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Niema Movassat und die Shoa

Niema Movassat Foto: Presse/Niema Movassat

Am 6. Juli 2018 postete der Linken-Politiker Niema Movassat ein Foto zum Gedenken an die Evian-Konferenz und ihre Folgen, dabei konnte Herr Movassat eine deutsch-europäische Unsitte nicht unterlassen und verglich die damals von der Welt verratenen Juden mit Flüchtlingen und Migranten, welche heute die Mittelmeerroute für ihre Flucht/ Migration nach Europa benutzen. Von unserer Gastautorin Anastasia Iosseliani.

Damit hat Herr Movassat die Shoa relativiert, denn so tragisch die Situation derer ist, welche die Mittelmeerroute benutzen, sie nicht vergleichbar mit dem Leid, welches mein Volk nach der Konferenz von Evian erdulden musste. Zum Beispiel sind nach Angaben der deutschen Zeitung «Zeit» die Hälfte derer, welche Spanien über die Mittelmeerroute erreichen marokkanische Staatsbürger. Marokkanern, egal ob berberischer und/ oder arabischer Herkunft droht in ihrer Heimat kein Genozid. Das ist eine schlichte Tatsache. Es ist deshalb absolut unmoralisch, dass hier Vergleiche mit der Shoa gemacht werden.

Aber bei Herrn Movassat überrascht mich sowas nicht, denn seine Beziehung zur jüdischen Gemeinschaft, zu meinem Volk, kann man, höflich ausgedrückt, nur als kompliziert beschreiben. Besonders seit dem Tag, an dem an einer, von Herrn Movassat organisierten Demo antisemitische Parolen in Essen verbreitet und Gegendemonstranten attackiert wurden. Nur leider ist Herr Movassat bei Leibe nicht der einzige Mensch, welcher zu Holocaust-Relativierungen neigt. Von absoluten Banalitäten, wie dem Genuss von nicht-veganem Käse bis hin zu gröberen Sachen, wie Migrationspolitik, für viele Halbgebildete gehört es zum guten Ton konstant irgendwas mit der Shoa zu vergleichen und die Shoa somit zu relativieren. Als ob man, um seine Abscheu vor irgendwas mit dem non plus Ultra ausdrücken müsste, um ernst genommen zu werden. Diese konstanten Shoa-Relativierungen sind nicht nur kränkend mir und vielen anderen Juden gegenüber, sie sind auch falsch und krank. Wenn man über etwas Empathie und Bildung verfügt, sollte man solche Relativierungen also ganz sein lassen.

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13 Kommentare zu “Niema Movassat und die Shoa

  • #1
    Friedhelm

    Ich verstehe wirklich nicht, wo da jetzt die Shoa-Relativierung sein soll, wenn man auf die Evian Konferenz hinweist? Es ist doch gut, dass erinnert wird an den damaligen Skandal. Klar ist es nicht 1:1 vergleichbar mit der Situation im Mittelmeer. Gleichzeitig gab es 1938 als die Konferenz war weder Krieg noch die Shoa. Die setzte später ein. Der Artikel hier ist argumentativ sehr schwach. Eine Antipathie gegen Herrn Movassat ersetzt keine Argumente.

  • #2
    Gerd

    1938 waren Juden in Deutschland entrechet.

    2017 sind weniger als ein Prozent der so genannten Flüchtlinge politisch Verfolgte und locker die Hälfte kommen aus armen, aber friedlichen Ländern, darunter beliebte Reiseziele deutscher Touristen.

    Der Unterschied sollte deutlich erkennbar sein.

  • #3
    Michael

    @1

    Friedhelm, Sie haben weder den Text von Herrn Movassat gelesen bzw. verstanden, noch die Argumente von Frau Iosseliani dagegen.

    Herr Movassats Aussage im letzten Absatz (siehe Bild oben) bezieht sich auf die Shoa.

    Argument von Frau Iosseliani (siehe Text oben): "Zum Beispiel sind nach Angaben der deutschen Zeitung «Zeit» die Hälfte derer, welche Spanien über die Mittelmeerroute erreichen marokkanische Staatsbürger. Marokkanern, egal ob berberischer und/ oder arabischer Herkunft droht in ihrer Heimat kein Genozid."

    Daraus folgt, dass Ihre "Argumentation" den Sachverhalt nicht widerspiegelt. Wohingegen der Ton & die Argumentation von Frau Iosseliani sich als ruhig, sachlich und als Erwiderung mehr als angemessen zeigen.

  • #4
    paule t.

    Zumindest in dem, was die Autorin zitiert (und was dem Tweet entspricht, den ich auf der angegebenen Website gefunden habe), ist ja nun überhaupt kein Bezug zur heutigen Situation vorhanden und damit auch keine Relativierung der Shoa. Mag sein, dass Movassat diesen Bezug anderswo herstellt, aber das müsste dann auch zitiert werden …

    Der Bezug findet vielmehr ausschließlich im Kopf des Lesers/ der Leserin statt. Ja, auch in meinem. Ist das gerechtfertigt? Was das Ausmaß der Verfolgung angeht, vor dem die Menschen fliehen, sicher nicht, da hat die Autorin völllig recht. Vor allem dann nicht, wenn man das spätere Wissen mit einbezieht, dass aus der Judenverfolgung 1938 wenige Jahre später dann die Shoa werden würde.

    Dieses Wissen hatten die Konferenzteilnehmer aber 1938 nicht (noch war das Pogrom im November 1938 nicht geschehen, noch gab es das Symbol der Judenverfolgung, den Judenstern, nicht … den systematischen Genozid sowieso noch nicht). Wenn man das Wissen der jeweils politisch Entscheidenden um die Lage der Flüchtenden mit einbezieht, ist der Vergleich vielleicht nicht mehr ganz so abwegig. Wer weiß schon, was in den jeweiligen Herkunftsgebieten der heute Flüchtenden in den nächsten Jahren passieren wird?

    Und wenn man die Unterschiedlichkeit der Ausmaße der Verfolgung gleichzeitig betont und die Bezugnahme explizit auf die Herzlosigkeit der Abschottung beschränkt (und nicht die Fluchtgründe gleichsetzt), weiß ich nicht, was dagegen spricht. Das "Nie wieder!" und die menschliche Verpflichtung zur Hilfe sollte ja vielleicht nicht nur bei Verbrechen vom Ausmaß der Shoa gelten, sondern auch dann, wenn man ganz genau weiß, dass Verfolgung und/oder Not noch ein paar Stufen drunter sind.

  • #5
    paule t.

    Ergänzung: In einem Facebook-Eintrag (6. Juli, 10:52) mit der oben wiedergegebenen Grafik, den ich inzwischen gefunden habe, stellt Movassat im Begleittext den Bezug zur heutigen Situation her, ohne gleichzeitig, wie es nötig wäre, die Unterschiede klar zu machen. Insofern hat die Autorin mE recht.

  • #6
    Stephan

    Hallo,
    im Bonner General Anzeiger und Deutschlandfunk wird wieder über ein "Kippa" Vorfall diesmal auf dem Bonner Uni Campus Hofgarten berichtet.

  • #7
    Gerd

    "Dieses Wissen hatten die Konferenzteilnehmer aber 1938 nicht (noch war das Pogrom im November 1938 nicht geschehen, noch gab es das Symbol der Judenverfolgung, den Judenstern, nicht … den systematischen Genozid sowieso noch nicht)."

    Stimmt, aber dafür gab es u.a.:

    – Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums
    – Reichsbürgergesetz
    – Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre
    – Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden

    Kein Vergleich zu den sog. Flüchtlingen von heute.

  • #8
    Helmut Junge

    Vor knapp 4 Jahren haben wir darüber diskutiert daß Herr Niema Movassat sich gegen US-amerikanische Hilfe für die Kurden in ihrem Kampf gegen de islamischen Staat stark gemacht hat.
    Eine Rede in der bewährten Form "zwar sind die Kurden in schwierigen Kämpfen verttrickt mit dem ergänzenden ABER, nämlich daß die Amerikaner ihnen nicht helfen sollen.
    Niema Movassats Rede ist nachzulesen in:
    https://www.ruhrbarone.de/linker-bundestagsabgeordneter-gegen-us-hilfe-fuer-yeziden/85903

    Das war damals absoluter Müll und ich mußte mich an den Kopf fassen. Ohne diese Luftunterstützung wären die Kurden vermutlich längst vom IS ausgelöscht worden, sind ist der IS nach 4 weiteren Jahren Krieg trotz Luftschlägen immer noch nicht weg.
    Auch wenn sich dieser Mensch später verbal zum Top-Kurdensymphatisanten entwickelt hat, ist mir ein Rest meiner damaligen Fassungslosigkeit geblieben.
    Und genau so werte ich seine Aktivitäten gegen Israel. Einfach panne.

  • #9
    Klaus Lohmann

    @#2 Gerd: Ihre "alternativen Fakten" waren auch schon mal – zumindest oberflächlich betrachtet – glaubwürdiger.

    http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/18/127/1812725.pdf, Seite 8:
    Allein im ersten Quartal 2017 wurden gut ein Fünftel (60.212) der Asylanträge mit einer Anerkennung des Status nach §3 (1.1) AsylG (Genfer Flüchtlingskonvention) "aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe" bestätigt.

    Für die danach in 2017 noch massiv steigende Zahl syrischer Kriegsflüchtlinge fällt mir auf Anhieb kein "Urlaubsgebiet" in deren Heimat ein.

  • #10
    Walter-Stach

    Ich käme so wenig wie jedermann auf die Idee, die Einmaligkeit des industriell organisierten Massenmordes an Juden im Namen des deutschen Volkes, also den Holocaust ,auch nur ansatzweise vergleichen zu wollen mit dem ablehnenden, dem abwehrenden, dem oftmals menschenwürdigen Tun/Unterlassen der Gesellschaften, der Staaten der sog. westlichen Welt ( einer sog. W e r t e gemeinschaft.) gegenüber den Menschen, die heutzutage nach Europa,u.a. eben auch nach Deutschland flüchten, flüchten wollen oder die bereits unter uns als geflüchtete Menschen leben.

    Das ändert allerdings nichts daran, sich an das zu erinnern und darüber nachzudenken, was 1938 auf der Flüchtlingskonferenz von Evan gesagt und letztlich beschlossen worden ist.

    Diese Konferenz war gekennzeichnet von der Einstellung eines jeden der Repräsentanten aller 32 Staaten der sog. westlichen Welt:

    "Wir sind kein Einwanderungsland" .

    Und das angesichts 1oo.oooer Juden, die aus Deutschland auswandern (flüchten!) wollten.

    "Unsere Grenzen werden für Juden aus Deutschland dichtgemacht".

    So wenig wie heute in der sog. westlichen Welt – einer vorgeblich vom Christen- und Judentum geprägten Welt- so war auch 1938 nichts, gar nichts von dem handlungsbestimmend, was Humanisten Brüderlichkeit/ Solidarität und Christen-Menschen Nächstenliebe nennen.

    Daran erinnert zu werden, birgt die Chance, daß zumindest der eine oder andere Zeitgenosse über sich, über sein Dasein in einer vorgeblich von christlich-jüdischen Prinzipien geprägten Gesellschaft selbstkritisch nachdenkt und sich dabei selbskritisch fragen könnte, ob und inwieweit heute so wie 1938 das Sein fundamental dem widerspricht , was der "christlich-jüdisch" Anstrich, den sich Gesellschaften und Staaten der sog. westlichen Welt verpaßt haben, suggeriert.

  • #11
    Ke

    Ja, ich kann vereinfachen und sagen, dass alle Menschen, die zu uns kommen wollen in unserer Gesellschaft gleichberechtigt leben können. Bspw aus Motiven der Nächstenliebe. Wenn ich es richtig gerecht gestalten würde, müsste auch der ganze Planet diese Infos erhalten und allen Menschen müsste auch die Reise ermöglicht werden. Flucht/Wohnorte sollen ja nicht vom Geldbeutel der Opfer abhängen.

    Wie soll das funktionieren?
    Ein Versicherungssystem funktioniert auch nur in einer definierten Gruppe.

    Also brauchen wir klare Regelungen und internationale Solidarität für Menschen in Not. Hierfür gibt es Regelungen und Verträge, die auf jeweils konkrete Situationen angewendet werden müssen. Hierbei gibt es kein Schwarz/Weiss, sondern viel grau. Dies führt zurzeit zu grossen Spaltungen der Gesellschaft, weil viel unterschiedlich interpretiert wird und Gesetze unterschiedlich ausgelegt werden. Mit präziseren Gesetzen könnte viel von diesen Spaltungen der Gesellschaft vermieden werden. Ebenso sollten Regelungen auch praktisch durchgesetzt werden können, sonst brauche ich sie nicht.

    Das Problem ist also aktuell komplexer und historisch nicht so plakativ vergleichbar, wie es gemacht wurde.

    Ein historische Ereignis aus dem Bereich Flucht, das kaum nachvollziehbar ist, ist bspw die Irrfahrt der St. Louis.
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Irrfahrt_der_St._Louis

  • #12
    Gerd

    Ach der Lohmann wieder. Alles Syrer(wie Franco A.?), keine Marrokaner, keine Tunesier, keine Georgier, niemand, der durch zig sichere(aber arme) Drittstaaten ins noch reiche Deutschland flüchtet?

  • #13
    Michael

    @No 3, Gerd.

    Mit Ihrer Einschätzung, dass 2917 nur 1% der Flüchtlinge politisch verfolgt gewesen wären, zeigen Die mehrere auf:
    1.)
    Sie haben nicht die geringste Ahnung vom Asylrecht.

    2.)
    Mit Ihrer abstrusen und vollkommen falschen Aussage unterbieten Die sogar noch die Neonazi-Postille aus Dortmund, die immerhin noch von 3 % lügt.

    Um es kurz zu machen. – Menschen fliehen aus den unterschiedlichsten Gründen. Eine Besonderheit des deutschen Asylrechts ist die Fokussierung auf individuelle erlittene Verfolgung. Im deutschen Asylrwcht ist Flucht aus einem Bprgwrkriwgshebiet k e i n e politische Verfolgung. Selbstverständlich wrhslren Mendvhen aus Nprherkriegsgebieten fennoch den sog.subsidiären Schutz. Im Gegensatz zum stattgebenem Asylantrag unter Bezug auf Art 16 GG mit der Folge unbefristeten Aufenthaltsrechtes wird dieser – bei bestehen bleibendem Widerrufsrecht – Schutzstatus in der Regel nur befristet erteilt. Rechnet man die Anerkennungsquoten, die auf dem Gerichtsweg erstritten werden hinzu, kommt man auf Quoten je nach Herkunftsland zwischen 60- 80 %.

    Insofern ist es eine rechtspropagandistische Mär, von Anerkennungsquoten unter 1% zu sprechen. Die Anerkennungsquoten lägen ohne die DublinAbkommen sogar noch deutlich höher.
    @Beitragsautorin

    Abschließend kann man der Autorin des Beitrages nur zurufen, dass man die ohnhin bekannte Singularität der Shoa nicht dadurch betonen muss, dass man heutige Fluchtmotive relativiert. Der Hinweis auf Marrokaner, die über das Mittelmeer nach Spanien kommen, ist auch nicht sonderlich brauchbar, weil Marrokaner seit Jahrzehnten- eigentlich seit Jahrhunderten- über das Mittelmeer nach Spanien einreisen – wie den auch sonst? Das ist kein neues Phänomen.

    Ich kenne die Motive des Autors , den Sie kritisieren, nicht.
    Allerdings ist der Hinweis darauf, dass viele Staaten sich im 2.WK weigerten, vor dem Faschismus fliehende Juden aufzunehmen und sie damit wahrscheinlich Hunderttausende zurück in den sicheren Tod schickten, nicht unbedingt eine Relativierung, sondern eher ein Appel.

    Im übrigen- Menschen in Kriegsgebieten, die Bombardement , Belagerung und Todesängsten von Staatstruppen oder Milizen ausgehend ausgesetzt sind, interessieren solche Debatten nicht.

    Wenn Sie es schaffen, zu entrinnen und sich in Richting Europa absetzen, muss ihnen in Europa geholfen werden, anstatt sie zurückzuweisen oder sie im Meer ertrinken zu lassen.

    Und, Frau Iosseliana- man gibt nicht einfach so seine Heimat, seine Familie und Freunde, seine Wohnung oder sein Hab und Gut auf und setzt sich mit Hunderten anderen Menschen mit seinen Kindern in ein wackliges Boot oder gar Schlauchboot, um über das Mittelmeer, das eigene und das Leben der Kinder riskierend, für viel Geld nach Europa zu gelangen.

    Wer so etwas tut, hat seine Gründe. Rechtsstaatlichkeit , derer sich Europa rühmt, bedeutet dann auch, diesen Menschen in fairen Verfahren die Gelegenheit zu geben, ihre Gründe darzustellen.

    Dies können sie nicht, wenn man sie auf Hoher See zurückweist.

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