
Mit Beginn der Mission Genesis setzen die USA auf der Beschleunigung der technolgischen Entwicklung durch Künstliche Intelligenz und stellen sich der chinesischen Herausforderung. Europas Unterlegenheit wird erneut deutlich sichtbar.
In der vergangenen Woche diskutierten Bundeskanzler Friedrich Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron in Berlin über die digitale Souveränität Europas. Merz sagte Sätze wie: „Europa muss den Führungsanspruch bei innovativen KI-Technologien übernehmen“, und Macron schwärmte von Europas einzig ernst zu nehmendem Large Language Model, Mistral – einem System, das in seiner Leistungsfähigkeit etwa eine Modellgeneration hinter den Spitzenmodellen wie ChatGPT 5.1 oder Gemini 3 liegt. Der Gipfel war nett, alle waren ehrlich bemüht und zeigten, dass sie das Thema ernst nahmen, auch wenn man merkte, dass Macron im Gegensatz zu Merz deutlich besser im Thema war.
Keine Woche später wird allerdings deutlich, wie weit Europa hinter den USA liegt. Während hierzulande darüber diskutiert wird, ob man nicht lieber Libre statt Microsoft Office nutzen sollte und ob Firefox nicht eine Alternative zu Chrome sei, hat US-Präsident Donald Trump gestern den Start der Genesis-Mission bekannt gegeben. Die von Trump unterzeichnete präsidiale Order setzt die Genesis-Mission auf eine Stufe mit dem Manhattan-Projekt, der Entwicklung und dem Bau der Atombombe im Zweiten Weltkrieg, das auch die Grundlage für die Kerntechnik schuf.
Die Genesis Mission ist kein weiteres Innovationsprogramm, kein Fördertopf, kein Cluster und kein strategisches Papier. Sie ist die systematische Verknüpfung aller wissenschaftlichen Ressourcen, die die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut haben: die National Laboratories, die größten wissenschaftlichen Datensammlungen der Welt, universitäre Spitzenforschung, die industrielle KI-Elite von Nvidia über AMD bis OpenAI und Google, sowie Produktionsanlagen und sicherheitspolitische Infrastruktur. All das wird in einer integrierten KI-Plattform zusammengeführt, die nichts weniger sein soll als ein neues Betriebssystem für wissenschaftlichen Fortschritt. Eine Infrastruktur, auf der künstliche Intelligenzen wissenschaftliche Grundlagenmodelle trainieren, Hypothesen generieren, Experimente steuern, Simulationen durchlaufen und neue Erkenntnisse beschleunigt hervorbringen.
Dieser Ansatz ist radikal, weil er Wissenschaft nicht länger als mühsame Abfolge aus Versuch, Fehler und Geduld betrachtet, sondern als industrialisierbaren Prozess, der durch KI mehrfach beschleunigt werden kann. Die Genesis Mission macht aus Forschung eine datengetriebene, algorithmische, in Teilen autonome Industrie. KI wird zum Motor, der Erkenntniszyklen, Laborprozesse und Materialentwicklungen nicht nur unterstützt, sondern organisiert, synthetisiert und in Seriengeschwindigkeit durchläuft. Die USA bündeln dafür ihre Hochleistungsrechner, ihre Cloud-Infrastrukturen und ihre KI-Entwicklungszentren in einem System, das es ermöglicht, wissenschaftliche Durchbrüche planbarer und schneller zu machen als jemals zuvor.
Besonders deutlich zeigt sich die historische Tragweite, wenn man auf die Felder schaut, auf die sich die Genesis Mission konzentriert. Es sind exakt jene Bereiche, die über die wissenschaftliche und industrielle Macht des 21. Jahrhunderts entscheiden: fortgeschrittene Fertigung, Biotechnologie, kritische Materialien, Kernspaltungs- und Kernfusionsenergie, Quanteninformationswissenschaft sowie Halbleiter und Mikroelektronik. Mit anderen Worten: die Schlüsseltechnologien, die über wirtschaftliche Stärke, Energiedominanz, militärisches Gleichgewicht und zivile Innovationskraft entscheiden.
In der fortgeschrittenen Fertigung werden KI-basierte Systeme Konstruktionen, Prozesse und Materialien simulieren, bevor ein Mensch überhaupt das erste Modell baut. Autonome Produktionslinien, KI-gestützte Qualitätssicherung und automatisierte Designzyklen sollen die Reindustrialisierung der USA auf einem technologischen Level ermöglichen, das China nicht mehr kopieren kann. In der Biotechnologie werden künstliche Intelligenzen Proteine modellieren, Experimente planen und Labore in Echtzeit steuern. Medikamentenentwicklung, Impfstoffforschung und Biomanufacturing werden dadurch dramatisch beschleunigt.
Die Materialwissenschaft, heute ein Engpass für Batterien, Halbleiter, Luft- und Raumfahrt und Energieanlagen, wird unter Genesis zu einem KI-gesteuerten Hochgeschwindigkeitslabor. Neue Legierungen, Batteriesubstanzen und Hochtemperaturmaterialien können simuliert, synthetisiert und getestet werden, bevor andere Staaten überhaupt den ersten Gedankenversuch begonnen haben. Für die Energiepolitik bedeutet die Mission eine Zeitenwende: Fusionsreaktoren, die bisher an der Komplexität ihrer Plasmaprozesse scheiterten, könnten durch KI-optimierte Steueralgorithmen und gewaltige Simulationen endlich den Durchbruch schaffen. Auch Spaltungsreaktoren könnten effizienter und sicherer werden.
In der Quanteninformationswissenschaft wiederum beschleunigt Genesis die Entwicklung stabilerer Qubits, neuer Fehlerkorrekturverfahren und besserer Algorithmen, die wiederum KI-Systemen zugutekommen. Beide Technologien verstärken sich gegenseitig. Und nicht zuletzt spielt der Halbleiterbereich eine zentrale Rolle: KI-gestützte Designs, neue Transistorarchitekturen und intelligente Fertigungsprozesse sollen die nächste Ära der Chipindustrie einleiten – unabhängig von asiatischen Lieferketten.
All das zeigt: Die Genesis Mission ist nicht bloß ein Forschungsprojekt. Sie ist der Versuch, die Vereinigten Staaten technologisch und geopolitisch neu zu positionieren, indem sie die wichtigste Ressource der Zukunft monopolisieren: beschleunigte wissenschaftliche Erkenntnis. Während Europa schon überfordert wirkt, wenn es um Office- oder LibreOffice-Migrationen in Behörden geht, entsteht in den USA gerade ein KI-gestützter Forschungsstaat, der Wissenschaft als Machtfaktor definiert – und sie entsprechend organisiert.
Das ist ein geschichtlicher Augenblick. Nicht, weil eine neue Technologie auftaucht, sondern weil ein Staat beginnt, Wissenschaft als strategische Infrastruktur zu denken. Die Genesis Mission ist der institutionalisierte Versuch, Entdeckung planbar und dominierbar zu machen – und die Welt, die wir kennen, könnte dadurch in erstaunlich kurzer Zeit eine völlig andere werden.
Während in Deutschland staatlich subventionierte NGOs wie AlgorithmWatch Leitfäden zur Verhinderung von Rechenzentren veröffentlichen – für die es ohnehin weder genug Strom noch Leitungskapazitäten gibt –, stellen sich die USA den Herausforderungen, die sich durch den technologischen, militärischen und wirtschaftlichen Aufstieg Chinas ergeben haben. Anstatt sich auf digitale Souveränität zu konzentrieren, sollte Europa sich bemühen, ein Teil der amerikanischen Technosphäre bleiben zu dürfen. Es hat ihr nichts entgegenzusetzen. Denn die Alternative zu ihr ist nicht die digitale europäische Souveränität, sondern die chinesische Technosphäre. Wenn die USA schaffen sich gegen China durchzusetzen, bleibt ein globaler Raum offen, in dem Innovation, Kritik, Pressefreiheit, Wissenschaft und individuelle Lebensentwürfe existieren können. Der Vergleich mit dem Manhatten-Projekt passt: Es geht schlicht darum, ob wir weiter in der Freiheit westlicher Gesellschaften leben können oder unter die Hegemonie Chinas geraten. Nur die USA können das gewährleisten.
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Verstörend an den Debatten, dass so viele Leute Sympathien für Diktatoren sei es in Russland, China oder Venezuela empfinden. Die USA verteidigen unsere westliche Zivilisation wie in diesem Text beschrieben und so manche Leute hierzulande haben nichts anderes zu tun als den Amis in den Rücken zu fallen. Irre!
Wie heißt es? Solche Leute gehören in die Irrenanstalt!
@ hase12: „Die Amis“ in Gestalt ihrer aktuellen Regierung kuscheln mit Diktatoren, fallen dadurch einem verbündeten und angeegriffenen westlichen Land in den Rücken, leisten diesem Land nur noch – wenn überhaupt – gegen eine Lizenz zur Ausbeutung Hilfe, verhöhnen und bedrohen ihre Allierten, bauen ihre eigene Gesellschaft autoritär um (durch – mindestens versuchte – Gleichschaltung unabhängiger Behörden, der Iudikative und Legislative, der Bundesstaaten und Großstädte und des Militärs, Einsatz von SIcherheitskräften gegen politische Gegner bzw. Drohung damit, Zugriff auf die Presse usw.usf.) …. die Liste ließe sich fortsetzen.
In welchem Weltbild verteidigt man so eine „westliche Zivilisation“? Ich sehe das ja eher als Abrissversuch eben jener Zivilisation.
„… bleibt ein globaler raum offen, indem..“ Aber ja doch, denn die USA sind unter taco und konsorten ja ein Hort der Meinungsvielfalt und der Demokratie. Zu glauben, dass mit dem Abgang tacos und seiner vorvorgestrigen Bande, flugs die alten Zeiten wiederkehren, in denen die USA der unverzichtbare Schutzherr für Europa war, ist mehr als nur naiv. Wer das glaubt, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.
@ paule.t „„Die Amis“ in Gestalt ihrer aktuellen Regierung“ sind weniger als die Hälfte „der Amis“. Trump hat nicht die Mehrheit der Amerikaner hinter sich, sondern nur die Mehrheit der Wähler nach dem speziellen us-amerikanischen Wahlsystem, und auch deren Zustimmung hat er zu Zeit nur sehr eingeschränkt. Es gibt dazu vielzählige Proteste und Gerichtsferfahren gegen den autoritären Regierungsstil und neuerdings einen „demokratischen Sozialisten“ als Bürgermeister der größten und wichtigsten Stadt der USA. Einzelne Staaten und Städte verweigern Trump sogar komplett jede Art von Einflußnahme. Über die Hälfte der großen Städte der USD stehen nachwievor zum Weltklima Abkommen. Was Trump tut, sind nicht „die Amis“ und schon gar nicht die westliche Zivilisation. Und mit tendenziell 40% potentiellen AFD Wählern sollte man aus deutscher Perspektive nicht ga so kess mit der pauschalen Beurteilung „der Amis“ sein. Was allerdings nichts daran ändert, dass ich mit ihre Einschätzung der Trumpschen Politik und ihrer innen- und außenpolitischen Folgen im wesentlichen übereinstimme.
@ Arnold Voss:
Zunächst einmal habe ich mich ja gegen die Aussage von hase12 gewandt, dass „Die USA […] unsere westliche Zivilisation [verteidigen]“ würden. Und da kann ich, aus den genannten Gründen, nur sagen: Einen Dreck tun die USA das, eher das genaue Gegenteil. Denn wenn man etwas darüber sagt, was „die USA“ angeblich tun, geht es nun mal um das Handeln der Regierungsinstitutionen.
Dass es innerhalb der USA auch viel Widerstand dagegen gibt, der Hoffnung machen kann, und dass auch Deutschland mit seinem hohen rechtsextremen Wählerpotential und seiner in Hinsicht auf Abwehr des Rechtsextremismus wenig stabilen konservativen Regierungspartei sich auch nicht gerade als Vorkämpfer der Demokratie gerieren kann, ist dabei beides völlig unbestritten.