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“In Pandemie-Zeiten ist das mit Geldgebern doppelt schwer”

Kann der VFL Bochum sein mausgraues Image abstreifen? | Foto: Peter Hesse

Wird der VFL Bochum zukünftig sein mausgraues Image abstreifen? | Foto: Peter Hesse

Kann die Bundesliga noch mit einer wirklichen Überraschung aufwarten? Bayern wird Meister, Schalke steigt ab, was passiert sonst? Unsere Fußballexperten Robin Patzwaldt und Peter Hesse spekulieren über Auf- und Absteiger, sprechen Ex-Torhüter Wolfgang Kleff nach dessen Corona-Krankheit ihr Mitgefühl aus und regen sich über die Fehltritte von DFB-Präsident Fritz Keller auf. Außerdem drücken beide dem VfL die Bochum beide Daumen für die letzten drei Spieltage.  

Peter Hesse: Hallo Robin, zum Ende der Saison ist die Meisterschaft so gut wie durch. Spannend ist nur noch wer auf und wer absteigt. Ich lege mich mal fest: neben Schalke denke ich werden Hertha und Köln absteigen – und hochkommen werden der VfL Bochum, Greuther Fürth und Holstein Kiel. Sicher, ganz realistisch ist das nicht – aber so wäre die 1. Liga mit ein paar Underdogs durchmischt – und umgekehrt hätten wir die vermutlich stärkste zweite Liga aller Zeiten – wenn dort noch Hansa Rostock, Dynamo Dresden und 1860 München aufsteigen würden. Ich würde das Klasse finden, wie sehen deine Vermutungen aus?

Robin Patzwaldt: Hallo Peter! Ich bin in Sachen Erstligaaufstieg ja eher für ein paar ‘große’ Klubs, denke, dass sich da in den vergangenen Jahren schon genug Traditionsklubs verabschiedet haben. Aber der HSV tut ja mal wieder alles dafür, dass er mit seinen Aufstiegsplänen scheitert. Ich finde es nicht gut, wenn die Zugkraft der ersten Liga weitersinken würde. Der Schalker Abstieg schlägt da eine riesige Lücke. ich will hoffen, dass weitere Großkaliber nicht runter müssen. Aber um Köln sieht es ja gerade auch nicht wirklich gut aus, auch wenn Funkel zuletzt im Glück war. Bielefeld und Mainz wären mir als Absteiger aber deutlich lieber als Köln und Hertha.

Bekommt der VfL Bochum zur neuen Liga neue Geldgeber und Sponsoren? Foto: Peter Hesse

Peter Hesse: Ich hänge vor allem am VfL Bochum und ich hoffe, dass mit dem Aufstieg jetzt nichts mehr schief läuft – obwohl der Club von der Castroper Straße auf den letzten Metern ganz schön viele Federn lässt. Nach elf Jahren Zweitklassigkeit wurde gegen Darmstadt eine riesige Chance vertan, denn der Spitzenreiter aus der Ruhrstadt konnte die überwiegenden Patzer der Konkurrenz am Wochenende nicht nutzen und kassierte am Montag beim SV Darmstadt 98 eine bittere 1:3 (0:0)-Niederlage – und das obwohl die Bochumer mit 1:0 in Führung lagen. Aber der HSV hat ja auch schon wieder gebockt – und nur ein Remis geholt. Wirklich interessant ist, dass die Bochumer in 31 Spielen nur drei Unentschieden geholt haben – ich weiß nicht ob das ein Liga-Rekord ist, aber höchst ungewöhnlich ist das schon.

Robin Patzwaldt: Ich habe es hier im Blog ja schon häufiger gesagt, dass ich die Leistungen der Bochumer häufig nicht wirklich überzeugend finde. Ich habe die Mehrzahl der Spiele in dieser Saison gesehen und fand sie nur selten wirklich gut. Die Bochumer profitieren aus meiner Sicht sehr stark davon, dass es schlicht keine bessere Mannschaft in dieser Saison zu geben scheint. Das ist kein Grund für den VfL sich nicht zu freuen, es steht jedoch zu befürchten, dass Bochum in Liga 1 eine Art von ‘Kanonenfutter’ wäre, wie es einst auch Braunschweig, Fürth und Paderborn waren. Die wirtschaftliche Kluft zwischen Liga 1 und 2 ist inzwischen halt gigantisch geworden. Und ich fürchte, dass der VfL das nicht geschlossen kriegt. schon gar nicht in der Corona-Zeit. Insofern schütte ich da mal etwas Essig in den Wein, auch wenn das so manchem Bochum-Fan sicher nicht gefällt.

Peter Hesse: Bochum müsste sich so in der ersten Liga entwickeln wie Union Berlin und nicht wie der SC Paderborn. Die Ostwestfalen waren in der Saison 2019/20 weit abgeschlagen auf dem 18. Tabellenplatz und holten in der Saison nur 20 Punkte aus 34 Spielen. So folgte postwendend der Abstieg in die 2. Fußball-Bundesliga. Bei Union kamen zahlungskräftige Investoren mit ins Boot, zum Beispiel das Gewerbeimmobilien-Unternehmen Aroundtown, die Sparkasse, Wefox Versicherungen oder die Total Tankstellen Gruppe. Und so ähnlich müsste das in Bochum auch laufen. Die Aral Gruppe hat ja ihren Bürositz in Bochum, vielleicht werden da schon die ersten Gespräche geführt…

Robin Patzwaldt: In Pandemie-Zeiten ist das mit Geldgebern doppelt schwer. Und der VfL hat in den vergangenen Jahren eher Rück- als Fortschritte gemacht. Aus den Unabsteigbaren wurde eine graue Maus in Liga 2, die ihr Stadion auch vor Corona nur selten voll hatte. Ich wäre daher nicht zu optimistisch. Aber gönnen würde ich es dem VfL natürlich auch. Aber die ‘Sandwichlage’ zwischen Schalke und dem BVB ist da auch kein Vorteil. Wäre ich ein Konzern mit Sponsoring-Aktivitäten, ich würde zu den Klubs mit mehr Fans und Strahlkraft gehen. Ich fürchte, Bochum braucht dafür viele Jahre Aufbauarbeit. Union Berlin war schon vor dem Aufstieg ‘Kult’ in Berlin. Das kann man vom VfL im Ruhrgebiet leider nicht behaupten. Und wie gesagt: mit dem Thema Corona wird das für den Bochumer Club doppelt schwer, um neue Gelder zu generieren…

Wolfgang Kleff (rechts im Bild) gewann mit Borussia Mönchengladbach zwischen 1970 und 1977 fünf Mal die deutsche Meisterschaft | Credit: wikipedia / Friedrich Magnussen / CC BY-SA 3.0 DE

Peter Hesse: Immer wieder Corona – das leidige Dauerthema. Es hat übrigens auch den ehemaligen Fußballtorhüter Wolfgang Kleff von Borussia Mönchengladbach erwischt. Und er hat seine Corona-Erkrankung nur mit sehr viel Glück überlebt. Der heute 74-Jährige lag nach eigenen Angaben zwei Tage lang hilflos in seinem Haus in Rheydt auf dem Boden und konnte noch nicht mal auf Anrufe reagieren, ehe sein besorgter Sohn die Polizei alarmierte. Der frühere Keeper von Borussia Mönchengladbach lag anschließend 16 Tage im Krankenhaus und hatte Angst zu ersticken. Kleff sagte gegenüber einem Reporter von der Bild-zeitung: „Es war zum Glück nicht die schlimmste Form von Corona, aber immer noch schlimm genug. Ich wusste am Anfang nicht einmal mehr, wer ich war.“ Ich hoffe inständig, dass es keine vierte Welle gibt – die Leute verzweifeln weltweit an der Seuche. Es ist einfach nur noch grausam…

Robin Patzwaldt: Da können wir aus Sicht der Bundesliga nur hoffen, dass wir den Mai auch noch über die Bühne bekommen. Die EM danach könnte man sich aus meiner Sicht aber klemmen, um ehrlich zu sein. Zumal die Planungen mit Zuschauern im Stadion laufen. Das finde ich völlig daneben in dieser Zeit und zeigt nur, wie wenig der Fußball in der aktuellen Lage entgegen aller Beteuerungen von vor rund einem Jahr dazugelernt hat.

Peter Hesse: Der Fußball zeigt momentan zu oft sein weltfremdes Gesicht und das trifft auch auf den DFB-Präsidenten Fritz Keller zu. Der hat, laut einem Bericht vom Spiegel, seinen Vizepräsidenten Rainer Koch in einer kontroversen Sitzung mit dem Schimpfwort „Freisler“ etikettiert. Zur Erinnerung: Freisler war der berüchtigte Präsident des NS-Volksgerichtshofes und für 2.600 Todesurteile politischer Gegner verantwortlich. Obendrein war diese höchst umstrittene Figur noch Teil-nehmer der Wannsee-Konferenz, auf der der Massenmord an europäischen Juden beschlossen wurde. Ein abscheulicher und grotesker Vergleich also, der einerseits zeigt, wie sehr dem DFB-Präsidenten inzwischen die Kontrolle entglitten ist, andererseits auch klar macht, dass der Machtkampf an der DFB-Spitze hoffentlich irgendwann mal ein Ende finden wird. Ob das für eine Amtsenthebung reichen wird? Nun, nötig wäre die schon lange…

DFB-Präsident Fritz Keller / Credit: wikipedia / Olaf Kosinsky / CC BY-SA 3.0

Robin Patzwaldt: Och, die Führung des DFB nehme ich schon lange nicht mehr wirklich ernst. Auch Keller war ja angetreten um alles besser zu machen. Aber erkennen kann ich das nicht. Und ich fürchte, auch ein Nachfolger würde daran nicht viel ändern…

 

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