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Kein Sommermärchen zur EM?

Typisches Ruhrpott-Stilleben mit Swimmingpool und Deutschland-Fahne | Foto: Peter Hesse

Typisches Ruhrpott-Stilleben mit Swimmingpool und Deutschland-Fahne | Foto: Peter Hesse

Vielerorts kocht das EM-Fieber in der Vorrunde noch auf relativ kleiner Flamme. Die Belgier und die Portugiesen sind individuell sehr stark besetzt und könnten vielleicht den Titel holen. Weltmeister Frankreich ist personell vermutlich am stärksten besetzt und hat numerisch gesehen die größten Chancen. Das Team Deutschland braucht mehr Glück und Verstand, denn in ihrem Radius des Könnens sind sie doch zu stark eingeschränkt – aber schön und spektakulär sind nicht die Primärtugenden vom Team Bundesadler. Thommy Junga und Peter Hesse haben die bisherigen Vorrundenspiele mal näher betrachtet.

Peter Hesse: Hallo Thommy, Deutschland hat durch ein Eigentor von Hummels hat Deutschland gegen Frankreich verloren. Ich fühle mich ein bisschen an die EM 2000 erinnert, damals war Erick Ribbeck Bundestrainer und mit 61 Jahren der älteste Debütant in diesem Amt. Er holten den damals 39-jährigen Lothar Matthäus zurück ins Team und setzte ihn als klassischen Libero ein. So kam es zum Fiasko für die DFB-Auswahl: Im ersten Gruppenspiel konnte Deutschland gegen Rumänien nach einem raschen 0:1-Rückstand zwar noch ein 1:1-Unentschieden erzwingen. Danach gab es mit einem 0:1 gegen England und einem 0:3 gegen Portugal derbe Niederlagen. Anschließend durchlief Ribbeck ein mediales Fegefeuer. Der Spiegel schrieb, dass seine Team-Aufstellungen an die Ziehung der Lottozahlen erinnert und er steht als erfolg­lo­sester Bun­des­trainer in den Geschichtsbüchern. Was wird an gleicher Stelle über Jogi Löw in ein paar Jahren dort stehen?

Thommy Junga: Hallo Peter, vermutlich wird dort stehen, dass jede Nation ihre fußballerische Identität besitzt, unverwechselbar wie ein Fingerabdruck und Generationen von Spielern überdauernd. Antoine Griezmann warnte in der heimischen französischen Presse vor genau dieser großen Stärke der DFB-Elf: dem Auftritt als Kollektiv. Der deutsche Fußball war ehrlich gesagt selten der Schönste oder der Spektakulärste in einem Turnier, aber dennoch schon fast traditionell unangenehm für jeden Gegner zu spielen, immer auch deshalb schwierig zu dekodieren, weil ihre Stärke nicht allein im Fußballerischen zu suchen war. Seit der letzten WM 2018 hat sich diese Mannschaft dieses Nimbus selbst entledigt, Löw sie mit der Neuausrichtung als schnelle Kontertruppe gefühlt regelrecht selbst entzaubert. Das lässt wohl auch nicht zuletzt einige Fans mit ihrer Mannschaft fremdeln. Jogi wir vermutlich dennoch jeden Turnierausgang einigermaßen gut überstehen, denn in der Rückbetrachtung wird der WM-Titel 2014 bald wieder vieles überstrahlen und die Todesgruppe zu Milde verleiten. Den Kredit hatte Ribbeck nicht.

Franz Beckenbauer und Diego Maradona während eines Freundschaftsspiels im Jahr 1978 | Credit: wikipedia/El Gráfico/gemeinfrei

Peter Hesse: Frankreich spielte jetzt auch nicht wie eine offensive Übermacht, sondern sie taktierten schlau, schlitzohrig und kräfteschonend. Deutschland offenbarte vor allem Probleme auf der Doppel-Sechs im defensiven Zentrum: Gündogan und Toni Kroos waren nach hinten zu löchrig und beim Offensivdrang nach vorne zu umständlich – und zu lahm. Einen neuen Beckenbauer oder Maradona hat Jögi Löw nun eben nicht im Kader. Ich persönlich würde mir ja wünschen, dass diese EM für das deutsche Team kein zweites Sommermärchen wird – damit der Umbau danach mit abgeschnittenen Zöpfen in neue Bahnen gelenkt werden kann. Dennoch muss ich die Frage stellen: Was muss beim deutschen Spiel in den nächsten Partien besser laufen?

Thommy Junga: Ja, genau das meinte ich mit dekodieren. Die Franzosen haben dem Spiel der DFB-Elf mit ihrem disziplinierten Defensivverhalten den Zahn gezogen und die zentralen Mittelfeldspieler Kroos und Gündogan gezwungen, die dadurch notwendigen offensiveren Anspielstationen im letzten Drittel zu bilden. Da fehlte es dann bei Ballverlust an Balance im Verhalten gegen den Ball, gerade wenn du gegen vertikal so starke Gegner spielst. Mit Portugal kommt der nächste Gegner ähnlicher Qualitäten auf dich zu und du musst eigentlich nachjustieren, die Zentrale im Mittelfeld defensiv klarer strukturieren. Ein tiefer Sechser würde viel Stabilität bringen und helfen die tiefen Anspiele auf Bruno Fernandes zu verhindern. Opfern musst du dann einen Offensiven, die drei Spitzen hatten jedoch im französischen Hinterland zusammen nur unwesentlich mehr Ballkontakte als Kroos, da verschenkt man also wenig Potential.

Peter Hesse: Superstar Cristiano Ronaldo und der BVB-Spieler Raphael Guerreiro waren in der Partie Portugal gegen Ungarn die beiden auffälligsten Spieler – die dann durch einen eindrucksvollen Schlussspurt mit 3:0 gewannen. Die Ungarn standen tief, versuchten über ihr kompaktes und defensives Spiel, die portugiesischen Filigran-Techniker in Schach zu halten, bis Portugal in den letzten 10 Minuten das Spiel mit drei Treffen für sich entschieden. Ein Turnier wie eine EM zu entscheiden – dazu gehört Effizienz, Ausdauer und Durchsetzungskraft.  Bei den Sportwetten-Anbietern liegen derzeit die Franzosen vorn, darauf folgen England, Belgien, Deutschland und Spanien. Portugal derzeit nur auf dem sechsten Platz. Welchem Team traust du am Ende den EM-Titel zu?

Thommy Junga: Die Belgier und die Portugiesen sind individuell sehr stark besetzt und können sicher den Titel holen. Weltmeister Frankreich hat da für mich jedoch als Team insgesamt noch die Nase vorn, denn bei Ihnen ist jede Position teilweise doppelt mit Weltklasse besetzt. Bei England, Italien und Spanien fehlt da derzeit vielleicht wie bei uns etwas die Breite. Die EM ist qualitativ dichter als eine WM, du bist sofort in engen Partien gefordert und ab dem Halbfinale entscheiden sicher wieder Kleinigkeiten.

Per Mertesacker und Christoph Kramer sind die EM-Experten an der Seite von Katrin Müller-Hohenstein im ZDF | Credit: ZDF/TorstenSilz

Peter Hesse: Ich stehe dieser EM nach wie vor kritisch gegenüber, schon jetzt hinterlassen die Gossip- und Boulevard-Themen drumherum große Fußabdrücke. Der dänische Fußball-Profi Christian Eriksen ist nach Angaben des Notarztes nach seinem Zusammenbruch mit einem Elektroschock wieder ins Bewusstsein gekommen. Noch immer sind die Ursachen für seinen Zusammenbruch unklar – er wird von seinen behandelnden Ärzten nun einen implantierbaren Defibrillator eingesetzt bekommen. Auch der Fallschirmspringer von Greenpeace, der bei seinem Bruchlandungssprung zwei Menschen schwer verletzt hat, wirft eine neue Sicherheitsdebatte auf. Ist die Ära der Flitzer, die einfach nackig auf das Spielfeld rannten um so fünf Minuten Weltruhm einzuheimsen, endgültig vorbei?

Thommy Junga: Vermutlich hat es der klassische Nackidei-Flitzer mittlerweile echt schwer in den Innenraum zu kommen. Ich finde aber den Zusammenhang der Ereignisse bezeichnend für den medialen Umgang mit diesem Turnier, auch generell im Sport. Bei Flitzern – oder in diesem Fall – Fliegern werden die leeren Ränge oder der Mond gefilmt. Da müssen erst private verwackelte Handyfilmchen auftauchen, um den Ereignissen einen vagen politischen Hintergrund zuschreiben zu können. Kollabiert aber ein Mensch auf dem Rasen wird konsequent draufgehalten und die Einleitung der Reanimation als Primetime-Content produziert. Da haben die Sendeanstalten für mich keine gute Figur abgegeben. Der Bergdoktor als Ersatzprogramm zeugt auch von viel Fingerspitzengefühl.

 

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