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#FridayForFuture – Dafür und Dagegen.

FridayForFuture (Foto: Links Unten Göttingen/ Flickr/ CC BY-SA 2.0)

Dagegen – Robin Patzwaldt

Schüler-Demos für mehr Klimaschutz während der Schulzeit sind kein Ruhmesblatt

Natürlich erscheint es erst einmal löblich, wenn sich junge Menschen in diesen Tagen immer wieder für mehr Klimaschutz öffentlich einsetzen. Das zeigt, dass ein grundsätzliches Bewusstsein für diese Problematik bei immer mehr Jugendlichen inzwischen durchaus vorhanden ist. In Zeiten großer Umweltprobleme und maximaler Ausbeutung der vorhandenen Ressourcen dieses Planeten ist das erst einmal ein ermutigendes Zeichen der Hoffnung für unsere Zukunft.

Was den Aktionen jedoch viel von ihrer möglichen Aussagekraft nimmt, das ist die Tatsache, dass die Demos ausgerechnet während der Schulzeit stattfinden, sich die Schüler also, einmal provokant formuliert, im Austausch für ihr Umweltengagement einen schulfreien Tag abholen, den sie lieber auf/mit einer vergleichsweise angenehmen Demo verbringen.

Das haben wir übrigens auch schon in den 1980er-Jahren immer wieder gerne mal gemacht. Fast egal ob in Sachen Tschernobyl oder Abrüstung, hunderte Schüler meiner Schule waren stets gerne mit dabei, zogen in einem lautstarken Demonstrationszug durch die Stadt, wenn dadurch ein paar Stunden weniger Unterricht winkten. Das wird heutzutage nicht wesentlich anders sein, wenn ich in die vielen Lachenden Gesichter auf diesen Demos schaue.

Mich würde es daher deutlich mehr beeindrucken, wenn sich die Schüler in ihrer Freizeit für oder gegen etwas Erstrebenswertes engagieren würden. Doch genau da hapert es häufig. Möglichkeiten dazu gäbe es ja mehr als genug. Merkwürdiger Weise klagen aber sowohl die Jugendorganisationen der Politik, des Umweltschutzes als auch die lokalen ‚Besentage‘ etc. fast ausnahmslos über vergleichsweise geringes Engagement, speziell durch junge Menschen.

Nur ein Zufall, dass dieses Engagement dort in der Freizeit erbracht werden müsste, es eher zu Unannehmlichkeiten als zu einem Unterrichtsausfall führen würde? Sicher nicht!

Wer mich nachhaltig beeindrucken will, der unternimmt auch etwas in seiner Freizeit um den Planeten ein Stück weit lebenswerter zu machen. Ganz egal ob im sozialen Bereich, der das auch dringend nötig hätte, oder aber im Umweltschutz. Unserer Gesellschaft täte das gut. Nur machen will das komischer Weise kaum jemand.


 

Dafür – Sebastian Bartoschek.

Was also ist euer Scheißproblem mit Kindern und Jugendlichen, die Demokratie leben? Man sollte es bei dieser Frage belassen. Weil sie den gesamten Irrsinn der aktuellen Debatte deutlich macht. Schülerinnen und Schüler gehen auf die Straße, um ihren Wollen Ausdruck zu verleihen, und wir, Erwachsene, beklagen uns darüber, verlachen sie, jammern. Wieso?

Weil es nichts bringt, auf die Straße zu gehen? In einer Demokratie werden Entscheidungen grundsätzlich nicht auf der Straße sondern in geschlossenen Räumen getroffen. Und? Wollen wir jetzt plötzlich Demos generell abschaffen? Eben.

Weil das Lippenbekenntnisse sind, weil das unrealistisch ist? Realitätsbezug als Maßstab für Politik wäre nun wirklich ein fundamentaler, und nicht nur positiv zu wertender, Move. Politik hat die Aufgabe große Lösungen und Visionen zu denken, und dann im Parlamentarismus daraus das Machbare zu machen. Und ihr werft nun Schülern vor, visionär zu denken? Kann es sein, dass ihr selbst merkt, wie leer eure politischen Überzeugungen, wie klein in klein, sie sind? Seid ihr sauer, dass junge Menschen noch zu hoffen wagen?

Weil die eigentlich in die Schule gehören, und danach demonstriert werden kann, statt die Demo zum Gemeinschaftsevent verkommen zu lassen? Da wagen es doch Kinder und Jugendliche tatsächlich Spaß an dem zu haben, was sie tun, und dafür einen Teil der Erwachsenenstruktur nicht einzuhalten. Die deutsche politische Revolution ist eben eine ernste Sache, und sie darf nur zu klar definierten Zeitfenstern und unter Einhaltung bestimmter Standards statt finden. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder einfach vor sich hier revolutioniert.

Es ist doch so: die jungen Menschen auf der Straße treten für etwas ein. Und sie tun es engagierter, lustiger und konsequenter als man dies von Erwachsenendemos kennt. Von ihnen realistische Lösungen zu erwarten, ist verlogen. Wir Erwachsene sind es, die die Lebenszeit der nun Demonstrierenden nicht genutzt haben, um zu liefern. Werfen wir das nicht den demonstrierenden Schülern vor.


 

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17 Kommentare zu “#FridayForFuture – Dafür und Dagegen.

  • #1
    Klaus Lohmann

    Nur, um das Thema kurz demokratisch zu norden: Die Demonstrationsfreiheit als Ableitung der Grundrechte aus Art. 5 und Art. 8 GG gilt für *Jeden* "als unentbehrliches Funktionselement des demokratischen Gemeinwesens" (BVerfG 1985; es wurde eben damals notwendig, diese Definition ein für alle Mal klarzustellen).

    Wenn politisch interessierte und gesellschaftlich engagierte Kinder, Jugendliche und Heranwachsende bei jeder anderen Demo, bei jedem Streik in allen Medien von der unbedingten Wahrung dieser Grundrechte lesen und hören, auch wenn es inhaltlich oder populistisch nicht opportun sei – wer will ihnen die Nutzung dieser Rechte zur friedlichen Demonstration absprechen?

  • #2
    Arnold Voss

    Demokratie lebt davon, dass sie auch praktiziert wird, und das möglichst von Kindesbeinen an. In diesem Sinne ist es gut, wenn junge Menschen ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen. Über die sachlichen Ziele lässt sich dann natürlich trefflich und ebenso demokratisch streiten. Aber ohne diese Demonstrationen gäbe es eine solche Debatte gar nicht, bzw. würde sie dadurch nicht stärker angefacht.

    Natürlich ist ein freier Schultag da förderlich, bzw. bringt er sehr wahrscheinlich mehr Kids auf die Straße als ohne. Aber die, die auf die Straße gehn, machen auf jeden Fall ein neue und wesentliche demokratische Erfahrung, und je mehr Kids die machen, je besser ist das für die Demokratie. Dafür kann dann auch schon mal ein Schultag pro Woche ausfallen. Erst recht, wenn diese Erfahrungen dann auch in das Schulleben und in den Lehrstoff wieder einfließen.

  • #3
    Stefan Laurin

    Ich stelle es mir etwas langweilig auf Demonstrationen mitzulaufen, die Eltern und Lehrer bejubeln, aber wenn es den Kids Spaß macht – nur zu.

  • #4
    Giuseppe Bottazzi

    "Was also ist euer Scheißproblem mit Kindern und Jugendlichen, die Demokratie leben?" @Sebastian Bartoschek bitte keine Strohmänner und Pöbeleien – niemand hat ein Scheißproblem damit, dass Schüler sich politisch engagieren; es geht nur darum, ob dafür die Schule geschwänzt werden soll.

  • #5
  • #6
    Kiki

    Worauf verzichten die Jugendlichen, um d Klima zu schützen? Auf ein neues Handy? Auf eine Flugreise ind sie wandern im Urlaub im Bayrischen Wald?

  • #7
  • #8
    ke

    Super! Streik statt Schule. Dann noch viele Plakate aus der Mottenkiste.

    Gut, kann man so machen. Ist aber so langweilig und effektiv wie eine 1. Mai Kundgebung.
    Auch die Viel-Reisende aus Schweden finde ich nicht beeindruckend.

    Engagement in den Heimat-Bezirken jenseits der Schulzeit würde mich beeindrucken und vermutlich auch dem Planeten helfen.

  • #9
    Robert Müser

    Ich halte es mit Robin Patzwald …

    .. und frage mich gerade ob die Schüler auch am Wochenende für ihr Anliegen auf Straße gehen würden.

    Ich nehme es einen Teil der Schüler sogar ab, dass ihnen der Klimawandel wirklich am Herzen liegt. Ich glaube aber auch, dass ein Teil der Schüler nur deswegen mitläuft, weil sie sich so freie Stunden verschaffen. Dies war auch damals (*tm) schon so und hat sich bis heute nicht verändert.

  • #10
    Helgo Ollmann

    "Was also ist euer Scheißproblem mit Kindern und Jugendlichen, die Demokratie leben? "

    Prima! Ich habe da kein Problem.

  • #11
    Robert Müser

    @ Klaus Lohmann:

    Die Demonstrationsfreiheit ist durchaus für die Schüler gegeben, nur gibt es in diesem Land auxch eine Schulpflicht – nach dem Schulunterricht ist es den Schülern möglich, ihre Demonstrationen durchzuführen … – … die Schulpflicht unterbindet nicht die Demonstrationsfreiheit generell.

  • #12
    Robin Patzwaldt

    Ich stelle mir das ja auch für viele Arbeitnehmer ganz reizvoll vor. Am morgigen Dienstag lieber auf ne Demo, oder zur Arbeit? Könnte mir denken, dass da schnell ein paar engagierte Demonstranten gefunden wären. Wofür, oder wogegen auch immer… 😉 😀

  • #13
  • #14
  • #15
    Klaus Lohmann

    @Robert Müser: Die abgeleitete Schulpflicht aus Art. 7 GG *konkurriert* mit Art. 5 und 8, sie steht weder drüber noch lässt sie sich heutzutage unterhalb auf Kultusministerebene durchdrücken, wie es 1973 mal passierte – weil die Länder in dieser Frage jetzt uneins sind.

    Wenn Jemand heute weiterhin auf deren Bevorzugung gegenüber dem Demonstrations-Grundrecht klopft, dann bestehe ich auch auf der Abschaffung von Freistellungen vom Unterricht wg. "Todesfall in der Familie" mit den Ausnahmen von Eltern und Geschwistern.

    @Robin: Mal abgesehen vom fehlenden Versicherungsschutz während solcher Demos ist jeder Arbeitgeber natürlich im Recht, wenn er wg. *wiederholter* Demo-Teilnahmen innerhalb kurzer Zeit zumindest Abmahnungen verteilt und damit beim nächsten Mal die fristlose Kündigung ziehen kann.

  • #16
    Nina

    Meine Fresse, was denn hier los? Bei dem Unterrichtsausfällen macht ein Tag mehr oder weniger auch nix aus. Davon abgesehen-"Misstraue den Autoritäten" ist ein guter Grundsatz und da ist es mehr als lässig und schön, schulterzuckend dem Unterricht fern zu bleiben. Da lernt man fürs Leben-dass Regeln und Vereinbarungen ein dynamisches System ist, das man bei Notwendigkeit guten Gewissens brechen kann.
    Und nun begehrt auf, Ihr Spießer. 🙂

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