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Meine Erfahrungen mit Antisemitismus

Altstadt Zürich Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

Unserer Gastautorin Anastasia Iosseliani lebt in Zürich.

Geehrte Leserinnen und Leser!

Heute schreibe ich über meine alltäglichen Erfahrungen mit Antisemitismus, der mir, einer Jüdin in Mitteleuropa, regelmässig mit seiner hässlichen Fratze begegnet. Ich werde mich in diesem Beitrag vor allem mit dem Antisemitismus befassen, der mir im Erwachsenenalter widerfahren ist, da ich, meiner Meinung nach, genug darüber geschrieben habe, dass ich aufgrund von Antisemitismus die Sekundarschule verlassen musste, und ich früher die durch kindliche Naivität gespeiste Hoffnung hatte, dass ich keinen Antisemitismus im Erwachsenenalter erdulden müsse. Ich lag, leider, falsch.

Denn auch im Erwachsenenalter muss ich mich regelmässig mit Antisemitismus auseinandersetzen und werde damit auch oft alleine gelassen. Als Beispiel kann ich hier den Fall aufführen, bei dem mir eine Kundin in der Buchhandlung, in der arbeite, an den Haaren gerissen hat, um «nachzusehen», ob ich eine Perücke trage. Die Frau wusste von meinem ehemaligen Kollegen, dass ich Jüdin bin und wollte wissen, ob meine Haare auf dem Kopf wirklich zu mir gehören oder ob ich wie einige Chassidim eine Perücke tragen würde. Deshalb zog mich diese Frau, die an einer der besten Universitäten in der Schweiz Soziologie studiert hat, an den Haaren. Als ich sie zur Rede stellen wollte, meinte Sie, ich solle mich nicht so aufregen, sie sei halt neugierig gewesen. Ich habe damals meinen Ärger runtergeschluckt, auch als ich später auf der Polizeiwache war und den Beamten und Beamtinnen meine Situation schilderte, und diese nur mit den Schultern zuckten und meinten, ich solle die Situation wie eine Erwachsene klären… Danach habe ich niedergeschlagen den Rückzug angetreten.

Dies ist nur ein Beispiel, aber das Problem liegt tiefer: Denn, wenn ich von meinen Erfahrungen mit Antisemitismus berichte, werde ich oft von Nicht-Juden rüde unterbrochen und mir wird gesagt, man würde wohl noch «Israel kritisieren dürfen», als ob es «Israelkritik» sei mich, an den Haaren zu ziehen. Aber das ist nicht alles, regelmässig werde ich mit antisemitischen Stereotypen bombardiert und den Leuten ist nicht mal bewusst, welchen Nonsens sie von sich geben. Angefangen damit, dass mir regelmässig von Nicht-Juden attestiert wird, eine «jüdische Nase» zu haben, bis hin zur Ritualmordlegende, bei der mir von gebildeten Menschen gesagt wird, dass sie glauben, wir Juden und Jüdinnen würden zu Ritualzwecken das Blut nicht-jüdischer Kinder verwenden. Der Antisemitismus ist eine Plage, die nie wirklich weg war, darum überrascht es mich nicht, dass dieser Tage der Antisemitismus wieder wächst und gedeiht, denn Antisemitismus war in den Jahren nach der Shoah tabuisiert, wurde aber nicht ausgerottet.

Nun wittern Antisemiten und Antisemitinnen aller Couleur wieder Morgenluft. Dies kann man in den Statistiken zu antisemitischen Hassverbrechen nachprüfen, und als Jüdin wie ich erfährt man es am eigenen Leib, immer und immer wieder. Wie Sie unschwer erkennen können, habe ich diese kindliche Naivität, dass mich der Antisemitismus als Erwachsene nicht mehr heimsuchen wird, oder mir zumindest geholfen wird, schon lange verloren.

Ich weiss, dass dieser Text alles andere als erbaulich ist, aber es ist nunmal eine Tatsache, dass Juden und Jüdinnen wie ich, sich im 21.Jahrhundert, im Zeitalter von Smartphones, «Wikipedia» und dem Zeitalter, in dem man davon redet, den Mars zu kolonialisieren, immer noch mit einer Plage aus dem Mittelalter rumschlagen müssen, nämlich eben mit dem Antisemitismus. Es ist eine groteske Tragödie, die meiner Ansicht nach kein Ende nimmt, und ich weiss wirklich nicht, wie man da noch irgendetwas tun kann.

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Ein Kommentar zu “Meine Erfahrungen mit Antisemitismus

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    Berthold Grabe

    Schwer einzuordnen aus der entfernten Warte, da sich hier antisemitistisches Verhalten mit schlichter fehlender Kinderstube verbinden.
    Übergriffiges Verhalten ist allgemein auf dem Vormarsch, wie etwa jenes der "Soziologin und dem Harre ziehen" und zwar besonders auffällig unter Akademikern, die ihre Bodenhaftung verloren haben oder nie eine besaßen.
    Ebenso wahrscheinlich ist eine Verhaltensstörung weil solcherlei Auffälligkeiten heute kein Grund mehr sein dürfen in Schule Ausbildung oder Studium aussortiert zu werden für qualifiziertere Karrieremöglichkeiten
    Gleichzeitig lässt sich Antisemitismus hier nicht sicher ausschließen, aber ebenso wenig sicher bestätigen.
    vieles weitere zeugt wirklich von einer schon erschreckenden Vorurteilsstrukturunter formal aber nur scheinbar Gebildeten Menschen ,mit akademischen Abschlüssen, die ganz offensichtlich große Teile ihrer Ausbildung wohl nur als Durchflusserhitzung wahrgenommen haben und alles jenseits der eigenen Karriere vollständig vergessen oder ignoriert haben.
    Für mich erscheint das alles weniger originärer Antisemitsmus zu sein, als pure dummheit gepaart mit wirklich miesem Benehmen.
    die Schilderungne hier passen nicht zu einem ernstzunehmen Rassismus, was nicht bedeutet, das das geschilderte Problem nicht bekämpft werden muss.
    Aber ich Frage mich wirklich ob Antisemtismus hier das richtige Etikett ist, auch wenn ich verstehen kann das dieser Verdacht aus Sicht Betroffener sehr naheliegend sein muss.
    Ich sehe aber eher ein soziologische Problem unserer gesamten Gesellschaft, das sich gegenüber jeder auffälligeren Gruppe manifestiert.
    Ob das durch öffentlichen Fokus, oder Selbstdarstellung oder sonstwas geschieht. Es ist Anlass für zu Viele, die nicht genug zu tun haben, sich damit auf jede denkbare, auch absurde Weise zu beschäftigen, ohne das eigenen Handeln in Frage zu stellen.
    Die Unfähigkeit zur Selbstkritik und Erkenntnis scheint mir gefährlich angewachsen zu sein.
    das sit ähnlich wie die Gaffer bei Unfällen oder die Behinderungen bis hin zu angriffen auf Rettungskräfte.
    Deshalb denke ich nicht, das Antisemtismus oder anderer Rassismus das primäre Problem sind, sondern Formen der sozialen Verwilderung und Pathologisierung der Gesellschaft.
    Mediale Sensationslust befeuert das zusätzlich massiv.
    Die Übergänge jedenfalls erscheinen mir viel zu fließend.

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