einsatz dieser Techniken ja nicht unwahrscheinlich wäre, kämen dann noch dazu. Genauere Erklärungen und womöglich gar Quellen wären da echt nicht schlecht.

Und geradezu erbärmlich plump ist es schließlich, so zu tun, als wäre „gestern Abend“ ein relevanter Zeitraum zur Beurteilung der deutschen Stromproduktion. Wenn man stattdessen die letzten zwölf Monate nimmt, sind es immerhin nur noch 315 CO2eq./KWh – und wenn man es mit den letzten 5 Jahren vergleicht (334 CO2eq./KWh), sieht man, dass dieser Wert deutlich sinkt. Und damit dass so weitergeht, wird man am besten die billigsten Lösungen für CO2-freie Stroproduktion wählen – und das sind nun mal die Erneuerbaren und ganz deutlich nicht Atomkraft.

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