„Mehr Explosionen!“ – Grimme-Preise in Marl verliehen

Der Grimme-Preis wird  in Marl verliehen, in der Provinz. Das ist richtig, denn grundsätzlich ist Fernsehen das Medium der Provinz. Er wird verliehen vom Deutschen Volkshochschulverband, das kann man historisch verstehen. Denn Auftrag des einst allein existierenden Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks waren Bildung, Information und Unterhaltung. Und der Grimme-Preis ist praktisch unkritisiert, was leicht zu verstehen ist, sitzen doch nahezu alle relevanten Medienkritiker in irgendwelchen Jurys und Nominierungskommisssionen

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich mag den Grimme-Preis. Ich bin in Marl groß geworden, in der Provinz; ich habe mit dem Grimme-Preis Fernsehen gelernt. Er war immer unprätentiös und dünkelfrei. Als junger Dödel von der Lokalpresse konnte ich dort mitEberhard Fechner, Edgar Reitz, Georg Stefan Troller, Dieter Hildebrandt, Stefan Aust oder Günter Gaus reden, ohne dass man mir freche Fragen übel nahm. Na gut, Gaus wurde schon etwas kühl, als ich ihn fragte, ob er seine These ernst meine, das Fernsehen trage maßgeblich zum „Ende der Aufklärung“ bei. Meinte er. Damals, Mitte der 80-er, gab es flächendeckend nur drei Programme.

In Marl legt man Wert darauf, anders zu sein als die PR-Preise Goldene Kamera, Deutscher Fernsehpreis oder der Bambi. Da ist ein VHS-Verband auch unverdächtig. Gleichzeitig will man sich äußerlich den dicken Dingern der Branche anpassen, in der Glamourliga mitspielen. Zugangskontrollen, Fotozonen, Sterneküche bei der anschließenden Party im Rathaus. Limousinen fahren vor, die sind dann von Skoda. Das ist lustig. Aber in Tschechien sitzen Politiker auch in solchen Autos. Roter Teppich. Über den laufen dann Hannelore Hoger, Iris Berben, Axel Milberg, Rosa von Praunheim und Dominik Graf. Die sind auch was für die Bunte und die Gala. Aber spätestens bei Kilian Riedhof, Wiltrud Baier und Benjamin Ikes müssen die Fotografen im Programmheft nachschlagen. Der Landrat des Kreises Recklinghausen, Cay Süberkrüb,  schlüpft dann seitlich und unabgelichtet am roten Teppich vorbei ins Stadttheater.

Übertragen wird das Ganze zeitversetzt kurz vor Mitternacht auf 3Sat. Quotentechnisch dürfte Grimme kaum schlechter abgeschlossen haben als Echoverleihung mit ihrer dämlichen Rumknutscherei am Tag zuvor. 3Sat, da hängen ARD und ZDF drin, dieses Jahr durfte dann ein ZDF-Mann moderieren, Prof. Michael Steinbrecher.

Der machte seinen Job dann auch fehlerfrei, gut indes geht anders. Natürlich ist es einfacher, als Sportstudio-Moderator ein paar Euros bei einer DFB-Gala abzugreifen, als vor einem Saal voller TV-Kollegen Punkte zu sammeln. Steinbrecher hatte auch mit einer steifen Dramaturgie zu kämpfen: Auftritt aus den Kulissen, Ansage des nächsten Preisträgers, Abgang in die Kulissen, um den Blick für den notorischen Einspieler nicht zu verdecken, erneuter Aufgang, um die Preisträger auf die Bühne zu bitten. Keine Lobrede, sondern kleine Interviews. Die bergen allerdings ein Problem. Der Interviewte kann schnell glauben, man nehme ihn so ernst, dass eine nebensatzhaltige Antwort erwünscht sei. Ist sie aber nicht. Die Veranstaltung soll pünktlich nach zwei Stunden 15 Minuten enden. Da steht dann schon mal ein Axel Milberg auf der Bühne und sagt kein einziges Wort, weil Kollegin Iris Berben schon das Zeitfenster gefüllt hat.

Überhaupt erledigt Steinbrecher seine Arbeit routiniert bis charmant, aber von Schauspielarbeit etwa hat er hörbar wenig Ahnung, da kommt er nicht über freundliches Geplänkel hinaus. Den jungen Hauptdarsteller in „Homevideo“ befragt er onkelhaft nach dem eigenen Facebook-Konsum. Falscher geht nicht. Aber irgendwas muss bei der professionellen Rezeption dieses unglaublichen Fernsehfilms schief gelaufen sein. Eigentlich geht es um Verwirrtheit der Pubertät, um Freundschaft und Verrat, um Scham und Schüchternheit, und Hauptdarsteller Jonas Nay konnte hier sichtbar dem Regisseur Kilian Riedhof vertrauen, wodurch Fernsehen entstand, das selten wahr und packend ist. Und was passiert? Grimme und andere rutschen aus auf der Oberfläche und schwadronieren vorwiegend über Cybermobbing. Und nach der ARD-Erstausstrahlung wird bei Anne Will noch mal über alles gesprochen.

Soviel Gedanken sind am Freitag im Marler Theater nicht. Hier wird ein Laufplan abgearbeitet. Manchmal erscheint ein Bühnenarbeiter, klappt den Deckel des Flügels auf, dann weiß man im Oberrang, jetzt kommt wieder „Salut Salon“, ein kammermusikalisches Frauenquartett. Das macht auch alles richtig, das ist auch heiter, aber mehr als André Rieu für Bildungsbürger kommt dabei auch nicht rum. Da wäre ich gerne mal dabei gewesen, als Bert Donnepp, Gründer des Preises, Ende der 60-er Jahre das erlesene Publikum mit einem
Auftritt der Psychodelic Rocker von Can aus den Sesseln haute.

Egal, die Zeremonie läuft. Zu Beginn gibt es die Höhepunkte, da wird in der Kategorie Unterhaltung ausgezeichnet. Philipp Walulis, hat dem Nischensender Tele5 das Highlight „Walulis sieht fern“ beschert, man kennt als Youtuber daraus „Der typische Tatort in 123 Sekunden“. Von Steinbrecher befragt, was er denn anders machen würde, wenn er plötzlich Geld hätte für seine Produktion, antwortet er: „Ich glaube, ich würde das ganze Geld für Explosionen ausgeben.“ Ja, denke ich da als Zuschauer, das wünsche ich mir von manch einer grimmekompatiblen Sendung, mehr Explosionen. Monitor, Panorama, das Wort zum Sonntag, einfach mal ein paar Special Effects einbauen, das würde manchen Beitrag nach vorne bringen, man kann ja zur Sicherheit ein: „Szene nachgestellt“ einblenden. Das Geld dafür müsste in diesen Redaktionen doch vorhanden sein.

Dass die Jury Arne Feldhusens „Der Tatortreiniger“ auszeichnet, ist schon ein Wunder. Der Sender hatte diesen kleinen, schnellen Vierteiler mit Bjarne Mädel unauffällig in der Weihnachtszeit verklappt. „Erstausstrahlung: NDR, ab 23.12.11, 03.30 Uhr“ vermerkt das Programmheft zum Preis. Da hat man bei Grimme schnell mal reagiert. Sonst bekommst du oft erst dann die Auszeichnung, wenn du schon rundum zu Tode gelobt worden bist. Kurt Krömer stand von 2005 bis 2010 fünf Mal erfolglos auf der Liste der Nominierten, ehe er 2011 endlich eine Auszeichnung erhielt. Im selben Jahr zeichnete er die letzte Staffel von „Krömer – die Internationale Show“ auf. Da muss schon etwas ziemlich verkehrt laufen in den Jurysitzungen, um so blind oder ignorant zu sein.

Vielleicht ist man in den Jurys zu ergriffen von sich selbst, ergötzt sich an Qualitätsanforderungen, die den Grimme-Preis unterscheiden sollen von anderen TV-Pokalen. Zu oft geht dabei aber das Ungeschliffene, Raue und Abwegige verloren. Das Nichtangepasste mag nicht den schlecht verstandenen Lehrbüchern des guten Fernsehens entsprechen. Der Verstoß  gegen vermeintliche Regeln durchdesignter Vollprogramme ist aber eine Qualität, die schon herausragenden Mut benötigt, lobenswert und preiswürdig. Widerstand gegen Vollverblödung oder Selbstvergewisserung auf hohem  Niveau, das würde mich mal interessieren.

Krebs und Sexualität müssen die großen Themen des letzten Jahres gewesen sein. Der Eindruck entsteht, wenn man sich die in der Fiktion und im Bereich „Information & Kultur“ ausgezeichneten Beiträge anschaut.

– „Mein Leben – Die Fotografin Sibylle Bergemann“. Bergemann stirbt kurz nach Ende der Dreharbeiten an Krebs.

–  „Liebesjahre“. Eine Frau reist zurück in ihre gescheiterte Ehe. Später kommt heraus, dass sie diese angetreten ist, weil sie unheilbar an Krebs erkrankt ist.
– „Ein guter Sommer“. Frieder, Andi und Hanna verbringen einen schönen Sommer zu dritt. Am Ende erfährt Andi, dass er unheilbar an Magenkrebs erkrankt ist.

Sexualität ist im Grimmekanon gerne mit Gewalt verknüpft, jedenfalls in der ausgezeichneten Fernsehjahresproduktion 2010.

– „Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule“. Systematischer Missbrauch unter der vermeintlich höheren Weihe fortschrittlicher Pädagogik. Die Dokumentation kenne ich nicht. Sicher kann das Fernsehen eine Qualität liefern, jenseits der Skandal-Aktualität, die längst von Spiegel online und anderen im Minutentakt betrieben wird. Aber der kurze Trailer im Theater lässt mich kurz erschaudern. Von „Grenzüberschreitungen“ reden die Autorinnen an einer Stelle euphemistisch. So recht bin ich nicht im Thema. Aber soweit ich weiß, ging es dort um Straftaten, deren Opfer Kinder und Jugendliche waren, deren Vertrauen sich Erwachsene zuvor perfide erschlichen hatten. Wenn mir als 13-jähriger ein Mann in die Hose gegriffen hätte, wäre mir verdammt egal gewesen, ob er Vertreter einer eigentlich sympathischen Pädagogik ist oder Angehöriger der bösen, rückständigen und deshalb automatisch sexuell pervertierten katholischen Kirche. Als Zuschauer ist mir denn egal, ob die Filmemacherinnen „nicht ohne Sympathien für den Geist der Schule“ sind. In der katholischen Kirche soll es auch Pfarrer geben, die gegen Unterdrückung und Ausbeutung in Afrika kämpfen. – Aber weiter im Preisreigen.

– „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“. Stricher reden mit Rosa von Praunheim über zerstörte Kindheiten, Missbrauch und Gewalt im Job.

– „Der Brand“. Ralph vergewaltigt Judith. Ralph wird nicht bestraft, Judith provoziert ihn so stark, dass er sie krankenhausreif schlägt.

– „Die Hebamme – Auf Leben und Tod“. Zu Beginn des 18.Jahrhunderts nimmt Hebamme aussichtslos scheinenden Kampf auf „gegen das männliche Recht, immer und zu jeder Zeit über den weiblichen Körper zu verfügen.“ (aus der Jurybegründung).

– „Homevideo“. Ein 15-jähriger wird bloßgestellt durch ein Masturbationsvideo, das im Internet kursiert. Er erschießt sich.

– „Du bist kein Werwolf – über das Leben in der Pubertät“. Sender, KiKa, und Präsentator, Ralph Caspers, sorgen schon dafür, dass es bei dem subjektiv überwältigenden Thema immerhin gewaltfrei zugeht.

Fukushima und Finanzkrise, NSU, Guttenberg und Wulff. Das Aktuelle scheint kein Thema mehr zu sein für herausragendes Fernsehen.

Eine Übersicht über die Grimme-Preise 2012 findet sich hier.

P.S. Im letzten Jahr ging die besondere Ehrung an Thomas Gottschalk, zu spät zweifelsfrei. In diesem Jahr wäre sie dann viel zu spät gekommen.

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3 Kommentare

  1. #1 | SinBad sagt am 26. März 2012 um 08:55 Uhr

    Zwei Formate wurden bisher leider auch vergessen. Zum einen „Sport Inside“, meiner Meinung nach eines der besten investigativen Formate, die momentan so laufen. Alleine wenn man das mit dem üblichen Sportprogramm vergleicht (grinsender „Südländer“ steht mit grinsender „Südländerin mit Bommelmütze“ und stellt dämliche Fragen, danach wieder laufen, schießen, springen) so liegen da Welten zwischen. Ich wüsste nicht, wer sich sonst in der TV Welt kritisch mit Sport auseinandersetzt.
    Die zweite Sendung wäre Zeiglers Welt. Gefühlt müsste der mittlerweile ne Bombenquote haben, hört man bei wievielen der Sonntagabend einfach Pflicht ist. Dazu glänzt die Sendung durch Humor und Fachwissen. Hoffen wir mal das es 2013 klappt.

  2. #2 | Ben sagt am 26. März 2012 um 15:21 Uhr

    Hätte der Autor dieses Artikels den ein oder anderen Film denn dann auch gesehen, wäre ihm durchaus aufgegangen, dass sie mitunter einen deutlichen Gegenwartsbezug haben. Statt jetzt auf einen Hype-Zug aufzuspringen und bestimmte Themen hochzujazzen, hat sich die Grimme-Jury völlig richtig für Themen entschieden, die eine stark gesellschaftskritische Haltung haben und deren Themen gerne unter den Teppich gekehrt werden. Ein Beispiel gefällig? „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“: Bei dem Film geht es nicht allein nur um Gewalt und Sex, sondern auch um die Abschiebeproblematik und um die Armut in Osteuropa, die dafür sorgt, dass sich Männer und Frauen im reichen Westen prostituieren müssen, damit die Familien daheim überhaupt was zu essen haben.

  3. #3 | Was vom Monat übrig blieb: Das war der März » Revierpassagen sagt am 2. April 2012 um 18:21 Uhr

    […] des Monats: GrimmePreise werden nach Laufplan abgearbeitet und […]

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