
Die Figur Mesut Özil sorgt bis heute für starke Reaktionen, weil bei ihm mehr zusammenkommt als nur Fußball: große sportliche Erfolge, politische Kontroversen und eine Debatte über Migration, Identität und Zugehörigkeit. Kaum ein anderer deutscher Nationalspieler hat so viele Diskussionen ausgelöst wie er. Doch Özils Nähe zum türkischen Präsidenten Erdoğan hat sein Image nachhaltig beschädigt – für viele war das der Moment, in dem seine Karriere in der öffentlichen Wahrnehmung endgültig eine falsche Richtung nahm. Das ZDF hat diesem umstrittenen Lebensweg eine dreiteilige Serie gewidmet.
Nördlich vom Bulmker Park liegt in Gelsenkirchen die Bornstraße 30. Hier wird Mesut Özil als eines von vier Kindern am 15 Oktober 1988 geboren. Sein Großvater kam als Bergarbeiter ins Ruhrgebiet, sein Vater Mustafa litt unter der Strukturkrise im Ruhrgebiet: mal arbeitete er in einer Lederfabrik, mal führte er einen Kiosk, mal war er arbeitslos – so dass die Mutter putzen ging und schon oft das Haus um sechs Uhr in der Früh verließ. Mesut verbrachte seine ganze freie Zeit mit seinen Spielkameraden im „Affenkäfig“, einem vergitterten Ascheplatz. Hier brachte er sich Tricks bei, die ihn zu einem der begabtesten, kreativsten und schnellsten Fußballer seiner Zeit machten. Beim ersten Probetraining von Schalke, was von seiner Schule nur fußläufig entfernt liegt, wird er weggeschickt. Über den Umweg von Rot-Weiss Essen landet er dann doch in der königsblauen Kaderschmiede von Jugend-Trainer Norbert Elgert.
Mit dem Vater vor Gericht
Mit vielen Einblicken und prominenten O-Tönen nimmt diese Doku Fahrt auf. „Ich glaube, speziell in jungen Jahren war Vater Mustafa Özil ein wichtiger Förderer“, sagt SZ-Reporter Philipp Selldorf in die Kamera. „Wenn da nicht jemand gewesen wäre, der ihn auch nach außen stark gemacht hätte, dann wäre seine Karriere vielleicht in jungen Jahren ins Stocken geraten. In den weiteren Jahren in Madrid hat Mustafa dann vielleicht zu viel Einfluss genommen.“ Irgendwann kommt es zum Streit, ab 2013 treffen sie sich vor Gericht, wegen ausstehender Tantiemen von einem Nike-Deal. Streitsumme: 600.000 Euro.
Diesen Eindruck bestätigt auch Ex-Bundestrainer Jogi Löw in der ZDF-Doku: „Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, der Vater will vielleicht viele andere Dinge für seinen Mesut.“ Der Vater selbst lässt in der ZDF-Doku keinen Zweifel, wessen Werk Mesut Özils Karriere ist. In Istanbul habe er einmal an einem Hochhaus ein Werbeplakat von Mesut gesehen, 30 Meter breit, 50 Meter lang. „Ich habe gesagt, Mustafa, was hast du zustande gebracht?“ sagt er – und sitzt dabei Zigarre rauchend und bekleidet mit einem teuren Nadelstreifen-Anzug in einem schweren Sessel. Ein bisschen wirkt er dabei wie ein Mafiosi aus einer Netflix-Serie.
Ein Leben zwischen den Extremen
Vielleicht hat das viele Geld das Umfeld um Özil verrück gemacht, es soll sich noch heute auf eine Summe zwischen 80 und 120 Millionen Euro belaufen. Dazu wurde Özil immer wieder Gegenstand öffentlicher Debatten, die weit über den Fußball hinausgingen. Ein zentraler Auslöser für diese Polarisierung war das Jahr 2018, als Özil gemeinsam mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan fotografiert wurde. Dieses Foto sorgte in Deutschland für starke Kritik, weil Erdoğan politisch sehr umstritten ist und viele das Treffen als politisches Signal interpretierten. Nach dem frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2018 wurde die Kritik an Özil noch intensiver, da einige ihn symbolisch für die sportliche Enttäuschung verantwortlich machten. Sportjournalisten wie Dietrich Schulze Marmeling (Werkstatt Verlag), Andreas Bock (11 Freunde) und Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung) ordnen das Geschehen um den begabten Spieler sehr gut ein. Auch Özlem Topçu (Der Spiegel) und Volkan Ağar (Deutschlandradio Kultur) bringen eine wichtige Perspektive ein: Als in Deutschland geborene Kinder türkischer Einwanderer ordnen sie die Debatte mit persönlichen und gesellschaftlichen Einblicken zu Migration, Zugehörigkeit und Identität ein – und geben dem Thema damit eine zusätzliche, sehr authentische Dimension.
Erdoğan als Trauzeuge von Özil
Özil erklärt 2018 seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft und begründete diesen Schritt unter anderem damit, dass er sich respektlos behandelt und teilweise rassistisch angegriffen gefühlt habe. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt seine Aussage, dass er bei Erfolgen als Deutscher wahrgenommen werde, bei Niederlagen jedoch als Migrant. Diese Worte lösten eine breite gesellschaftliche Diskussion über Rassismus, Zugehörigkeit und den Umgang mit Spielern mit Migrationsgeschichte im deutschen Fußball aus. Nach Jahren bei Real Madrid (2010 – 2013) und Arsenal London (2013 – 2021) wechselte Özil in die Türkei. Erst zu Fenerbahçe Istanbul und ein Jahr zu Istanbul Başakşehir, einem Klub, der dem türkischen Staatspräsidenten nahesteht. Özil warb nun öffentlich für Erdoğan und dessen Partei AKP. Als er heiratete, bat er den Staatspräsidenten sogar, sein Trauzeuge zu sein. 2023 veröffentlichte er ein Foto seines inzwischen überraschend muskulösen Oberkörpers, auf dem das Zeichen der „Grauen Wölfe“, einer rechtsextremen und gewalttätigen Organisation, prangte. Dazu passt, dass er zuletzt Bilder einer Landkarte teilte, auf der Israel durchgestrichen ist und durch „Palestine“ ersetzt wurde.
Diese Doku stellt viele wichtige Fragen, aber sie hinterlässt doch einen bitteren Beigeschmack. Denn Özil hat den sportlichen Ruhm irgendwann gegen Ideologie getauscht. Welt-Reporter Deniz Yücel sagt dazu in der Doku: „Erdoğan ist der Kopf einer organisierten, kriminellen Bande, die die Türkei unter ihre Kontrolle gebracht hat. Und hobbymäßig ist er Islamist.“ Und es habe niemand Özil gezwungen, sich einem Diktator anzudienen, der Verhaftungen von Journalisten, Aktivisten und politischen Gegnern zu verantworten hat. Deniz Yücel weiß, wovon er spricht: er ist während seiner Untersuchungshaft in der Türkei Opfer schwerer Misshandlungen und Folter geworden. „Eigentlich kennt Mesut Özil niemand“, sagt sein langjähriger Fußball-Weggefährte und Vertrauter Hamit Altintop – und bringt damit das rätselhafte Leben von dem ehemals sehr begabten Fußballer auf den Punkt.
