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Kissler gekontert: Es gibt keine linke Ära, die vorbei sein könnte

Nicht die Linke, die Bionade-Bourgeoise dominiert.

Auf „Cicero Online“ besingt Alexander Kissler das Ende der linken Ära. Doch die gibt es gar nicht.

Nach den G20-Krawallen bröckele die linke Deutungshoheit, schreibt Kissler auf Cicero und man fragt sich, welche linke Deutungshoheit er meint. Da ist nichts, was bröckeln könnte, denn es gibt sie nicht. Linkes Denken spielt kaum mehr eine Rolle. Wenn die Interessen von sich ökologisch gerierenden Immobilienbesitzern an beinahe jedem Industriestandort, jedem Gewerbegebiet, in dem sich ein Unternehmen niederlassen möchte, mehr zählen als Arbeitsplätze, spielt offenbar linkes Denken, das den Arbeitern verpflichtet sein muss, keine Rolle. Wenn mit dem grün-bürgerlichen Ruhebedürfnis in Städten wie Berlin oder München trotz rapide steigender Mietpreise der Bau neuer Wohnungen verhindert wird, weil die Aussicht auf das Tempelhofer Feld so schön ist oder Hochhäuser die Silhouette stören würden, scheinen die Interessen von Menschen, die keine hohen Mieten zahlen können, nicht ganz so wichtig zu sein – auch die zu vertreten müsste Kern jeder linken Politik sein.

Wenn eine hysterische Energiewende dazu führt, dass unter dem Banner der Rettung der Eisbären Mieter die Solaranlagen auf den Dächern der Hausbesitzer subventionieren müssen und energetische Sanierungen die Menschen aus einstmals preiswerten Wohnungen vertreiben, weil die Umlagen der Sanierungskosten deutlich höher sind als die eingesparten Energiekosten, ist das wohl kaum ein Zeichen linker Dominanz. Wenn ein paar verbalradikale Bürgerkinder im Kampf um Pöstchen an Hochschulen und in Verwaltungen Political Correctness als Mittel nutzen, um durch abstruse Vorwürfe andere aus ihren Stellungen zu vertreiben, hat dies weniger mit linker Deutungshoheit, sondern mehr mit Verteilungskämpfen zwischen verschiedenen Fraktionen des Bürgertums zu tun.

Wenn Nazis ganze Landstriche vor allem im Osten der Republik zu „National befreiten Zonen“ erklärt haben und am Abend der nordrhein-westfälischen Landtagswahl Dortmunder Neonazis im Foyer des Rathauses ungestört feiern, während die Vertreter der demokratischen Parteien sich in ihren Fraktionsräumen eingeschlossen haben, kann es mit der von Kissler beschriebenen Drohkulisse der „Antifa“ ebenfalls nicht so weit her sein. Wenn sich als links gebende Eltern ihre Kinder auf Privatschulen schicken, die der Lehre von Rudolf Steiner folgen, der als Wirrkopf noch freundlich beschrieben ist, hat das nichts mit einer auch nur im entferntesten linken Haltung zu tun.

Wenn Attac, der BUND und Greenpeace für eine nationale Wirtschaftsordnung eintreten, ist das näher an der AfD und der NPD als an einer linken, internationalistischen Politik.

Wenn Volkserzieher die Lebensweise einer angeblichen Unterschicht, die mit ihren Steuern nicht selten deren Jobs im Öffentlichen Dienst finanziert, geißeln und Alkohol und Zigaretten aus dem Leben der Gesellschaft verbannen wollen, zeugt das ebenfalls nicht von einer Dominanz der Linken.

Was wir haben, ist ein Problem mit zwei Fraktionen des Bürgertums: Zum einen ist da eine sich moralisch überlegen fühlende Öko- Bourgeoisie. Zum anderen ein nach rechts kippendes Bürgertum. Beide Fraktionen sind sich darin gleich, dass sie Angst verbreiten und zutieftst autoritär sind. Was dem einen Glyphosat und CO2, sind dem anderen Flüchtlinge und die Antifa. Eine linke Dominanz ist nirgendwo erkennbar.

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8 Kommentare zu “Kissler gekontert: Es gibt keine linke Ära, die vorbei sein könnte

  • #1
    Thomas Weigle

    Wissler verwechselt das (groß) bürgerliche Feuilleton mit dem richtigen Leben.

  • #2
    abraxasrgb

    Hat nicht schon Kalle Murx anno 1848 sein Manifest dahnigehend eingeleitet, dass er von einem in Europa umhergehenden Gespenst schrieb? Dem Gespinnst(sic!) des Kommunismus.
    Who You gonna call? Ghostbusters 😉

  • #3
    TuxDerPinguin

    Stefan hat die Realität unter Schwarz-Rot gut wiedergegeben. Beide sind ja eher für ihre konservative Politik bekannt.

  • #4
    discipulussenecae

    Es gab in Deutschland den schönen Begriff der ‚Salon-Bolschewisten‘ und in Frankreich parallel dazu die berühmten ‚Bobo‘, die ‚Bolshevist bourgeois‘ …

  • #5
    Wolfram Obermanns

    Was bedeutet "links"?
    Gestartet ist der Begriff mit einer sich zufällig ergebenden Sitzordnung eher zufällig zusammengekommer Männer einer Gesellschaft, die in weiten Teilen vorindustriell, agrarisch und von hauptsächlich regionalen Bezügen geprägt war. Dies haftet den Bezeichnungen"links" wie "rechts", die nach meiner Wahrnehmung hauptsächlich als selbstaufwertend durch Fremdabwertung wirkende Selbstbezeichnungen dienen, noch heute an.
    Arbeitnehmerfreundlich, antioligarchisch, rechtstaatlich, demokratisch, allgemeiner Wohlfahrt verpflichtet – das alles lässt sich m.E. synonym weder für "links" noch für "rechts" verwenden. Deskriptiv erscheinen mir die Selbstzuschreibungen in diesem politischen Schema als Selbstauskunft über das Fehlen jedweder politischen Vernunft und als Ausweis einer politischen Feindbildpflege.

  • #6
    Klaus Lohmann

    Jetzt nehmt den Braunen doch bitte nicht ihr linkes Feindbild vom Tisch. Dass es keine linke Deutungshoheit gab und gibt, stürzt die evt. noch in eine Lebenskrise…. 🙂

  • #7
    Arnold Voss

    Dass es Links (schon lange) nicht mehr gibt, heisst nicht , dass es nicht (mehr) notwendig wäre. Das Ende von Links ist deswegen nichts anderes als der Anfang von Links und aller Anfang ist nun mal schwer. 🙂

  • #8
    Thomas Weigle

    @Arnold, diesem Land fehlt eine linke/ linkssozialdemokratische Partei ohne kommunistische Alt-und Neukader.

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