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Heimat & Weltall – Es kommt darauf an, was man weglässt

Blogger Carsten Marc Pfeffer / Foto: Chantal Stauder

Frank Zappa trifft auf Radiohead: Literarische Altersmilde und ironisch-provokative Selbstinszenierung trafen sich auf Einladung der Literarischen Gesellschaft Bochum auf dem Betonboden, der die Welt bedeutet. Der Autor Enno Stahl und der Blogger Carsten Marc Pfeffer gewährten bei ihrer Lesung im Bochumer Rottstr5-Theater Einblicke in ihr literarisches Schaffen. Die Autoren treffen sich im Punk und Trash, arbeiten jedoch grundverschieden. Der eine rüttelt an den Tabus, der andere packt sie sanft in Watte.

Im anschließenden Autorengespräch befragte Germanistikdozent Markus Tillmann die zwei zur Situation deutschsprachiger Gegenwartsliteratur und der Suche nach neuen literarischen Formen.

Carsten Marc Pfeffer ist die Nervosität deutlich anzumerken. Es dauert jedoch nicht lange, bis er seinen Flow gefunden hat. Der Bochumer ist Blogger, Musiker und Dramaturg. Pfeffer liest zwei Beiträge aus seinem Local Heroe`s Diary: Weil es Liebe ist und Ein Fest für Boris (A-Seite). Pfeffer sagt, dass er zwar früher schon viel herumprobiert habe, aber eigentlich noch am Anfang seines literarischen Schaffens stehe. Das ist es jedoch, was seine Texte authentisch wirken lässt. Das Eckige, das Kantige, die Brüche sind es, die schließlich verfangen. Pfeffers Texte besitzen Aktualität, Präsenz und zeugen vom Versuch des Experimentellen. Die schöpferische Zerstörung von literarischen Formen betreibt er souverän und gerne provokativ. Pfeffer erklärt, er modelliere so lange, bis er es selber glaube. Das Publikum belohnt den Mut und die semantischen Grenzübertritte.

„Ein bisschen Ecstasy in den Tee wäre die gerechte Strafe.“

Autor Enno Stahl/Foto: Kirsten Adamek

Enno Stahl ist promovierter Germanist, Schriftsteller und Performer. 1988 gründete im Anschluss an seine Mitherausgeberschaft der Literaturzeitschrift ZeilenSprung den KRASH Verlag. Gefeiert wird er für seine „vitale, wendige High Speed Prosa“, mit der es ihm gelingt, Sozialisation literarisch einzufangen. Dazu widmet er sich einer Schau der Arbeitslosenwelt und den damit verknüpften Auswirkungen auf die menschliche Mentalität. Hierbei bedient er sich einer besonderen Erinnerungstechnik, bei der er zurückgeht zu Vergangenem und es in die Gegenwart holt. Stahl erklärt, man müsse viel „dran rummachen, dass die Sprache so schnörkellos und schlicht wird“.

Stahl ist „bekennender sozialer Realist“. In seinen Büchern widmet er sich Orten, Wegen und Pflanzen. Ein Aufbrechen alter literarischer Formen? – Nein. Das sei nicht das, was er will. Ein Abbild der Gegenwart möchte er liefern, Bilder die irgendwie „peppig“ sind. Seine Texte müssen auch nicht chronologisch gelesen werden, sagt er. Stattdessen könne man als Leser eine eigene Lesart finden. Stahl gibt zu, er sei auch ein wenig punksozialisiert. Aber Worte wie „Prollschlampe“ klingen in dem ausgearbeiteten und glatt gefeilten literarischen Kontext, in den Stahl sie bettet, brav und anständig. Er schreibt über die 80er Jahre, die Penne und Krawattennudeln, lässt seine Charaktere „Der letzte macht das Licht aus“ sagen und beschreibt aufgetragenen Lippenstift als „kitschigen Kranz“. Die Auszüge, die Stahl aus seinem aktuellen Buch Heimat und Weltall aus dem Jahr 2009 liest, sind deutlich temporeicher als die Passagen aus seinem Roman Diese Seelen von 2008.

Recherchieren für die Gegenwart

Ob Literatur aufrütteln helfen kann, sei ihm egal, sagt Stahl. Stattdessen plädiert er für eine grundsätzliche Kritik der demokratischen Gesellschaften, „die – wie alle immer sagen – die beste aller möglichen Welten sei“.

Er findet es belästigend, dass die nachfolgenden Generationen immer noch nationalsozialistische Geschichten erzählen müssen. Er vermutet, dass er es vielleicht nicht ertragen kann und nicht ertragen will, politisch tätig zu sein. Er ist auch der Ansicht, Literatur müsse nicht per se politisch sein, sie werde es lediglich durch Ideologiekritik. Stahl hat etwas gegen inhärente Politizität und „diese Neue Subjektivität“. Indem er ein bestimmtes soziales Milieu schildert, hebt er politische Angelegenheiten in seinen Protagonisten auf, so dass die Dinge auf einer Metaebene anders werden und Gestalt annehmen. Für Pfeffer hingegen ist Literatur als Kunstform „immer schon politisch, weil sie immer auch eine Differenz aufmacht.“

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4 Kommentare zu “Heimat & Weltall – Es kommt darauf an, was man weglässt

  • #1
    Annika

    „Er findet es belästigend, dass die nachfolgenden Generationen immer noch nationalsozialistische Geschichten erzählen müssen.“

    Dümmer gehts nimmer.

  • #2
    tom

    Armer, Enno Stahl, hier stimmt in der Zusammenfassung eigentlich nix. Das Nazi-Zitat bezog sich nicht auf die sozusagen „gesellschaftliche Funktion“ von Literatur, sondern auf die explizit engere Themenwahl von erfolgsversessener junger Gegenwartsliteratur. Das ist das alte (okay, trotzdem doofe!) Klagenfurt-Erfolgs-Thema.
    „Stahl hat etwas gegen inhärente Politizität“ ist kompletter Blödsinn. Stahl verwehrte sich gegen die von Pfeffer geäußerte, komplett naiv formulierte Totschlags-Doof-These, jede Form von Literatur sei immer schon politisch, mit eben diesen Worten. Er glaube eben nicht, dass es so etwas gäbe wie „inharente Politizität“. Er meinte damit: klar ist jeder Kitschliebesroman politisch, wenn man ideologiekritisch darauf gucke, jeder Ego-Blog, jeder Arztroman, jede SMS, aber doch nicht in dem Sinne von „politischer“ Literatur. Weiterhin ist – in genau diesem Zusammenhang – die Neue Subjektivität gegen die Stahl wetterte, keine „diese neue Subjektivität“, die er ablehne, sondern vielmehr eben jene „Neue Subjektivität“ (siehe Literaturlexika oder Wiki), eine konkrete literarische Richtung der 70er Jahre, die er eben nicht fortschreiben wolle. Vielmehr sehe er in der Gegenwartsliteratur Tendenzen, dass diese „Bauchnabelschau“, diese „Erkundung von Seelenlandschaften“ fortgeschrieben werde.

  • #3
    estahl

    Danke, Tom. Zum Beitrag Chantal Stauders muss ich leider auch sagen: Der Abend muss wiederholt werden, denn bei ihr ist leider nichts davon (auch nur halbwegs adäquat) angekommen. Kein Aufbruch tradierter literarischer Formen? Bitte mal meine bisherige Bibliografie genauer anschauen… Und dass dann solche, vermeintlich von mir geäußerten Sätze wie „Er findet es belästigend, dass die nachfolgenden Generationen immer noch nationalsozialistische Geschichten erzählen müssen“ oder meine angebliche Vermutung „es vielleicht nicht ertragen“ zu können, politisch tätig zu sein, kontextlos in die Welt gesetzt werden, finde ich allerdings ziemlich belästigend. Aua. Das tut weh und grenzt schon an üble Nachrede.

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