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Innovation City: Flop oder Fehlstart?

Um den Titel Innovation City bewarben sich 2010 16 Städte

Innovation City sollte Milliardeninvestitionen für eine grüne Musterstadt im Ruhrgebiet möglich machen. Bislang ist davon nicht viel zu sehen. Innovation City hat einen fulminanten Fehlstart hingelegt – ist das Projekt noch zu retten?

Es geht um viel Geld, es geht um das Ruhrgebiet, um die Zukunftsfähigkeit der Dauerkrisenregion und ein wenig um auch die Rettung der Welt. Die Ziele waren hoch gesteckt, als der Initiativkreis Ruhr (IR), der Zusammenschluss der größten Unternehmens des Reviers, 2009 das Projekt Innovation City vorstellte. Der damalige Moderator, so werden beim Initiativkreis die Vorsitzenden genannt, Wulf Bernotat, der seinerzeit auch Vorstandsvorsitzender des Energieunternehmens Eon war, präsentierte ein technologisches Großprojekt: Ein Stadtteil einer Ruhrgebietsstadt sollte zum Öko-Labor  werden. Hier, so seine Idee, sollten die Unternehmen Technologien entwickeln, um in dem Quartier den Co2-Ausstsoss innerhalb von zehn Jahren um 50 Prozent zu senken. Vor allem die großen Ruhrgebietskonzerne sollten die Chance nutzen, ihre Leistungsfähigkeit zu zeigen. Ein ganzer Stadtteil als Showroom für technologische Exzellenz. Die Idee war bestechend. Bernotat begeisterte die Städte und setze sich zugleich von seinem Initiativkreis-Vorgänger Werner Müller ab, der sich vor allem als Schöngeist und Förderer der Künste präsentiert hatte und unter dem fast in Vergessenheit geraten war, warum der IR in den 80er Jahren gegründet worden war: Um die Wirtschaftskraft des Ruhrgebiets zu stärken. Und genau das wollte Bernotat erreichen: Das Revier sollte zum deutschlandweiten Schrittmacher für Öko-Technologien werden.

Mehr als 40 Ruhrgebietsstädte interessierten sich für die Teilnahme  an dem Projekt, fünf kamen in die näher Auswahl und schließlich entschied sich der IR für Bottrop. Die Stadt und ihre Oberbürgermeister, Bernd Tischler, hatten sich durch viel Engagement und einer durchdachte Bewerbung den Sieg redlich verdient.

Aber schon im Herbst vergangenen Jahres, als Bottrop zur Innovation City gekürt wurde, wurden die ersten Zweifel an dem Projekt laut. Hinter vorgehaltener Hand hörte man aus Revier-Großstädten, dass Innovation City sie eigentlich nicht interessieren würde. Es gäbe da viel größere und spannendere Projekte, an denen man sich beteiligen wolle. Innovation City sei eigentlich egal. Denn als Innovation City 2009 vorgestellt wurde, regierte in Düsseldorf noch Jürgen Rüttgers (CDU) an der Spitze eine schwarz-gelben Koalition. Die hatte Bernotats-Vision unterstützt. Hannelore Krafts rot-grüne Nachfolgeregierung hatte dann ihr eigenes Projekt in den Koalitionsvertrag geschrieben: Eine Klima-Weltausstellung, kurz Expo genannt. Was die genau bringen soll und wie viel sie kosten wird, ist bis heute nicht so ganz klar, aber Klima-Expo klang schon einmal nicht schlecht. Und der gute Klang war es wohl auch, der die großen Ruhrgebietsstädte davon träumen lässt, Mitte des Jahrzehnts Green Capital  zu werden. Zwar trug Hamburg diesen Titel im Jahr 2010 ohne damit für mehr als ein Schulterzucken gesorgt zu haben, aber durch beide Vorhaben wurde Innovation City immer kleiner und unbedeutender. Auch auf Seiten des Initiativkreises: Nach der Kürung Bottrops geschah lange Zeit nahezu nichts. Eine GmbH wurde aufgebaut, mit Markus Palm ein Geschäftsführer bestellt und als auf Bernotat WAZ-Chef Bodo Hombach als IR-Moderator folgte, ging Bernotat in den Aufsichtsrat der Innovation City GmbH. In Bottrop geschah dann erst einmal wenig. Unternehmen, die auf Aufträge gehofft hatten, gingen leer aus. Geld floss nur tröpfchenweise und die Stimmung zwischen der Stadt und dem IR wurde immer schlechter.

Von Aufbruch keine Spur – was auch an den Unternehmen lag. Ein Mitarbeiter der Innovation City Ruhr GmbH zur Welt am Sonntag: „Firmen wie RWE und Eon fingen schnell, an das Interesse an dem Projekt zu verlieren. Spätestens im Frühjahr nach Reaktorkatastrophe von Fukushima hatten sie wohl auch andere Probleme als den Bottroper Süden zur Öko-Musterstadt aufzubauen.“ Auch Aufsichtsrat Wulf Bernotat schien nach seinem Ausscheiden aus der IR-Spitze anderen Interessen nachzugehen. „Bernotat hat sich für das Projekt kaum engagiert. Er hat den klassischen Aufsichtsrat gegeben, der nur ab und an mal vorbeischaut.“

Doch nicht nur Wulf Bernotat werden Vorwürfe gemacht. Auch der Innovation City Geschäftsführer Markus Palm galt schnell als Fehlbesetzung. Vor allem Bodo Hombach war mit der Arbeit Palms wohl nicht zufrieden. Hombach soll sich von Palm mehr Druck auf die Mitglieder des Initiativkreises gewünscht haben, ihren Verpflichtungen gegenüber dem Projekt nachzukommen. Palm indes beschäftigte sich eher mit dem Aufbau der GmbH. Im Sommerurlaub zog  Hombach dann nach Informationen diese Zeitung die Notbremse und sorgte von seinem Domizil an der kanadischen Pazifikküste aus dafür, dass Palm seinen Posten räumen musste. Schon zuvor hatte er ihm einen alten Genossen zur Seite gestellt: Den ehemaligen Oberhausener Oberbürgermeister und Immobilienmanager Burkhard Drescher. Auf eine Anfrage der Welt am Sonntag wollte sich Hombach zu dem Thema nicht äußern.

Drescher ist im Ruhrgebiet hervorragend vernetzt. Ein Machertyp. Er holte das Einkaufszentrum CentrO nach Oberhausen und träumte von einem Riesen-Wissenschaftspark in CentrO Nachbarschaft. Als sich  die Visionen als unerfüllbar erwiesen, wechselte er in die Immobilienwirtschaft: Erst zur ehemaligen RAG-Tochter Montan Grundstücksgesellschaft, später brachte er dann das Immobilienunternehmen GAGFAH an die Börse. „Mit Drescher haben wir den richtigen Mann für den Neustart gefunden“ sagt ein Mitarbeiter aus dem IR mit einem optimistischen Blick auf die Zukunft von Innovation City und auch Drescher gibt sich erfolgsgewiss. Auf Bernotats mangelndes Engagement angesprochen, weist Drescher alle Vorwürfe zurück: „Herr Bernotat hat hinter den Kulissen sehr effektiv gearbeitet und die Kontakte gemacht, von denen wir heute profitieren.“ Für Drescher steht außer Frage, das Innovation City ein Erfolg wird: „Die Unternehmen stehen bereit. Land und EU unterstützen uns und bald werden sich die Kräne in Bottrop drehen.“

Während er mit der Welt am Sonntag sprach, war der Innovation City Ruhr Chef auf der Immobilienmesse ExpoReal in München, Mitte der Woche dann in Brüssel ,um weitere Unterstützung für Bottrop einzuwerben. Auch die Partnerkonferenz Anfang September, sagt Drescher, sei ein großer Erfolg gewesen. Zahlreiche Unternehmer Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Kanzleramtsminister Ronald Pofalle und EU-Kommissar Johannes Hahn hätten in Bottrop ihre Unterstützung bekundet. Und auch in der Stadt  sei man jetzt arbeitsfähig. Dort hat ein Informationszentrum nach Startschwierigkeiten seine Arbeit aufgenommen und bietet unter anderem Energieberatung an.

In Kreisen der Landesregierung teilt man indes Dreschers Begeisterung nicht: „Das Land hat seinen Anteil  erfüllt und Fördermittel bereit gestellt, aber wir sehen nicht, dass die Industrie ihren Versprechungen nachkommt.“ Der Initiativkreis habe bei der Vorstellung des Projekts Erwartungen geweckt, die bislang nicht im Ansatz erfüllt worden seien. „Beim Land gibt es viele, die nicht mehr vom Erfolg von Innovation City überzeugt sind. Auch die Partnerkonferenz war eine Enttäuschung und brachte zu wenig konkretes.“

Auch in der Betreibergesellschaft glauben nicht mehr alle an den Erfolg: „Alle werden jetzt im IR immer kleinlauter wenn es um das Thema Innovation City geht. Dem Projekt fehlt die Zeit und vor allem: Die Unternehmen leisten ihren Beitrag nicht.“

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt an Sonntag

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19 Kommentare zu “Innovation City: Flop oder Fehlstart?

  • #1
    Franz Przechowski

    Einmal mehr landet eine gute Idee auf der großen Abraumhalde kleinkarierter Interessen. So bekommt das Ruhrgebiet niemals eine neue Dynamik und ein besseres Image. Sehr Schade für die jungen Menschen in dieser Region.

  • #2
    teekay

    Leider lesen sich die ‘Drehbuecher’ zu derartigen Initiativen immer aehnlich: Ein paar uebliche Verdaechtige (das heisst, Leuten mit vermeintlich guten ‘Beziehungen’ hinter ‘den Kulissen’), die ausschliesslich maennlich, ueber 40 und Anzungstraeger sind, kommen zusammen und beschliessen etwas ‘von oben’, was man eigentlich nicht von oben beschliessen kann (Demokratie, Innovation, Zuzug von jungen, gut ausgebildeten Kreativen). Im Ruhrgebiet ist wichtig, dass mindestens ein Energieunternehmen an Bord ist, denn die sind fuer ihre soziale Ader und ihren unbaendigen Veraenderungswillen bekannt. Dann richtet man eine GmbH oder aehnliches ein. Die beklagt nach einer Weile entweder die fehlenden finanziellen Mittel oder die fehlenden Ansprechpartner in Politik und Verwaltung-wahlweise auch beides. Eine Konferenz von mehr Anzugstraegern soll es dann richten, damit der Helmut und der Klaus das mal bei einem Bier auf den Weg bringen koennen-kann ja nicht so schwer sein! Am Ende bringt man das Projekt dann zu einem halbwegs akzeptablen Abschluss mit einem ‘Musterbeispiel’ oder einer Hochglanz-Broschuere die die ‘Ergebnisse’ zusammen fasst. ‘Der Anfang ist gemacht’, sagt dann der Mann von der GmbH und nun sei es an den Buergerinnen und Buergern ihren Teil zum Erfolg beizutragen, schliesslich koenne man ja nicht alles immer ‘von oben’ diktieren…

  • #3
    lebowski

    “..Wulf Bernotat, der seinerzeit auch Vorstandsvorsitzender des Energieunternehmens Eon war, präsentierte ein technologisches Großprojekt: Ein Stadtteil einer Ruhrgebietsstadt sollte zum Öko-Labor werden.”

    Na das isses doch schon. Zechen und Stahlwerke machen dicht, die Leute ziehen weg: mehr Ökologie geht nicht. Die Vorstellung, Ökologie mit Innovation fördern zu können, fand ich schon immer etwas albern. Innovation braucht man nur, wenn man sich nicht ändern und alle Probleme mit irgendeinen technologischen Schnickschnack kurieren will.

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  • #5
  • #6
    Robin Patzwaldt

    Ich erinnere mich noch. Mein erster Reflex, als ich erfuhr das ausgerechnet Bottrop diesen ‘Titel’ zugesprochen bekam, war damals ein ungläubiges Lächeln. Offenbar war meine Reaktion, obwohl damals noch ohne tiefergreifendes Wissen zum Thema entstanden, nicht ganz so verkehrt. 😉

  • #7
  • #8
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @lasse k: Weil ich Mitarbeiter der Welt am Sonntag bin – und ich bin es sehr gerne.

  • #9
  • #10
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Crusius: Ja. 😉 Und man kann wirklich schöne Geschichten schreiben.

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  • #12
    Anton Kowalski

    Die Innovation City des Initiativkreises Ruhrgebiet in Bottrop floppt offenbar ähnlich wie die T-City der Telekom in Friedrichshafen. Eigentlich Schade! Und hier wie dort: The show must go on…

  • #13
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  • #15
    Erdgeruch

    1 Milliarde Euro Gesamtvolumen bei 30 Millionen EU-Mitteln und 30 Millionen vom Land – das kann auch nicht funktionieren. Bei solchen Projekten ist die Hebelwirkung 1:3, höchstens 1:4. Mit anderen Worten: Der IR hätte 200-250 Millionen öffentliche Fördermittel gebraucht, ihm war aber von Anfang an klar, dass es die nie geben wird. Trotzdem hat er erstmal durchgezogen.

  • #16
    Knut

    Ich möchte #2, Teekay, zustimmen. “Die Wirtschaft” stielt solche Projekte immer geschickt ein: Ursprünglich hieß es, die im IR vernetzten Unternehmen wollen ein vollends privatwirtschaftlich getragenes Projekt initiieren und entsprechende Gelder bereit stellen. Schon die schwarz-gelbe Landesregierung war ja nicht blöd und machte schnell deutlich, dass sie die private Initiative begrüße, aber keine finanzielle Unterstützung in Aussicht stelle.

    Dann lobt der IR einen aufwändigen Wettbewerb unter den STädten aus und weckt so Begehrlichkeiten. An die Zusagen des IR, Millionen in die Innovation City zu investieren, scheint man sich dort in dieser Reinkultur nicht gerne erinnern zu wollen. Jetzt wartet man doch auf staatliche Zuschüsse, die die IR-Unternehmen natürlich gerne für ihre Investitionen annehmen würden. Toll, dass man mit Drescher einen der bekanntesten Lautsprecher verpflichten konnte, der schon so manche staatliche Fördermillionen verbuddelt hat.

    Geschickt eingefädelt, lieber Inititativkreis!

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