6

Kritik an der Streitschrift gegen das Prostituiertenschutzgesetz

Demonstration der Prostituierten, Foto: Barbara Underberg


Vor einer Woche erschien auf diesem Blog ein Gastbeitrag, der die Streitschrift gegen das Prostituiertenschutzgesetz „Entrechtung durch Schutz“ des frankfurter Vereins Doña Carmen vorstellte.

Allerdings ist dieser Artikel in meinen Augen so kritikwürdig, dass man ihn nicht unwidersprochen stehen lassen kann. 

Schnell wird in besagtem Artikel klar, wohin die Reise eigentlich geht und dass man es mit einem wirklich ernsthaften Schutz der Prostituierten eigentlich gar nicht so genau nimmt.
Wenn bereits gegen eine Konzessionspflicht für Bordelle, regelmäßige Gesundheitschecks, Anmeldepflicht für Prostituierte und ja sogar gegen die Kondompflicht polemisiert wird, liegt der Verdacht nahe, dass es eher um den Schutz der Interessen von Bordellbetreibern und Freiern geht, als darum Prostituierte ernsthaft zu schützen.
Wie die Ablehnung all dieser Punkten im Gegenzug Zwangsprostitution und Menschenhandel eindämmen soll, wird mit keiner Silbe in dem Artikel erwähnt. Was aber bei der sehr einseitigen Quellenauswahl in diesem nicht weiter verwundert (so wird sich ausschließlich auf  Doña Carmen bezogen).

Damit enden aber die unlauteren Argumente in diesem Text nicht.
So wird in einer falschen historischen Analogie das Prostituiertenschutzgesetz mit Kontrollmaßnahmen der Prostitution im Nationalsizialismus verglichen, ohne dass das begründet wird.
Das Ziel hinter dieser stumpfen Polemik ist auch klar: es geht lediglich darum abolitionistische Haltungen zu diffamieren. Abolitionistische Politik zielt darauf ab Prostitution abzuschaffen, in dem die Hintermänner und die Freier, die eben erst die Nachfrage schaffen, bestraft werden.
Ausdrücklich abgelehnt werden dabei Repressionsmaßnahmen, die auf die Prostituierten zielen.

Bevor ich nun weiter auf den Artikel und auf Doña Carmen im speziellen eingehe, werde ich erstmal einen Exkurs zu Prostitution in Deutschland im allgemeinen machen:

Sextourismus, Zwangsprostitution und Menschenhandel

Seit 2002 hat Deutschland eines der liberalsten Prostitutionsgesetze Europas.
Dies führte natürlich zu einem massiven Anstieg der Prostitution und damit natürlich auch ihrer Schattenseiten. Der Konkurenzdruck ist mittlerweile so hoch, dass sich mit Tiefpreisen gegenseitig unterboten wird. Gleichzeitig führte es auch zur Etablierung von Discountbordellen und so menschenverachtenden Praktiken wie Flatratebordellen.
Deutschland gilt dadurch mittlerweile als Zielland für Sextourismus.
So gehörte die Strecke vom Flughafen ins Artemis zu den 10 beliebtesten Taxirouten Berlins.

Die enorme Nachfrage führt eben auch zu einem Anstieg der „Prostitutionsmigration“ (es wird davon ausgegangen, dass 80 Prozent der Prostituierten aus Osteuropa kommen), bei der die Grenzen zu Zwangsprostitution und Menschenhandel fließend und schwer nachvollziehbar sind.
So geht das BMFSJ davon aus, dass man aufgrund der sozialen und psychischen Situation vieler Prostituierter gar nicht klar davon ausgehen kann, ob sie diesen Beruf komplett freiwillig ausüben.
Es ist nun auch nicht weiter verwunderlich, dass ein so liberales Prostitutionsgesetz eben auch zum Anstieg von Menschenhandel führt, wie eine EU-Studie vor bereits acht Jahren herausfand.
Auch das Image diverser Bordellbetreiber bröckelt langsam. So wurde der Jahrelang als Saubermann der Szene geltende Jürgen Rudloff – Betreiber des Paradise in Stuttgart (größtes Bordell Europas)- wegen Beihilfe zur Zuhälterei, Beihilfe zum schweren Menschenhandel und gewerbsmäßigem Betrug anfang des Jahres zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Prostitution (k)ein Job wie jeder Andere

Auch das Argument von ProstitutionsbefürworterInnen, dass es sich um einen Job und eine Dienstleistung wie jede andere auch handelt, erscheint bei genaueren Betrachtung als lückenhaft.
In der klassischen Lohnarbeit ist die Arbeitskraft die Ware, die veräußert wird.
In der Prostitution fällt diese unmittelbar mit dem Körper und der eigenen Sexualität zusammen. Um diese Veräußerung überhaupt durchführen zu können, muss eine Entfremdung von der eigenen Sexualität erfolgen, da es eben nicht um die Bedürfnisse der Frau geht, sondern einzig und allein um die des Freiers.
Ausgehend von dieser Prämisse kann man auch sagen, dass Prostitution so ziemlich die Antithese einer selbstbestimmten Sexualität ist.
Zumal die Bezahlung darüber hinaus ein Machtgefälle erzeugt, welches konsensualen Sex verunmöglicht. Sprich die Prostituierte schläft nicht mit einem, weil sie es wirklich will, sondern weil sie auf das Geld angewiesen ist.
Auch ein Vergleich zu Pflegeberufen hinkt unter anderem aus diesen Gründen.

Des weiteren sind Prostituierte auch einem wesentlich höherem Risiko ausgesetzt Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt zu werden. Laut einer Studie von Melissa Farley zeigen 2/3 der Prostituierten Symptome einer PTBS, die sich in ihrer Deutlichkeit am ehesten mit denen von Kriegsheimkehrern vergleichen lassen.

Die Rolle von Vereinen wie Doña Carmen

Nun stellt sich natürlich die Frage, welche Rolle dieser Verein in der Prostitution einnimmt.

Unter anderem bietet er Führungen in Frankfurter Bordellen an. Über eine dieser Führungen und auch sehr krude Aussagen der Vorsitzenden Juanita Henning berichtete die Aussteigerin und Abolitionsaktivistin Huschke Mau.

Im Jahre 2009 schaltete der Verein eine 25.000 Euro teure Anzeigenkampagne gegen die Kritik am Flatrate-Bordell „Pussy-Club“.
Übrigens wurden zwei der Betreiber wegen Menschenhandel verurteilt.

Ein weiteres Betätigungsfeld scheint die grundsätzliche Empörung über Razzien gegen Bordelle zu sein. Dass durch solche Razzien überhaupt erst Menschenhandel und Zwangsprostitution aufgedeckt werden können, wird dabei komplett ignoriert.

Ein solches Portfolio lässt natürlich tief blicken, wie ernst es dem Verein mit den von ihnen oft beschworenen Frauenrechten ist.

In Anlehnung an den kritisierten Artikel möchte ich nun mit den Worten schließen, dass zu hoffen ist, dass der Verein mit der Verfassungsklage scheitern wird.

Zu dem kompletten Themenkomplex kann ich übrigens noch die ZDF-Doku „Bordell Deutschland“ (in der Mediathek ab 22:00 Uhr abrufbar) empfehlen.

 

RuhrBarone-Logo

6 Kommentare zu “Kritik an der Streitschrift gegen das Prostituiertenschutzgesetz

  • #1
    Gerhard Schönborn

    Danke für diese klare Stellungnahme und den fundierten, ausgewogenen Beitrag. Ihre Hoffnung hat sich übrigens bereits erfüllt: Die Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wurde abgewiesen: https://kommunal.de/prostituiertenschutzgesetz
    Gerhard Schönborn, Neustart e.V. Berlin

  • #2
  • #3
    puck

    Danke für den Artikel, ich wollte den Gastbeitrag mit der teils abenteuerlichen Argumentation (Highlight: eine Restriktion der Prostitution führt zu erschwertem Zugang zu Verhütungsmitteln!) auch schon kommentieren, bin dann aber leider nicht dazu gekommen. Jetzt haben Sie das für mich getan.

  • #4
    Mechthild

    Es sind die immer gleichen durch nichts bewiesenen Argumente, die da zu lesen sind. Frauen aus Osteuropa migrieren, weil die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen bei uns gestiegen ist? Ich dachte die kommen, weil das Wohlstandsgefälle in Europa so ausgeprägt ist und weil sie hier sicherer sind als in Ländern, in denen Prostitution oder Sexkauf verboten ist.
    Und Sexarbeiter*innen haben ein höheres Risiko, Gewalt ausgesetzt zu sein? Ehe- und Liebesbeziehungen sind die gefährlichsten Verbindungen für Frauen. Jeden dritten Tag wird eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Expartner getötet. Aber das hören die weißen Abolitionistinnen nicht gern. Die Verbindung von Sex, Liebe und Ehe ist ihnen ja heilig. Will ich ihnen auch nicht nehmen, sie sollen nur aufhören, Lebensentwürfe anderer Frauen zu diffamieren und mit Verbotsforderungen zu unterminieren. Sie sollten besser darüber nachdenken, warum Verbände von Sexarbeiter*innen, die Mehrheit der Beratungsstellen für Sexarbeiter*innen, die Deutsche Aidshilfe, Amnesty International und viele andere Expert*innen der Meinung sind, dass das Prostituiertenschutzgesetz nicht schützt, sondern gefährdet. Vielleicht einfach mal die Betroffenen fragen, statt wilde Behauptungen in die Welt zu setzen, die ja nur die eigenen Phantasien projezieren.

  • #5
    Almuth Wessel

    Ich finde es blamabel, dass in linken Kreisen immer noch gebetsmühlenartig die rechtskonservativen Plattitüden vom "Bordell Deutschland" und "Sexarbeit=Menschenhandel " etc.nachgeplappert werden, anstatt sich ENDLICH mal nüchtern und differenziert mit der Thematik auseinander zu setzen. DIESEN populistischen Quatsch möge mensch doch bitte Sister Lenin Brei-im-Kopf-Meyer und ihrer Kampagne für das Schwedische Modell überlassen.
    Mal klipp und klar, liebe Geniss*innen:
    1. Das Prost-Gesetz hilft Frauen die den Job zwangsweise ausüben in keiner Weise. Denn GENAU DIE werden von ihren Sklavenhaltern zur Registrierung gekauft weil man ja nicht auffallen will.
    Und wer TATSÄCHLICH glaubt, dass eine Zwangsprostotuierte bei einem Vertreter einer deutschen Behörde auspackt, der kann sich gleich begraben lassen. ER ist nämlich gehirnamputiert und eigentlich gar nicht lebensfähig.
    2. Das Prost- Gesetz zerschlägt in guter neoliberaler Manier kleine Strukturen zugunsten der Monopolisten. Wenn kleine genossenschaftliche Betriebe unter dem Deckmäntelchen des Baurechtlichts dicht gemacht werden und dir Frauen die dort arbeiten ihren Job verlieren, bleibt ihnen nur der Weg, sich künftig vom Betreiber eines Grossdbordells das Fell über die Ohren ziehen zu lassen oder in den Untergrund zu gehen.
    3. Das Prost-Gesetz hilft in keiner Weise den Huren vom Stassenstrich. Etliche Kommunen dulden einen Stassenstrich außerhalb des Sperrgebiets und kassieren selbstverständlich Steuern, aber für die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen vor Ort fühlt sich keiner zuständig. Und DAS ist der eigentliche Skandal!
    4. Alle die Delikte die von Prstitutionsgegnern als Argumente gegen Sexarbeit angeführt werden, sind bereits JETZT im StGB einschlägig vermerkt.
    Anstatt einen total überflüssigen Repressions- und Überwachungsapperat zu installieren, hätte es gereicht, die einschlägigen Paragraphen des StGB konsequent umzusetzen.
    5. Wer sich dafür einsetzt, Frauen den Ausstieg aus der Sexarbeit zu etmöglichen, sollte gefälligst auch für gangbare Alternativen sorgen -jenseits vom 5-€-Job an der Discounterkasse oder H4. Dennis DIESER Misere zu entkommen, gehen Frauen ja in die Sexarbeit. Und das grösste Hindernis bei dem Wechsel in andere Jobs ist das Huren Stigma : KEIN Arbeitgeber stellt eine Ex-Nutte ein!
    Also helft lieber mit, gegen das Hurenstigma zu kämpfen, anstatt hier unreflektiert die dümmlichen Parolen aus dem rechtskonservativen Lager nachzuplappern!
    6. Noch eine Anmerkung in eigener Sache: mir hat die Sexarbeit über eine sehr schwierige Phase in meinem Leben hinweggeholfen und -JAWOHL!- ich HABE meinen Körper noch! Meine Gäste haben mir die Selbststachtung zurück gegeben, die mir bei der H4- Behörde geklaut wurde und es war die interessanteste Zeit meines Lebens.
    GEWALT habe ich auch erlebt: ein braver Bürger kam irgendwann aus seinem Gully gekrochen und hat anonyme Briefe geschmiert. Über die mit diesem Zwangsouting verbunden Kollateralschäden will ich mich hier nicht weiter äussern. Aber EINS sag ich euch, Genissen: wenn ihr euch mit SOLCHEN Schweinen gemein machen wollt, dan maxht lieber den Laden di ht und geht gleich zur AfD.

  • #6
    Counsel

    Was völlig ausgeblendet wird: Es bestehen jetzt vermehrte sexuelle Bedürfnisse von über 1 Million junger Männer, die vor allem aus muslimischen Ländern nach Deutschland migriert sind. Natürlich hat dies zu einer gewaltigen Ausweitung des Marktes, und damit eines Zuzugs von Prostituierten geführt. Diese kommen zum Teil auch aus afrikanischen Ländern, vor allem aber weiterhin aus Ost Europa. Irgendwelche veröffentlichten Statistiken gibt es aber nicht. Es ist eben auch eins dieser Tabuthemen im Zusammenhang mit der Migration

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.