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Hygiene-Demos: Querfront gegen den Westen, Technik und Aufklärung

„Querdenken“ organisiert die Demonstrationen in Stuttgart Foto: Screenshot

Gestern gingen wieder zahlreiche Menschen auf die Straße, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Sie bilden eine seit Jahrzehnten gewachsene Querfront gegen Technik, den Westen und die Aufklärung.

Trotz zahlreicher Demonstrationen werden die Corona-Maßnahmen nach wie vor von breiten Teilen der Bevölkerung unterstützt. Sie führten dazu, dass die Menschen den Repräsentanten des Staates, von der Kanzlerin bis hin zu den tausenden Oberbürgermeistern und Landräten, ein immer größeres Vertrauen entgegenbringen. Die, im Vergleich zu anderen Ländern zurückhaltenden und bereits gelockerten, Maßnahmen erscheinen der vernünftigen Mehrheit angemessen. Ihr ist die Situation, in der sich die Welt durch die Corona-Pandemie befindet, klar.

Die Demonstrationen fordern auch nicht mehr Unterstützung vor den immer deutlicher werdenden Auswirkungen der Krise wie steigende Arbeitslosenzahlen, mangelnde Kinderbetreuung oder die sich abzeichnende Bildungskrise. In ihnen wird ein generelles Unbehagen gegen Kapitalismus, den Westen, Technik und Aufklärung deutlich, die quer durch die politischen Lager verläuft. Dass Stuttgart und München die Hochburgen dieser Proteste sind, ist kein Zufall. Die südlichen Teile Baden-Württembergs und Bayerns sind die traditionellen Hochburgen der Impfskeptiker. Hier, im Reich des Pietcong, den wohlhabendsten Regionen des Landes, waren die Impfquoten schon immer niedriger als anderswo und fließt reaktionäres Gedankengut von grün bis braun zusammen. Die deutlich kleineren Proteste im Rest des Landes spiegeln dieses Denken wider, das in Teilen der Bevölkerung tief verankert ist.

Die Gefahr, die von der Corona-Pandemie ausgeht hat bei vielen jedoch dazu geführt, sich ihres Verstandes zu bedienen und Abstand vom romantischen Denken zu nehmen, dass in der Kultur Deutschlands einen breiten Raum einnimmt und zur Anschlussfähigkeit so unterschiedlicher politischer Bewegungen wie dem Nationalsozialismus und der Ökologiebewegung führte und in den Medien breiten Raum einnimmt: Die USA gelten in diesem Denken als materialistisch und unkultiviert, Technik  eröffnet den Menschen keine neuen Möglichkeiten sondern entfremdet sie von der Natur, Fortschritt wird als Gefahr wahrgenommen.

In Deutschland glauben zudem viele, es gäbe zwei Arten von Medizin: Eine „Schulmedizin“, die mit Impfungen, modernen Geräten und industriell hergestellten Medikamenten arbeitet und eine andere, sanfte, Medizin, die auf die Heilkräfte der Natur setzt und auch eine spirituelle Dimension hat. Dass es nur eine Medizin gibt, die auf Wissenschaft beruht, ist vielen nicht bewusst. Homöopathen und Naturheilkundler boomen. In keinem Land gibt es so viele Waldorfschulen und oft stehen sie im Zentrum lokaler Masernausbrüche. Bei den Lehrern und Eltern haben Impfungen, eine der erfolgreichsten Mittel, welches die Medizin kennt, oft keinen guten Ruf.

Schon die Nationalsozialisten wollten eine „Neue Deutsche Heilkunde“ entwickeln, die sich stärker an Naturheilverfahren orientiert. Die Medizin galt den Nazis als „jüdisch-marxistisch durchsetzt“.

Technologische Entwicklungen werden seit den 70er Jahren in Deutschland fast ausschließlich als Risiko wahrgenommen. Die Bücher von Gudrun Pausewang, die vor den Folgen der Kernenergie warnen und ganze Generationen in Angst und Schrecken versetzt haben, sind Schullektüre. Ein Film, in dem ein Pharmaunternehmer, Ingenieur oder Wissenschaftler der Gute ist, ist kaum vorstellbar. Die Guten, das sind die Menschen in den Initiativen, die sich gegen die neuen Technologien zur Wehr setzen und die oft finsteren Pläne von Technikern und Unternehmer enthüllen. Das Böse, es trägt einen weißen Kittel. Der Strickpulli indes gehört zur Ausstattung der besorgt dreinblickenden Guten.

Das Misstrauen gegen Technik und Wissenschaft, das auch von Teilen der Politik geschürt wird und das den Erfolg zahlreicher NGOs begründet, ist groß. Genau so groß, wie die Ablehnung der USA und das hat nichts mit Donald Trump zu tun. Gentechnik, das Chlorhuhn – verfolgte man die Diskussion um das Handelsabkommen TTIP, konnte man den Eindruck gewinnen, die USA und amerikanische Unternehmen hätten kein anderes Ziel als die Vergiftung der deutschen Bevölkerung. Linkspartei, Grüne, NPD und AfD – man war sich in der Ablehnung von TTIP ebenso einig wie in der antiamerikanischen Propaganda. Wen wundert es da, dass Verschwörungstheorien wie die, Microsoft-Gründer Bill Gates haben Corona erfunden, um die Massenimpfungen Geld zu verdienen und große Teile Menschheit auszurotten, auf einen fruchtbaren Boden fallen?

Wer glaubt, Nazis würden die Proteste unterwandern, macht es sich etwas zu einfach. Vieles an dem Denken der oft irrlichternden Demonstranten steht in deren Linie, gilt heuten vielen aber auch als ökologisch und kritisch. Ja, was in München, Stuttgart und anderen Städten demonstriert ist eine Querfront. Da sind Mitglieder der Nazipartei Die Rechte ebenso zu finden wie ehemalige Aktivisten des Netzwerks Blood and Honour, der AfD, der NPD aber auch Teile der Linkspartei, des ehemaligen Bündnisses Aufstehen von Sahra Wagenknecht und des alternativen Bürgertums, dem sich dann noch Reichsbürger zugesellen.

Befördert werden die Proteste von den unterschiedlichsten Medien. Neben Putins-Propagandasendern Russia Today und Sputnik sind es vor allem rechte Verschwörerseiten wie Compact und der Youtube-Kanal von Ken Jebsen, die Millionen erreichen. Jebsen hetzt mit großem Eifer gegen „Zionisten“ und verbreitet die Bill Gates Verschwörungstheorie. Dass er ein Konto bei der in der Waldorf-Tradition stehenden GLS-Bank hat, passt ins Bild.

Das auf diesen Demonstrationen offener Antisemitismus auftritt, überrascht wenig. Er gehört zu Verschwörungstheorien dazu. Demonstranten kleben sich einen gelben Stern an, auf dem „ungeimpft“ steht. Wer sich nicht impfen lassen will, so die Botschaft, würde behandelt werden wie die Juden in der Nazizeit. Das ist nicht geschmacklos, das ist eine Verharmlosung des Holocausts und eine komplette Entgrenzung. Die meisten Demonstranten stören sich an so etwas nicht, sie wähnen sich in einem Land, in dem es nicht einmal einen Impfzwang gibt, als Verfolgte.

Diese Demonstrationen haben nicht das Zeug, die Größe von Pegida zu erreichen. Zu groß ist, was die Maßnahmen betrifft, der Konsens in der Bevölkerung. Und die meisten Menschen haben auch keine Angst vor einer „Zwangsimpfung“, sie können es kaum erwarten, geimpft zu werden. Eine Impfpflicht wird kaum notwendig sein, eher drohen Konflikte bei der Verteilung der Frage, wer wann geimpft wird. Und dass auf legalen Demonstrationen dagegen demonstriert wird, dass man ja nicht einmal mehr seine Meinung sagen und demonstrieren kann, ist an Dummheit kaum zu überbieten.

Was in den kommenden Monaten allerdings kommen könnte, sind weitaus größere Konflikte. Die Bundesrepublik steht am Beginn der größten Wirtschaftskrise ihrer Geschichte. Millionen werden ihre Arbeit verlieren, es ist eine Illusion, dass der Staat alles wird auffangen können. Dann werden auch nicht mehr vegane Köche und Schlagersänger die Ikonen des Protestes sein, sondern Menschen, mit einem berichtigten Anliegen: Der Sicherung ihrer Existenz. Die Politik täte gut daran, sich heute schon die Antworten auf ihre Fragen zu überlegen.

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14 Kommentare zu “Hygiene-Demos: Querfront gegen den Westen, Technik und Aufklärung

  • #1
    thommy

    Sie behaupten ha auch gerne, für die Grundrechte zu demonstrieren und schwenken mit Grundgesetzbroschüren in sich -wahrscheinlich bestehen diese Broschüren nur aus den" Buchdeckeln" und innendrin sind nur ein paar leere Blätter

    Die meisten von denen, die nun für Grundrechte demonstrieren, haben das Grundgesetz wahrscheinlich noch nie gelesen und wenn, dann nur selektiv und ohnehin auch nicht verstanden.

    Wo waren die eigentlich, als das Grundrecht auf Asyl faktisch abgeschafft wurde?

    Warum demonstrieren sie nicht für die Aufnahme von Flüchtlingen aus überfüllten menschenunwürdigen griechischen Lagern, im Sinne der grundgesetzlich verbrieften unteilbaren Menschenwürde oder eben des Grundrechtes auf Asyl.?

    Nein- es geht denen nicht um Grundrechte-es sind die vereinten Feinde der Demokratie und der Verfassung.

  • #2
    Holger Lang

    Haben sie Angst vor diesen Protesten? Warum ist es ihnen so wichtig, alle Menschen die dort hingehen als Feinde der Demokratie und der Verfassung darzustellen?

    Die Menschen dort protestieren FÜR Demokratie und der Verfassung.

    Es ist bezeichnend, dass sie versuchen gerade solchen Protest, nämlich für die Wahrung unseres Grundgesetzes, zu diffamieren.

    Holger Lang

  • #3
    abraxasrgb

    #1 thommy
    Art 5 GG: Meinungsfreiheit (nicht Deinungsmeinungsteilung) … schon gelesen?

    Das GG kennt auch nur ein Recht auf Asyl … und hat zu dem Thema den, vermutlich von dir wenig verstandenen und noch weniger gemochten, Art. 16a Abs. 2, soweit zum Thema GG-Kompetenz. 😉

  • #4
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Holger Lang: ich hab vor den Schwachköpfen keine Angst und hab das ja auch geschrieben. Ich hab Angst vor den Viren, die diese Idioten weitergeben können. Diese Demos könnten das neue Ischgl werden.

  • #5
    thommy

    #3 abraxas

    Der nachträglich eingeführte Zusatz zu Artikel 16 in Form des 16a ist bereits Teil der Grundtechtsbeschränkung.

    Ich erwarte von den Demonstranten,dass sie sich für die unteilbaren Menschenrechte der unter menschenunwürdigen kasernierten Flüchtlinge in griechischen Flüchtlingslagern und für eine verstärkte Aufnahme derjenigen einsetzen.

    Das Gegenteil aber vermute ich bei diesen Demonstranten . Eher würden sie sich gegen die behördlich angeordnete Einschläferung eines auffällig gewordenen Ksmpfhundes engagieren und gegen eine Aufnahme dieser Menschen aus griechischen Flüchtlingslagern auf die Straße gehen, von Seucheneinschleppung, Islamisierung und Bevölketrngsaustausch fabulierend.

    Das ist nämlich die gleiche braune deutsche Ecke .

  • #6
    abraxasrgb

    #5 thommy
    Der Unterschied zwischen Recht und subjektivem Gerechtigkeitsempfinden (vulgo Moral) ist bekannt? Der Artikel steht so im Grundgesetz (und das ist auch gut so).

    Nicht jeder, der die Asyl-Politik seit 2015 kritisiert oder in Zeiten von Coronoia auf Freiheiten hinweist, ist "braun", es sei denn, "braun" fungiert als Synonym für "andere Meinung, die finde ich Scheiße finde". Kann man so machen, wirkt aber ziemlich albern. Ich finde deine Meinung übrigens befremdlich, tituliere dich aber nicht als braun (es sei denn, man mischt rot mit grün, dann kommt auch braun ´raus, aber das ist hier nicht die Stelle, um "politische Farbenlehre" in ihren Details darzustellen.

    PS: Mach´doch einfach eine andere Demo, für die Themen, die dir am Herzen liegen und lasse entspannt andere Menschen für ihre Themen, dasselbe tun.

  • #7
    D. S.

    Haben die Grundgesetzkämpfer schonmal darüber nachgedacht, dass die An"führer" der verschiedensten Strömungen, die ihre Parolen und geistigen Verwirrungen über die sozialen Medien verbreiten, vielleicht das Ziel haben unsere Staatsform und damit genau diese Grundgesetze auszuhöhlen und zum Kippen zu bringen? Dieses Sammelsurium dieser verqueren Gedanken und Gurus wird sich hoffentlich bald selbst zerfleischen.

  • #8
    Angelika

    #4 "…Ich hab Angst vor den Viren, die diese Idioten weitergeben können. Diese Demos könnten das neue Ischgl werden. "

    Diese Gefahr sehe ich auch.

  • #9
    Psychologe

    Zunächst mal: Hervorragend zusammengefasst. Man könnte noch ein weitere (völkische) Vorstellung hinzufügen, die Links bis Rechts eint: Der, ich nenne es mal, Entwurzelungs-Vorwurf gegenüber den USA ("keine echte Kultur", "alle eingewandert"), der auch viele Andockstellen im "Nachhaltigkeitslager" findet.

    Davon mal ab: Anders als Laurin habe ich Angst vor diesen Leuten. Nicht vor dem Virus, aber vor diesen Leuten und dem Funken, der manchmal nur fehlt, damit aus verbaler Gewalt körperliche Gewalt und sogar Rechtsterrorismus wird. Wir blicken in diesem Lager nicht selten auf Erscheinungsformen völliger Verrohung und teils völliger Hasszerfressenheit. Mir macht das Angst.
    Ich sehe zwar die Vereinseitigung der Corona-Politik auch kritisch und habe das in diesem Blog auch mehrmals in den Kommentaren geschrieben. Aber im Traum würde es mir nicht einfallen, mich mit diesen Menschen gleichzeitig zu zeigen, geschweige denn zu solidarisieren. Alles, was mir zu denen einfällt ist eine Großpackung Zyprexa.

  • #10
    Werner Müller

    @ Psychologe

    Wie kommen Sie auf Olanzapin? Wie hoch ist Ihre Tagesdosis?

  • #11
    thomas weigle

    Die Nazis mögen tw. seltsame Vorstellungen in Sachen Gesundheit gehabt haben. Ganz gewiss aber hätten sie aber den Teil der Bevölkerung,der für die Ziele ihrer Politik unentbehrlich waren(gebärfähige Frauen,Arbeiter und Soldaten bspw.) auch dürch "jüdische Medizin geschützt. Auch haben sie ja das was heute als Crystal.Meth massenweise und rezeptfrei in den "Volkskörper" eindringen lassen, um Arbeitskraft und Wehrfähigkeit zu steigern

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  • #13
    Psychologe

    "Wie kommen Sie auf Olanzapin? Wie hoch ist Ihre Tagesdosis?"

    Sie können mir glauben, ich könnte ruhiger Schlafen, wenn der Wahnsinn in meinem Kopf wäre und nicht auf der Straße.

  • #14
    Sven Türpe

    Wenn wir die politischen Gefahren für einen Moment ignorieren, sehen wir vielleicht einen interessanten Remix von Ideen. Als ich Anfang April in Darmstadt an einem Kino vorbeifuhr, in dessen Schaukästen noch das Programm von vor zwei oder drei Wochen hing, dachte ich spontan: „War das nicht eigentlich das Drehbuch von ‚Todeszone‘?“ Das Dokumentarspiel „Todeszone“ malte sich Anfang der 1990er Jahre eine Kernschmelze im Kraftwerk Biblis aus.

    Die Kerntechnik ist die unangefochtene Königin unter den Gruseltechnologien und der beschlossene deutsche Ausstieg daraus einer der größten Erfolge, die Protestbewegungen hierzulande in der jüngeren Vergangenheit erzielt haben. Mit diesem Erfolg fällt jedoch auch das Thema weg und die Protestenergie sucht sich neue Wege. Manche sind konstruktiver als andere. An dem einen Ende des Spektrums stoppt Greenpeace jetzt keine Castor-Transporte mehr, sondern Tagebaubagger und Kohleförderbänder. Das ist nach allem, was wir über Kohlendioxid und das Klima wissen, vernünftig und nachvollziehbar. Am anderen Ende finden sich Aluhutträger und Verschwörungstheoretiker. Irgendwo in der Mitte stehen Datenschützer – die Wurzeln des Datenschutzes liegen nicht zufällig in den 1970er Jahren – und raunen von der Macht der Algorithmen und den Gefahren der Videotelefonie. In dieser Mitte hat sich nie jemand an Selbstinszenierungen als Bürgerrechtler („Freiheit statt Angst!“, „Digitalcourage“, Digitalcharta: „Wir fordern digitale Grundrechte!“, Verständnis von Datenschutz als allgemeinem Grundrechtsschutz, …) gestört.

    Parallel dazu führten insbesondere mit dem Aufstieg der Grünen Karrierewege aus frühen Protestbewegungen bis in die höchste Politik, am sichtbarsten in Gestalt zum Beispiel von Joschka Fischer. Jetzt greifen andere nach der Protestfolklore, den Memen, und der Rhetorik früherer Bewegungen, setzen ihre eigenen Inhalte darauf und hoffen, ein vergleichbares Ergebnis zu erzielen.

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