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Köln: Ein unmöglicher Friedensmarsch

Demo gegen den Terror auf dem Kölner Heumarkt


Der „Friedensmarsch #nichtmituns Muslime und Freunde gegen Gewalt“ ist gemessen an den eigenen Ansprüchen gescheitert. Bedenkt man jedoch, wie unbequem und widersprüchlich die Position ist, in die sich die Organisator_innen dabei begeben haben und bedenkt man zudem die Konflikte um die Frage, wer für die deutschen Muslim_innen sprechen kann, ist die geringe Resonanz wenig überraschend und sollte auch nicht überinterpretiert werden. Von unserem Gastautor Floris Biskamp.

Die Fakten sind schnell erzählt: Zum Friedensmarsch unter dem Motto #nichtmituns in Köln kamen nicht 10.000 und wohl auch nicht 2.000, sondern eher 1.000 Demonstrant_innen. Diese waren – sofern sich das durch bloßen Augenschein beurteilen lässt – vielleicht zur Hälfte muslimisch und diese muslimischen Teilnehmer_innen wiederum zu einem beträchtlichen Teil an ihren T-Shirts als Mitglieder der Ahmadiyya-Minderheit zu erkennen. Gemessen am Anspruch – die Veranstalter_innen legten sich selbst eine sehr hohe Latte auf, indem sie die Zahl von 10.000 Teilnehmer_innen ins Spiel brachten und immer wieder beanspruchten, für „die Muslime“ zu sprechen – ist die Initiative gescheitert. Entsprechend viele frustrierte Äußerungen waren von der Bühne zu vernehmen, entsprechend viel Häme ergoss sich von außen über die Veranstaltung.

Die geringe Resonanz lässt jedoch freilich nicht den Umkehrschluss zu, dass die deutschen Muslim_innen den Terror des Islamischen Staats mehrheitlich gutheißen würden. Vielmehr ist der Misserfolg auf die unmögliche Ausgangslage sowie auf den andauernden Kampf um die Repräsentation des Islam in Deutschland zurückzuführen.

Eine fast unmögliche Positionierung

Das Motto des Friedensmarsches, das Lamya Kaddor, Tarek Mohamed und ihre Mitstreiter_innen formuliert haben, klingt zunächst klar einleuchtend und einfach: „Nicht mit uns! Muslime und Freunde gegen Gewalt.“ Blickt man jedoch auf die Situation, in der sie diesen Marsch durchführten und nimmt zudem auf die Botschaft in Betracht, die in Aufruf und Redebeiträgen wirklich formuliert wurde, zeigt sich, dass es sich um eine widersprüchliche, ja paradoxe Positionierung handelt.

Zur Ausgangslage: Es gibt in Deutschland und Europa eine Minderheit von einigen Millionen Muslim_innen, die rassistischer Stigmatisierung und Marginalisierung ausgesetzt sind. Kleine Gruppen aus dieser Minderheit begehen regelmäßig Massenmorde im Namen des Islam und im Namen der Muslim_innen – Massenmorde wohlgemerkt für die die übergroße Mehrheit der Muslim_innen nicht mehr oder weniger Verantwortung oder Schuld trägt als ihre nichtmuslimischen Mitbürger_innen. Nichtsdestoweniger führen diese Anschläge dazu, dass sich Stigmatisierung und Marginalisierung verstärken und Muslim_innen insgesamt der ständigen Forderung ausgesetzt sind, sich für diesen Terrorismus zu erklären und von ihm zu distanzieren – was Zahllose von ihnen auch immer wieder tun, darunter die Vertreter_innen aller großen Verbände.[1] All das geschieht über Jahre und Jahrzehnte hinweg in einem steten Kreislauf, den der IS durch die Anschläge der letzten Jahre noch einmal massiv beschleunigt hat.

Freilich ist es völlig vermessen und tendenziell rassistisch, von einzelnen Muslim_innen oder den Muslim_innen insgesamt zu verlangen, sich als Muslim_innen besonders deutlich gegen den Terror zu stellen – dennoch ist es absolut wünschenswert, dass sie es tun. Wenn die Djihadist_innen für sich in Anspruch nehmen, für ihre muslimischen „Geschwister“ zu kämpfen, kann es nur gut sein, wenn diese „Geschwister“ sagen: „Nein, für uns kämpft Ihr nicht!“ Zudem kann man in der Tat hoffen, dass laute muslimische Positionierungen gegen den Terror ihrer Stigmatisierung in gewissem Maße entgegenwirken.

Gleichzeitig ist verständlich, dass sich viele Muslim_innen gegen die immer wieder an sie gerichtete Forderung zur Distanzierung wehren. Denn alltäglich mit dieser Forderung konfrontiert zu werden ist nicht nur unendlich nervig, es verstärkt auch die ohnehin bestehende Stigmatisierung und Marginalisierung.

Was können Muslim_innen in einer solchen Situation also sagen? Ungefähr das, was im Aufruf und auf der Bühne am Samstag in Köln gesagt wurde (eine zugespitzte Rekonstruktion, kein Zitat):

„Wir stehen hier als Muslim_innen und verurteilen einen Terrorismus, der in unserem Namen begangen wird, ohne dass wir das je gewollt hätten. Jedoch müssen wir auch sagen, dass wir uns nicht von diesem Terrorismus distanzieren müssen, ja nicht einmal distanzieren können, weil wir ihm nie nahestanden – und nur, wenn wir ihm nahegestanden hätten, was wir nie taten, könnten wir nun auf Distanz zu ihm gehen. Zugleich weisen wir jede an uns gerichtete Forderung, diesen Terrorismus zu verurteilen oder uns von ihm zu distanzieren, entschieden zurück, denn diese Forderung ist selbst vermessen und ungerecht – schließlich können wir nicht mehr für diesen Terrorismus als alle anderen und haben ihn ohnehin schon oft genug verurteilt. Dennoch verurteilen wir ihn nun laut und deutlich, weil wir ihn wirklich schlimm finden – nicht weil wir müssen, nicht weil Ihr es fordert, sondern weil wir es wollen. Und auch wenn es uns nicht darum geht, Eure Forderung zu erfüllen, so fordern wir doch von Euch, dass Ihr nun zur Kenntnis nehmt (endlich!), dass wir diese Forderung schon lange erfüllt haben und es jetzt wieder tun. Und wir fordern von Euch, dass ihr endlich lernt, uns nicht für das verantwortlich zu machen, was andere in unserem Namen tun, und uns als die übergroße Mehrheit der Muslim_innen von dieser kleinen terroristischen Minderheit – die wir verurteilen! – zu unterscheiden!“

Anders als der Slogan „Nicht mit uns!“ klingt das überhaupt nicht mehr klar und attraktiv, sondern nach Herumlavieren. Mir geht es nun nicht darum, diejenigen zu kritisieren, die da so gesprochen haben – wäre ich in ihrer Situation, ich hätte wohl ähnliches gesagt. Mir geht es vielmehr darum, dass die Position, in der sie gesprochen haben, eine ganz und gar paradoxe ist, die eine klare, starke und attraktive Positionierung fast unmöglich macht. Wenn man der Situation gerecht werden und sich selbst nicht verraten will, gibt es kaum eine andere Möglichkeit, als so lange herumzueiern bis alles und sein Gegenteil und somit am Ende irgendwie auch wieder fast nichts gesagt ist.

Daher ist es auch durchaus nachvollziehbar, dass viele Muslim_innen gar keine Lust hatten, sich in diese Position zu begeben und dem Aufruf zu folgen – auch wenn es wünschenswert gewesen wäre, dass es mehr getan hätten.

Die Fragen, die sich die Organisator_innen für etwaige Folgeveranstaltungen stellen sollten, lauten: Können wir erwarten, dass eine so offen paradoxe Positionierung in einer so widersprüchlichen Situation für viele Menschen attraktiv ist? Und andersherum: Können wir eine klare, positive Position formulieren, die der widersprüchlichen Situation gerecht wird, die aber selbst nicht widersprüchlich-herumeiernd, sondern deutlich und attraktiv wirkt? Und wenn nicht, ist das, was es dabei zu gewinnen gibt, das erwartbare Scheitern und die erwartbare Häme wert?

Repräsentationsprobleme

Diese an sich schon unmögliche Situation wird noch dadurch verschärft, dass in solchen Veranstaltungen immer auch der Streit ausgefochten wird, wer das Recht hat, für die Muslim_innen in Deutschland zu sprechen. Laut Statistik gibt es davon knapp fünf Millionen – eine Statistik freilich, der zufolge alle, deren Nachnamen auf einen Migrationshintergrund in einem muslimisch geprägten Land schließen lässt, als muslimisch gelten – ob sie wollen oder nicht. Weil auch die wirklich religiösen Personen unter diesen Statistik-Muslim_innen nur zu einem sehr geringen Prozentsatz in Vereinen und Verbänden organisiert sind, ist völlig unklar, wer sie repräsentieren, wer für sie sprechen und verhandeln kann, so dass sich ein Streit um die Repräsentation ergibt.

Bei diesem Streit um die Repräsentation der Muslim_innen geht es auf der einen Seite um Macht, Anerkennung und Ressourcen: Fünf Millionen Menschen gegenüber dem Staat und der Öffentlichkeit zu repräsentieren, ist eine erhebliche Machtposition. Mit ihr gehen nicht nur viel öffentliche Aufmerksamkeit und einige finanzielle Gratifikationen einher, sondern auch diverse Möglichkeiten der Einflussnahme etwa in Bezug auf die Ausgestaltung eines etwaigen islamischen Religionsunterrichts. Daher wollen viele Verbände und Akteur_innen diese Repräsentanz am liebsten für sich reklamieren.

Auf der anderen Seite geht es aber auch um Inhalte. So liberal oder konservativ wie die Repräsentant_innen sind, so liberal oder konservativ ist dann auch der offiziell repräsentierte Islam. Zur Verhandlung stehen dabei etwa das Verhältnis zur Schrift, das Verhältnis zu Nichtmuslim_innen oder das Verhältnis der Geschlechter.

Dieser innermuslimische Streit um Repräsentanz findet unter argwöhnischer Beobachtung der Öffentlichkeit statt – und diese Öffentlichkeit wünscht sich relativ geschlossen einen liberalen Islam. Das liegt zum einen daran, dass die deutsche Öffentlichkeit verglichen mit dem orthodoxen Mehrheitsislam relativ liberal ist; zum anderen liegt es daran, dass auch die konservativen Teile der deutschen Öffentlichkeit sich keinen starken konservativen Islam in Deutschland wünschen.

Das führt wiederum zu einer widersprüchlichen Situation: Die großen Islamverbände in Deutschland, die sich unter anderem im Rahmen der Deutschen Islam Konferenz als die offiziellen Ansprechpartner des deutschen Staates etablieren konnten, sind deutlich konservativer und orthodoxer als die Millionen Muslim_innen, die zu repräsentieren sie beanspruchen. Der Staat wünscht sich nun einerseits eine weniger konservative Repräsentanz ohne Kontakte zu ausländischen Regierungen und islamistischen Bewegungen, kommt aber andererseits kaum umhin, diese Verbände in ihrer Position zu stärken. Das deutsche Religionsverfassungsrecht ist realistisch nicht grundsätzlich zu reformieren und sieht eine Kooperation von Staat und Religionsgemeinschaften etwa in Hinblick auf den Religionsunterricht vor. Um diesem Recht Genüge zu tun, braucht der Staat islamische Repräsentant_innen – und eine andere auch nur annähernd verhandlungsfähige Repräsentanz als die Verbände existiert schlichtweg nicht.

Etwas anders sieht es in der medialen Öffentlichkeit aus. Hier stehen den Verbänden fast gleichberechtigt islamische Stimmen gegenüber, die für Organisationen mit gemessen an den Millionen von Muslim_innen fast verschwindend geringer Mitgliederzahl stehen.

Dies sind auf der einen Seite salafistische Stimmen, die in den Medien das Bedürfnis nach spektakulären Aussagen und exotisch-brutaler Andersheit erfüllen und die dementsprechend weitaus mehr Raum erhalten, als ihnen gemessen an ihrer relativ kleinen Anhänger_innenschaft zustünde.

Auf der anderen Seite sind es liberal-islamische Stimmen wie Seyran Ateş und eben die Mitorganisatorin des Friedensmarsches Lamya Kaddor. Diese erfüllen das öffentliche Bedürfnis nach einem anderen, freundlichen und liberalen Islam, in dem beispielsweise Platz für starke Frauen ohne Kopftuch ist. Dieses Bedürfnis können die liberalen Muslim_innen nur erfüllen, weil sie anders als die ebenfalls sehr lautstark rezipierten ex-muslimischen Stimmen dezidiert islamisch geblieben sind und nicht für die Abkehr vom Islam, sondern für eine Reform des Islam stehen.

Mobilisierung und Demobilisierung

Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, dass ein von liberalen Muslim_innen initiierter Aufmarsch einen sehr schweren Stand hat. Die Organisator_innen bekamen es schon im Vorfeld von beiden Seiten ab.

Auf der einen Seite von denjenigen, die sich noch gründlicher vom islamischen Mainstream (oder auch gleich vom Islam als ganzem) entfernt haben und eine grundlegende (und bisweilen pauschale) Islamkritik verlangen. Dies gilt etwa für Necla Kelek, die Kaddor und den anderen Veranstalter_innen vorwarf, sich nur billig vom Terrorismus zu distanzieren, ohne aber die Frage zu stellen, inwieweit der eigene Islam eine Geistesverwandtschaft zum Islam des IS aufweist – eine solche Verwandtschaft sei in den religiösen Quellen angelegt, die man endlich historisch-kritisch lesen müsse.

Auf der anderen Seite – und dies dürfte für den Mobilisierungsmisserfolg wichtiger gewesen sein – stellten sich mit DİTİB und Islamrat auch die beiden größten Islamverbände gegen den Friedensmarsch. Diese monierten, der Marsch verleihe der ungerechten Distanzierungsforderung nur Legitimität und trage so zur Stigmatisierung der Muslim_innen bei – dass der Aufruf zum Marsch unmittelbar nach der aus absurden Anlass formulierten Forderung des Rock-am-Ring-Chefs Marek Lieberberg veröffentlicht wurde, dürfte zu dieser Wahrnehmung beigetragen haben.

Auch wenn diese Verbände keine so verbindliche Organisationststruktur aufweisen, dass sie zu diesem Anlass in wenigen Tagen Zehntausende hätten mobilisieren können, dürfte ihre öffentliche Positionierung gegen den Aufruf doch einige dazu animiert haben, den Samstagnachmittag anders zu verbringen. Beide Verbände lassen nur wenige Möglichkeiten, sich öffentlich zu blamieren, aus und haben auch diese genutzt – und es dabei immerhin geschafft, ihre liberale Konkurrenz gleich mit zu blamieren.

So blieben neben liberalen Muslim_innen und ihren Sympathisant_innen vor allem noch der Zentralrat der Muslime sowie die Ahmadiyya Muslim Jamaat. Der Zentralrat leistet zwar auf der Führungsebene eine sehr professionelle PR-Arbeit, stellt aber unterhalb dessen eher einen unverbindlichen Zusammenschluss sehr heterogener und teils fragwürdiger Gemeinden dar, so dass er kaum in der Lage ist, Massendemonstrationen zu organisieren. Die Ahmadiyya-Gemeinde hat zwar auch nur 35.000 Mitglieder in Deutschland, verfügt aber über eine relativ verbindliche Organisationsstruktur. Weil die Ahmadiyya ihren Islam zwar mit missionarischem Eifer vertreten, aber insbesondere in Pakistan selbst von Islamisten verfolgt werden, haben sie auch ein besonderes Interesse, sich für den Islam gegen den Terrorismus zu stellen – so ist es folgerichtig, dass sie auf dem Friedensmarsch auch die sichtbarste Gruppe stellten.

 

Kurzum haben gestern in Köln weder „die Muslime gegen den Terror demonstriert“ noch haben „die Muslime es unterlassen, ein klares Zeichen gegen den Terror zu setzen“. Vielmehr haben einige muslimische Akteur_innen in einer durch und durch widersprüchlichen Situation eine paradoxe Position bezogen und dabei nur wenige andere überzeugen können, es ihnen gleich zu tun – andere muslimische Verbände haben es wieder einmal geschafft, sich im Licht der Öffentlichkeit zu blamieren.

[1] Zumindest solange es um Terrorismus in Europa geht. Findet dieser in Israel statt, fällt die Ablehnung weitaus weniger deutlich aus.

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21 Kommentare zu “Köln: Ein unmöglicher Friedensmarsch

  • #1
  • #2
    ke

    Aus meiner Sicht ist es nicht sonderlich kompliziert:
    Wir haben in Deutschland einen Staat, der sich über Jahre entwickelt hat und dem Individuum viele Rechte zugesteht. Ebenso steht er für die Gleichstellung der Menschen. Das sind elementare Menschenrechte. Es gibt sie in ähnlicher Form auch in anderen Staaten.

    Es ist nun Sache der Bürger, die meistens freiwillig in unserem Staat leben, sich mit dieser Staatsidee auseinanderzusetzen.
    Ja, Minderheiten haben Rechte, aber es gibt Grundlagen, die nicht verhandelbar sind.

    Es gibt die Demos gegen Gewalt, gegen Terror und gegen Terrorismus. Sie werden in Deutschland immer wieder organisiert. Warum fällt dies vielen Islamverbänden so schwer? Gibt es auch an der Basis keinen Wunsch sich klar und als großes Zeichen gegen Terror zu distanzieren?
    Das "Wir können nicht, weil …. "
    ist wenig überzeugend und deutet eher darauf hin, dass hier kein Wille vorhanden ist.

    BTW: Texte mit "_innen" sind sehr schwer lesbar.

  • #3
    Stefan Laurin

    @ke: Der Unterstrich und Genderkram kommt so auch nicht noch einmal vor. Sorry.

  • #4
    Genderkram-Lover

    Sich für "Genderkram" zu entschuldigen und das auch noch gegenüber einer Person, die zu faul ist den interessanten Artikel zu lesen/zu verstehen, weil sie sich dann womöglich mit den eigenen Stammtischweisheiten/Ressentiments auseinandersetzen müsste, halte ich für keine besonders kritische Attitüde.

  • #5
    Stefan Laurin

    @Genderkram-Lover: Diese Schreibweise behindert den Lesefluss und lenkt vom Text ab. Wir machen dieses Blog nicht für ein paar Akademiker, sondern für alle Menschen, die sich für die Themen hier interessieren. Und unsere Aufgabe ist es nicht, Leser sprachlich umzuerziehen.

  • #6
    ke

    @4:
    Was sind denn in diesem Fall Stammtischweisheiten/Ressentiments?
    Wie würden Sie sie dann widerlegen?

  • #7
    Helmut Junge

    @Genderkram-Lover(in), es gibt Leute, die sich nach solchen Texten Eine(n) abbrechen.
    Warum also glaubt jemand, daß man so kompliziert schreiben muß, bis diese Leute mit dem Lesen aufhören?

  • #8
    ke

    @5:
    Auch im akademischen Bereich sehe ich bei dieser Schreibweise keine Vorteile , abgesehen davon, dass der Autor direkt eine Gruppenzugehörigkeit/Einstellung zumindest andeutet.

  • #9
    thomasweigle

    Eher zufällig sehe ich heute den ARD-Weltspiegel. Ein Beitrag beschäftigt sich mit der sog. Schariapolizei in Indonesien. Indonesien hat eine Bevölkerung von 200 Millionen Moslems, nirgends gibt es mehr. Früher galt der dortige Islam als weltoffen und tolerant. Heute befürworten 72% dort die Einführung der Sharia und so ist diese Polizei ständig unterwegs, um die islamischen Vorschriften mit ihrer von der Regierung verliehenen Autorität durchzusetzten. Schon ein harmloser Flirt wird dann auch schon mal vor einer ebenso interessierten wie zustimmenden Gaffermasse mit 25 Stockschlägen nach dem sog. Freitagsgebet bestraft. Das sind keine Islamisten die da ihren Spaß haben, sondern ganz normale Muslime. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen und sich fragen, wie die Muslime hier zur Sharia stehen, diesen mittelalterlichen Horrorkatalog, der sämtlichen Gesetzen und Werten hierzulande entgegen steht. Und auf der anderen Seite die Ar…löcher für Deutschland. Ein Zangenangriff auf unsere Demokratie bahnt sich da an bzw. ist schon angelaufen.

  • #10
    WolframObermanns

    Ich denke die Analyse geht fehl.
    Die Beteiligung an der Demo zeigt m.E. vielmehr, es gibt in Deutschland kein nennenswertes, muslimisch geprägtes Bürgertum, das bereit oder in der Lage wäre, sich durch Wahrung seiner Freiheitsrechte eigeninitiativ zu artikulieren.
    Die muslimischen Migranten sind in der Masse (immer noch) türkeistämmig. Ein erheblicher Teil hat mit Moscheegemeinden wenig zu tun und ihre Religiösität ist ein "Ich esse kein Schweinefleisch, war sonst noch was"-Islam. Es fehlt an einer intrinsischen Motivation sich in Sachen Islam überhaupt zu positionieren und nicht nur zu expositionieren.
    Aktive Moscheebesucher sind in der Masse von ihrer sozialen Herkunft und Prägung her, ziemlich autoritätsorientiert. Die sich widersprechenden Meinungen von Autoritäten der muslimischen Community zur Demo reichte völlig, um eine zahlreiche Teilnahme unwahrscheinlich werden zu lassen. Die Distanzierung durch den größten Einzelverband war die Marginalisierung mit Ansage.

    Die geringe Teilnahme sagt, da bin ich mit dem Autor einer Meinung, nichts über die Haltung der deutschen Muslime zum Terror im Namen ihrer Religion. Die geringe Teilnahme ist ein Indikator für den niedrigen sozialen Status der Mulime, denen Islam etwas bedeutet. Der fromme Islam in Deutschland ist eine arme Leute Religion.

  • #11
    der, der auszog

    Es ist ein wenig engstirnig, den muslimischen Terror nur im Zusammenhang mit dem IS zu sehen. Auch in der Türkei herrscht Terror, von dem beispielsweise nicht nur Deniz Yüczel und unzählige Journalisten ein Lied singen können. Sogar bei uns in Deutschland werden Menschen durch religiöse Institutionen, wie Ditib terrorisiert, indem sie ausspioniert und den Schergen Erdogans in der Türkei gemeldet werden.

    Mein lieber Floris Biskamp. Mir wird schlecht, wenn ich sehe, wieviele Muslime Erdogan in Deutschland auf die Straße und in die Arenen kriegt und wie mickrig im Vergleich dazu die Zahl der Muslime ist, die sich hier offen gegen den Terrorismus stellen. Und jetzt erzähl mir bitte nicht, dass die Erdoganfans nichts mit dem Islam zu tun haben.

  • #12
    Norbert Krambrich

    Der Kreis der Adressanten der Demo, legt man die Zahlen des Bamf aus 2015 zugrunde, beträgt etwa 4,7 Millionen Menschen in Deutschland, davon etwa die Hälfte türkischstämmig. Berücksicht man die herrschende Verunsicherung und Angst vor Repressalien in der türkischen Community, die mangelnde Demonstrationskultur in den Herkunftsländern von Geflüchteten, die Umstände, dass etwa ein Viertel der Muslime erst in den letzten 4 Jahren nach Deutschland gekommen ist und in der Regel mit existentiellen Dingen zu kämpfen hat, dann war die von den Organisatoren erhoffte Teilnehmerzahl von vornherein zu optimistisch und die Veranstaltung eher von mangelnder Erfahrung in praktischer Arbeit, niedrigem Organisatiosgrad geprägt. Nicht immer führt eine hohe Medienpräsenz und die Befähigung zur Eigendarstellung zwangsläufig zur Resonanz bei den Menschen, über die die Organisatoren gerne diskutieren, aber nicht unbedingt mit ihnen.

  • #13
    ke

    @9:
    Zum Thema Indonesien:
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-05/indonesien-jakarta-christlicher-gouverneur-blasphemie

  • #14
    Arnold Voss

    Um sich gegen Terror im Namen einer Religion zu positionieren muss man weder tiefgläubig noch in den sogenannten heiligen Schriften belesen, noch ihr regelmäßiger Praktizierer sein. Es reicht schlicht sich der Religion angehörig zu fühlen und Terror in ihrem Namen scheisse zu finden. Dadurch wird man auch nicht stigmatisiert, sonder man sagt einfach nur öffentlich seine Meinung.

    Wenn einen der Terror so wenig interessiert, dass man selbst einmal in einem Jahrzehnt nicht den Arsch dafür hoch bekommt, dann ist man zwar kein Terrorist, noch einer ihrer Sympathisanten. Aber man zeigt sehr wohl, dass einem seine Opfer und seine gesellschaftliche Wirkung aus welchen Gründen auch immer am Arsch vorbei gehn. Nicht mehr und nicht weniger.

  • #15
    Arnold Voss

    Wenn die Islam Verbände wirklich so wenig Einfluss auf die Gläubigen haben wie in diesem Artikel angenommen wird, dann erklären ihre Verlautbarung auch nicht im Geringsten, wieso so so gut wie Niemand dem Aufruf gefolgt ist, geschweige können Sie dafür als Entschuldigung herhalten. Ansonsten gibt es glüchlicherweise keine Demonstrationspflicht in Deutschland, so daß eine Entschuldigung auch fehl am Platze ist.

  • #16
    Henk

    Ist die beschriebene Paradoxität der Positionierung nicht allen Demos mit ähnlichen Zielsetzungen inhärent? Bei Anti-Pegida- oder Anti-NSU-Demos laufen doch wohl auch kaum Leute mit, die bis vor kurzem völkische Ideen noch für fantastisch gehalten hätten und sich deshalb distanzieren könnten. Das hält Friedensaktivisten, Antifaschisten, Bürgerliche und Co. doch auch selten davon ab, sich klar zu distanzieren.

    Und dass ich mich nicht an einer Demo beteilige, weil ich Angst habe, damit eine ungerechtfertigt an mich gerichtete Forderung zu erfüllen und dadurch unfreiwillig zu bestätigen, erscheint mir etwas stark von hinten durch die Brust ins Auge gedacht.

    Ich weiß nicht genau, ob ich mich an einer "Not in my name"-Demo beteiligen würde, wenn militante Gladbachfans, mordlüsterne Elektronikmusiker oder heißgelaufene Blogkommentatoren vorgeblich in meinem Namen Gewalt ausüben würden, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich nicht das Distanz-Argument oder das ungerechtfertigte-Distanzierungsforderungs-Argument einsetzen würde, wenn ich es nicht täte.

    Ich möchte nicht ausschließen, dass ich dahingehend unsensibel bin, da ich selbst nicht von Marginalisierung und Stigmatisierung betroffen bin, aber ich finde es sehr schade, dass die Chance auf ein starkes Zeichen an Sympathisanten des Terrors und den Rest der Gesellschaft vertan wurde. Nicht schlimm, nicht blöd – schade.

  • #17
    Wolfram Obermanns

    "nicht blöd"
    Wenn man dahin kommt anzunehmen, die Absage der Ditib sei im Wesentlichen der Eitelkeit des dazu im Vorhinein ungefragten größten und darum auch tollsten und klügsten und sowieso und überhaupt Vorstandes geschuldet, dann bleibt "blöd" eine Option.

  • #18
    Wolfram Obermanns

    @ #14 Arnold Voss
    Naheliegende Gedanken.
    Soziologen haben auch keine Erklärung für das schichtspezifische Verhalten unterpriviligierter Menschen, die einerseits betroffen sind und andererseits von sich selbst sagen, sie wären auch an Teilhabe interessiert und am Ende in Passivität verharren.

  • #19
    ke

    @18:
    Ich bin kein Soziologe aber Passivität kann natürlich auch die Ursache sein, warum man unterpriviligiert ist und einen "Aufstieg" nicht schafft.
    Aussagen aus der Richtung "Ich will ja, aber es geht nicht weil …" höre ich fast täglich. Hierbei handelt sich es dann um Probleme, die andere lösen, die etwas risikofreudiger sind oder auch ihre Komfortzone verlassen.

  • #20
    ebenfalls Genderkram-Lover

    Um zu einer so generalisierenden Aussage zu gelangen wie: "Diese Schreibweise behindert den Lesefluss und lenkt vom Text ab" benötigte es Eye-Tracking-Experimente, die das stützen. Der Mix aus Intuition und Ressentiments einiger Genervter schafft noch keine Evidenz. Ich kann mich Genderkram-Lover nur anschließen: Von diesem Blog bin ich eigentlich eine kritischere Haltung gewöhnt, und genau deshalb schätze ich ihn seit Jahren.

  • #21
    Stefan Laurin

    @ebenfalls Genderkram-Lover: Du bist von diesem Blog vor allem gewöhnt, dass die Texte nicht gegendert sind. Und wenn wir der Meinung sind es stört – und es Beschwerden gab – dann reicht das vollkommen aus. Es ist ganz simpel: Hier machen wir die Regeln.

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