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„Meistens schützt Öffentlichkeit.“

Turnhalle Foto: ChristianSchd Lizenz: CC BY-SA 4.0


In Großbritannien und den USA wird darüber debattiert, wie hoch das Risiko von Frauen ist, beim Joggen Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden. Wie ist die Lage in Deutschland?

Nachdem mehrere Frauen in den USA beim Joggen Opfer von Vergewaltigungen wurden, hat in dem Land eine Diskussion über die Risiken, alleine draußen Sport zu machen, eingesetzt. „Die Mehrheit der US-amerikanischen Frauen hat im Laufe ihres Lebens Angst vor Belästigung im öffentlichen Raum“, schreibt der Guardian. Laut einer landesweiten Studie aus dem Jahr 2019 hätten 81 Prozent der Amerikanerinnen irgendeine Form von sexueller Belästigung oder Übergriff erlebt. Einige wenige führen mittlerweile eine Schusswaffe bei sich, wenn sie ihre Joggingrunde drehen. Dabei liegt nach Zahlen des Sportmagazins Running World das Risiko, Opfer eines Mordes zu werden, bei 1:35.336. Und die Mordfälle, die es gibt, seien zumeist Beziehungstaten, bei denen sich Opfer und Täter kennen.

Im Guardian und auch bei CNN berichten zahlreiche Frauen von ihren Missbrauchserfahrungen beim Sport. Wie ist die Situation in Deutschland?

Wie oft Frauen beim Laufen in Parks, am Fluss oder auf den Straßen Opfer von sexuellem Missbrauch werden, ist in der Bundesrepublik schwer zu erfahren. Wir haben bei den Innenministerien der 16 Bundesländer nachgefragt. Fast immer lautete die Antwort, dass man es nicht wisse. Straftaten werden von den Ländern nach den Kriterien der bundesweiten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfasst. Ob eine Frau beim Sport, einem Spaziergang oder auf dem Weg zur Arbeit missbraucht wird, fließt in die Statistik ein. „Wie bei vielen Sexualdelikten ist davon auszugehen“, antwortet die bayerische Polizei, „dass es auch bei sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen beim Sport ein sehr großes Dunkelfeld gibt. Das bedeutet, dass die Polizei in nur relativ wenigen Fällen durch eine Anzeige von einer entsprechenden Straftat Kenntnis erhält.“

Rheinland-Pfalz zum Beispiel. Dort hat man nach der Anfrage dieser Zeitung genau hingeschaut. Zwar gäbe es, teilt das Innenministerium in Mainz mit, für das Merkmal „Sport treibend“ keine Erfassungsparameter in der PKS. Aber man habe zur Auswertung „die folgenden Tatörtlichkeiten einbezogen: Sportgelände/Sportstätte, Schwimmbad, Badestelle und sonstige Sport- und Freizeiteinrichtung“. Ob das Opfer in der Nähe eines solchen Ortes eine Sporttreibende oder Zuschauerin einer Sportveranstaltung sei, könne man allerdings nicht sagen. Nach den Zahlen aus Rheinland-Pfalz kam es im Jahr 2022 zu 28 sexuellen Belästigungen (im ersten Halbjahr 2023 16), 30 exhibitionistischen Handlungen (5), 7 Vergewaltigungen (1), 5 Verletzungen des Intimbereichs durch Bildaufnahmen (1), einer sexuellen Nötigung (1), einer Erregung öffentlichen Ärgernisses (1) und zwei sexuellen Übergriffen (0).

Acht der 74 erfassten Straftaten fanden auf Sportgeländen und Sportstätten statt (7), fünf an Badestellen oder Schwimmbädern (7) und 31 in Sport- und Freizeiteinrichtungen statt. Auch Bremen sandte uns Zahlen: Demnach kam es 2022 je zu einer Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Belästigung auf Sportgeländen und Sportstätten. In denselben Deliktbereichen kam es 2022 zu je zwei Taten in Hallenbädern oder Schwimmbädern. In Freizeit- und Sportstätten kam es 2022 zu sieben Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, zwei Vergewaltigungen, zwei sexuellen Belästigungen und drei exhibitionistischen Handlungen.

Was auch nicht erfasst wird, ist, ob die Straftaten im Rahmen des Vereinssports oder beim Individualsport begangen wurden. Auch wenn es keine Daten gibt, geht Ina Lambert davon aus, dass ein Großteil der Missbrauchsfälle im Sport im Zusammenhang mit dem Vereinssport steht. „Angriffe unterwegs sind selten. Im Vereinssport kommen Übergriffe allerdings sehr häufig vor.“ Lambert ist Geschäftsführerin des Vereins Safe Sport, der unabhängigen Ansprechstelle für Betroffene sexualisierter, psychischer und physischer Gewalt im Sport. Der im  November 2022 gegründete Verein mit Sitz in Berlin wird aufgrund eines Beschlusses des Bundestages finanziert durch das Bundesinnenministerium, das auch für Sport zuständig ist, und die Sportministerkonferenz der Länder. Missbrauch und Überfälle sind im Individualsport nicht gut dokumentiert, im Bereich des Vereinssports sieht das anders aus. Lambert verweist auf die Studie „Sicher im Sport“, die von der Sporthochschule Köln, der Bergischen Universität Wuppertal und der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm 2022 erstellt wurde und an der 4.367 Personen teilnahmen. 70 Prozent der Befragten gaben an, in ihrem Leben bereits irgendeine Form von Gewalt, Grenzverletzung oder Belästigung in Zusammenhang mit dem Vereinssport erfahren zu haben. 63 Prozent berichteten, dass sie Formen von psychischer Gewalt im Vereinssport erlebten, 37 Prozent waren mit körperlicher Gewalt im Vereinssport konfrontiert, 26 Prozent der befragten Sportvereinsmitglieder hatten Erfahrung mit sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt und 19 Prozent mit sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt. “Von sexuellem Missbrauch im Verein sind alle betroffen: Frauen, Männer, Erwachsene, Kinder und Jugendliche.“ Allerdings würden sich die Taten nicht gleichmäßig auf die Geschlechter und Altersgruppen aufteilen: „Frauen und Mädchen sind unter den  Betroffenen ebenso überproportional vertreten wie Kinder und Jugendliche.“ Und auch wenn es Täterinnen gäbe, kämen die männlichen Täter weitaus häufiger vor.

„Sexualstraftaten in der Öffentlichkeit finden  eher ad hoc statt. Das Opfer wird meistens zufällig ausgewählt.“ Dass beim Joggen im Park seltener etwas passiert als im Verein, läge auch daran, dass man im Park meistens nicht alleine sei. Spaziergänger, Menschen, die ihre Hunde ausführen, und andere Sportler würden für Öffentlichkeit sorgen: „Meistens schützt Öffentlichkeit.“ Missbrauchsfälle in Vereinen hätten indes einen langen Vorlauf: „Die Täter gehen strategisch vor. Sie stellen Vertrauen her. Betroffene werden  manipuliert und oftmals isoliert, bis es dann zu den Übergriffen kommt.“ Im Vereinssport gäbe es zudem besondere Risikofaktoren: „Es gibt ein Machtgefälle zwischen Trainern und Sportlern, vor allem im Leistungssport. Dazu  kommen beispielsweise Faktoren wie [da es noch viele weitere Faktoren gibt] die Körperzentrierung und Umzieh- und Duschsituationen.“ Einzelfälle seien selten. Trainer zum Beispiel, die in einem Verein zum Täter wurden, haben oft zahlreiche Opfer über viele Jahre auch in anderen Vereinen hinterlassen.

Safe Sport e.V. hilft bundesweit von Gewalt und Missbrauch betroffenen Menschen. Auch wenn das Hauptaugenmerk auf Vereinssportlern liegt, kann sich jeder melden: „Wir schicken niemanden weg, der etwas beim Joggen oder, was schon einmal in einem Beratungsgespräch vorkam, in einer Yoga-Gruppe Missbrauch erlebt hat.“ Bei Safe Sport e.V. melden sich nicht nur Personen, die selbst von Missbrauch betroffen sind, sondern auch Eltern oder Menschen, die Vorfälle beobachtet haben. „Wir können“, sagt Lambert, „juristische oder psychologische Beratung anbieten. Wichtig ist für uns aber erst einmal zu klären, was geschehen ist und was unsere  Ratsuchenden wollen.“ Oft sei auch schon die Einschätzung wichtig, ob es sich um eine Gewalttat gehandelt hat. „Wichtig ist, dass die Menschen im Kopf haben: Es könnte auch bei uns im Verein passieren.“ Es seien oft die engagierten Menschen, die andere in Missbrauchssituationen hineinmanipulieren.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Jungle World

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