Moria ist eine Schande historischen Ausmaßes

Map Moria auf Lesbos Foto: Faktengebunden Lizenz: CC BY-SA 4.0

Moria brennt. Brandstiftung scheint wahrscheinlich. Die Zeugenaussagen widersprechen sich, manche sprechen von Außenstehenden, manche beschuldigen die Bewohner des Lagers. Das spielt aber auch keine Rolle. Eine Katastrophe war unausweichlich. Wenn es kein Feuer gewesen wäre, wäre es eine Seuche gewesen oder Ausschreitungen oder etwas anderes. Man kann nicht Menschen in ein Lager sperren und es vierfach überbelegen und erwarten, dass das gut geht. Auch ohne das Feuer war Moria bereits eine Katastrophe.

Dass die EU nicht gewillt ist, notleidenden Menschen zu helfen, ist nichts als eine Schande. Tausende in Lagern, unnötigerweise. Tausende, die aufgrund bewusster unterlassener Hilfeleistung im Mittelmeer ertrinken, zum Zwecke der Abschreckung. Die 12.500 Menschen aus Moria würden gleichmäßig auf die EU verteilt keinerlei Auswirkungen haben, in keine Kasse irgendein erkennbares Loch reißen. Und auch die Ertrunkenen hätte man wenigstens vorübergehend aufnehmen und verteilen können. Wenn so viel Geld für Bankenrettungen und Corona-Hilfen da ist, muss auch Geld für diese Notfälle zu finden sein. Insofern ist die Weigerung fast schon nicht mehr eigennützig, sondern böswillig zu nennen.

Es ist legitim zu diskutieren, wer längerfristig in der EU bleiben darf. Dafür muss es Regeln geben und auch möglich sein, über diese Regeln zu sprechen. Es muss aber auch anerkannt werden, dass ein Mensch, der sein Leben riskiert, um in eine bessere Welt zu gelangen, nicht aus Habgier handelt, sondern aus Verzweiflung. Selbst, wenn er sein Recht auf Asyl oder Schutz falsch einschätzt (eine Frage, die selbst für deutsche Behörden und Gerichte oft nicht leicht zu beantworten ist), darf man ihn nicht wie ein lebloses Objekt behandeln.

Darüber, ob einem Individuum Menschenwürde zusteht, ob es ein Recht auf Leben oder Rettung hat, darüber darf hingegen nicht diskutiert werden. Wer einen Bewusstlosen auf der Straße findet, kann nicht erst nach der Krankenversicherung fragen. Er wird behandelt und hinterher klärt man die Kosten. Wenn dieses Prinzip nicht mehr gilt, nur weil man mit fremden oder vielen Menschen gleichzeitig zu tun hat, dann gibt man das Grundprinzip der Menschenwürde auf. Zu glauben, die EU sei eine Wertegemeinschaft, die auf humanistischen Idealen beruht, war eine schöne Illusion. Aber der Egoismus der einzelnen Staaten beweist, dass es sich um nichts als eine Vereinigung zum Sichern der eigenen Vorteile handelt.

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Die EU ist entlarvt und eigentlich kann man ihr nur noch das Ende wünschen. Wäre da nicht die Angst, was diese egoistischen Nationalstaaten tun, wenn sie sie von gar keinem Verbund mehr gebändigt werden.

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4 Kommentare

  1. #1 | der kalle sagt am 9. September 2020 um 08:56 Uhr

    Danke für die klaren Worte!

  2. #2 | Hajo Voß sagt am 9. September 2020 um 16:14 Uhr

    Es ist verständlich, wenn Jemand etwas riskiert, damit es ihm besser gehen sollte, damit kann er aber nicht beanspruchen aufgenommen zu werden, von Anderen, denen es besser geht. So einfach ist das.

  3. #3 | Yilmaz sagt am 9. September 2020 um 16:16 Uhr

    Klar, das Flüchtlingsproblem muss gelöst, den Menschen muss geholfen werden. Im Falle Moria empfiehlt sich jedoch jetzt erst einmal die Schaffung neuerer, ausreichend dimensionierter und versorgter Lager. Wenn wir die Leute direkt nach einem solchen Brand an ihr Ziel bringen, wird der Großbrand sich als effektives Mittel zur Durchsetzung von Zielen etablieren. Das wäre eine ganz schlechte Lektion.

  4. #4 | Hollis Brown sagt am 9. September 2020 um 18:59 Uhr

    @ Hajo Voß und @Yilmaz: Volle Zustimmung!
    @ Beitragsautor:
    "Die EU ist entlarvt und eigentlich kann man ihr nur noch das Ende wünschen."
    Was gibt es denn an der "EU" noch zu "entlarven"? Ein "Ende" dieses Wahnsinns wünsche ich mir schon lange! Warum konnte die "EU" nicht einfach eine "Europäische Wirtschaftsgemeinschaft" bleiben?
    "Wäre da nicht die Angst, was diese egoistischen Nationalstaaten tun, wenn sie sie von gar keinem Verbund mehr gebändigt werden."
    Möglicherweise das, was "egoistische Nationalstaaten" eigentlich tun sollten: Sich um die Probleme der eigenen Bürger kümmern.

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