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Musikzentrum und Einkaufszentrum


Morgen entscheidet der Bochumer Rat über den Bau des Musikzentrums. Ein paar Gedanken.

Schon dieser Satz ist merkwürdig: „ Morgen entscheidet der Bochumer Rat über den Bau des Musikzentrums.“ Erst einmal: Diese Entscheidung trifft die Stadt alle paar Monate, tut immer so als sei es ernst und dann kommt wieder etwas dazwischen. Der Bochumer Rat kann nicht über das Musikzentrum entscheiden. Er ist abhängig von Entscheidungen des Landes und der EU und längst nicht mehr Herr im Haus.

Und dann noch das Musikzentrum. Das Wort allein ist ein Beleg der nahezu unermesslichen Kreativität der Lokalpolitiker des Ruhrgebiets. Aus einer Symphonie wurde ein Musikzentrum weil man nur an das Geld von EU und Land kommen konnte, wenn man am Konzept schraubte. Was nicht passt wird passend gemacht – klar, dass der Film nur aus dem Ruhrgebiet kommen konnte.

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Ich bin gegen den Bau des Konzerthauses. In den vergangenen 15 Jahren wurden drei neue Konzerthäuser im Ruhrgebiet gebaut. Und in jedem ist noch eine Menge Platz. Ein Konzerthaus in Bochum ist überflüssig, die Stadt kann es sich nicht leisten, sollte lieber mit den Nachbarstädten die Kooperation suchen. Aber das tut sie natürlich nicht. Das tun Ruhrgebietspolitiker nie, es sei denn, sie wollen an das Geld vom Land oder der EU.

Trotzdem halte ich das Konzerthaus nicht für eine Katastrophe. Ja, es ist überflüssig, teuer und hässlich. Aber im schlimmsten Fall entsteht da ein Haus das meistens leer steht und in dem ab und an jemand musiziert. Es ist einfach nur eine der vielen dummen Entscheidungen die im Ruhrgebiet getroffen werden.

Größere Sorgen macht mir etwas anderes: Die Stadt Bochum will das auf dem Gelände des jetzigen Landgerichts ein Einkaufszentrum entsteht. 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Die braucht Bochum dringend, obwohl die Stadt ja schrumpft und ärmer wird. Die Gründe für den Bau sind in Bochum die gleiche  wie in jeder Stadt, die sich so einen Citykiller hat hinstellen lassen: Das Angebot des Einzelhandels weist Lücken auf, viele Filialisten meiden die Stadt weil es keine passenden Flächen gibt und außerdem sollen die Geschäfte in dem neuen Einkaufszentrum die Angebote des Einzelhandels ergänzen und nicht bestehende Einzelhändler verdrängen.

Was passieren wird, wenn das Zentrum gebaut wird, ist genau das was an allen Standorten passiert, die keine Top-Lagen sind. Und beim besten Willen: Bochums Mitte ist nicht  mit den Innenstädten von München, Hamburg oder Frankfurt vergleichbar: Leerstände, eine verödete Innenstadt, öffentlicher Raum der vergammelt.

Das Musikzentrum zu bauen ist ein Fehler. Das Einkaufszentrum zu bauen, eine Katastrophe. Im Herbst gehen die Planungen dazu in die entscheidende Phase.

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6 Kommentare zu “Musikzentrum und Einkaufszentrum

  • #1
    Urmelinchen

    So isset!
    Noch trauriger sind jedoch Bochums Bürger, die alles mit sich machen lassen, ab und zu mal einen „Pieps“ von sich geben, um dann beim nächsten Mal die selbe Typenparade wieder in den Rat zu wählen. Gut fähige Politiker stehen natürlich hier in BO auch nicht zur Wahl.

    Daher: In nächster Zeit einfach mal das sinkende Schiff verlassen. Und Richtung Stadtväter und -mütter: Nicht weinen, wenn hier die Lichter ganz ausgehen, schön im selbst gemachten Elend auf das Ende der Existenz warten. Warnungen und Negativbeispiele gab es ja zur Genüge.

  • #2
    Lynsey Wells

    Ich könnte jedesmal fast weinen, wenn ich von der geplanten Katastrophe Einkaufszentrum lese. Ich hoffe wirklich sehr, daß die Stadt bald mal merkt, daß es ein herausstechend positives Merkmal für Bochum sein wird, eben kein solches Machwerk zu haben.

  • #3
    Ben

    Ich fürchte, dass man dafür in der Stadtspitze zu blind ist. Angesichts der katastrophalen Finanzlage wird man nur auf die kurzfristigen Gewinne achten und eine stadtplanerisch nachhaltige Entwicklung außer Acht lassen. Begründet werden wird die Katastrophe mit dem Opel-Aus, da wird jeder kurzfristig geschaffene Arbeitsplatz zum Heilsversprechen. Dass dafür zig andere Läden schließen werden müssen, weil diese Region im Gesamten nicht über die Kaufkraft verfügt um all die Center am Leben zu halten, das wird man verschweigen.

    Bochum könnte hier tatsächlich zum Vorbild werden, wenn es sich nicht auf diese Fehlentwicklung einlässt, sich sperrt gegen den Bau eines vollkommen unnötigen Einkaufszentrums, allein mir fehlt der Glaube. Man hängt wohl eher einem provinziellen Kirchturmdenken an, bei dem die Nachbarstädte nicht als Ergänzung, sondern als Konkurrenz wahrgenommen werden. Bochums riesiger Minderwertigkeitskomplex wird die Stadt noch weiter in den Ruin treiben.

  • #4
    Urmelinchen

    @ Ben
    Ja, Minderwertigkeitskomplex trifft den Nagel auf den Kopf.
    Ich verstehe wirklich nicht, warum man aus seinen bisherigen Fehlern nicht lernt. Mit dem Ruhrparkcenter un seiner permanenten Erweiterung wurde der Stadt doch schon genug Kaufkraft abgezogen.
    So wird irgendwann auch der letzte Einzelhändler Bochums zu Grabe getragen.

    Wenn unsere Stadtvatis und -muttis keinen gesunden Menschenverstand besitzen, was dürfen sie dann ihr Eigen nennen?

  • #5
    Ben

    Hab mich heute mal durch ein Architekturforum gelesen und dabei erst einmal wirklich realisiert, wie viele Städte im Ruhrgebiet (und an den Grenzen des Ruhrgebiets) gerade neue Einkaufszentren gebaut haben, ihre bestehenden erweitern oder demnächst neue eröffnen werden. Das ist ja der schiere Wahnsinn!

    Verkauft wird das alles unter dem Label der „Revitalisierung“, d.h. teilweise sollen die neuen Shoppingcenter den Effekt der innerstädtischen Verödung rückgängig machen, der überhaupt erst durch den massenhaften Bau von Shoppingcentern entstanden ist. Das ist doch eine vollkommen schizophrene Situation und eine gefährliche Spirale, die dringend aufgehalten werden muss.

    Andere, alternative Konzepte zur Revitalisierung werden in den meisten Städten nicht einmal angedacht, sondern die Shoppingcenter-Neubauten werden trotz sinkender Kaufkraft immer noch als der Königsweg angesehen. Nur wie soll man auf die Fehlerhaftigkeit dieses Wegs aufmerksam machen? Wie kann man sich bei der Stadt Gehör verschaffen?

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