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Im April an Corona verstorben: Eva Sternheim-Peters

Eva Sternheim-Peters, verstorben am 13. April 2020; Foto: Amrei-Marie / CC BY-SA

Die Zeit der großen Täuschungen. Mädchenleben im Faschismus und  Habe ich denn allein gejubelt? Eine Jugend im Nationalsozialismus sind zwei persönliche Sichtweisen auf die Zeit des Nationalsozialismus.

Der erstgenannte Buch steht in meinem Regal. Selbst gekauft hätte ich mir dieses Buch vermutlich nicht. Es war ein Geschenk. Die Autorin dieser Bücher ist Eva Sternheim-Peters, die – wie jetzt bekannt wurde – am 13. April 2020 in Berlin verstorben ist.

Das ich Eva-Sternheim-Peters besonders gut gekannt habe, kann ich nicht behaupten. Anfang der 90er habe ich sehr oft Berlin besucht. Erstmals im April 1991. Mein erster Trip den ich alleine gemacht habe: Zuvor war ich nur mit meinen Eltern in Berlin, im April 1986 oder so. Als die Mauer noch stand und alles ein wenig anders war.

Meinen Schlafplatz habe ich mir damals über die Mitwohnzentrale in Berlin gesucht. Die erste Schlafgelegenheit war in der Duisburger Straße Ich hab das mit dem Straßennamen damals für ein gutes Omen gehalten: Duisburger Straße? Kann ja nur gut sein. Ich lag schwer daneben. Mein Zimmer war in einer geräumigen Wohnung in der auch eine „Zentrale für transzendentale Mediation“ (oder so ähnlich) ihre Räume hatte. Es wurden komische Trommeln geschlagen und irgendwie gebetet – oder was auch immer getrieben.

So ganz geheuer kam mir das nicht vor. Ich hab nach der ersten Nacht erneut die Mitwohnzentrale aufgesucht – ein  Handy hatte ich damals nicht – und bekam eine andere Wohnung zugewiesen. In Berlin-Charlottenburg.

Und so lernte ich Eva Sternheim-Peters kennen.

„Mitwohnen“ bei Eva Sternheim-Peters war mehr als bei anderen Mitwohngelegenheiten die Regel war: Es gab Kaffee, es wurde geschwätzt und zum Mittagessen wurde man, falls an anwesend war, mit zu Tisch gebeten. Sie hat dann über sich erzählt und was sie so macht: In ihrer Jugend war sie glühende Anhängerin des BDM und glaubte an den Führer. Damit hat sie gebrochen und ihren damaligen Weg aufgearbeitet. Auch in einem Buch.

Die Zeit der großen Täuschungen. Mädchenleben im Faschismus bekam ich nach einem längeren Gespräch, über dies und das, am ersten Tag von ihr geschenkt. Ich habe dann immer bei ihr gewohnt. wenn ich in Berlin war. Zwischen 1991 und 2000 kam das öfter vor. Zu ihrem Wirken um an die Vergangenheit zu erinnern: Dazu hat Der Tagesspiegel vor zwei Tagen einen Nachruf veröffentlicht:

Sie hat Hitler glühend verehrt. Später sprach sie offen über den Wahnsinn – und sie schrieb ein Buch, das anfangs nicht viele lesen wollten.

(Quelle: Tagesspiegel)

Was mir besonders in Erinnerung bleibt? Unendliches Vertrauen und Herzlichkeit.

Die Osterfeiertage 1992 waren nicht gerade die besten Stunden meines Lebens: Eigentlich wollte ich mich mit meiner damaligen Freundin in Berlin treffen – die dann aber durchgebrannt ist. Kurz darauf wurde ich überfallen und meiner Brieftasche entledigt. Der Tag war damit für mich gelaufen, der Berlin-Trip ebenfalls: Ich wollte zurück nach Duisburg, was ohne Geld und Ausweise natürlich nicht so einfach ist.

„Gib mir das Geld beim nächsten Besuch!“ – oder sowas in der Art – sagte Eva Sternheim-Peters dann beim Kaffeetrinken in ihrer Wohnung. Nachdem ich von der Polizei kam, wo ich zuvor Anzeige erstattet habe. Die Summe die sie mir gab war, nach meinen Verhältnissen, nicht unerheblich. Ihre Aufmunterungsversuche waren auch nicht ganz umsonst.

Sie hat mich dann noch zum Bahnhof Zoo begleitet, um sicher zu gehen, dass die Sache mit dem Ticket klappt und ich meinen Zug kriege.

Das mit dem Ticket klappte, die Sache mit dem Zug verlief nicht optimal: Verplant wie ich war, hechtete ich übereilt in den Zug nach Moskau: Erster Zwischenstopp: Warschau. Ich hatte zum Glück einen gnädigen Schaffner und kam mit 24 Stunden Verspätung dann doch noch irgendwie in Duisburg an. The worst Berlin Trip ever.

Bei meinem telefonischen Bericht – ich hab mich nochmals für das geliehene Geld bedankt – über die misslungene Zugfahrt hat sie ziemlich gelacht.

„Steig in den richtigen Zug!“ war danach, ich habe noch mehrmals dort gewohnt, sowas wie ein Running Gag während meiner späteren Trips nach Berlin bis zum Jahre 2000.

Am 13. April 2020 ist Eva Sternheim-Peters in Berlin an Corona verstorben.

Nachruf auf Eva Sternheim-Peters im Tagesspiegel

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6 Kommentare zu “Im April an Corona verstorben: Eva Sternheim-Peters

  • #1
    thomas weigle

    Ohne Zwischenstopp nach Warschau? !992? Keine Grenzkontrolle in Frankfurt Oder? Kein Halt in Reppen und Posen? Kaum vorstellbar.

  • #2
    Peter Ansmann Beitragsautor

    Kontrolle ja, aber keine Möglichkeit auszusteigen damals. Wobei ich den Fehler unmittelbar nach der Abfahrt gemerkt habe. Das lief aber Gottseidank erstaunlich gut ohne Ausweis, weil klar war dass ich a) nicht in den verdammten Zug wollte, b) total fertig aussah, c) die Durchschrift der Anzeige (Gestohlener Personalausweis etc.) dabei hatte. Die Bahn hat mich sogar umsonst wieder nach Berlin gebracht. Kann sein dass die das Gleis irgendwie kurzfristig geändert hatten, ich weiß es aber nicht mehr so genau. Rzepin wurde aber damals definitiv nicht angefahren.

  • #3
    Kreuzberger

    @thomas weigle

    Brüssel – Köln – Berlin – Warschau – Brest – Minsk waren die einzigen Stops einer Bahnlinie die damals zwischen Paris und Moskau bestand. Das im Beitrag erwähnte Malheur passiere übrigens häufiger als man denkt.

  • #4
    Peter Ansmann Beitragsautor

    @Kreuzberger:

    Bei Brest und Minsk klingelt was. Wobei die eigentliche Pointe war: Es war mein erster Besuch in Berlin. Mein Ausweis war weg. Die Kohle ebenfalls. Ich konnte nichtmal mehr die Miete für die zwei oder drei Tage begleichen. Und die Frau gibt mir mal eben 200 DM oder sowas um den Dreh für die Rückfahrt: Was einiges über sie aussagt.

  • #5
    Susanne Scheidle

    @Peter Ansmann
    Das zeugt lediglich davon, dass Eva Sternheim-Peters offenbar wusste, in was für blümerante Situationen man so kommen kann im Leben.

    Ich finde es sehr beindruckend, dass sie so mutig war, ihre Zugehörigkeit und ihren Glauben and das Nazi-System zu thematisieren, dazu gehört nämlich Mut. Dass ihr Buch nicht so der Verkaufsschlager war, wundert mich gar nicht. Was die eigene Rolle während der Nazi-Zeit betrifft, haben die meisten Deutschen sich ja wohl mehr darauf spezialisiert, sich selbst einen in die Tasche zu lügen.
    Da muss man sich nur die unzähligen TV-Formate über "Kindheit im Krieg" u. ä. ansehen, die seit einigen Jahren gefühlt täglich in irgendeinem Spartenkanal gesendet/wiederholt werden: da hauen die interviewten Zeitzeugen bisweilen – unwidersprochen!- Bemerkungen raus, die einem die Nackenhaare sträuben.
    Und wer Harald Welzers Bücher "Täter" und "Opa war kein Nazi" gelesen hat kommt nicht um die deprimierende Erkenntnis herum, dass selbst Kriegsverbrecher gar nicht auf die Idee kommen, dass sie evtl. ein Verbrechen begangen haben könnten und deren Kinder und Enkel historische Realitäten gerne zurechtbiegen um sich das Bild von den liebevollen Eltern/Großeltern nicht versauen zu lassen.

    Also Hut ab vor Eva Sternheim-Peters.

  • #6
    Berthold Grabe

    @5
    Sie haben recht. Der Mensch verdrängt und hat es immer getan um weiter in den Spiegel zu schauen.
    Darin unterscheiden sich aber unsere Vorfahren nicht von uns. Nur die Zeiten sind andere, so das wir nicht so vieles Schlimmes verdrängen müssen.
    Hinzu kommt. das es trotzdem relativ Wenige waren, die tatsächlich "dabei" waren.
    Man denke nur an heutige Demos mit vielen Tausend Menschen, die den Anschein erwecken, die ganze Bevölkerung würde aufstehen, dabei ist das Gegenteil der Fall.
    Und man muss unterscheiden zwischen dem Jubel bei Siegesrhetorik und gut inszenierten Veranstaltungen und tatsächlicher Unterstützung für die Abgründe.

    Aber auch zu dieser Lesart wollten sich nicht viele offen jenseits des Privaten bekennen, allerdings durchaus nachvollziehbar. Weil Angesichts der Ungeheuerlichkeiten auch die Verurteilungen ebenso absolut waren und sind, wie die getätigten Verbrechen.
    Extreme lassen differenzierte Sichtweisen nun mal nicht zu.

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