
Energiesicherheit, Autoproduktion, Chemieindustrie: Um der vermeintlichen Überlegenheit „klimafreundlicher“ Technologien und Lebensweisen eine Bresche zu schlagen, zerstört die Politik mit irritierender Selbstverständlichkeit, was lange gut funktionierte und Wohlstand sicherte.
Stattdessen werden Ersatzhandlungen in Form von teuren, marktfernen Illusionen wie Wasserstoffwirtschaft erzwungen, was die industrielle Basis Deutschlands immer weiter erodieren lässt. Eine Unterabteilung dieses Kampfes gegen jedwede ökonomische Vernunft spielt sich in vielen Städten ab, wo auf Biegen und Brechen die sogenannte Verkehrswende exekutiert werden soll. Und auch dies geschieht ohne Rücksicht auf funktionierende Strukturen, wie seit Jahren das Fallbeispiel Essen-Rüttenscheid zeigt. Mit den sogenannten „Superblocks“ wurde kürzlich eine neue Runde bei der Unsinn-Erfindung eröffnet.
Merkwürdigerweise ist der Veränderungseifer von Ideologen da besonders groß, wo sich in den Städten noch so etwas wie Vitalität regt – was bekanntlich gerade im Ruhrgebiet eine seltene Erscheinung ist, die man eigentlich hegen und pflegen sollte. Rüttenscheid erfreut sich eines großen, gut funktionierenden, mehrheitlich noch inhabergeführten Einzelhandels,allein dies ist in Essen und darüber hinaus mittlerweile eine Rarität. Generell brummt im Stadtteil die Wirtschaft, Dienstleister aller Art, Gewerbebetriebe und auch Behörden ziehen reichlich Arbeitspendler an. Rüttenscheid ist dank zahlreicher Gastronomien aber auch ein Ausgehviertel und eine überaus beliebte Wohngegend – was verwundern könnte angesichts der Jammerei im links-grünen Milieu.
Dort wird man nicht müde zu behaupten, der Autoverkehr würde den Stadtteil schier erdrosseln und die Wohnqualität der Anwohner drastisch mindern. Wenn diese Theorie stimmt, fragt man sich nur, warum dann Wohnungen nicht etwa leer stehen, sondern den Vermietern für zunehmend stolzere Summen aus den Händen gerissen werden, kaum dass sie auf dem Markt sind – was ohnehin selten geschieht. Klar, die erfreuliche und geradezu idealtypische Nutzungsmischung bringt es mit sich, dass das Verkehrsaufkommen beträchtlich ist, was zweifellos Schattenseiten hat – vor allem in Zeiten, wenn noch Großveranstaltungen der Messe Essen obendrauf kommen. Niemand hätte etwas gegen kluge Optimierungen im Detail. Nur: Alles gleichzeitig kann man halt nicht haben. Wer es gerne sehr ruhig mag, findet im Übrigen in Essen überreichlich Auswahl. Manche Stadtteile ähneln, was Handel und Wandel betrifft, längst Friedhöfen.
In einer Stadt und einer Region, in der an prekären Standorten nicht gerade Mangel herrscht, darf sich Rüttenscheid unterm Strich jedenfalls glücklich schätzen – so könnte man meinen. Tatsächlich ist das Quartier in den letzten Jahren aber zum Zankapfel geworden, was 2020 mit der absurden, von der mächtigen Deutschen Umwelthilfe juristisch erzwungenen Umwandlung der zentralen Rüttenscheider Straße in eine Fahrradstraße begann. Seitdem toben um den Stadtteil wahre Grabenkämpfe.
Auf der einen Seite stehen diejenigen, die sich freuen, dass in Essen mal was funktioniert. Sie sehen daher wenig Anlass für riskante Veränderungen, die bereits zigfach andernorts zum Niedergang besonders des Einzelhandels führten. Und dann sind da die anderen. Einer politischen Zwangsstörung nicht unähnlich entwickeln die Grünen bzw. die mit ihnen verbündeten oder sympathisierenden Gruppen und Verbände immer neue Ideen, damit Rüttenscheid bald zu Tode beruhigt und im Ergebnis dann so schön langweilig wird, wie es zig andere mittlere und größere Zentren im Ruhrgebiet schon länger sind. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich in solchen Kreisen sehr viel öffentlicher Dienst konzentriert, das Verständnis für Ökonomisches also eher gering ist.
Sie werden unterstützt, teilweise auch munitioniert, von einer Stadtverwaltung, in der sich in den letzten Jahren immer mehr Grünlinge in die Planungs- und Bauämter hineingerobbt haben, eifrig befördert von einer Baudezernentin mit grünem Parteibuch. Die Essener CDU, lange mit den Grünen verbündet, sah und sieht dem Treiben mehr oder weniger zähneknirschend zu. Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) schwankte zwischen grünem Einverständnis und dem zögernden Einhegen von ideologischem Übereifer und spielt ansonsten auf Zeit.
Gegen die Fahrradstraße, mit der eigentlich niemand glücklich ist, ließ sich nichts ausrichten. Da mit ihr keinerlei Sperrungen verbunden sind, hielt sich ihr Schaden noch in Grenzen. Gegen weitergehende grün-linke Stilllegungsphantasien haben es Einzelhändler, einzelne Bürger und eine meist geschickt zwischen den Fronten lavierende Interessengemeinschaft bisher geschafft, sich zur Wehr zu setzen. Ob das weiterhin mit Erfolg geschieht, steht aber in den Sternen. „Superblock“ heißt, wie eingangs erwähnt, das neue Zauberwort, das vor einigen Wochen von einem „Bürgerforum“ mit viel Tamtam öffentlich vorgestellt wurde. Dahinter verbirgt sich – man ahnt es – ein neuer erzieherischer Ansatz, um den Leuten ihre Autos madig zu machen.
Gemeint ist mit dem bombastisch klingenden Wort die Stilllegung ganzer Stadtviertel, wie es in Barcelona, Paris und auch in Stuttgart umgesetzt wurde. Abgesehen davon, dass sich die genannten Städte nur bedingt bis gar nicht mit Essen vergleichen lassen, ist es keinesfalls so, dass diese Projekte gehalten hätten, was sie versprachen. Mehr Ruhe für Anwohner bringen sie sicherlich, aber das kann für einen pulsierenden und prosperierenden Stadtteil wie Rüttenscheid angesichts der drohenden Nebenwirkungen wohl kaum ein Wert an sich sein.
Was schlägt das Bürgerforum nun konkret vor? Der im Ruhrgebiet seit Jahrzehnten einschlägig bekannte Stadtplaner Michael Happe skizzierte in einem Vortrag die übliche Mischung aus Einbahnstraßen, Zufahrtssperren, Pflanzkübeln und sogenannten Parklets – meist primitiv zusammenmontierte Holzkonstruktionen, die der „Aufenthaltsqualität“ dienen sollen. Auch so ein Leerwort, dessen Substanz nur mehr selten hinterfragt wird. In der Essener Innenstadt beispielsweise nahm und nimmt so gut wie nie jemand auf den hässlichen Parklets am Straßenrand Platz – was man nur zu gut verstehen kann. Unausgesprochen geht es bei solchen Konstruktionen auch gar nicht um „Bedarfe der Bürger“, wie es so schön gestelzt in der Verwaltungssprache heißt, sondern darum, möglichst Gründe zu finden, um Parkplätze für Autos vernichten zu können.
Überschrieben war Happes Vortrag mit dem Slogan „Alternativen zur Rüttenscheider Straße – weniger Blech, mehr Straßencafés“. Schon das ist einigermaßen albern, denn wenn in Rüttenscheid an einem kein Mangel herrscht, dann sind das Straßencafés – wobei nichts gegen diese segensreiche Gastronomiesparte gesagt sein soll. Sie sind übrigens stets sehr gut besucht, trotz des Autoverkehrs. Oder vielleicht gerade deshalb? Man weiß es nicht, es ist auch nicht so wichtig. Hauptsache, sie werden angenommen.
Das war nur der Beginn einer Kaskade von Unsinn, Halbwahrheiten und schlichten Auslassungen an diesem Abend. So bejammerte Happe, dass es zwar in Essen einige Fußgängerzonen gebe, jedoch – leider, leider – nicht in Rüttenscheid. Was der freiberufliche Planer „vergaß“ zu erwähnen: Wo immer in Essener Mittelzentren solche Fußgängerzonen eingerichtet wurden – in Steele, Borbeck, Altenessen –, ging es mit der Vitalität bald bergab. Sicherlich gibt es im Einzelfall für die Niedergänge auch noch andere Gründe, doch die Fußgängerzone (allein das Wort lässt erschaudern) hat dazu wesentlich beigetragen. Sie ist im Bullerbü-Maßnahmenregal deutscher Stadtplaner wohl das Spießigste überhaupt – ein Totmacher erster Güte, der Sensenmann nicht nur für den Einzelhandel.
Oder: Rund 1.000 Wohnungen sind in den letzten rund zehn Jahren in Rüttenscheid entstanden – weit mehr als irgendwo sonst in Essen. Das bestätigt zunächst eindrucksvoll die These, dass die Menschen hier trotz der im links-grünen Milieu verbreiteten Miesepetrigkeit gerne leben, vielfach auch gerne von außerhalb hinzuziehen. Natürlich ist auch das wieder nicht richtig, da ja laut Happe durch die neuen Wohnungen der Verkehr zunehme und Flächen versiegelt würden. Unterschlagen wurde, dass der Wohnungsneubau in Rüttenscheid nahezu ausschließlich auf Flächen stattfand, die zuvor gewerblich genutzt und somit bereits versiegelt waren; und nicht zuletzt erzeugten die bisherigen Nutzungen natürlich ebenfalls Verkehr. Es fällt sehr schwer zu glauben, dass ein in Essen beheimateter Stadtplaner diese Fakten nicht kennt. Wahrscheinlicher ist: Es passt nicht ins „Immer-schlimmer“-Narrativ, also lässt man es weg.
Oder: Um parkende Autos von der Straße zu bekommen und den Stadtraum dann stattdessen mit überwiegend hässlichen und nutzlosen Stadtmöbeln versehen zu können, schlug Happe den Bau von gigantischen Parkhäusern „an geeigneten Stellen“ in Rüttenscheid vor. Die Computeranimationen dazu, etwa für eine jetzt baumbestandene, im Wesentlichen als Parkplatz genutzte Freifläche am Rüttenscheider Stern, waren immerhin aufschlussreich. Es bleibt zu hoffen, dass sich auch weiterhin niemand findet, um derlei monströse Scheußlichkeiten zu finanzieren.
„Städte leben von der Begegnung von Menschen im öffentlichen Raum, nicht von Autos im öffentlichen Raum“, sprach Klaus Wermker, einer der Wortführer im sogenannten Bürgerforum. Der Satz ist so oder ähnlich sehr beliebt unter Stilllegern – auch gerne in der verkürzten Variante „Menschen statt Autos!“ Klingt in manchen Ohren gut, ist bei Licht besehen aber völliger Unfug, eine rhetorische Nebelkerze. Suggeriert wird damit, Autos würden quasi autonom agieren – maschinelle Bösewichter, die sich von ihren Eigentümern emanzipiert haben. Bekanntlich sitzen aber echte Menschen am Steuer, die das Auto für ihre Mobilitätsbedürfnisse nutzen, zum Beispiel auch, um Begegnungen mit anderen Menschen wahrzunehmen. Wer seriös sein wollte, könnte allenfalls fordern: „Menschen zu Fuß statt Menschen in Autos!“ Klingt aber natürlich nicht so schön plakativ.
Dass man solche Banalitäten überhaupt aufschreiben muss, ist eigentlich erschütternd, doch angesichts der erstaunlich kritiklosen Karriere der „Menschen statt Auto“-Rhetorik und der damit verbundenen primitiven Feindbildkonstruktion leider wohl nötig. Klaus Wermker ist in Essen übrigens kein Unbekannter. Viele Jahre spielte er eine Rolle in der Stadt als Leiter eines „Amtes für Entwicklungsplanung“, das mancher in der Stadtpolitik für überschätzt und allzu theorielastig hielt – wie es der Name schon andeutet. Als Pensionär kämpft Wermker seit Jahren gegen weitere Bauprojekte in Rüttenscheid, etwa auf dem alten Güterbahnhof, heute Messe-Parkplatz, dessen Anwohner er ist.
Einem Kritiker im Publikum der „Superblock“-Veranstaltung, der für Augenmaß warb, beschied er, in Rüttenscheid könne wegen des Klimawandels sowieso nicht alles bleiben, wie es ist. Das durfte selbstverständlich nicht fehlen an diesem Abend: dass auch von Rüttenscheid ein wichtiger Beitrag zur Rettung der Welt ausgehen möge und sich somit im Grunde jede Diskussion erübrigt. Der Schwund bei all dem, was gut funktioniert, ist dann halt in Kauf zu nehmen, so der mehr oder weniger offene Subtext. Ein deutscher Wahn, der von ganz oben bis in die kleinsten kommunalen Gliederungen durchdekliniert wird – und völlig zu Recht überall auf der Welt nur noch Kopfschütteln auslöst.

Wenn man den Text zwischen den Zeilen liest, stellt man fest, dass dies was als deutscher Wahn bezeichnet wird, man als protestantischen Wahn bezeichnen müsste: Anderen Leuten auf die Nerven gehen und gefühlt im selben Atemzug behaupten, dass man anderen Leuten (nur) etwas Gutes tun wolle; egal, ob andere Leute dies wollen oder nicht: Hauptsache man ist selber davon überzeugt, dass man auf der (vermeintlich/tatsächlich) richtigen Seite stehe!
Zitate:
„Ersatzhandlungen“. „Illusionen“. „Kampf[…] gegen jedwede ökonomische Vernunft“. „Unsinn-Erfindung“. „Ideologen“. „Jammerei im links-grünen Milieu“.“politische[…] Zwangsstörung“. „Grünlinge […] hineingerobbt“. „ideologische[r] Übereifer“. „Stillegungsphantasien“. „Stilllegung ganzer Stadtviertel“. „Kaskade von Unsinn, Halbwahrheiten und schlichten Auslassungen“. „Fußgängerzone (allein das Wort lässt erschaudern)“. „Bullerbü-Maßnahmenregal“. „das Spießigste überhaupt“. „Totmacher erster Güte“. „Sensenmann nicht nur für den Einzelhandel“. „im links-grünen Milieu verbreitete[…] Miesepetrigkeit“. „Ein deutscher Wahn“.
Meine Herrn. Was für eine Kaskade an Beschimpfungen und Abwertungen der Leute mit einer anderen Meinung. Man muss die Meinung der anderen, dass Straßen und Stadtviertel mit weniger Autoverkehr lebenswerter wären, und die Ideen, wie das zu erreichen wäre, ja nicht gut finden. Aber vielleicht, nur vielleicht, könnte man ja zumindest versuchen, die Anliegen der anderen Seite auch als legitime Interessen zu akzeptieren und sachlich zu diskutieren, statt die Leute mit anderer Meinung von vorne bis hinten ausschließlich als durchgeknallte und bösartige Verrückte darzustellen.
Besonders lustig: In diesem Text mit dieser Sprache über „Grabenkämpfe“ und „primitive[…] Feindbildkonstruktion“ klagen.
Projektion, ein klitzekleines bisschen?
Ich liebe Klartext. Denn der Unsinn kommt auf leisen Sohlen. Danke Frank Stenglein.