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Mbembe: „The time has come for global isolation“

Achille Mbembe Foto: Heike Huslage-Koch Lizenz: CC BY-SA 4.0

In einem Vorwort zu dem Buch „Apartheid Israel – The Politics of an Analogy“ spricht sich der diesjährige Eröffnungsredner der Ruhrtriennale, Achille Mbembe, für die „globale Isolation“ Israels aus.   Aber auch die Kunst der Dämonisierung Israels beherrscht der in Südafrika arbeitende Experte für postkoloniale  Studien.

Für Achille Mbembe, den in Südafrika lehrenden Politologen und Historiker, der in diesem Jahr die Eröffnungsrede der Ruhrtriennale halten soll, ist die Sache klar:

„The occupation of Palestine is the biggest moral scandal of our times, one of the most dehumanizing ordeals of the century we have just entered, and the biggest act of cowardice of the last half-century.“ („Die Besetzung Palästinas ist der größte moralische Skandal unserer Zeit, eine der entmenschlichendsten Torturen des Jahrhunderts, in das wir gerade eingetreten sind, und der größte Akt der Feigheit des letzten halben Jahrhunderts“.)

Und für Mbembe ergibt sich daraus eine Konsequenz:

„And since all they are willing to offer is a fight to the finish, since what they are willing to do is to go all the way—carnage, destruction, incremental extermination—the time has come for global isolation.” (Und da alles, was sie zu bieten bereit sind, ein Kampf bis zum Ende ist, da sie bereit sind, den ganzen Weg zu gehen – Gemetzel, Zerstörung, schrittweise Ausrottung – ist die Zeit gekommen für globale Isolation.)“

Mbembe schrieb dies im Vorwort des 2015 erschienenen Buches „Apartheid Israel – The Politics of an Analogy“, dessen Tantiemen an die Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel (PACBI) gespendet wurden, wie der Verlag die Leser wissen lässt. PACBI gehört zu den Gründungsorganisationen der BDS-Kampagne. Für den Bundestag, den Landtag Nordrhein-Westfalens und viele Städte steht fest: BDS ist antisemitisch.

Mbembes Behauptung, beim israelisch-palästinensischen Konflikt handele es sich um den „größten moralischen Skandal unserer Zeit“ ist abenteuerlich und kaum zu belegen. Der Konflikt zwischen dem Staat Israel und verschiedenen terroristischen palästinensischen Gruppen dauert seit der Gründung Israels im Jahr 1949 an. Im weltweiten Vergleich ist er, bei allen Tragödien und Opfern, die er auf allen Seiten, aller beteiligten Parteien hervorgebracht hat, ein eher kleiner und überschaubarer Konflikt. Die hohe Wahrnehmung der Auseinandersetzungen hat ihren Grund darin, dass eine der Gruppen, die Bevölkerung des Staates Israel, zu einem großen Teil aus Juden besteht. Gut 15.000 Menschen fielen dem israelisch-palästinensischen Konflikt auf beiden Seiten zum  Opfer und so klar ist, dass jeder Tod bedauerlich ist, dürfte auch Achille Mbembe nicht entgangen sein, dass es weitaus brutalere, opferreichere und entmenschlichende Konflikte gegeben hat, die sich allerdings dadurch auszeichnen, dass der Staat Israel, dass Juden, nicht an ihnen beteiligt waren.

Um sie alle aufzuzählen, müsste man ein Buch verfassen, aber während Mbembe 2015 sein Vorwort schrieb, befand sich im Irak, Syrien und in Teilen Afrikas der Islamische Staat in seiner Hochphase, überzog ganze Regionen mit Krieg, versklavte Frauen, ermordete Muslime, die sich seiner religiösen Auslegung nicht anschließen wollten, und versuchte, die Jesiden auszurotten. 60.000 bis 70.000 Menschen wurden Opfer des IS, Millionen wurden vertrieben. Der Bürgerkrieg in Syrien, er ging 2015 in sein viertes Jahr, kostete zum damaligen Zeitpunkt bereits fast 400.000 Menschen das Leben, heute sind es weit über 600.000. Während des Völkermords in Ruanda 1994 wurden 800.000 bis 1.000.000 Menschen abgeschlachtet. Wollen wir weiter machen? Die Verfolgung der Uiguren in China, die Unterdrückung von Frauen in großen Teilen der muslimischen Welt, die Morde an Schwulen und anderen sexuellen Minderheiten – die Liste der Verbrechen, die Menschen an Menschen begehen, auch in dem historischem Zeitraum, den Mbembe zum Maßstab nimmt, ist so abscheulich wie sie lang ist. Doch in seinem Vorwort erwähnt Mbembe keinen diese Konflikte.

Er fordert auch nicht dazu auf, China, Saudi Arabien oder Syrien zu boykottieren. Dies fordert er nur gegenüber Israel:

 

Mbembe ruft also in seinem Vorwort dazu auf, Israel global zu isolieren. Nichts anderes will die antisemitische BDS-Kampagne.

Denn Israel, das wird klar, wenn man die Rede liest, die er am 12. Mai vergangenen Jahres im Düsseldorfer Schauspielhaus hielt, ist für ihn ein rassistischer Unrechtsstaat und Mbembe macht das am Beispiel Gaza fest:

„Dort wird die Kontrolle über verwundbare, unerwünschte, überschüssige oder rassisch klassifizierte Menschen durch eine Kombination diverser Taktiken ausgeübt, unter denen der »regulierten Blockade« besondere Bedeutung zukommt. Die Blockade unterbindet, behindert und begrenzt, was in den Gazastreifen hinein oder von dort hinaus gelangt. Sie mag nicht darauf abzielen, Gaza vollständig von der Versorgung, den  Infrastrukturverbindungen oder den Handelswegen abzuschneiden. Dennoch ist der Gazastreifen in einer Weise abgeschottet, die ihn letztlich zu einem Gefängnis macht.

Die umfassende oder auch nur relative Abschließung wird begleitet von periodischen militärischen Eskalationen und dem ständigen Einsatz extralegaler Tötungen. Die über den Raum ausgeübte Gewalt, humanitäre Strategien und eine spezielle Biopolitik der Bestrafung bringen ihrerseits in ihrer Kombination einen eigentümlichen Gefängnisraum hervor, in dem Herrschaft über Menschen ausgeübt wird, die als überschüssig, unerwünscht oder illegal gelten, wobei man jede Verantwortung für deren Leben und Wohlergehen von sich weist.“

Für einen Historiker ist das ein fast schon erschreckend unhistorischer Text, denn er hinterfragt nichts. Mbembe macht sich nicht die Mühe, nach Ursachen zu suchen, sondern arbeitet alleine mit Unterstellungen. Die Menschen in Gaza leben in der Situation, in der sie leben, weil die Hamas Krieg gegen Israel führt, weil von Gaza aus Raketen abgeschossen werden, Terroristen durch Tunnel versuchen auf das Territorium des Nachbarlandes zu kommen, um Anschläge zu verüben. Israel hat an einer Blockade Gazas kein Interesse  – sie ist ein Mittel in einem Krieg, den Israel nicht begonnen hat, aber nicht verlieren will. Israel hätte lieber Nachbarn wie Belgien, die Niederlande und Österreich statt Gaza. Der Krieg ist eine Belastung für das Land, kein Quell irgendeines irgendwie gearteten rassistischen Frohsinns. Ein friedliches Gaza, in dem sich Unternehmen ansiedeln, Touristen, auch aus Israel, Bier an am Mittelmeer gelegenen Strandbars trinken und mit dem man Handel treiben kann, wäre viel mehr in Israels Interesse.

Was Mbembe betreibt ist Dämonisierung. Mbembe mag Geschichte studiert haben, sein Talent liegt aber sicherlich in anderen Bereichen. Ihm wäre sonst nicht entgangen, dass der israelisch-palästinensische Konflikt nichts anderes ist, als ein Auseinandersetzung  zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, wie er bei der Entstehung neuer Staaten üblich, wenn auch nicht schön, ist: Araber vertrieben Juden, Juden vertrieben Araber – beide Ende der 40er Jahre ungefähr 700.000 Menschen. In Europa ist das im 20 Jahrhundert oft geschehen, es ist eine der brutalen Folgeerscheinungen der Nationalstaatenbildung. Die einzige Besonderheit im israelisch-palästinensischen Konflikt ist, dass die arabischen Staaten sich weigerten, die arabischen Palästinenser zu integrieren, sondern sie in Lager steckten und gegen Israel aufhetzten. Das ist die historische Besonderheit. Aber so etwas interessiert Mbembe nicht.

In der FAZ sagt Michael Hanssler, der Vorstandsvorsitzende der Gerda Henkel Stiftung, die dem Historiker einen Preis verlieh, in einem unlängst erschienen Artikel über den Antisemitismusvorwurf gegen Mbembe „Ich möchte anregen, dass sich diejenigen, die diese Vorwürfe in Form offener Briefe und durch Pressestatements erhoben haben, zunächst einmal ernsthaft mit Achille Mbembes Werk und mit ihm als Person auseinandersetzen.“ Wenn man das tut fragt man sich, ob Hanssler weiß, wovon er spricht.

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12 Kommentare zu “Mbembe: „The time has come for global isolation“

  • #1
    MARTIN MAHADEVAN

    Großartig! Solchen Leuten muss man ausgerechnet
    In Deutschland den roten Teppich ausrollen !
    Wird der extra 1. Klasse aus Südafrika eingeflogen ?
    VIelleicht sollte der sich mal zuerst um Korruption,
    Gewalt und schreiende Armut in seinem Heimatland
    Kamerun oder seinem Gastland Südafrika kümmern. Dagegen ist Israel ein Paradies.

  • #2
    nussknacker56

    Hätte Mbembe eine weiße Hautfarbe und würde von einem deutschen Volkskörper faseln, der gerade von Migranten penetriert wird, gälte er hierzulande direkt als lupenreiner Nazi.

    Er zählt jedoch zu den POC und darf das. Er spricht von den „Auswirkungen des israelischen Projekts (sic) auf den palästinensischen Körper“ welche „viel einschneidender als die relativ primitiven Operationen des Apartheidregimes in Südafrika“ seien und prompt hängen eine Vielzahl von links-rechts-affinen Kopfnickern mit offenem Mund und glänzenden Augen an seinen Lippen und klatschen dem Rassismusverharmloser, „Politologen und Historiker“ aus Kamerun begeistert Beifall.

  • #3
    reinhard finck

    Auf seite 8 des Vorworts (römische zahlen) zu "Apartheid Israel" sagt er ausdrücklich, dass Israel SCHLIMMER ist als das frühere Südafrika. "It is far mor lethal": es ist weit tödlicher. Hoffen wir, dass der Coronarvirus seinen Auftritt in Bochum verhindern wird. Mir ist schleierhaft, wie seine Apologeten und Preisgeber dieses zentrale Vorwort Mbembes in dem BDS-Reader 2015 bislang vor der Öffentlichkeit verstecken konnten.

  • #4
    MARTIN MAHADEVAN

    Ich habe mich mal ein bisschen mit den
    Forschungsergebnissen des grossen afrikanischen
    Gelehrten Bembsi beschäftigt. In Punkto Israel
    scheint er, wie so viele, an akutem Verfolgungswahn zu leiden, was in seinem Fall
    erfreulicherweise sehr geschäftsfördernd ist.
    Übrigens steht sein herrliches Heimatland Kamerun
    im Demokratieindex des "Economist" an 142. Stelle von 167 Ländern. Beeindruckend !
    Der Präsident regiert praktischerweise seit
    fast 40 Jahren. In der BRD leben viele Asylbewerber
    aus dem Kanerun, die halten es wahrscheinlich vor lauter Glück in ihrer Heimat nicht
    mehr aus. Vielleicht sollte sich der grosse
    Kameruner Gelehrte Mbembsi zur
    Abwechslung mal mit den herrlichen Verhältnissen
    in seinem Heimatland beschäftigen. Das wäre doch echte "Diversity" !

  • #5
  • #6
    Helmut Junge

    Man darf nicht vergessen, daß wegen der gestiegenen Nachfrage in Europa, der Antisemitismus auch für Nichteuropäer ein lukratives Geschäftsmodell geworden ist. Ob das bei oben genanntem Afrikaner so Eins zu Eins angenommen werden kann, weiß ich natürlich nicht. Ich weiß nämlich nicht, wann es politisch zu werten ist, und wann es lediglich einkommensverbessernd benutzt wird. Es zahlt sich aber immer aus. Mal als Anerkennung, mal umsatzsteigernd. So oder so.

  • #7
    suenjo

    Und spätestens wenn der Autor fordert, dass Touristen doch bitte Bier an den Stränden Gazas trinken sollen dürfen, ist dieser Text in seiner eurozentristischen Dummheit entlarvt.
    Antisemitismus entlarven wollen aber antimuslimischen Rassismus schüren. Der Islam ist genauso Frauenfeindlich wie es Judentum und Christentum ebenfalls waren und sind.
    Es ist so traurig wenn eingebildete weisse (und ziemlich sicher männliche) Dumpfbacken wieder die Welt erklären wollen.
    Haltet doch endlich mal die Backen, es reicht!!!

  • #8
  • #9
    reinhard finck

    Zum Weiterlesen: 1.Titanic, Satirezeitschrift, Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück vom 3. Mai 2020, neueste Ausgabe, online zu lesen: "Eine deutsche Debatte", mit den Pro- BDS-Kernsätzen Mbembes als Persiflage; und 2. Michael Wolffsohn in der Neuen Zürcher, 28. April: https://www.nzz.ch/feuilleton/die-ruhrtriennale-und-achille-mbembe-ein-beispiel-fuer-das-verbreitete-antisemitisch-antizionistische-muster-der-linken-und-linksliberalen-ld.1553317. Wie der Titel sagt, geht er darauf ein, dass besonders Leute, die sich ihrer Vergangenheit als irgendwie "Linke" rühmen, ganz besonders für Mbembe stark machen. Und zu den Pro-BDS-Aktivitäten der bisherigen Ruhr-Triennale unter Frau Carp, von der bisher zwei bekannt sind, weist er auf eine weitere hin "…bewies Frau Carp auch 2019, als sie die in Haifa und Berlin lebende israelische Regisseurin Ofira Henig einlud, von der der Satz stammt: «Ich halte Israel für einen faschistischen Staat.»" Der Meinungskampf über Israel und seine Juden tobt also weiterhin, weltweit, auch in Israel selbst, und wer will, mag sich in diesem Menungskampf positionieren. Ein Dank an die Ruhrbarone, Titanic und die NZZ, diese Kontroverse zu publizieren. Was bin ich, ein alter Antiapartheidkämpfer im Bochum der 70er-Jahre, unter anderem mit dem "BASA – Bochumer Aktionskreis Südliches Afrika", heilfroh, dass die aktuellen Antisemiten, die sich als "Post-Kolonialisten" tarnen, kräftig Gegenwind bekommen!

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