Linus wird 11!

Edited in Prisma app with Leya

Wie auch für meinen Kleinen, werde ich für meinen Großen von nun an, vorerst vielleicht, vielleicht auch für immer, Texte hier veröffentlichen. Wieso, das kann man hier nachlesen. Los geht’s.

Seit Tagen, eigentlich Wochen, bist du in nervöser Vorfreude. Dein Geburtstag. Dein Elfter. Welche Geschenke wirst du wohl bekommen? Waren alle Geschenke auf deiner Amazon-Wishlist? Hast du das mit dem Trikot wirklich weiter gegeben? Kannst du bei deinem Stief-Opa die PS4 wirklich rechtzeitig abstauben, damit du dann „Hogwarts Legacy“ spielen kannst, solltest du es bekommen? Vor allem ist es aber auch das Warten auf deinen Tag. Deinen. An dem es nur um dich geht.

Du bist der Große, ein halbes Jahrzehnt trennt dich von Jasper. Du bist ruhiger als dein Bruder, und – nicht nur wegen des Alters – vernünftiger. Vorgestern gingen wir durch die Siedlung – Halloween. Ich hatte ein aufgeblasenes Kostüm eines Reiters auf einem Skeletteinhorn mit einem Regenbogenschweif. Ich weiss gar nicht, wie oft du mir sagtest: „Papa, du bist komisch.“ Das sagst du öfter. Ich glaube, manchmal möchtest du eigentlich „Papa, du bist peinlich!“ sagen. Aber das tust du nicht, auch nicht, wenn ich nachfrage. Noch nicht. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Andere zu verletzen liegt dir nicht. Aber die Pubertät kommt eben doch in großen Schritten.

Andererseits: es war dir sehr wichtig, dich zu verkleiden. In dem Kostüm, das du wolltest. Du musstest weinen, weil zunächst nicht das richtige Kostüm kam, und du überzeugt warst, dass ich nicht rechtzeitig das Richtige besorgen würde. Natürlich habe ich es geschafft. Aber wenn es nach deiner Planung ginge, müssten wir Dinge immer Wochen vor einem Termin erledigen. So bin ich nicht, und ich weiss, dass ich es dir damit nicht gerade einfach mache.

Es ist krass, welche riesigen Schritte du in den letzten Monaten gegangen bist. Das kann man auch wörtlich nehmen – wenn ich deine Schuhgröße sehe, sieht es für mich aus, als bestünde da ein gewisses Missverhältnis in dem Sinne, dass die Füße einfach beschlossen hätten schon einmal ein Jahr weiter zu sein, als die Länge der Beine; und dabei bist du nicht klein. Ich sage dir immer wieder, dass du größer werden wirst als ich. Für dich klingt es nach einer Aussage zur Körpergröße, aber ich meine damit auch, dass ich so sehr hoffe, dass du nie in meinem Schatten stehen wirst. Egal, wohin dich dein Weg führt. Ausser, wenn du einen Borussen-Schal tragen solltest; Enterbung muss dann neu gedacht werden. Aber das steht nicht zu befürchten, auch wenn dein Glaube an Schalke im Moment ein wenig nachgelassen hat, und du dir ein Leverkusen-Trikot gewünscht hast. Und bekommen wirst.

In jedem Fall gehst du seit dem Sommer auf die weiterführende Schule. Und wir – deine Mama und ich – haben bisher noch keinen so krassen Sprung erlebt. Du bekamst parallel dein erstes Handy. Und auf einmal sehe ich da einen Jugendlichen in seinem Zimmer auf dem Bett liegen und auf dem Handy drücken. Das Pokemon-Poster ist nicht mehr vogue, und auch nicht die Frage, was der Lieblingsdino oder das Lieblingspokemon ist. Wir haben viel Zeit darauf verwendet, um sicher zu stellen, was du im Netz darfst und was nicht. Das geht. Man muss sich als Eltern ein paar Stunden Zeit nehmen, und alles durchgehen. Und wir haben es dir auch erklärt, auch, dass wir ab und an nachschauen werden, wo du surfst. Es berührt mich, zu erleben, wieviel Magie dieses neue Portal für dich bedeutet. Wie du dich über jede Reaktion auf dein WhatsApp-Bild freust, aber auch unsicher fragst, wieviele Reaktionen man so bekommt. Du berichtest mir von Finnel (einem Youtuber), und ich merke, dass auch du anfängst, davon zu träumen, wie das wäre, wenn du diesen Fame hättest. Als Eltern ordnen wir das für dich ein, wie Eltern das so machen sollten. Aber ich will dir deine Träumereien auch nicht kaputt machen. Es ist das Recht von Kindern und Jugendlichen, und wir Erwachsene täten gut daran, auch mehr zu träumen. Zynismus hat noch nie ein Problem gelöst. Und irgendwie war es auch schön, als du dann gestern meintest „Ich glaube, durch unsere Hausdeko und dein Kostüm sind wir jetzt schon bekannter in der Nachbarschaft geworden.“ Und zufrieden lächeltest.

Es ist so schön, dass du glücklich bist auf deiner neuen Schule. Du hattest dir viele Sorgen gemacht, und ich auch, und deine Mama auch. Weil du sehr an deiner Grundschul-Klassenlehrerin gehangen hast. Fest verankert in dem System deiner Grundschule, deiner Klasse warst und nur sehr wenige sich für das Gymnasium entschieden, auf dem du jetzt bist. Als du dich dann zum Klassensprecher aufstellen ließest, war aber unsere Sorge ein wenig zerschlagen, dass du nicht gut angekommen sein könntest. Und mit der dir eigenen Ruhe und Zufriedenheit konntest du damit umgehen, dass du nicht gewählt wurdest. Das war bei der 5 im Englisch-Vokabeltest anders. Aber auch das hast du gemeistert, und der nächste Test war schon besser.

Du bist immer noch ein Kind. Nicht nur, weil du mir das sagtest, als ich dich Montag danach fragte, als du an deinem neuen Schreibtisch sasst, ich den Begriff „Jugendzimmer“ nutzte und rumeierte, weil ich dich so oder so nicht irgendwie kränken oder stressen wollte, ob du ein Kind oder ein Jugendlicher in deinen eigenen Augen bist: „Natürlich bin ich ein Kind. Ein Jugendlicher ist man mit 14, Papa!“ Ja, ich hatte auch sowas gelesen.

Ich musste daran denken, wie du im Urlaub mein iPad haben wolltest, und ich dich fragte wieso, wo du doch ein eigenes Tablet hast. Du wurdest verlegen, ganz klein und sagtest ganz weich: „Weil ich möchte darauf rumkritzeln, also auf deinem iPad.“ Das hat mich sehr berührt, und ich gab es dir, und du maltest dann in großer Zufriedenheit, und mit Selbstgesprächen dann darauf, und manchmal zeichnetest du einfach nur Kreise und maltest die aus.

 

„Natürlich bin ich ein Kind. Ein Jugendlicher ist man mit 14, Papa!“ Ja, manchmal vergesse ich das. Du setzt hinzu: „Aber ich bin ja auch bald 14. Dann bin ich Jugendlicher.“ Ich lächle dich an. „Ach weisst du, ich fände es jetzt nicht so schlimm, wenn das 3 lange Jahre werden.“ Es klingt melancholischer als von mir geplant, und ich nehme dich in den Arm, und küsse dich auf den Kopf. Du nimmst mich in den Arm, und willst am Rücken geschubbert werden. Ich schubber. Und genieße den Augenblick.

Happy Birthday, Linus!

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