14

Flüchtlinge: „Wir schaffen das“ – im Prinzip ja, aber es scheitert an der Schwäche der Verwaltung

keuning_tische
Das Flüchtlingsthema spaltet Deutschland. Es beherrscht seit Monaten die Medien und wurde nur kurz durch die grausamen Terroranschläge aus den Schlagzeilen verdrängt. Das Flüchtlingsthema polarisiert die Gesellschaft, bringt den rechtsextremen Parteien Zulauf und stellt zum ersten Mal, ausgerechnet zu ihrem zehnjährigen Amtsjubliäum, die Kanzlerin in Frage. Von unserem Gastautor Volker Eichener

Mit Recht wird die Integration der Flüchtlinge als Herausforderung an Politik und Gesellschaft von historischer Dimension bezeichnet. Die Kanzlerin sagt „Wir schaffen das“ – aber leider nicht, wie. Dabei könnten wir damit beginnen, die Flüchtlinge mit ganz normalem Wohnraum zu versorgen – das geht leichter als gedacht.

Die Kasernierung der Flüchtlinge in Turnhallen, Zelten oder Containern ist ein unhaltbarer Zustand. Wenn so viele Menschen in einer extremen Stress-Situation auf engstem Raum ohne Privatsphäre zusammen hausen müssen, darf man sich nicht wundern, wenn gelegentlich die Aggressionen hochkochen. Und diese werden gleich medial verbreitet und forcieren Ablehnung und Hass.

Die Integration der Flüchtlinge konfrontiert uns mit vielen Aufgaben: Wir müssen ihnen die deutsche Sprache beibringen, und zwar nicht nur mit Sprachcafés, in denen sie für einige Stunden pro Woche die deutsche Sprache kennenlernen können, sondern mit Crashkursen auf Vollzeitbasis (pensionierte Lehrer, die das können und auch wollen, gibt es reichlich). Wir müssen sie in den Arbeitsmarkt integrieren – mit einem Kompetenz-Profilierung, flexibler Vermittlung und Paten, die sie bis in die Betriebe begleiten (ebenfalls kein Problem, wenn es sogar Wirtschaftssenioren gibt, die in China Entwicklungshilfe leisten).

Die erste und wichtigste Aufgabe heißt aber, die Flüchtlinge mit Wohnraum zu versorgen, am besten mit normalen Wohnungen in normalen Wohngebieten, um ihnen den Kontakt mit der deutschen Bevölkerung zu ermöglichen und eine Ghettoisierung zu vermeiden.

Wir wissen inzwischen aus einem Dreivierteljahrhundert internationaler Migrationsforschung, dass integriertes Wohnen in normalen Nachbarschaften die beste Voraussetzung für eine gesellschaftliche Integration bietet. Im alltäglichen Kontakt werden Vorurteile abgebaut, man lernt sich kennen und respektieren, man erlernt die Sprache. Insbesondere die Kinder der Flüchtlinge haben Gelegenheit, durch ihre Spielkameraden Deutsch zu lernen, was sie wiederum in der Schule weiterbringt. Migrantenkinder, die einen Hochschulabschluss erwerben, erzählen immer wieder die gleiche Biographie: „Als unsere Familie aus dem Ghetto in ein normales Wohngebiet zog, verbesserten sich meine Deutschkenntnisse, weil ich mit deutschen Kindern spielen konnte.“

Der Zensus hat im Jahr 2011 1,7 Millionen leerstehende Wohnungen in Deutschland ermittelt. An dieser Zahl hat sich bis heute nicht viel geändert. Rein rechnerisch könnten wir damit 5 Millionen Flüchtlinge unterbringen, wenn wir von einer durchschnittlichen Belegung von nur drei Personen je Wohneinheit ausgehen. Die Vermieter, die bereits früher Flüchtlinge aus Syrien oder Irak mit Wohnungen versorgt haben, berichten durchweg von positiven Erfahrungen. Von Nachbarschaftskonflikten ist keine Rede – ganz im Gegensatz zur Unterbringung in Lagern.

Warum versorgen wir die Flüchtlinge dann nicht einfach mit Wohnungen? – Das erste Problem liegt in der Verteilung nach dem sogenannten „Königsteiner Schlüssel“. Danach werden die Flüchtlinge auf die Bundesländer (und auch auf die Städte) nach einer Quote verteilt, die sich zu zwei Dritteln aus dem Steueraufkommen und zu einem Drittel aus der Bevölkerungszahl zusammensetzt. Das scheint auf den ersten Blick plausibel, führt aber dazu, dass die Städte, deren Wohnungsmärkte angespannt sind, überproportional viele Flüchtlinge aufzunehmen haben und nicht wissen, wie sie sie unterbringen sollen, während den Städten, in denen es leerstehende Wohnungen gibt, unterdurchschnittlich viele Flüchtlinge zugewiesen werden. Der Königsteiner Schlüssel wirkt damit prozyklisch und problemverschärfend.

Nun ist es plausibel, dass man die Städte, die eine hohe Steuerkraft aufweisen, stärker belastet als die finanzschwachen Städte. Aber das könnte man auch durch einen Finanzausgleich bewerkstelligen. Dass der Königsteiner Schlüssel aber dazu führt, dass das Land Mecklenburg-Vorpommern (das im Übrigen über reichlich leerstehende Wohnungen verfügt) weniger als 2 Prozent aller Flüchtlinge aufnimmt, ist gesellschaftlich nicht akzeptabel. Wir wissen aus der Forschung nämlich auch, dass Vorurteile dort besonders blühen, wo man gar keine Gelegenheit hat, die Fremden kennenzulernen – und festzustellen, dass es sich um die gleichen Menschen handelt wie wir selber. Der Königsteiner Schlüssel wirkt damit auch wie ein PEGIDA-Förderungsprogramm.

Aber unabhängig von der Verteilung der Flüchtlinge auf die Städte gibt es ein zweites Problem: Die Unfähigkeit der kommunalen Verwaltungen, angebotene Wohnungen zu nutzen. Die neuntgrößte Stadt Deutschlands, Essen, hat rund 20.000 leerstehende Wohnungen. Die Essener Wohnungsunternehmen sind nicht nur bereit, aus sozialer Verantwortung Wohnungen für Flüchtlinge anzubieten. Sie haben sogar ein vitales betriebswirtschaftliches Interesse daran, ihre Leerstandsquoten zu senken und ihre Erträge zu steigern, indem sie Wohnungen für Flüchtlinge bereitstellen.

Mehrere Essener Wohnungsunternehmen bieten der Stadt Essen seit Monaten Wohnungen für Flüchtlinge an. Aber die Stadt ist nicht in der Lage, diese Angebote zu nutzen, was in der Arbeitsgemeinschaft der Essener Wohnungsunternehmen bereits zu heftigem Unmut geführt hat.

Das versteht in der Tat niemand: Da errichtet die Stadt laufend neue „Flüchtlingsdörfer“ (das klingt irgendwie idyllischer als „Zeltlager“, was sie in Wirklichkeit sind), obwohl die Wohnungswirtschaft genügend Normalwohnungen anbietet. Aus der Stadt ist zu hören, dass das Personal überlastet sei. Aber für die Beschaffung von Zelten scheint es genügend Personal zu geben.

Dass die Verwaltungen der Städte durch den Flüchtlingsstrom überfordert sind, ist leicht einzusehen. Aber wenn es sich um eine Herausforderung von historischen Dimensionen handelt, kann es wohl nicht daran scheitern, dass es an Personal mangelt, um die Verteilung von bereitstehenden Wohnungen an Flüchtlinge zu organisieren.

Und wenn Personal fehlt: Wie wäre es denn, ehemalige Mitarbeiter/innen aus der Wohnungswirtschaft, die sich im Ruhestand befinden, als ehrenamtliche Helfer zu gewinnen, um Wohnungsbesichtigungen mit Flüchtlingen zu machen? Oder Auszubildende, die Immobilienkaufleute werden wollen, im Rahmen eines Projekts zu engagieren, um Flüchtlinge mit Wohnraum zu versorgen? Oder Studierende immobilienwirtschaftlicher Studiengänge?

Man muss kein Nobelpreisträger sein, um solche Ideen zu entwickeln. Man muss nur machen. Es ist zum Heulen, wenn man sieht, an welchen trivialen Unzulänglichkeiten die große Aufgabe der Integration der Flüchtlinge zu scheitern droht.

Unterdessen steigt in der Bevölkerung das Unverständnis über die wachsenden Flüchtlingszahlen. Der Ministerpräsident eines großen Bundeslandes brüskiert die Kanzlerin, weil er meint, die Integration der Flüchtlinge nicht leisten zu können. Und die Kanzlerin selber?

Wenn man Angela Merkel etwas vorwerfen kann, dann ist es nicht ihre liberale Haltung zur Aufnahme von Flüchtlingen. Wenn man ihr etwas vorwerfen kann, dann ist es ihre Untätigkeit. Eigentlich müsste sie etwas ins Leben rufen, was man auf Neudeutsch „Task Force“ nennt: Eine Gruppe von ressortübergreifenden Fachleuten aus Bund, Ländern und Gemeinden. Diese Task Force trifft sich nicht einmal pro Vierteljahr, sondern wird solange in einem Raum eingeschlossen, bis sie Lösungen für sämtliche trivialen Verwaltungsprobleme erarbeitet hat, die der Flüchtlingsintegration im Wege stehen. Einschließlich praktikabler Lösungen, wie man Flüchtlinge in leerstehenden Wohnungen unterbringt.

Task Forces, die binnen weniger Tage Lösungen erarbeiten, sind in unserem politisch-administrativen System nicht vorgesehen. Normalerweise brauchen wir ein Dutzend Gremien und Vermittlungsausschüsse, die jahrelang arbeiten, um ein Mäuslein zu gebären.

Aber wir hatten auch schon einmal einen Bundespräsidenten, der das Problem des deutschen „Zeitlupenstaats“ erkannt hat – übrigens ohne dass es eine derart drastische Herausforderung gegeben hätte. „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen“ hatte Roman Herzog 1997 gefordert. Wenn es eine Situation gibt, in der ein solcher Ruck wirklich benötigt wird, dann gibt es sie jetzt. Das verlangt nach politischer Führungsstärke. Wird sich die Kanzlerin dazu durchringen können? Und wenn sie nicht, wer sonst?

Volker Eichener ist Professor für Politik an der Hochschule Düsseldorf 

RuhrBarone-Logo

14 Kommentare zu “Flüchtlinge: „Wir schaffen das“ – im Prinzip ja, aber es scheitert an der Schwäche der Verwaltung

  • #1
    Klaus Lohmann

    Es geht doch nicht darum, dass kommunale Verwaltungen es nicht könn(t)en. Es geht darum, dass mit den jetzigen, angeblich "best effort"-Lösungen mit hastig errichteten Zeltlagern oder baufälligen Turnhallen der öffentlichen Hand signalisiert werden soll, dass man unbedingt mehr Kohle benötigt – und umso mehr und stärker, je stärker die Temperaturen nun sinken.

    Die Nöhlerei läuft ja nicht erst seit ein paar Monaten, siehe z.B. die lange noch nicht darbende Stadt Dortmund und Sieraus Geschwätz seit Jahren. Es ist eine simple Erpressung gegen das Land und den Bund.

  • #2
    Ben

    1. Der Königsteiner Schlüssel verteilt nur auf Bundesländer. Die Verteilung auf Kommunen wird in NRW durch das Flüchtlingsaufnahmegesetz geregelt. Darin kommt die Steuerkraft gar nicht vor, sondern lediglich die Einwohnerzahl und die Fläche.

    2. Zur Vermittlung in Wohnungen generell verweise ich mal auf einen Artikel, den ich über die Situation in Bochum geschrieben habe:

    http://www.ruhrnachrichten.de/staedte/bochum/Schwierige-Vermittlung-in-Wohnungen;art932,2818743

    Die Situation in Bochum scheint damit fundamental anders zu sein als in Essen. Inwiefern man also aus einem Einzelbeispiel (Essen) auf die Gesamtsituation schließen kann, ist daher fraglich.

  • #3
    Manu

    Man kann Geflüchtete aber nicht einfach in die Provinz zu dem Mob stecken, so einfach ist es nicht.

  • #4
    teekay

    Ich wuerde vielleicht nicht so weit wie Klaus Lohmann, aber zur Schau gestellte Schwäche gehört eben zur politischen Ökonomie dazu. So kann man zum einen kostenlos oder sehr guenstig die ‘Zivilgesellschaft’ mobilisieren-auch wenn natuerlich lange diskutieren kann, ob das am Ende ‘win-win’ ist oder ob steuerzahlende BuergerInnen am Ende doppelt zahlen-durch Steuern und unbezahlte Freiwilligenarbeit. Zum anderen ist da wahrscheinlich die Angst vor Personal- und Folgekosten. Natuerlich könnten Behörden und Institutionen mehr Leute einstellen-aber dadurch signalisiert man einen Dauerzustand den man verhindern möchte. Die ‘Fluechtlingskrise’ ist ja in 6 Monaten ‘gelöst’ wie wir alle wissen…Neue Leute kosten Geld und so einfach wird man die nicht mehr los-lieber Ueberstunden machen oder liegen lassen. Und natuerlich zeigen sich sehr deutlich die Schwachstellen der ‘1.0 Welt’ wenn sie auf komplexe Probleme trifft. Natuerlich könnte man Teile der Verwaltung öffnen, ‘hacken’, auffrischen-aber nachher ist dann auch ein Stueck Macht weg. Nach ‘mehr Geld’ rufen und hoffen, dass die Krise vorueber geht sind die einfachsten Mitteln von Verwaltungssystemen die reagieren gewohnt sind.

  • #5
    Klaus Lohmann

    @teekay: Richtig; in echten Krisensituationen wie z.B. während der Flut- und Sturmkatastrophen in den letzten 15, 20 Jahren "funzten" sowohl die Kommunen als auch deren Teamwork mit der "Zivilbevölkerung" im Großen und Ganzen ja vorzüglich.

  • #6
    keineEigenverantwortung

    Wollen wir auch bei den Flüchtlingen Eigenveranwortung oder setzen wir auf eine Versorgung? Bei einer Versorgung bietet sich eine Zentralisierung an. Dies ist für eine erste Phase sinnvoll. Es ist auch sinnvoll, Neubürger in die boomenden Städte zu bringen, denn nur dort gibt es Arbeit! Welche Chancen haben Einwanderer in der Eifel, in den ländlichen Zonen Ostdeutschlands?

    Natürlich wäre es schön, wenn allen Menschen überall geholfen wird. Nur wer macht dies und wer soll es bezahlen? Wer hat sich bisher bspw. um Jugendarbeit in Sportvereinen gekümmert?

    Der Spracherwerb kann auch eigenständig erfolgen. Dazu gibt es viele Online Angbote, die auch mit dem berühmten Smartphone abgerufen werden können. Danach muss man dahin, wo Sprache gesprochen wird. Im Endeffekt hängt es von den Menschen ab, ob sie Sprachen erlernen. Kurse sind toll, aber es ist unrealistisch davon auszugehen, dass für den aktuellen enormen Bedarf plötzlich sinnvolle Angeobte erstellt werden können. Hier muss Eigeninitiative entstehen. Die Forderungen nach xyz bedeuten auch, dass es Stillstand gibt. Auch hier muss ein Ruck durchs Land gehen. D.h. es ist Eigeninitiative erforderlich.

    Ich sehe die Situation nicht so negativ. Viele Regelungen sind auch sinnvoll. Aktuell fehlt die Kapazität. Was soll denn eine Task Force oder ähnliche Gruppe bringen. Wir haben doch schon einen Koordinator auf Bundesebene, der sehr oft in Talk Shows ist. Wir haben auch viele andere Baustellen, die die Politik bearbeiten muss, damit unsere Gesellschaft in der Globalisierung bestehen kann. Hier kommt es dann auch zu der Diskussion, wie viele Menschen integriert werden können und für wie viele es nur ein kurzer Aufenthalt in einem sicheren Land ist. Da sehe ich es auch nicht als Problem an, wenn dies Massenunterkünfte sind und wenn eben Szenarien aus dem Katastrophenschutz verwendet werden.

  • #7
    Volker Eichener

    @Ben: Ich habe Ihren Artikel gelesen. Die Argumente, die Sie gegen eine Unterbringung in Wohnungen vorbringen, lauten:
    1. Vermieter lehnen Flüchtlinge als Mieter ab, aus folgenden Gründen:
    a. Vermieter sehen das Risiko, dass ihre Mieter abgeschoben werden könnten.
    b. Es scheint (nicht näher spezifizierte) Probleme bei der Abwicklung der Kaution zu geben.
    c. Man sorgt sich um die Integration in die Hausgemeinschaften.
    2. Die Flüchtlinge lehnen die Wohnungen ab, weil sie nicht ihren Ansprüchen entsprechen.
    3. Das Übergangsmanagement lehnt sanierungsbedürftige Wohnungen ab und hat auch keine Mittel, um die Sanierung vorzunehmen.
    4. Es gibt nicht genug Gebrauchtmöbel, um die Wohnungen zu möblieren.
    Diese Argumente zeigen, dass offensichtlich immer noch kein Mensch begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat. Es geht darum, allein in diesem Jahr eine Million Menschen unterzubringen, bis Ende 2016 sicherlich zwei Millionen. Und da leisten wir uns den Luxus, dass Reichsbedenkenträger mit Ausflüchten kommen? Zu den Argumenten im Einzelnen:
    Zu 1: Die Aussage ist empirisch falsch. Es mag sein, dass einzelne Amateurvermieter Bedenken haben, die großen Wohnungsunternehmen (die sowohl auf dem Essener wie auf dem Bochumer Markt wie in vielen anderen Städten aktiv sind) sind explizit gewillt, Wohnungen zur Vermietung anzubieten. Im übrigen ließen sich die genannten Probleme leicht lösen:
    zu 1a: Die Sozialämter mieten die Wohnungen langfristig an, so dass der Vermieter nicht das Fluktuationsrisiko tragen muss. So einfach geht das.
    zu 1b: Selbstverständlich garantieren die Behörden die Instandsetzung bei etwaigen Schäden. Das macht die Stadt Köln schon seit Jahrzehnten so (und nicht nur bei Flüchltingen).
    zu 1c: Ein klarer Fall von Vorurteil. Es gibt genügend Vermieter, die positive Erfahrungen gemacht haben. Das kann man auch kommunizieren.
    Zu 2: Da fliehen Menschen vor Folter, Hinrichtung und Granaten, fliehen überwiegend nach Deutschland (weil sie hier zusammen mit Schweden die großzügigste Unterstützung erwarten), finden hier Asyl und werden auf Kosten der Steuerzahler mit dem Notwendigsten versorgt. Und dann fordern sie noch mehr? – Wer erzeugt denn solche Erwartungshaltungen in den Aufnahmelagern? Entschuldigung, aber da müssen unsere Behörden auch einmal klare Kante zeigen. Gegenüber deutschen Arbeitslosen können sie das doch.
    Zu 3: Was heißt denn "sanierungsbedürftig"? Immerhin haben in den Wohnungen ja noch Menschen gewohnt. Solange eine Wohnung nicht gesundheitsgefährdend ist (Schwamm, Nässe, Einsturzgefahr), ist sie allemal besser als ein Zelt oder eine Turnhalle. Wahrscheinlich heißt "sanierungsbedürftig" einfach "unrenoviert". Und eine unrenovierte Wohnung ist allemal besser als gar keine.
    Zu 4: Das ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Da wird die Bevölkerung – gerade in Bochum – aufgefordert, keine Sachspenden mehr zu leisten, weil man mit der Verteilung überfordert sei und dann heißt es, fehlen Gebrauchtmöbel. Im übrigen würde ich auch keine Gebrauchtmöbel nehmen, sondern bei Billigmöbellieferanten für kleines Geld Standardsets ordern. Die Kosten dafür sind im Vergleich zur Herrichtung der Behelfsunterkünfte vernachlässigbar.
    Ich bleibe dabei: Die Unterbringung der Flüchtlinge scheitert an Trivialitäten. Nach wie vor denkt jeder in eingefahrenen Bahnen. Aber die Aufgabe, eine Million Menschen zu versorgen, erfordert auch einmal unkonventionelle Lösungen und gelegentlich auch mal, einen lange gepflegten Standard aufzugeben. Das werden wir sowieso tun müssen – früher oder später.

  • #8
    Alreech

    Klar gibt es viele leerstehende Wohnungen, vor allem in den östlichen Bundesländern.
    Die stehen aber nicht ohne Grund leer, sondern weil die Bewohner aufgrund der wirtschaftlichen Lage weggezogen sind.
    Die Flüchtlinge dort einzuquartieren wird zwar möglich sein, aber dann entsteht genau das was eigentlich vermieden werden sollte:
    Ein Ausländergetto dessen Bewohner keinen Kontakt zu den Einheimischen haben, und die auch keine Jobs finden weil es in der Gegend keine gibt.

    Die Lösung für das Problem ist viel einfacher:
    Zuweisung der Flüchtlinge durch die Städte nach soziokulturellen Gesichtspunkten. In die Wohnviertel der Besserverdienenden werden vor allem Migranten mit niedrigen Bildungsstand eingewiesen (der syrische Zahnarzt zieht früher oder später sowieso ins Bonzenviertel).
    In vielen dieser Gegenden stehen ja z.B. Einliegerwohnungen frei oder werden als Büro / Hobbyraum genutzt.
    Wichtig ist aber auch das die Kinder schon frühzeitig Kontakt zu gleichaltrigen deutschsprachigen Kindern finden. Hier ist leider das Problem das immer mehr Besserverdienende ihre Kinder nicht mehr in staatlich Kindergärten und Schulen schicken, sondern in private Einrichtungen.
    Die staatlichen Schulen verkommen damit zur Restschule, in denen nur die lernen die sich eine Privatschule nicht leisten können.
    Einfach Privatschulen verbieten würde dieses Problem lösen.

  • #9
    keineEigenverantwortung

    @8:
    Privatschulen kann man verbieten.
    Wenn die staatlichen Schulen aber kein Niveau sicherrstellen, werden Eltern Auswege finden.

    Natürlich würde ich eher auswandern als meinen Kindern in einer globalisierten Welt eine schlechte Ausgangsbasis anzubieten. Ich vermute, dass ich nicht alleine bin. Viele private KIndergarteninitiativen etc. zeigen, welche Summen Eltern bereit sind, in die Zukunft der Kinder zu investieren.
    Wenn Bekannte aus Asien von den Auswahlverfahren berichten, die Kinder und Eltern durchlaufen müssen, um Aufnahmen in Einrichtungen zu erreichen, ist schnell klar dass ein Verbieten von privaten Schulen in der Hoffnung, dass alle ein gleiches (vermutlich schlechtes) Niveau erreichen, zum Scheitern verurteilt ist. Die meisten Eltern tun alles für eine bestmögliche Bildung der Kinder!

    Eine Zwangszuweisung von sehr armen Einwanderer in Nobelgebieten ist auch eher wenig hilfreich. Die Lebenswirklichkeiten sind wahrscheinlich zu unterschiedlich. Es gab ja bisher schon genügend Problememe Mobbing wg. fehlender Markenkleidung etc.

    Egal aus welchem Gesichtspunkt ich es betrachte, erscheint mir die aktuelle Flüchlingszahl deutlich zu hoch als dass eine dauerhafte Integration möglich ist. Sie kann vorübergehend Sicherheit bieten. Dies könnte aber auch in der Regiion zu günstigeren Kosten international organisiert passieren.

  • #10
    Ben

    @Volker Eichener:

    Laut den Damen des Übergangsmanagments bedeutet sanierungsbedürftig eben nicht renovierungsbedürftig, sondern wirklich Schrottimmobilie. So hab ich das damals jedenfalls verstanden.

    Möglicherweise entstehen gewisse Vorstellungen vom Leben in Deutschland nicht erst in den Aufnahmeeinrichtungen, sondern schon deutlich eher. Aber das müsste wohl eine entsprechende Umfrage unter den Flüchtenden herausfinden.

    Im Übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass nicht ich diese Argumente vorbringe, sondern lediglich den Bericht des Übergangmanagments in dem Artikel wiedergebe und mich persönlich zu dem Thema selbst bis heute nicht geäußert habe. ?

  • #11
    Arnold Voss

    Im Prinzip sind Flüchtlingswohnungen – wie alle vom Staat bezahlten Wohnungen – ein sicheres, ja einträgliches Geschäftsmodell. Für die großen Wohnungsgesellschaften ist dieses Geschäftsmodell allerdings leichter zu managen als für private (Klein-)Eigentümer. Letztere verfügen in der Regel nicht über die gleiche Professionalität, vor allem aber nicht über sozial begleitende Zusatzangebote und Service-Leistungen. Deswegen ist ihre Angst, mit eventuell problematischen Bewohnern – obendrein mit Sprachschwierigkeiten und aus anderen Wohnkulturen – nicht fertig werden zu können, viel größer.

    Es gibt allerdings neben dauerhaften Wohnungs- und Gewerbeleerständen ein riesiges Potential von Unterkünften, das bislang so gut wie nie angesprochen wird, obwohl es prinzipiell – natürlich nur bei gutem Willen der Eigentümer – sofort und ohne große Zusatzinvestitionen verfügbar wäre: Zweit- und Ferienwohnung, die nur selten gebraucht werden, sowie – als Übergangslösung mit niedrigerem Standard – gering genutzte Kleingartenunterkünfte mit Ausrüstung zum Dauerwohnen.

    Würde den Besitzern obendrein ein angemessener finanzieller Ausgleich geboten, könnte so – zumindest für die Jahre ungebremster Flüchtlingsdynamik – relativ schnelle Entlastung geschaffen werden, um Zeit zur Realisierung dauerhafte Lösungen zu gewinnen. Obendrein könnten speziell die Kleingartenvereine, nach entsprechender Vorbereitung, soziale und sprachliche Hilfestellung leisten. Vorausgesetzt natürlich, sie wären überhaupt bereit und in der Lage, zeitweise Flüchtlinge in ihren Anlagen unterzubringen.

  • #12
    Klaus Lohmann

    @#11 Arnold: "Deswegen ist ihre Angst, mit eventuell problematischen Bewohnern – obendrein mit Sprachschwierigkeiten und aus anderen Wohnkulturen – nicht fertig werden zu können, viel größer."

    Meine latente Angst als Vermieter habe ich wegen krankhaft vollstracken, latent braunen und dauernörgelnden Nieten, die mir die Bude beim nächsten Beziehungsstreit vollkotzen oder wegen "unüberbrückbarer Unterschiede" nach der schmierigen Heirat zu Kleinholz wemsen. Die haben mangels Bildung Sprachschwierigkeiten bis zum Erbrechen, verwechseln "Wohnkultur" mit Outdoor-Grillen von Ratten oder leider verstorbenen Katzen, fallen morgens vollstramm in ihren Hartz-IV-Ersatzjob als Behindertenchauffeur oder Schulbus-Fahrer in den gestellten Uralt-Bus und sind ansonsten mit ihrer Krankheitsfresse auch und gerade bei Ausländern gefürchtet, weil die so Scheiße aussehen.

    Wir müssen also keine zivilisatorischen Unterschiede/Gegensätze definieren, um unser aller Unvermögen zur Menschlichkeit beizutragen.

  • #13
    Arnold Voss

    Nein Klaus, müssen wir nicht. Aber die Ängste vor problematischen Mietern, egal welcher Herkunft, würde ich nicht unter grundsätzliches Unvermögen zur Menschlichkeit kategorisieren. Es ist jedoch richtig, dass sie bei Flüchtlingen gerne auch als Ausrede benutzt werden, um den eigenen Fremdenhass zu kaschieren. Wir müssen also nicht nur keine zivilisatorischen Unterschiede/Gegensätze definieren, wir sollten es auch nicht. Danke für den Hinweis.

  • Pingback: Links anne Ruhr (26.11.2015) » Pottblog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.