Maja Göpel und der alte Trick mit dem Kulturpessimismus

Maja Göpel Foto: Raimond Spekking Lizenz: CC BY-SA 4.0


Während die ökologische Transformationsideologie an Zustimmung verliert, inszeniert sich Maja Göpel erneut als Warnerin vor dem technischen Fortschritt. Doch ihr Kulturpessimismus erklärt nicht die Welt, sondern nur die eigene Angst vor ihr.

Von Oswald Spengler bis Maja Göpel konnte man Reaktionäre stets an ihrem Kulturpessimismus erkennen. Sollte bei Spengler das Abendland nach seinem Untergang durch eine on ihm so genannte „Fellachenkultur“, also eine dumpfe, erschöpfte Restzivilisation, ersetzt werden, ist für Göpel eine große ökologische Transformation der Hebel, den technischen Fortschritt in die Schranken zu weisen. Denn wer auf Technologien setzt, um zum Beispiel den Klimawandel in den Griff zu bekommen, wird nicht auf mehr Nachhaltigkeit setzen. Göpel glaubt, dass Verbote viele Menschen befreien würden.

Blöd für Göpel, dass sich der Zeitgeist gedreht hat. Die Folgen der „großen Transformation“ bekommen immer mehr Menschen zu spüren, und sie sind zunehmend weniger bereit, sie zu ertragen: Deindustrialisierung, Wohlstandsverluste, hohe Energiepreise, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und der Aufstieg rechtsradikaler Parteien. „Grün macht Braun und genau das Göpel-Milieu hat diese Entwicklung durch seine Wachstums- und Technikfeindlichkeit erst befeuert.  Und nun ist mit Künstlicher Intelligenz auch noch eine neue Technologie angetreten, in rasender Geschwindigkeit die Welt zu verändern – und die Menschen mögen sie, selbst in Deutschland: Weltweit gibt es nirgendwo außerhalb der USA mehr zahlende ChatGPT-Nutzer. Ein Indiz dafür, dass die Skepsis gegenüber KI vor allem in bestimmten Milieus gepflegt wird, nicht in der Bevölkerung.

Während die Bodentruppen der Stiftung Mercator mit Millionen Euro Unterstützungsgeldern im Rücken gegen den Bau neuer Rechenzentren trommeln, warnt Göpel in einem Essay in der taz davor, dass Menschen zunehmend durch den Kontakt mit Chatbots vereinsamen. Die Studienlage ist da nicht so eindeutig: KI kann Menschen helfen, sich weniger einsam zu fühlen, aber auch reale soziale Kontakte gefährden oder gar keine Auswirkungen haben. Sie ist ein Tendenzverstärker, wie es sie schon zuvor gab: Wer einen intakten Freundes- und Familienkreis hat und beruflich viel mit Menschen zu tun hat, wird durch KI nicht einsamer. Wer all das nicht hat, erhält nun einen Gesprächspartner – und wird sich vielleicht noch mehr zurückziehen. All das ist allerdings nicht neu: Einsame Menschen hatten schon immer einen Hang, sich in Parallelwelten zurückzuziehen, schauten den ganzen Tag Trash-TV oder versanken in der Welt der Rollenspiele.

Was Göpel nicht erwähnt, ist das emanzipatorische Potenzial von KI: Menschen haben nun die Möglichkeit, sich auch komplizierte Sachverhalte wie die Relativitätstheorie so erklären zu lassen, dass sie sie auch verstehen. KI ist nie arrogant, immer freundlich und passt sich dem Niveau ihres Gegenübers an. Die Schwellenangst sinkt, Nachfragen werden geradezu provoziert, Widerspruch wird nicht übel genommen. KI ist aber auch ein Distinktionskiller und daher eine reale Gefahr für Intellektuelle mit wenig Substanz, aber beeindruckendem und elitärem Auftritt: Sie zeigt, dass mancher Kaiser nackt ist und nivelliert kulturelles Kapital. Systeme wie ChatGPT sind für Kinder kostenlose Nachhilfelehrer – und das global: Mit einem billigen Smartphone haben Kinder weltweit Zugriff auf Chatbots, die ihre Fragen mit Engelsgeduld beantworten und ihnen nie das Gefühl geben, zu dumm oder zu langsam zu sein. Dazu kommt, dass die Technik niedrigschwellig ist und zum Spielen einlädt: Selten war der Einstieg in eine neue Technologie so einfach. Man muss sich nicht einmal schriftlich ausdrücken können, denn die Chatbots reagieren auch auf gesprochene Sprache. Die Bots können die Grundlagen vermitteln, die es braucht, um mit Google überhaupt vernünftig arbeiten zu können, und liefern nicht nur Links: Mit OpenAIs Browser Apollo kann man sich gemeinsam mit seinem gewohnten KI-Partner Webseiten anschauen, Fragen zu ihnen stellen und über ihre Inhalte diskutieren. Es ist die größte egalitäre Dialog- und Wissensmaschine, die Menschen je besessen haben.

Wie jede Technik ist auch KI nicht frei von Risiken, und wir werden lernen müssen, mit ihr umzugehen und zu leben – aber das war auch schon beim Feuer und beim Faustkeil nicht anders. Es gibt also keinen Grund für ein kulturpessimistisches Lamento. Die Vorteile überwiegen die Nachteile – und Millionen Menschen erleben das jeden Tag. Das verändert nicht nur ihre Einstellung zu KI, sondern zu Technik. Und das ist schlecht für die grünen Untergangspropheten, aber gut für eine Gesellschaft, die Wohlstand und Lebensqualität nur wird erhalten können, wenn sie deren Ideologie überwindet. Am Ende wird nicht die KI entscheiden, ob wir scheitern, sondern unser Verhältnis zu Fortschritt.

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Entitaet
Entitaet
1 Monat zuvor

Göpel steht exemplarisch für einen technikkritischen Kulturpessimismus, der medial erstaunlich gut funktioniert. Kaum jemand verkörpert die deutsche „Transformationselite“ so lehrbuchhaft wie sie. Dieses Milieu hat über Jahre hinweg eine Mischung aus moralischem Rigorismus (s. auch Ulf Poschardts „shitbürgertum“), technikskeptischer Weltdeutung und politisch-medialer Dauerpräsenz kultiviert – und Göpel ist eine ihrer hochfrequentesten Resonanzfiguren. Das Problem dabei: Je größer die Bühne, desto kleiner werden oft die fachlichen Ansprüche.

Denn was Göpel seit Jahren betreibt, ist eine Art moralischer Öko-Kulturpessimismus, der technologischen Fortschritt primär als Bedrohung rahmt. Ihre Auftritte folgen dabei fast immer derselben Dramaturgie:

  • Erst wird ein zivilisatorischer Abgrund beschworen,
  • dann werden Verbote, Verzicht oder gesellschaftliche „Neuorientierung“ als Befreiung verkauft,
  • und am Ende suggeriert sie, wer auf Technik vertraut, verkenne die „systemischen Zusammenhänge“.

Diese Haltung ist nicht neu – Stefan Laurin verweist zu Recht auf Spengler. Und tatsächlich: Die strukturelle Verwandtschaft ist unübersehbar. Kulturpessimismus glänzt stets dadurch, dass er mehr über die Ängste der Pessimisten verrät als über die Welt. Für viele Kulturkritiker gilt das ebenso. Das Muster kennt man u. a. aus der Anti-AKW-Bewegung, aus der die Grünen hervorgingen.

Der mediale Verstärker-Effekt

Besonders perfide wird das Ganze jedoch erst durch den ÖRR- und MSM-Verstärkungsmechanismus. Während Expert_[Pause]innen für Energie, Klimaökonomie, KI, China-Politik oder technologische Pfadabhängigkeiten oft in Randspalten landen, sitzen Vertreter_[Pause]innen des Göpel-Milieus zuverlässig in Talkshows und Podcasts – mit Thesen, die häufig

  • unscharf,
  • einseitig,
  • ökonomisch fragwürdig,
  • empirisch wacklig oder schlicht unvollständig sind.

Göpel ist nicht Ursache des Problems, aber ein Symptom:
In Deutschland reichen eine gute moralische Erzählung und eine sympathische Medienpersona oft aus, um sich als Expert*in zu positionieren. Der Preis: Komplexe Zusammenhänge werden simplifiziert, technische Realität wird zur Folie für gesellschaftstheoretische Wunschkonstrukte.

Das Lanz-Beispiel als Brennglas

Die Lanz-Talkshow vom 10.07.2025 ist ein Paradebeispiel (URL: https://www.zdf.de/play/talk/markus-lanz-114/markus-lanz-vom-10-juli-2025-100):

  • Falsche oder unpräzise Aussagen zur französischen Kernkraft,
  • das Hervorheben der „erstmaligen Entkopplung“ von CO₂-Emissionen und Wachstum in China,
  • ein unreflektiertes Loblied auf chinesische Klimapolitik, das völlig ausblendet, dass westliche Länder diese Entkopplung schon vor Jahren erreicht haben.

Das Problem ist weniger, dass Göpel irrt – das tun wir alle, der eine mehr und der andere weniger. Das Problem ist, dass

  • niemand im Studio den Mut oder das Wissen hatte, diese Widersprüche und Halbwahrheiten sauber aufzudröseln,
  • und dass Göpels Aussagen anschließend in bestimmten Milieus als „wissenschaftlich“ oder „transformationslogisch“ unhinterfragt bejubelt und weitergereicht werden.

Es ist die (noch) herrschende Diskursökonomie, die toxisch ist: Moralisch-normative Narrative schlagen technische Realität.

Das Muster

Laurin benennt es treffend:  
Wenn neue Technologien wie KI plötzlich populär werden, entziehen sie genau jenen Personen die Deutungshoheit, die ihren Einfluss aus der Angst vor Technik oder dem Ruf nach kollektiver „Neuorientierung“ beziehen.

Und genau das ist der Punkt:  
Technik wirkt egalitär.
Sie demokratisiert Zugang zu Informationen, Tools und Kompetenzen.  
Sie ist ein Distinktionskiller und stellt damit letztlich bestimmte Eliten in Frage, also jene, deren intellektuelles Kapital primär aus performativer Pseudo-Tiefgründigkeit besteht. Auch das kann man in Ulf Poschardts „shitbürgertum“ nachlesen.

Warum aber folgen ihr so viele?

Weil sie rhetorisch sehr gut darin ist, komplexe Probleme in moralisch intuitive Erzählungen zu gießen.  
Weil sie ein Bedürfnis vieler Menschen bedient: die kitschige Sehnsucht nach einer Welt, die nicht von Technologie, Märkten oder Innovation, sondern von Normen und „neuen Narrativen“ gesteuert wird.
Und weil sie sich – wie viele ihrer Bewunderer – im Grunde in einer therapeutischen Funktion sieht: Gesellschaft als Patient, sie als Heilerin.

Nur hat diese Haltung einen Haken:  
Sie produziert Furcht statt Fortschritt, Narrative statt Lösungen und moralische Selbstüberhöhung statt technisch-ökonomischer Kompetenz.

Fazit

Göpel ist keine Expertin für Energie, KI, geostrategische Transformation oder China. Sie ist eine Narrativexpertin. Ihr Einfluss rührt von der Medienlandschaft, nicht aus empirischer und fachlicher Substanz.

Deutschland muss sich entscheiden, ob es

  • in Technologien investiert,
  • oder in Geschichten über Technologien und ihre Gefahren.

Die große Ironie:  
Jene, die ständig „Entkopplung“ fordern, sind selbst kaum oder überhaupt nicht in der Lage, sich von ihrem antitechnologischen Weltbild zu entkoppeln.

Und genau deshalb ist Laurins Analyse keinesfalls hart oder überzogen, sondern notwendig:  
Kulturpessimismus löst keine Probleme. Er erklärt nur, warum man selbst keine Lösungen mag.

paule t.
paule t.
1 Monat zuvor

Zitat:
„Wie jede Technik ist auch KI nicht frei von Risiken, und wir werden lernen müssen, mit ihr umzugehen und zu leben – aber das war auch schon beim Feuer und beim Faustkeil nicht anders.“

Das ist ein schöner Satz fürs Poesiealbum. Tatsächlich wird hier aber bei jeder Gelegenheit massiv gegen alle gestänkert, die in Befolgung genau dieses Gedankens nicht jeder neuen Technologie automatisch den roten Teppich ausrollen wollen, sondern die Risiken überprüfen und den Einsatz der Technologien danach ausrichten wollen. Das nennt man übrigens Demokratie, dass auch die Gesellschaft entscheidet, welche Technologien wie eingesetzt werden dürfen, und nicht jeder Weltkonzern oder kapitalistische Oligarch durch seine finanzielle Macht einfach machen darf, was er will.

Oder soll der Satz die Stoßrichtung haben: Jede Technologie hat Risiken, und deswegen ignorieren wir die ´Risiken einfach? Dann würde ich den Autor bitten, mit gutem Beispiel voranzugehen und prinzipiell nur Autos ohne TÜV-Plakette zu fahren, Geräte ohne GS-Siegel zu verwenden und seine Firewall am Computer abzuschalten. SInd eh alles nur Freiheitsvernichter, diese alberenen Risikovermeidungsinstrumente.

Zitat:
„Göpel glaubt, dass Verbote viele Menschen befreien würden.“

Natürlich können Verbote – nämlich Verbote von Verhalten, das andere in ihrer Freiheit einschränkt oder schädigt – befreiend wirken. Das komplette Strafgesetzbuch mit all seinen Verboten lässt sich doch nur dadurch rechtfertigen, dass es die Rechte und Freiheiten von Bürger:innen schützt. Bestimmte Verbote im Umweltbereich haben dafür gesorgt, dass man in manchen Gwässern, wo das lange nicht möglich war, wieder schwimmen kann; dass man auch als Asthmatiker an Tagen mit Inversionswetterlagen das Haus verlassen kann; dass man an sonnigen Tagen nicht ganz so arg auf Hautkrebsvorsorge achten muss und auch mal den Schatten verlassen kann; usw. Natürlich sind das Freiheitsgewinne, was denn sonst?

Deswegen muss man die einzelnen Verbote und Verbotsforderungen schon konkret diskutieren. Da würde ich Göpel auch bei ihrem konkreten Beispiel zustimmen: Wenn ich nicht als Verbraucher ständig individuell dafür sorgen müsste, dass die von mir gekaufte Produkt auch sozial und ökologisch verantwortlich hergestellt wäre, sondern entsprechende Regeln dafür sorgen würden, dass das ganz generell sicher gestellt ist, wäre das für mich ein Freiheitsgewinn. Und für die, die die neghativen Folgen der Herstellung anderer Produkte tragen müssten, auch. Aber natürlich kann man auch eine andere Meinung vertreten – dann muss man darüber eben diskutieren.

Das aber wäre intellektuelle Arbeit. Die kann man natürlich fein vermeiden, indem man einfach die großen Hämmer rausholt – „Reaktionär“ (und unter Spengler-Vergleich geht’s nicht), „Kulturpessimismus“, blah blah. So kann man über sachliche, konkrete Diskussionen natürlich schnell hinwegwalzen und sich als Vorkämpfer von Freiheit und Fortschritt in Pose werfen.

hase12
1 Monat zuvor

Da schlägt der Protestantismus wieder voll zu: Menschenverachtung, anderen Leuten auf die Nerven gehen und wenn es eng wird, moralisch ganz weit vorn sein.

Fun-Fact zu Grün macht Braun: Wenn man sich einen Spaß macht, hört sich Göpel an wie Goebbels! 🙂

paule t.
paule t.
1 Monat zuvor

Wenn man sich einen Spaß macht, hört sich Göpel an wie Goebbels!

Solcher Bullshit – mit irgendwelchen angeblichen, frei erfundenen oder maximal völlig zufälligen Ähnlichkeiten eine Nähe zum NS zu insinuieren – zeigt komplette intellektuelle Verwahrlosung. Argumente null, Dämonisierung des politischen Gegners auf Maximum.

paule t.
paule t.
1 Monat zuvor

@ Entitaet:
Zitat: „Technik wirkt egalitär.“

Das ist in der Allgemeinheit einfach Unfug. Es kommt darauf an, was für eine Technik es ist, wer sie kontrolliert, wer Zugang hat usw. Je nachdem wirkt eine Technik dann möglicherweise egalitär, möglicherweise aber auch genau in die gegenteilige Richtung.

Hier in diesem Fall haben wir eine Technik, die den Umgang mit Wissen und Informationen für viele sehr erleichtern kann – insofern möglicherweise eine egalitäre Wirkung. Gleichzeitig erfordert die Technik, so wie sie bisher konstruiert ist, aber eine enorme Menge dahinterstehenden Kapitals und entsprechender Infrastruktur. Je nachdem, wer das kontrolliert, wie er diese Kontrolle ausübt und welche Ziele er dabei verfolgt, kann das selbstverständlich auch extrem antiegalitär wirken.

Thomas Mielke
Thomas Mielke
1 Monat zuvor

Maja Göpeks Essay ist in erster Linie ein ironisch-polemischer Text gegen das individuelle Versinken in zugeschnittenen „Meinungs-„Blasen und ein Aufruf zur physisch-analogen Begegnung mit den lieben und weniger lieben Mitmenschen.

Sie weist auf den nachweisbaren Zusammenhang zwischen SM und Entdemokratisierung hin,
Irgendwie erstaunt es dann auch nicht wirklich, wenn viele Analysen darauf hinweisen, dass seit 2020 nicht nur Onlinezeiten und auf Social Media rasant angestiegen sind, sondern zum ersten Mal seit zwanzig Jahren auch die Autokratisierung auf dem Vormarsch ist.„,
und das Soziale ist ist ja ihr Thema und nicht „Technophobie“ oder so etwas.

Ich selbst komme gerade aus einer KI-Schulung zu den Bild- und Videomöglichkeiten dieser Technologie und bin fasziniert und erschrocken zugleich, wie einfach man damit „Wahrheiten“ produzieren, die unsere natürlichen Fähigkeiten der Wahrnehmung regelrecht außer Kraft setzen. Ich sehe bei ihr also gerade keine Angst „vor der Welt“, sondern eine berechtigte Angst vor dem Verlust derselben.

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