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Heilpraktiker abschaffen? „Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen“

Homöopathische Globuli und Dilutionen Foto: Wikidudeman Lizenz: Gemeinfrei


„Münsteraner Kreis“ veröffentlicht Memorandum / Vorschlag: Abschaffung des Berufs oder Zusatzqualifikation

Auf Initiative von Bettina Schöne-Seifert, Professorin für Medizinethik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), hat eine 17-köpfige Expertengruppe („Münsteraner Kreis“) Vorschläge erarbeitet, wie das Heilpraktikerwesen zum Nutzen der Patienten reformiert werden sollte. Der Appell der Experten richtet sich gegen die ihrer Einschätzung nach „unangemessene Ausbildung und die meist unhaltbaren Krankheitskonzepte“ der Heilpraktiker.

Der Münsteraner Kreis hat jetzt das „Münsteraner Memorandum Heilpraktiker“ verabschiedet und im „Deutschen Ärzteblatt“ veröffentlicht. Darin werden zwei Lösungsvorschläge skizziert: 1. Der Heilpraktikerberuf wird abgeschafft 2. Der Heilpraktikerberuf wird abgelöst durch die Einführung spezialisierter „Fach-Heilpraktiker“ als Zusatzqualifikation für bestehende Gesundheitsfachberufe.

Zum Hintergrund: Im deutschen Gesundheitswesen existieren nach Meinung der Expertengruppe zwei Parallelwelten – die Welt der akademischen Medizin und die Welt der Heilpraktiker. Während die akademische Medizin auf wissenschaftlichen Fakten beruhe und nach begründetem Fortschritt strebe, seien Heilpraktiker in der sogenannten „Komplementären und Alternativen Medizin (KAM)“ verankert. Auch der Ausbildungsgang ist verschieden: Während Mediziner ein langes Studium absolvieren, ist die Ausbildung zum Heilpraktiker kurz und weitgehend unreguliert. Da Heilpraktiker gleichwohl das Etikett „staatlich anerkannt“ bekämen, könnten Patienten leicht den Eindruck gewinnen, dass es sich bei Medizinern und Heilpraktikern um gleichwertige Alternativen handele.

Seit vielen Jahren gibt es immer wieder teilweise intensiv geführte Diskussionen um das Thema Komplementäre und Alternative Medizin. Zu den hunderten von Verfahren wurden zahlreiche klinische Studien durchgeführt, deren Qualität allerdings häufig sehr gering ist. Überzeugende Belege für eine Wirksamkeit fehlen meist. Zudem widersprechen die tradierten Krankheitskonzepte und Interventionen oft fundamentalen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.

Die Autoren sind überzeugt, dass ihre Lösungsvorschläge das Vertrauen in das deutsche Gesundheitswesen stärken und die Versorgung verbessern würden. Das Label „staatlich anerkannt“ wäre in Folge einer Reform wieder ein echtes Qualitätsmerkmal, an dem sich Patienten orientieren könnten. Der Münsteraner Kreis ruft Institutionen und Einzelpersonen auf, sich dem Statement anzuschließen. Dadurch sollten Politiker motiviert werden, das Heilpraktikerwesen nicht nur kosmetisch, sondern grundlegend zu reformieren.

„Im Lauf der Jahre ist bei meinen Mitarbeitern und mir das dringende Bedürfnis entstanden, der Problematik von Alternativmedizin auf den Grund zu gehen“, betont Bettina Schöne-Seifert. Aus diesem Grund hatte sie im Juni 2016 ausgewiesene KAM-Experten verschiedener Fachrichtungen nach Münster eingeladen, um über KAM und das Heilpraktikerwesen zu diskutieren. Einige Experten des daraufhin gegründeten „Münsteraner Kreises“ brachten dazu ihre eigenen Forschungsergebnisse zu den von Heilpraktikern angebotenen Verfahren sowie der Motivation der Patienten ein. „Wir wollten ausloten, wie ein solidarisches Gesundheitswesen verantwortlich und fair mit dem Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung umgehen sollte“, unterstreicht die Medizin-Ethikerin. „Um es deutlich zu sagen: Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen.“

Um nicht nur medizinische, sondern auch ethische, wissenschaftstheoretische, psychologische und juristische Aspekte einzubeziehen, wurde der Münsteraner Kreis bewusst interdisziplinär aufgestellt. Die Arbeit der Gruppe wurde nicht von Dritten finanziell unterstützt, und die Mitglieder sind frei von Interessenkonflikten.

Die Autoren des „Münsteraner Memorandums Heilpraktiker“ im Einzelnen (*federführende Hauptautoren):

Prof. Dr. Manfred Anlauf, Mitglied der Arzneimittelkommission der Bundesärztekammer, Bremerhaven; Dr.-Ing. Norbert Aust, Informationsnetzwerk Homöopathie, Hamburg; Dr. Hans‐Werner Bertelsen, Praxis für Zahnmedizin, Bremen; Juliane Boscheinen, Medizinrecht (Rechtsanwältin), Saarbrücken; Prof. Dr. Dr. Edzard Ernst, University of Exeter; Dr. Daniel R. Friedrich*, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, WWU Münster; Dr. Natalie Grams, Informationsnetzwerk Homöopathie, Roßdorf; Prof. Dr. Paul Hoyningen‐Huene, Zentrale Einrichtung für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsethik, Universität Hannover; Prof. Dr. Jutta Hübner, Stiftungsprofessorin für Integrative Onkologie der Deutschen Krebshilfe am Universitätsklinikum Jena; Prof. Dr. Dr. Peter Hucklenbroich, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, WWU Münster; Prof. Dr. Dr. Heiner Raspe, ehem. Institut für Sozialmedizin, Universität Lübeck, jetzt Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, WWU Münster; Dr. Jan‐Ole Reichardt*, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, WWU Münster; Prof. Dr. Norbert Schmacke, Versorgungsforschung, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen; Prof. Dr. Bettina Schöne‐Seifert*, Lehrstuhl für Ethik der Medizin, WWU Münster; Prof. Dr. Oliver R. Scholz, Philosophisches Seminar der WWU Münster; Prof. Dr. Jochen Taupitz, Medizinrecht, Universität Mannheim; Dr. Christian Weymayr*, freier Wissenschafts‐ und Medizinjournalist, Herne.

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61 Kommentare zu “Heilpraktiker abschaffen? „Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen“

  • #51
    Kerger

    Ich klinke mich an dieser Stelle aus der Diskussion aus. Dieses gegenseitige überschütten mit Vorwürfen und Halbwahrheiten in Bildzeitungsmanier ist wenig zielführende. Jede Berufsgruppe hat ihre Daseinsberechtigung wenn es Patienten hilft. Es wäre wirklich nötig, dass dieses gegenseitige Zerfleischen und unrichtiger Vorwürfe in eine Akzeptanz für die Arbeit des anderen münden würde. Damit wäre weit mehr Patienten geholfen. Nochmal, es gibt auf beiden Seiten schwarze Schafe, die Profit über die Arbeit am Patienten stellen. Aber es gibt auf. beiden Seiten Ärzte und Heilpraktiker, die ihre Arbeit, nämlich Patienten zu helfen, sehr ernst nehmen und ihre Grenzen kennen. Schade, dass nur über die Arbeit der schwarzen Schafe diskutiert wird.

  • #52
    Helmut Junge

    Für jeden Hypochonder, der zu einem Kassenarzt geht, zahlen alle Kassenmitglieder. Geht der zum Heilpraktiker, zahlt er selbst. Die Kassenbeiträge wären vielleicht doppelt so hoch, wie sie jetzt sind, wenn alle mit ihren nie heilenden Krankheiten zum Arzt gingen. Alle Selbstzahler haben Recht, und ich habe nicht das Recht sie an ihrem Handeln zu hindern, sofern ihr Handeln ihnen selber gilt. Ich würde das obige Memorendum nie unterzeichnen. Und es wird m.M. sowieso keine erwähnenswerte Zahl von Unterstützern bekommen, weil es einfach nicht zu Ende gedacht worden ist. Keine Verbesserung oder Verlängerung der HP-Ausbildung würde genügen, damit diese Professoren nicht immer noch die Nase rümpften. Aber wenn die Ausbildung länger dauern würde, wären die Heilpraktiker in den Augen ihrer Anhänger hochqualifizierte Fachkräfte. Und darüber würden sich die Professorinnen des Memorandums erst recht ärgern. Es bliebe nur ein Verbotsantrag. Und den zu stellen sollten sie mal versuchen. Da würden nur Rechtsanwälte gut von leben können, und die Kassenbeiträge würden in jedem Fall ansteigen. Alles einfach deutlich zu kurz gedacht.

  • #53
    Jordan

    https://www.freiepresse.de/LOKALES/ERZGEBIRGE/AUE/Das-Maedchen-das-ein-Wunder-war-artikel9981038.php
    .
    Wie gesagt, per Hypnose (eines der ältesten menschlichen Verfahren) Klangschalentherapie (die selbst bei mehrfach geistig und körperlich behinderten Menschen wirkt) als Scharlatanerie, pseudomedizinische Wissenschaft oder als ähnliches abtut, hat für meine Begriffe signifikante Bildungs/Erfahrungslücken.
    Und wie gesagt, selbst vermeintlich Gebildete können sich aus Unwissenheit, Ignoranz (was nicht sein kann, weil es nicht sein darf) oder weil ihnen praktisch(e) (tätige) Erfahrung fehlt, sich auf ganz dummes Niveau bewegen…

    *
    Wer schützt uns eigentlich vor diesen Leuten?

  • #54
    Roman Probst

    Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
    Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
    Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
    Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
    Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

  • #55
    Tanja Ihring

    Ich finde es wirklich traurig, dass, wie es mir erscheint, manche Menschen Angst davor haben, dass Heilpraktiker die besseren Ärzte sein könnten. Da wundern wir uns über Krieg in der Welt, wenn wir es noch nicht einmal schaffen, gemeinsam zu heilen und und als einziges Ziel vor Augen halten, den Mensch gesund zu erhalten.
    Ich bin seit 25 Jahren Kinderkrankenschwester und sehe auch die Grenzen der Ärzte. Ich war auch schon bei den falschen Heilpraktikern, die sich diesen Zusatz als Aushängeschild zu ihrem Doktor anhefteten.
    Es gibt noch so viel dazu zu sagen und trotzdem fehlen mir die Worte. Ich kann mich den Vorschreibern nur anschließen und bleibe wie immer und trotz allem optimistisch, dass die Verantwortlichen, die die Gesetzeslage zu entscheiden haben, den besseren Weg wählen.
    Tanja Ihring, angehende Heilpraktikerin und Kinderkrankenschwester aus Berufung.

  • #56
    Renate Benzler

    Manchmal hab ich den Eindruck, die Mediziner haben Angst vor den Heilpraktikern. Dabei klagen sie doch immer über zu viel Arbeit. Welcher Arzt nimmt sich Zeit für den Patienten? Kann man in 5 Min. eine Ursache einer Krankheit erkennen? NEIN – der Patient wird in eine Schablone gepresst. Wir sind alle mündige Bürger und können in einer Demokratie frei entscheiden. Ich brauche niemand, der mir Ratschläge gibt, was gut oder schlecht ist. Und die Kritiker haben entweder monetäres Interesse oder waren noch nie bei einem Heilpraktiker. Wer heilt hat recht. Und da habe ich schon so wunderbare Erlebnisse gehabt – auch unser Freundeskreis. Wir sind für Alternativmedizin/Heilpraktiker. Die brauchen wir mehr als jemals zuvor.

  • #57
    Knut Gerdsen

    Erst neulich las ich einen Artikel in der FAZ, welcher über 1000 "Kunstfehler" pro Jahr von approbierten Medizinern nannte. Hinzu kommen die völlig überlasteten Praxen und Krankenhäuser, welche ebenfalls nicht eine 100% gewissenhafte Versorgung von Patienten gewährleisten. Viele Menschen warten z.B auf Therapieplätze. Ein Abschaffen der heilpraktischen Berufe ist für ein fortschrittliches Gesundheitssystem untragbar. Die Prüfungen bundesweit zu planen und einen Standard zu etablieren ist sinnvoll. Wir sind sind zu weit gekommen, um nun Rückschritte zu machen.

  • #58
    thomas weigle

    Was ist eigentlich mit den bis zu 50.000 Toten, verursacht durch multiresistente Keime? Jeder Tote durch Behandlungsfehler von Ärzten und Heilpraktiker ist gewiss einer zu viel. Aber in Bezug auf Heilpraktiker viel zu viel Lärm nach dem Motto HALTET DEN DIEB, deshalb TIEFER HÄNGEN, nicht aufhängen die Heilpraktiker

  • #59
    Hella

    Dem Münsteraner Kreise sei es ins Stammbuch geschrieben:

    מנא מנא תקל ופרסין

    Hella

  • #60
    Andreas Mietz

    Wir wollen den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger?? Was bedeutet das?? Gab es in der Vergangenheit also keinen Irrsinn?? Und in der Zukunft?? Was ist gegenwärtig anders geworden, dass man den Irrsinn stoppen möchte?? Verdient der studierte Mediziner nicht mehr genug, seit es die Fallpauschale gibt?? Nimmt ihm der "nichtskönnende oder schlecht arbeitende" Heilpraktiker vielleicht Arbeit weg??
    Wie hier schon geschrieben wurde, es gibt auf beiden Seiten schwarze Schafe. Nur wenn wir die Ärzte mit den Heilpraktikern in Sachen, Prozesse wegen Falschbehandlung mit bleibenden Folgen für den Patienten gegenüberstellen, dann schneiden die Ärzte sehr viel schlechter ab.
    Auch wenn Ärzte behaupten, Homöopathie würde nicht helfen, weil es nicht wissenschaftllich bewiesen ist und sie würde nur auf der "Placebowirkung" beruhen. Antworte ich, seit über 35 Jahren behandel ich Tiere erfolgreich mit naturheilkundlichen Medikamenten und die reagieren nun wirklich nicht auf Placebopräparate.
    Warum wettern Ärzte gegen Heilpraktiker? Haben sie Angst vor deren Erfolgen oder gönnen sie ihnen diese nicht? Warum arbeiten sie nicht miteinander, das wäre für den Patienten dass Beste. Sie wollen doch angeblich das Beste für ihren Patienten, oder? Beide Seiten könnten voneinander lernen.
    Der wichtigste Punkt: Wenn die hochstudierten Mediziner alles richtig machen würden, sich um den Patienten kümmern und ihn richtig behandeln würden, dann müsst und würde niemand zum Heilpraktiker gehen. Dort muss jeder der diesen Weg geht, alles selbst bezahlen. Wäre es umgekehrt, würden wohl so manche Arztpraxen leer sein und der Mediziner einmal zum Nachdenken angeregt, warum das so wäre. Er würde sich mehr anstrengen und nach anderen Methoden suchen, aber er bekommt jede Behandlung von der Krankenkasse bezahlt und auch wenn sie noch so falsch ist. Behandelt der Heilpraktiker falsch, erzählt sein Patient es zwanzig Personen, behandelt er erfolgreich, erzählt er es zwei bis drei Personen. Dennoch hat ein guter Heilpraktiker ein volles Wartezimmer. Ein schlecht arbeitender Heilpraktiker muss nach einiger Zeit seine Tätigkeit aufgeben.
    In der Tiermedizin ist es für einen Tierarzt unvorstellbar, wie ich als Tierheilpraktiker meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, ohne Schutzimpfungen, Cortison, Antibiotika, Röntgen und Operationen ( Kastrationen/ Sterilisationen). Würde man ihn diese Sachen nicht mehr anwenden lassen, wäre seine Tierarztpraxis nach ein paar Monaten geschlosen. In der Ausbildungsphase zum Tierarzt ( Arzt ), werden die Mediziner auf ihrem Weg, mit der heutigen Gerätemedizin "groß". Das es vor einigen Jahrzehnten Kollegen ihrer Zunft gab, die ohne diese Geräte Diagnosen stellen konnten, ist für sie oft undenkbar. Als ich Nachts einen Hund mit einer Magendrehung, in eine Tierklinik überwiesen habe, sagte der diensthabende Tierarzt am Telefon zu mir, geben sie bitte die Röntgen- und/oder Ultraschallbilder mit und ich ihm sagte, ich hätte keine angefertigt, sagte er zu mir, woher wissen sie dann, das es sich um eine Magendrehung handelt? Da konnte ich nur sagen, in der Tierarztpraxis, in der ich einmal gelernt habe, gab es vor 38 Jahren keine solche Geräte zur Diagnostia, da haben ihre Kollegen auch eine Magendrehung diagnostiziert.

  • #61
    Elke Pfütze

    Wieso eigentlich "Alternativmedizin"? Ich sehe das, was ich mache als "Komplementärmedizin" an. Wir Heilpraktiker wissen schon, wo unsere Grenzen sind und wann wir den Arzt einschalten müssen. Beide medizinischen Berufe Hand in Hand, das wäre zum Wohle unserer Patienten. An uns soll es nicht liegen, aber wovor haben die Ärzte Angst?
    Wenn ich es mir recht überlege ist "Alternativmedizin" doch nicht so schlecht, denn für viele Patienten ist nach einem langen Leidensweg die Konsultation eines Heilpraktikers die einzige Alternative.

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