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Fridays for Verstaatlichung

Die Demonstranten wollen den Kapitalismus und keine Kohle verbrennen

Die Demonstranten wollen den Kapitalismus und keine Kohle verbrennen

Von Verstaatlichung, bösen Konzernen, Antifaschismus, Antikapitalismus und Feminismus war bei Fridays for Future in Dortmund die Rede. Von Klimaschutz weniger.

Mehrere tausend Schüler und Erwachsene waren zur Kundgebung von Fridays for Future gekommen, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Schüler hatten Plakate gegen die Erderwärmung, für die Verkehrswende oder gegen das Klimapaket der Bundesregierung gemalt. Wenn sie den Rednern auf dem Podium genau zugehört haben, müssen sie gedacht haben, dass sie auf der falschen. Hochzeit gelandet sind.

Schon die erste Rednerin Sarah verbiegt das Klimathema so, dass es irgendwie zu ihren feministischen Thesen passt. Die patriarchale Gesellschaft zerstöre durch die Klimakrise insbesondere das Leben von Frauen, lautete eine ihrer kruden Thesen. Als Beleg führt sie den Tsunami 2004 im Indischen Ozean an, bei dem mehr Frauen als Männer ums Leben gekommen seien. Wo der Zusammenhang zwischen einer Naturkatastrophe, Klimaschutz und Feminismus ist, wird ihr eigenes Geheimnis bleiben.

Antifa-Rednerin versteckt sich hinter Plakat, nur Gebärden-Dolmetscherin ist davor

Immerhin bemühte sie sich noch einen Bogen zwischen ihrem eigentlichen Thema und dem der Demo zu ziehen. Diese Mühe machten sich die weiteren Redner nicht mehr. Ein Vertreter einer Arbeiterorganisation rief zum Kampf gegen die profitgierige Konzerne auf, eine Antifa-Vertreterin sprach über Rechte. Und über menschengemachten Kapitalismus, Wachstum und Profitgier, die unser Leben zerstörten. Also sie sprach nur, zu sehen war sie nicht. Wie bei Antifa-Demos inzwischen üblich versteckte sie sich hinter Demo-Transparenten. Irgendwie ging es dann auch noch um Kolonialismus von 1492, die Ausbeutung von Arbeitern und – ich habe ein neues politisch korrektes Wort gelernt – um den globalisierten Süden. Das ist wohl das, was wir früher mal Dritte Welt oder Entwicklungsländer genannt haben.

Auch einige Plakate sprachen ihre eigene Sprache: „Burn Capitalism not Coal“ stand beispielsweise auf einem. Die Ursache allen Übels sind inzwischen böse Konzernbosse und die Ausbeutung der Arbeiterklasse. Welche Arbeiterklasse mag man sich angesichts des Veranstaltungsortes Dortmund, der kaum noch produzierendes Gewerbe hat, fragen. Politiker sind aus Sicht der Redner dagegen keine selbständig agierenden Menschen mehr, sondern nur noch Handlanger von Konzernen. Dem Publikum mag es um Klimaschutz gegangen sein, den Redner eher um die Beseitigung unserer politischen Grundordnung.

Auch ein Schlachtruf wie „Keiner hat das Recht auf einen SUV“ passt in diese Reihe. Man muss diese Autos wirklich nicht gut finden und schon gar nicht fahren, aber den Menschen in einem freien Land das Recht auf die freie Wahl ihres Autos abzusprechen, hat schon etwas sehr Autoritäres. Und zeigt, welch Geistes Kind die Redner waren.

Bisher ist den Klimademonstranten in vielen Teilen der Gesellschaft Sympathie entgegen gebracht worden. Doch die Bewegung muss aufpassen, dass sie sich nicht von linken Verschwörungstheoretikern und Linksextremisten unterwandern lässt. Bei der Dortmunder. Demo konnte man schon den Eindruck haben, dass diese Kräfte auf den Klimazug aufspringen, um ihr linksextremistisches Süppchen zu kochen. Und gut gläubige Schüler werden hier für eine Sache, die ursprünglich gar nicht ihre ist, instrumentalisiert. Wenn die Bewegung auf diese Weg weiter geht, wird sich die Mitte der Gesellschaft abwenden.

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24 Kommentare zu “Fridays for Verstaatlichung

  • #1
    ke

    Es gibt eine Reihe von Gruppen, die für ihre Lösungen Probleme suchen.

    Hier dienen immer wieder hippe Bewegungen, die auch über Finanzen verfügen bzw. eine Anstellung finanzieren können. Das ist bei Parteien zu beobachten und aktuell bei 3F.

    Das Busticket bei Demo-Teilnahme, Klimaschutz nur bei linker Politik. DDR, UdSSR etc. haben gezeigt, wie man sorgsam mit den Planeten umgehen kann.

    Das tägliche Globuli gegen die Erderwärmung. Als Alternative gibt es dann noch den Ausruf des Klimanotstandes. Abreise natürlich mit dem Kurzstreckenflug.
    https://www.bz-berlin.de/berlin/gruenen-politiker-ruft-klima-notstand-aus-und-fliegt-davon

  • #2
    DEWFan

    Ja, linkes Denken kann manchmal seltsame Blüten treiben. In meiner Jugend in den 80ern gab es Leute, die uralte Autos gefahren haben, natürlich mit grünen und Atomkraft-nein-danke Aufklebern. Und genau die haben sich darüber aufgeregt, dass verbleites (!) Benzin abgeschafft wird! Den fortan mussten sie das teurere Super plus tanken.

  • #3
  • #4
  • #5
    GMS

    Besonders lustig an dieser Veranstaltung war, dass sie dafür den Fernbusbahnhof lahmgelegt haben. Aber mit ironie kommen die eh nicht klar.

  • #6
    Dirk Schmidt

    Jo, das deckt sich ja mal mit meinen Beobachtungen in Bochum. Feminstinnen, Kapitalismus-Gegner, Antifaschisten, Veganer aller Länder … Die Bewegung droht übernommen zu werden.

    Gibt es diese Montags-Demos noch? Oder sind sie mit FFF endgültig verschwunden?

  • #7
    paule t.

    Man kann an solchen Demos ja sicher auch was inhaltlich kritisieren. Aber das eigene Unwissen derart stolz vor sich her zu tragen – nicht verstehen zu wollen, was Genderfragen und Umwelt miteinander zu tun haben könnten, den Begriff des "globalisierten Südens" nicht kennen zu wollen – ist für ernst gemeinte Artikel schon peinlich.

  • #8
    Michael Westerhoff Beitragsautor

    Paule, dann mal Butter bei die Fische: Dann erklär‘ uns mal den Zusammenhang zwischen Feminismus und Umwelt… und wenn du schon mal dabei bist, dann auch gleich diesen echt nichts beschreibenden Begriff "globalisierter Süden". Was soll das sein? Ist Australien auch globalisierter Süden? Oder kontinentaler Süden? Dieses völlig sinnfreie Wortpärchen "globalisierter Süden" zeigt wo Sprachkorrektheit an ihre Grenzen stößt.

  • #9
    paule t.

    Nö, also … sowas kann man recherchieren, wenn man schon die Ideen nicht kennt und trotzdem drüber schreiben will. Ich habe ziemlich zügig was dazu gefunden. Aber da Sie dazu sicher besser ausgebildet sind als ich, können Sie das sicher auch, und ich brauche Ihnen die Arbeit wohl nicht abzunehmen, indem ich tiefer recherchiere und ein Korreferat dazu schreibe.

    Ob die Reden inhaltlich gut waren, kann ich auch gar nicht beurteilen – ich war ja nicht dabei. Aber wenn man sie kritisiert, solle man sich schon etwas mehr Mühe machen, als sie deswegen für abwegig zu erklären, weil darin Begriffe und Ideen vorkommen, die man nicht kennt. Das fällt nämlich eher auf einen selbst zurück.

  • #10
    Helmut Junge

    @Paule t. "globaler Süden" ist zu finden, aber "globalisierter"?
    Da tue ich mich auch schwer damit, etwas zu finden. Ist wohl ein Ausdruck der nur eingeweihten kleinen Fruppen geläufig ist.

  • #11
    Michael Westerhoff Beitragsautor

    @Paule, ich kann das durchaus auch finden und habe ja auch die Rede gehört. Nur finde ich das sehr konstruiert und komplett unlogisch.

    @Helmut. Jo. Globaler Süden. Das Begriffspaar sagt nur nichts aus. Da wollte jemand nicht mehr Dritte Welt oder Entwicklungsland sagen und keinen geeigneten Alternativ-Begriff gefunden…

    Aber ok. Wer das völlig verdachtsfreie Flüchtling durch Geflüchtete ersetzt, versteht es vielleicht. Und wo wir schon dabei sind: Das Wort Bürgerinnen gibt es eigentlich nicht im Deutschen, denn Bürger ist bereits geschlechtsneutral. Sorry, als Mann des Wortes wird mir bei politischer Sprache schlecht

  • #12
    ke

    Was soll man auch machen, wenn man inhaltsleer ist, aber wichtig klingen will. Man schafft eine Geheimsprache, mit der sich die erleuchteten direkt identifizieren können.

    Wir haben alle die Wahl, ob wir diesen Quatsch mitmachen.

    Es hilft auch einfach mal bei ein paar Konstrukten nachzufragen, was genau gemeint ist. Das ist auch immer spannend wenn wieder Esoteriker ihre Weltsicht kommunizieren.

  • #13
    Helmut Junge

    Im Sinne Derjenigen, die glauben, daß sie mit dem Ersetzen von Wörtern auch Diskriminierungsprobleme lösen können, ist "globaler Süden" netter als "Entwicklungsländer".
    Aus meiner Sicht ist dieser Wörtertausch Unsinn. Dennoch, sollen sie doch machen. Verständlicher wird dadurch aber nichts. Im Süden gibt es auch einige reiche Länder wie die Ölländer auf der arabischen Halbinsel, Singapur Australien und Neuseeland und im "globalen Norden gibt es durchaus ärmere Länder, wie Nepal, Pakistan usw.. Was also leistet dieser neue Begriff ? Aus meiner Sicht nichts. Vielleicht ist er sogar kontraproduktiv, weil man ja dann leicht vergessen könnte, daß diese Länder Entwicklungshilfe brauchen. Keine Ahnung. Wer gerne unverständlich seine Meinung aüßern möchte, dem sind keine Grenzen gesetzt. In meinem Wohnumfeld gibt es nur wenig Menschen, die sich die Mühe machen werden, das zu verstehen. Die zu erreichen überläßt man dann anderen Kreisen. Wenn diese anderen Kreise dann Einfluß gewonnen haben, kann man dann ja immer noch gaaaanz entsetzt sein. Ich muß bei dieser Kritik aber einräumen, daß ich selber auch nicht die Sprache spreche, die in meinem Wohnumfeld erforderlich wäre. Nur mache ich es nicht durch Wörtertausch nochmal komplizierter.

  • #14
    paule t.

    Jaja, der Mann des Wortes … mit Betonung auf "Mann".

    https://www.duden.de/rechtschreibung/Buergerin

    Und einen Plural scheint es da sogar auch zu geben. Vielleicht ist der Duden aber auch einfach eine gar zu neumodische Institution.

    Der Mann des Wortes denkt wohl auch, mit diesen Sätzen sei schon 1874 das Frauenwahlrecht in der Schweiz gegeben gewesen:

    " Jeder Kantonsbürger ist Schweizer Bürger.
    Als solcher kann er bei allen eidgenössischen Wahlen und Abstimmungen an seinem Wohnsitze Anteil nehmen, nachdem er sich über seine Stimmberechtigung gehörig ausgewiesen hat. "

    War es aber nicht. War wohl nicht geschlechtsneutral genug, das Wort "Bürger".

    Und anzunehmen, dass die Sprache des Manns des Wortes nicht politisch ist … lol.
    "War früher so, und ich finde Veränderungen doof" ist nicht "nicht politisch".

    Wobei es mir ja geradezu peinlich wäre, meine Sprache als "nicht politisch" zu bezeichnen. Wenn ich über Politik rede, ist meine Sprache natürlich politisch, und auch sonst hat sie politische Implikationen. Ich denke vielleicht nicht über alle politischen Implikationen meiner Sprache ständig nach, das ist aber auch alles.

  • #15
    Michael Westerhoff Beitragsautor

    @Paule Willst du mich missverstehen? Es ging um den Oberbegriff für eine gemischt-geschlechtliche Gruppe von Menschen. Die heißt sogar laut Duden noch immer "die Bürger". "Die Bürger der Bundesrepublik Deutschland" ist geschlechtsneutral. Steht ja auch ein "die" davor, der Artikel, der üblicherweise für den Plural benutzt wird. Insofern umfasst der Begriff "Bürger" alle Geschlechter. Ein liebe Bürger und Bürgerinnen" ist in der deutschen Sprache komplett sinnlos.

    Im Übrigen gibt der Duden eher die üblich benutzte Sprache und nicht unbedingt die richtige wider. Da steht auch der Dativ "wegen dem Unwetter" drin. Für mich heißt es aber immer noch "wegen des Unwetters", weil nach wegen eben ein Genetiv folgt. Du wirst hier keinen Artikel mit "wegen dem" von mir lesen. Und auch keinen mit BürgerInnen, Bürger*innen oder Bürger und Bürgerinnen, denn Bürger ist und bleibt im Plural geschlechtsneutral.

    Und zur politischen Sprache: Parteien, Verbände etc. mögen ja eine solche verwenden. Wir als Journalisten nehmen das nur leider allzu leicht auf. Der Hambacher Forst bleibt ein Forst, auch wenn die Grünen ständig von „Wald“ reden, um die Größe aufzuwerten. Dasselbe gilt für Begriffe wie „Klimakrise“, „Geflüchtete“ oder „globaler Süden“, die von Politikern erfunden wurden. Da bin ich sehr altmodisch und verwende neutralere und korrekte Begriffe. Journalismus sollte bei solchen Zeitgeist-Begriffe sehr vorsichtig sein. Sprache wird von links und rechts missbraucht. Und da mache ich weder bei der einen noch bei der anderen Seite mit. Also weder bei „Reichskristallnacht“ noch bei „Imperialistischer Schutzwall“.

  • #16
    paule t.

    "Da bin ich sehr altmodisch und verwende neutralere und korrekte Begriffe."

    Da kann ich dem ersten Teil zustimmen, das sieht man an Ihrem "wegen"-Beispiel: Das scheint dem Prinzip zu folgen: "In der Schule habe ich’s so gelernt, also hat das gefälligst auch so zu bleiben." Aber Sprache wandelt sich nun mal.

    Aber "neutraler und korrekter"? Streitigkeiten gibt es ja im Wesentlichen dann, wenn die Korrektheit umstritten ist. Beim sog. "generischen Maskulinum" z.B. ist es nun mal umstritten, ob der Plural der maskulinen Personenbezeichnung tatsächlich generisch funktioniert, also seine Verwendung in diesem Sinne "korrekt" ist. (Linguistische Untersuchungen verschiedener Herangehensweisen gibt es dazu en masse.)
    Und wenn man sich bei strittigen sprachlichen Möglichkeiten für eine entscheidet, ist das gewisse auch nicht "neutral". Aber freilich neigen Verteidiger des Althergebrachten (das allerdings oft weniger alt ist, als sie denken) dazu, ihre bloße Meinung als "korrekt" oder "neutral" zu verkaufen.

    Was ist denn überhaupt "richtige" Sprache? Erstens die, bei der Kommunikation wie gewünscht funktioniert. Zweitens die, die bestimmten, von dafür anerkannten Institutionen festgelegten Normen folgt, und da ist nun mal der Duden ziemlich weit vorne (da es für Grammatik, anders als für die Rechtschreibung, keine staatlich festgelegte Schulnorm gibt). Nach beiden Kriterien ist "wegen + Dativ" (um Ihr Beispiel aufzugreifen) also richtig. (Nebenbemerkung: Ich selbst finde den Genitiv bei "wegen" auch schöner, benutze ihn und bringe ihn meinen DaF-Schülern bei – sage aber dazu, dass der Dativ auch in Ordnung ist.)

    Was "die Bürger" als "laut Duden" gemischtgeschlechtliche Gruppe angeht, finde ich diese Aussage im Online-Wörterbucheintrag zu "Bürger" nicht. In einem Eintrag im Bereich Sprachwissen* findet man hingegen die Aussage: "Heutzutage ist es üblich, Männer und Frauen jeweils einzeln zu bezeichnen, wenn es um gemischtgeschlechtliche Gruppen geht." Und Wikipedia schreibt zum sog. generischen Maskulinum mit der Duden-Grammatik als angegebener Quelle: "Im Deutschen hat das generische Maskulinum insbesondere bei Berufsbezeichnungen und bei Nomina Agentis seit den 1980er Jahren an Gebrauch verloren." Dass für gemischtgeschlechtliche Gruppen nur "die Bürger" richtig sei, wird also vom Duden definitiv nicht gestützt.

    Zum Hambacher Forst: Der Unterschied zwischen "Forst" und "Wald" liegt m.W. nicht in der Größe, sondern in der Intensität der Prägung des Waldes durch Bewirtschaftung bzw. umgekehrt in seiner Naturnähe.

    Also: Ich will Ihnen Ihren Sprachgebrauch ja nicht austreiben. Ich bin ja auch nicht bei allen Ihren Beispielen anderer Meinung als Sie. Aber per se "neutraler" oder "korrekter" ist er definitiv nicht, sonden i.W. einfach ein kleines bisschen älter.

    ——
    *https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/%E2%80%9ELiebe-Mit%C2%ADglieder%C2%ADinnen-und-Mit%C2%ADglieder%E2%80%9C-%E2%80%93-Personen%C2%AD%C2%ADbezeich%C2%ADnungen

  • #17
    Helmut Junge

    Paule, die Sprache entwickelt sich, ist also veränderlich. Doch WER entscheidet denn WAS sich durchsetzt?
    Und soll es nicht erlaubt sein, Experimente zu belächeln? Darf jemand mit einem neuen Begriff einen älteren Begriff ersetzen und ich bin rechtlos und muß es schlucken?
    Falls Sie solcher Ansicht sind, dürfen,müssen Sie sich über Reaktionen diverser Art wundern. Was die Mehrheit akzeptiert, wird angenommen und was die Mehrheit ablehnt, erobert ein Nischendasein, oder verschwindet im Vokabelnirvana. Ich glaube "globaler Süden" ist so ein Wort auf dem Weg ins Nirvana, wil es unpräzise ist.

  • #18
    Michael Westerhoff Beitragsautor

    Paule, Du sagst deinen Schülern wirklich, dass sie nach "wegen" auch den Dativ benutzen dürfen? Sorry. Ich bin entsetzt. Mehr fällt mir dazu nicht mehr ein. Selbst der Duden bezeichnet das als "umgangssprachlich". Das heißt: In der Schulde lernen die Kinder jetzt Umgangssprache?

    Und zum Rest. Da ist meine Definition aus journalistischer Sicht relativ einfach. Es gibt zwei wichtige Kriterien für Sprache: 1. Verständlichkeit, 2. Neutralität.

    Beispiel 1:
    Globaler Süden versteht kaum jemand, also heißt es weiter Entwicklungsland. Da kann jeder was mit anfangen

    Beispiel 2:
    Flüchtling statt Geflüchteter. Flüchtling ist das übliche deutsche Wort. Der Begriff "Geflüchtete" wurde von einer Gruppe, die der Migration positiv gegenübersteht, geprägt. Er wäre für mich also eine Parteinahme für eine Seite, das will ich vermeiden. Schwieriger ist es bei "Kernkraft/Atomkraft". Kernkraft ist der Begriff der Befürworter, Atomkraft der der Gegner. Also mixe ich die in einem Artikel.

  • #19
    Psychologe

    "Flüchtling statt Geflüchteter. Flüchtling ist das übliche deutsche Wort. Der Begriff "Geflüchtete"…"

    Ich glaube, "Geflüchteter" ist auch schon wieder überholt. Das einzige, was jedoch (erfolglos) flieht, ist das Wort vor der Konnotation.

    So wurde aus dem Ausländer der ausländische Mitbürger, schließlich der Migrant, der Mensch mit Migrationshintergrund und letztlich (ich glaube, das ist aktuell) der Mensch mit Zuwanderungsgeschichte. Irgendwo in diesem Dickicht ist auch der Begriff "People of Color" einzuordnen.

    Ganz ähnlich beim "Geflüchteten":

    Weil "Asylant" irgendwann zu sehr nach Hoyerswerda und anderen Entgleisungen klang, machte man daraus den Flüchtling, dann den Geflüchteten und nun ist es der/die/das Schutzssuchende.
    Vielleicht sagt man irgendwann "global Benachteiligte" oder "Weltmensch" oder so etwas.

    Ansehnlich ist diese Wortodyssee auch in einem anderen Fall:

    "Krüppel" => "Behinderter" => "Mensch mit Förderbedarf" => "Mensch mit besonderem unterstützungsbedarf". Vielleicht heißt es irgendwann "Mensch mit einzigartiger Individualität".

    Wir stecken den Kopf in den Sand und reden uns die Welt gut.

  • #20
    abrxasrgb

    Slavoj Žižek nennt dieses verbale Umetikettieren die Euphemismus-Tretmühle.
    Es ändert Nullkommanix an der Realität, nicht einmal an der gefühlten Realität 😂

  • #21
    Michael Westerhoff Beitragsautor

    Ja, Psychologe, ganz meine Meinung. Ich für mich habe deshalb entschieden, dass ich aussteige und klare für alle verständliche Begriffe benutze. Also bleibt ein Ausländer ein Ausländer und ein Behinderter ein Behinderter.

  • #22
    Helmut Junge

    Wenn man eine (n) Befürworter solcher verbalen Umetikettierungen fragt, ob sich in den letzten 20 Jahren im Zusammenleben der Ethnien etwas zum Positiven hin verändert hätte, wird die/der vermutlich die Augen entsetzt zum Himmel wenden und sagen Nein, entsetzlich, alles schlimmer geworden".
    Daraus dann den Schluß zu ziehen, daß veränderte Sprachnormen während dieser Zeit nichts gebracht haben können, und daß man dann anders vorgehen müßte, ist dann trotzdem wohl schwierig. Man sieht sich wohl trotzdem als Vorkämpfer für die gute Sache, selbst wenn der Erfolg ausbleibt.

  • #23
    Thomas Weigle

    Ich behaupte mal, dass die Umgangssprache für einen Teil der Bürger und, kicher, Bürgerinnen leichter zu verstehen und v.a. zu gebrauchen ist als die Hochsprache. Die Hochsprache ist nicht zu Unrecht negativ belastet, weil sie ein scharfes Selektionsschwert war und ist. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

  • #24
    Michaela Lusru

    @#16 paule t. 2. Dezember 2019 um 23:23

    >"Da bin ich sehr altmodisch und verwende neutralere und korrekte Begriffe."
    Da kann ich dem ersten Teil zustimmen, das sieht man an Ihrem "wegen"-Beispiel: Das scheint dem Prinzip zu folgen: "In der Schule habe ich’s so gelernt, also hat das gefälligst auch so zu bleiben."
    Aber Sprache wandelt sich nun mal.<

    Leider nein, 16paule t. die Sprache wandelt SICH nicht, sie kann das nicht "sich wandeln", da als lediglich gemeinsamer Informationsvorrat der Menschen nur eine archivierte Verabredung ist, die nur von MENSCHEN verändert werden kann.
    Dies wissend, versuchen natürlich (alle) interessierten Kreise, die Sprache zum Transport jeweils ihrer Gruppeninteressen so zu verändern, dass sie nicht nur diese sondern gleich auch Meinung so verändern, besser manipulieren können.
    In gewachsenen Sprachen als kulturelles Archiv einer grossen Gemeinschaft funktioniert das nur, wenn diese Gemeinschaft bereit ist, sich von ihrem kulturellem Archiv Sprache zu trennen und Anderes zu archivieren.
    Bisher sind in allen bekannten Gesellschaften derartige Versuche mit Krach und Leid fehlgeschlagen, wie allein die Erinnerung an die Versuche gewisser NaZionalsozialisten zur genüge beweist.
    Also: Sich verändert Sprache nie, ebenso wie auch kein Krieg "ausbricht", ausbrechen kann, es sind stets Menschen, dier dafür konkret verantwortlich sind, die das machen.
    Und welche könnten es hier sein?

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