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NPD: Wie geht man mit der extremen Rechten um?

Wie geht man mit Rechtsradikalen um? Es ist eine gute Tradition dieses Blogs, für einen robusten Umgang mit Nazis einzutreten. Unklar ist, ob dieses Vorgehen immer das erfolgsversprechendste ist. Unser Gastautor Andreas Molau plädiert dafür, Themen wie Heimat und Patriotismus nicht den Nazis zu überlassen. Molau kennt die rechtsradikalen Szene Deutschland von innen her so gut wie kaum ein Zweiter: Er war hoher NPD-Funktionär und wechselte später über die DVU zu Pro NRW. Im Sommer stieg er aus der Szene aus,  ist seitdem im Aussteigerprogramm des niedersächsischen Verfassungsschutzes  und spricht vor Schülern über seine Vergangenheit in der Nazi-Szene.  

Wie geht man mit der extremen Rechten um? Diese Frage ist seit dem wahrscheinlichen erneuten NPD-Verbotsverfahren erst einmal in den Hintergrund gerückt. Denn, so wie Stefan Laurin hier an dieser Stelle bereits geschrieben hat, gibt es neben der ohnehin schwindenden Partei ohnehin noch jede Menge Auffangbecken für jeden rechtsextremen Geschmack – vom Islam-Hasser, der sich bei der PRO-Bewegung oder der Freiheit zu Hause, bis zum klassischen NS-Freak, der sich zu Christian Worchs Die Rechte hingezogen fühlen könnte. Äußerer Druck, zumal wenn er dann auf europäischer Ebene auch wahrscheinlich wieder aufgehoben werden wird, schweißt das zusammen, was oft auch nicht zusammen gehört. Es gibt in allen extrem rechten Gruppierungen genügend Menschen, die sich vom Hass lieber verabschieden würden, deren laute Fragen aber keine Beantwortung finden: Wie steht es um die Themenkomplexe Heimat und Entfremdung, um Identität, um Integration, um soziale Ausweglosigkeit, um die Sehnsucht nach Werten etc.? Mir ist in der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Vergangenheit klar geworden, dass nicht alle Fragen falsch waren, die mich bewegt haben, aber viele, viele Antworten.

Wie geht man mit der extremen Rechten um – diese Frage müsste im Vordergrund der politischen Diskussion stehen und noch drastischer: Wie geht man mit den Menschen dahinter um? Und viel spannender als ein Verbotsverfahren erscheint mir da ein Aktion, auf die ich beim Stöbern im Internet aufmerksam geworden bin. Die Konrad Adenauer Stiftung beschäftigt sich aktuell mit dem Thema „Heimat heute – Annäherung an einen wichtigen Begriff“. Das ist (auch) eine Fragestellung für Menschen, die sich aus der rechten Szene verabschieden wollen, weil viele in der Szene schon jetzt ahnen, dass der Begriff Heimat und Identität weder von Pro NRW ausgefüllt wird, noch von der NPD. Die einen negieren vor allem das Andere (ohne zu sagen, wofür sie selbst stehen), die anderen tun dies ebenfalls, nur, dass sie damit auch noch eine extreme Überhöhung des Eigenen verbinden. Bei der Konrad Adenauer Stiftung werden Brücken gebaut und Fragestellungen aufgegriffen, die im gesellschaftlichen Kontext sonst gern ausgeklammert werden. „Können Migranten, die ihr Heimatland verlassen haben und unfreiwillig heimatlos geworden sind, überhaupt in einem fremden Land eine neue Heimat finden?“ In welchem Zusammenhang stehen Heimat und Ort, Heimat und Glauben etc. Das sind Fragen, auf die auch viele Menschen eine Antwort suchen, die sich jetzt noch in politischen Bereichen aufhalten, die eine schlüssige Antwort darauf nur vorgaukeln.

Diesen muss man vor Augen halten, dass es eben solche Antworten außerhalb der ideologisch geschlossenen Gesellschaften gibt. Diese Themen dürfen vom organisierten Rechtsextremismus nicht gepachtet werden. Dass sich Heimat und „weltbürgerlicher Gemeinsinn“, wie es auf der Seite der Stiftung heißt, nicht ausschließen und dass auch das Fremde Platz hat in der Heimat, ist eine wichtige Botschaft für solche, die sich um das Thema Integration Sorgen machen:

„Patrioten in diesem Sinn kümmern sich um ihre Heimat und sehen es gern, wenn sich auch andere um ihre Heimat kümmern. Vor allem aber verstehen sie, dass jedem seine eigene, individuelle Heimat am Herzen liegt – und trotzdem nie die eine Heimat wichtiger ist als die andere Heimat. Auf diese Weise ist Patriotismus eine schon im Ansatz pluralistische Haltung: So wie es im eigenen Vaterland viele Heimaten gibt, besitzt die Menschheit viele Vaterländer.“

Selbstverständlich wird man mit diesem Angebot nicht alle erreichen können. Aber viele. Und deren Abwendung würde die extrem rechte Szene vielmehr schwächen als ein isoliertes Parteiverbotsverfahren.

 

Andreas Molau

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71 Kommentare zu “NPD: Wie geht man mit der extremen Rechten um?

  • #1
    Stefan Laurin

    Ich sehe das anders: Für mich ist das Problem, dass Menschen überhaupt in kollektiven Kategorien wie “Vaterland” denken. Gut, dass werden viele sicher noch lange tun, aber es sind solche Begriffe, die mir nichts bedeuten. Genauso geht es mir mit dem Patriotismus: Ein fremder Gedanke, den ich nicht nachvollziehen kann.

  • #2
    Albrecht Kolthoff

    Man ist geneigt, auf das Repertoire von Heimat und Identität zu antworten mit: “Wer’s denn nötig hat”. Sicher, es gibt ein Bedürfnis nach dieser Art Folklore, die sowohl als Schlageter-Verehrung wie auch als Rosa-und Karl-Kult daherkommen kann. Es sind halt Versuche, die selbstverschuldete Unmündigkeit mit Fototapeten freundlich zu gestalten, um ja nicht in die Verlegenheit zu kommen, einen Ausgang zu suchen.

  • #3
    Martin Niewendick

    Ich bin da Stefans Meinung: “Heimat” ist ein Konstrukt, “Vaterland” ist ein Territorium mit künstlich gezogenen Grenzen in das man ohne eigenes Zutun zufällig hineingeboren wird. Für mich ist dies daher zur Identitätsbildung völlig ungeeignet.

  • #4
    Axel

    Wie Stefan Laurin bei #1 sagt: diese Begrifflichkeiten wird es noch lange geben. Es geht allerdings darum, sie nicht den falschen Leuten zu überlassen. Ob ich, oder die drei Vorredner mit diesen derart vielschichtig, und oftmals verhängnisvoll aufgeladenen Begriffen etwas anfangen können, ist ja irrelevant. Es wäre in der Tat viel erreicht, wenn man jegliche negative, abgrenzende Komponente extrahieren könnte … wie das geht, und was dann übrig bleibt? Keine Ahnung. Nur: diese Begriffe auf breiter Basis mal eben abschaffen, sich kollektiv von ihnen zu verarbschieden: das ist naiv und wird kaum hinhauen.

    Thema “Konstrukt”. Alles ist Konstrukt. Irgendwann kann jede Emotion, jedes Verhalten als ein “Konstrukt” enttarnt werden. Fragt sich immer, wie weit man gehen möchte. Bei konsequenter Beibehaltung dieser Argumentation bleibt am Ende Zynismus in der rohesten Form übrig.

  • #5
    Albrecht Kolthoff

    Das Übel beginnt nicht erst bei Heimat, Volk und Vaterland, sondern liegt schon in der “Identität”, die ein Individuum mit einer Idee oder einem Kollektiv verspüren soll. Nichts für ungut, Herr Molau, aber Ihre Ablösung von Vergangenem ist offensichtlich ein Prozess, der noch einige Strecken vor sich sieht. Sie wollen dem Junkie eine Methadonkur bei der Adenauer-Stiftung anbieten – ein sozialarbeiterisch korrektes Vorgehen, dass freilich nichts an der Sucht nach Identität ändert. Möglicherweise müssen viele Menschen damit in etwa so zurecht kommen wie es bei den Anonymen Alkoholikern gehandhabt wird: Man kann und soll trocken sein, aber man ist und bleibt Alkoholiker. Bier statt Schnaps ist da auch keine Lösung.

  • #6
    Ulrike Märkel

    Konstrukte hin oder her: Molaus Gedanken kommen deutschtümelig daher und sein Hinweis auf unbeantwortete Fragen zu sozialer Ausweglosigkeit und die Sehnsucht nach Werten … das klingt etwas nach Heimatfilmromantisierung rechter Gesinnung. Das Zitieren der Konrad-Adenauer-Stiftung ändert an dem Eindruck auch nichts, denn die Fragestellung des Molau-Artikels ist schliesslich der Umgang mit Rechtsradikalen. Selbst wenn das eigentliche Problem fehlende Antworten wären – man muss deswegen nicht rechtsextremen Gruppierungen beitreten oder in ihnen verharren. Dieser Logik folgend müsste die Mehrheit der sozial Benachteiligten oder nach Werten und Identität suchenden Menschen irgendwelchen Nazi-Organisationen beitreten. Tun sie aber nicht.

    Und dann diese wirklich tolle Idee: Die ganze Gesellschaft muss einfach nur ein deutliches Stück nach Rechts rücken, den Heimatbegriff neu definieren und kann dann in ihrer patriotisierten Mitte die abhanden gekommenen Rechtsextremen, die doch eigentlich nur brennende Fragen zum richtigen Heimatbegriff haben, wieder aufnehmen. Und solange das noch nicht der Fall ist, bedrohen sie eben anders denkende und anders aussehende Menschen und prügeln sie brutal zusammen.

  • #7
    Andreas

    “Heimat”:

    kann mich nicht erinnern, diesen Begriff schon einmal – ernsthaft – gebraucht zu haben.

    Aber wenn ich denn sagen sollte, was für mich “Heimat” bedeuten könnte:

    “Heimat” wäre dann der Ort, wo meine Muttersprache gesprochen wird, wo ich Schattierungen der Sprache selbstverständlich verstehe, weiss, was mein Gegenüber meint, auch wenn er es vielleicht gar nicht gesagt hat …

    Das ist mir aufgefallen, als ich einmal durchspielte, was es bedeuten würde, zu emigrieren, in ein Land, dessen Sprache ich sehr gut spreche: es ist trotzdem nicht dasselbe.

    Und deswegen sollten wir unsere Mitbürger mit ausländischen Wurzeln UMSO MEHR respektieren, und alles dafür tun, dass sie sich in Deutschland zumindest “zuhause” fühlen.

  • #8
    Sören

    uh das spornt mich zur Polemik an.

    Was kommt als nächstes?
    “Rassimus gegen Rechts”

    Ullrike hat schon völlig recht, es klingt danach einfach ein bsichen nach zugeben damit die rechten zu frieden sind. Das bieten sie ja auch selber an. Ich erinnere an ihr Motto:
    “Nie wieder Krieg, nach unserem Sieg”

    Das Angebot können wir ja dann auch mal diskutieren.

    Aber Mal im ernst. Völkisches denken, Rassismus und Nationalismus sind zentrale elemente faschistischer Ideologie. Ja, nicht jeder Nationalist muß ein Nazi sein, dennoch ist es eine grundsätzlich antiemanzipatorische ideologische Basis. Zu versuchen nationalismus affirmativ aufzunehemen um rechte zu integrieren… Das erinnert mich eher an Querfront strategien der Rechten als an Aussteigerprogramme.

  • #9
    Andreas Molau

    @ Ulrike Märkel. Was an dem Begriff Hemat deutschtümelnd ist, müssen Sie schon einmal erklären. Wenn Sie keine Fragen zum Thema Werte oder sozialer Ausweglosigkeit kennen, dann wundert mich das. Unterhalten Sie sich mal mit Jugendlichen in prekären Situationen. Unredlich ist es, mir zu unterstellen, ich wolle eine Logik herstellen, soziale Benachteiligte müssten sich Nazi-Organisationen anschließen, oder gar, die Gesellschaft müsse nach rechts rücken. Ich habe genau das Gegenteil geschrieben: Nämlich dass man Rassisten diese Themen nicht überlassen sollte. Und dass man Leute herauslösen kann aus der extremen Rechten, die Heimatliebe nicht mit Menschenhass verwechseln. Stellen Sie sich vor: Ich habe es niemals gut geheißen, dass man anders denkende Menschen oder anders aussehende Menschen zusammen prügelt, wie Sie das schreiben. Genau das könnte man aber annehmen, wenn man liest, was Sie schreiben.
    @ Albrecht Kolthoff. Kein Mensch kann ohne Identität leben. Auch hier wundere ich mich über die Unterstellung. Die Zitate, die Sie polemisch als Drogenersatz bezeichnen, erklären ja gerade, dass Identitäten gebrochen sein oder sich auf verschiedene Felder beziehen können. Ich kann mich mit einem Fußballclub identifizieren und glechzeitig mit einer Idee, einer Religon und einem kulturellen Bezugsfeld. Ich wundere mich wirklich auch hier über die Unterstellungen. Gerade weil ich mental kein Alkoholiker bin, kann ich mich mit diesen Themen unverkrampft auseinandersetzen. Ihre pädagogische Attitüde, wie ich mich wovon abzulösen habe, empfinde ich als absolut bevormundend. Vielleicht können Sie einfach akzeptieren, dass wir unterschiedliche Positionen haben. Oder ist Ausstieg nur dann möglich für Sie, wenn man anschließend ganz auf die linke Seite übergeht?
    @ Stefan Laurin. Ich glaube auch, dass die Kategorie Vaterland überholt ist. Ich denke, dass Identität heute viel variabler ist, sich auf Regionen, soziale und kulturelle Umfelder bezieht. Ich bin auch nicht der Typ, der sich bei der WM das Fähnchen ans Auto klemmt. Reinhard Mey hat, wie so oft, für mich ganz persönlich die Dinge in Worte gefasst http://www.reinhard-mey.de/start/texte/alben/mein-land Entscheidend ist für mich, dass man die Debatte über Beheimatung als ein Thema auffasst, das viele Menschen bewegt und sich nicht mit dieser überheblichen Attitüde derer darüber hinwegsetzt, die meinen, derlei bräuchten sie nicht. Exemplarisch waren für mich immer die Toskana-Linken (ich liebe die Toskana), die sich hier als Weltbürger geben und in Italien als Freund ländlicher Traditionen. Imgrunde zeigt das nur eine verklemmte Haltung ur eigenen Identität.

  • #10
    theo

    Man sollte auch Begriffe wie “Heimat” nicht den Nazis überlassen. Man muss aber deswegen nicht versuchen, sich ihren Begriffsauslegungen anzuschmiegen. Man sollte unbedingt katastrophale Situationen wie die Unterbringung von Roma in einem üblen Haus einer Duisburger Unterweltgröße angehen, da muss dringend etwas geschehen, wegschauen hilft niemandem. Die Leute müssen anders untergebracht werden. Behörden, die nichts tun, schaden der Gesellschaft.

    Wenn ein Staat und dessen Politiker erst die Probleme eskalieren lassen und dann die Worte, dann entsteht wieder so etwas wie Anfang der 90er Jahre. Deswegen bin ich dagegen, dass Demokraten Begriffe der Nazis übernehmen und meinen, damit könnten sie denen das Wasser abgraben. Die “Asylanten”-Sprache der CDU/CSU hat doch seinerzeit die Brandanschläge nicht verhindert, im Gegenteil: die Nazis und ihnen nahestehende Personen konnten ja gut das Gefühl haben, sie würden ja nur das tun, was “die da oben” auch dachten.

  • #11
  • #12
    Jan

    Also ich finde es persönlich angenehm, dass sich Andreas Molau bemüht, nach seinem Ausstieg weiter politisch zu wirken. Finde ich weitaus ehrlicher, als sich danach komplett unpolitisch zu geben. Da bleiben dann doch immer berechtigte Zweifel, ob der Ausstieg aus der Nazi-Szene nicht rein “pragmatischer” Natur war.

    Ich teile Molaus Ausführungen (bzw. Ihre Ausführungen, ich möchte natürlich durchaus auch mit Ihnen diskutieren, nicht bloß über Sie, auch wenn mir das als jemand, der auch häufig auf Antifa-Demos ist, noch etwas surreal vorkommt) so nicht, aber kann schon anerkennen, dass diese sich weit außerhalb von Nazi-Argumentationen befinden. Sicherlich sind diese trotzdem konservativ, rechts oder wie man das auch immer nennen möchte. Aber durchaus auf einer solchen Basis, dass ich sagen kann: Ja, darüber können wir diskutieren.

    Den Begriff Vaterland finde ich dagegen auch doof. Heimat ist da schon ein komplexerer Begriff, mit dem ich mich aber auch schwer tue. Aber ich kann durchaus für mich sagen, dass ich mich in Bochum “zuhause” fühle. Geboren und aufgewachsen bin ich allerdings woanders. Der Begriff “Heimat” lässt sich natürlich auch auf diese Art und Weise benutzen.

  • #13
  • #14
    Albrecht Kolthoff

    @Andreas Molau: Verlust und Entfremdung ist conditio humana, so wie die daraus resultierende Suche nach der verlorenen Harmonie, die als Identität verklärt wird. Es ist die Suche nach etwas Externem, das einem die Richtung weist und damit im Endeffekt die eigene Entscheidung und Verantwortung abnimmt; etwas, das größer ist als man selbst, im erweiterten Sinne also Religion, ob nun metaphysisch oder säkular. In den Mutterleib zurück können wir nicht mehr, also wird Ersatz gesucht. Im besseren Fall bringt diese Suche Literatur und Kunst hervor, im schlechteren Mord und Totschlag, und zwar deshalb, weil der Suchende sich einbildet, er könne in absehbarer Zeit tatsächlich an ein Ziel kommen und müsse dazu nur die Widerstände auf dem Weg beseitigen. Man kann aber auch ganz realistisch mit diesem nicht zu lösenden und nicht endenden Spannungsverhältnis umgehen, so wie es der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann getan hatte, als er (noch als Präsidenten-Kandidat) auf die Frage nach seinem Patriotismus antwortete: “Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig”. “Just do it”, wie die Turnschuhwerbung sagt; home is where the heart is. Und jetzt empfehle ich als maximalpädagogische Maßnahme, mal eine Stunde lang Johnny Cash zu hören, dann sollte sich das mit der Identitäts-Sucht ein wenig abmildern.

  • #15
    Andreas Molau

    @ Jan. Ich bevorzuge auch den Begriff Heimat. Vaterland sagt mir wenig, noch weniger der Staat. Region, Umfeld kulturell oder soziologisch sind mir wichtiger.

    @ Albrecht Kolthoff. Mord und Totschlag gibt’s in der Weltgeschichte aus allen möglichen Gründen. Aus Chauvinismus, politisch oder religiös. Daraus abzuleiten, das kulturelle oder religiöse Identität per se verwerflich sein müssen, halte ich für sehr gewagt. Das Dritte Reich war nach meiner Auffassung übrigens deshalb vor allem so verbrecherisch, weil die menschenverachtende Ideoligie eben gerade keine ethische Instanz akzeptiert hat. Also auch keine göttliche Instanz. Widerstandskämpfern wie Rupert Mayer, der übrigens auch Patriot war, hat diese Kraft, die Sie so verwerflich finden, standhaft gegen den Terror gemacht.

    Ich liebe auch keine Staaten, aber ich möchte gern in einem Gemeinwesen leben, indem sich’s leben lässt. Ich höre jetzt Puccini. Das ist meine maximalpädagogische Maßnahme. Allerdings gräme ich mich nicht, dass zum menschlichen Wesen Irrationales hinzugehört.

  • #16
    der, der auszog

    Wieso muss man in den Begriff Heimat überhaupt irgendetwas hinein interpretieren? Im Endeffekt beschreibt er lediglich den Ort, in dem das Heim steht, also wo jemand zuhause ist bzw. wo jemand aufgewachsen ist. Da gibt es nichts zu deuten. Das kann man, wenn man den wollte, eigentlich recht nüchtern betrachten.

    Patriotismus brauchen wir eigentlich auch nicht mehr. Patriotismus war im 19. Jahrhundert in Deutschland der Schrei nach Nationaler Einheit und wahrscheinlich nötig, um die Kleinstaaterei zu überwinden und das Deutsche Reich, den politischen Vorläufer der heutigen Bundesrepublik, zu gründen. Alles, was danach kam, besonders der ab der Wihelminischen Ära mit dem Patriotismusbegriff einhergehende und völlig überzogene Nationalismusbegriff, also der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Nation und die damit stattfindende Abwertung anderer Nationen, sollte Grund genug sein, dem Wort “Patriotismus” nicht zu viele Interpretationsmöglichkeiten zu geben.

    Patriotismus leitet sich vom Lateinischen Wort Patria ab. Patria bedeutet übersetzt Vaterland. Der Begriff Vaterland ist, zumindest wenn man dem Grimmschen Wörterbuch der deutschen Sprache glauben darf, ein für die deutschen Dialekte völlig unüblicher Begriff für Heimat; bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts quasi ein Fremdwort. Der Begriff kommt aus der Antike, aus einer Zeit, als es üblich war den Machtbereich des Staates oder der Mutterstadt durch Kolonialisierung auszudehnen. Colonia, zu deutsch Kolonie, leitet sich ab von dem Verb “colere” – “besiedeln”, (Neu-)”Land bestellen”. Während Colonia das Land beschreibt, welches neu bestellt wird, ist “Patria” das Land, welches von den Vätern bestellt wird. Die Begriffe Vaterland und Kolonie gehören zusammen gedacht.

    Der Begriff Vaterland gewann erst weit nach der Reichsgründung 1871 in Deutschland an Bedeutung, nämlich als man versuchte durch Kolonialerwerb im Reigen der anderen europäischen Länder um die Vormachtstellung in der Welt mitmischen zu müssen. Die Folge waren zwei Weltkriege, in denen Deutschland die Hauptverantwortung trägt.

    Statt irgendwelche durch die deutsche Geschichte verklärten Begriffe krampfhaft neu zu definieren, würde es in vielen Fällen reichen, sich der Ursprünge von Worten und Floskeln bewusst zu werden. Das ist ernüchternd, führt aber vielleicht zu der Erkenntnis, dass man gewisse Worte gar nicht braucht um sich oder seine Herkunft zu beschreiben.

  • #17
    Hutze

    Ein großes Danke an Frau Märkel für ihren Beitrag!!

    Nein, ich glaube nicht, dass wir mehr Patriotismus und Heimatgefühl in diesem Land brauchen. Man darf hier das ganze Jahr mit den Autoaußenspiegelschwarzrotgoldhussen rumfahren, ohne irgendwie blöd angeguckt werden, man darf lustig unter der Dusche “Am Brunnen vor dem Tore” singen, ohne dass der Nachbar klagt, nahezu jeder Mensch, den ich kenne, hat einen Bezug zu seinem Heimatlandstrich und sagt das ganz offen und ehrlich und auch mit Stolz in vielerlei Hinsicht – und wer da mehr braucht, und wer denkt, dass ihn Zuwanderung entfremdet und wer meint, blödsinnige Deutschtümelei müsste mehr Platz bekommen, wer meint, er braucht ein Vaterland, um eine Identität zu haben, der ist in meinen Augen ganz weit rechts draußen in einer Idiotengruppe schon sehr gut aufgehoben.

    Ich mag solche Leute in der “Mitte” eigentlich nicht haben.

  • #18
    Ulrike Märkel

    Ich unterstelle Ihnen nicht, persönlich gegen Menschen gewalttätig gewesen zu – das kann ich nicht beurteilen. Aber ich beziehe mich auf das Thema, das Sie für Ihren Artikel gewählt haben, den “Umgang mit Rechtsextremen” und daher reden wir zwangsläufig auch über massiv gewalttätige Rechte, die von der Partei, für die Sie als führender Funktionär tätig waren, unterstützt werden. Ich muss doch keine Eulen nach Athen tragen!

    Wenn Sie schreiben: “Es gibt in allen extrem rechten Gruppierungen genügend Menschen, die sich vom Hass lieber verabschieden würden, deren laute Fragen aber keine Beantwortung finden” stellen sie damit die Behauptung auf “fehlende Beantwortung von Fragen = Rechtfertigung der Mitgliedschaft in rechtsextremen Gruppen”. Mit dieser Theorie wälzen Sie die Verantwortung auf die Gesellschaft ab, die nach dieser Argumentation selbst am Rechtsextremismus schuld ist, weil sie keine ausreichenden Antworten auf persönliche Identitätsfragen Rechtsextremer bietet und Fragen nach “Heimat und Entfremdung” und “Sehnsucht nach Werten” unzulänglich beantwortet. Überlässt man Rechte denn tatsächlich hilflos dem Unvermögen sich vom “Hass zu verabschieden”?

    Ich glaube kaum. Man wird das Problem Rechtsextremismus nicht dadurch lösen, dass man soziale Fragen klärt und den Heimatbegriff neu definiert. Wenn es stimmen sollte, dass die Austiegswilligen vor allem die Sorge um den Heimatbegriff umtreibt und Heimat auch “…eine wichtige Fragestellung für Menschen, die sich aus der rechten Szene verabschieden wollen” ist – wie Sie schreiben – dann müssten sich viele aus der rechten Szene verabschieden. Denn der Begriff Heimatliebe ist gesellschaftlich lange schon enttabuisiert. Nach ihrer These könnten also all die Ausstiegswilligen problemlos zu Aussteigern werden.

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  • #20
    Andreas Molau

    @ Ulrike Märkel. Dass Sie offenbar nur wenig Ahnung über das haben, was Menschen bewegt nach rechts zu gehen, ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass Sie ununterbrochen apodiktische Urteile darüber fällen. Wen kennen Sie denn als Ausstiegswilligen?? Tatsächlich gibt es viele, die die Szene verlassen würden. Gewalttätigkeit ist ein Problem aller extremen Haltungen, ob sie nun politisch links, rechts oder religiös motiviert sind. Ich bin weit davon entfernt anzunehmen, dass allein das “Sein das Bewusstsein” prägt. Aber Ihre Auffassung, die gesellschaftlichen Verhältnisse hätten nichts mit der Entstehung von Extremismus zu tun, ist gelinde gesagt naiv. Es geht auch nicht um eine Enttabuisierung des Heimatbegriffes. Es geht um die durch und durch verkrampfte Haltung, die insbesondere die den Diskurs weitgehend bestimmende Linke zu dem Thema hat. Die extreme Rechte ist übrigens genauso verkrampft, weil hier ein geschlossenes, aggressives Weltbild entsteht.
    @ der, der auszog. Sie fragen, warum man in den Begriff Heimat überhaupt etwas hereininterpretieren müsse. Ich frage Sie: warum nicht? Das klingt so wie, “das kann man aber nicht so sagen.” Sie sehen doch, dass es Menschen gibt, die das bewegt. Das allein ist in einer Demokratie Rechtfertigung genug, darüber sprechen zu dürfen. Und am besten läßt’s sich’s reden, wenn man sich gegenseitig nichts unterstellt. Zum Beispiel, ich würde fordern, einer “blödsinnigen Deutschtümelei” mehr Platz zu verschaffen. Davon steht nichts in dem Beitrag. Und das denke ich auch nicht.

  • #21
    Kaugummimaus

    Bäh, jetzt darf also der Molau auf den Ruhrbaronen über Heimat schwadronieren. Ausgerechnet der angebliche Aussteiger-Nazi, der meines Wissens bis heute noch nicht dafür gesorgt hat, dass eine beträchtliche Anzahl seiner Nazi-Kameraden im Knast gelandet sind, soll jetzt hier erzählen, wie man mit Nazis umgehen soll.

    Und, welch Wunder, er probiert, rechte Begriffe wie “Heimat” positiv zu besetzen, und bittet darum, dass wir doch “den Menschen” im Nazi wahrnehmen sollen. Auf wen bitte wirkt das nicht wie billige Lobby-Arbeit in eigener Sache?

    Sorry, aber dass dieser persönliche Geschichtsrevisionismus des Nazi-Funktionärs (“dass nicht alle Fragen falsch waren, die mich bewegt haben”) hier so eine Plattform bekommt, das geht mir echt eine ganze Nummer zu weit.

    Der Typ testet offensichtlich gerade aus, mit wie viel von dem extrem rechten Gerede über Patriotismus, Heimat, Identität er wohl in der angeblichen “Mitte der Gesellschaft” durchkommt.

    Dass die Ruhrbarone sich für dieses Spielchen hergeben, halte ich für einen ziemlichen Maga-Fail.

  • #22
    Jan

    Also Herr Molau, jetzt stellen Sie sich aber ein bisschen naiv. Selbst wenn Sie nie selbst ein Befürworter von Gewalt waren, so können Sie doch nicht ernsthaft übersehen, dass es nicht “der Extremismus” ist, der zwangsläufig zu Gewalt führt, sondern Gewalt ein notwendiger Faktor rechter Ideologien ist. Selbst der sich pazifistisch gebende Ethnopluralismus hat doch letztlich keinen “Platz” für Juden, Amerikaner, Sinti und Roma etc. Religiösen Extremismus würde ich da durchaus als ähnlich charakterisieren. Die Pro-Bewegung ist ja z.B. sowohl religiös fundamentalistisch als auch rechtsextrem. Die Zusammenarbeit von Nazis und Islamisten wird Ihnen auch bekannt sein.

    Mit dieser Extremismusvereinfachung läuft man doch nur vor der Problematik davon, dass Zwangskollektivismus immer zu Ausgrenzung und letztlich Gewalt führt.

  • #23
    Hans

    Ich finde auch, den Molau hier schreiben zu lassen, das geht echt zu weit, und stimme “Kaugummimaus” zu:

    Jemand, der über so viele Jahre hinweg als Nazi-Funktionär so viel krassen Scheiß gemacht hat, der sollte nicht weiter in der Öffentlichkeit rumprollen, sondern einfach mal den Mund halten und hinter den Kulissen dabei helfen, die Mitglieder des Nazi-Sumpfs hinter Schloss und Riegel zu bringen. Welche Erfolge hat die so groß angekündigte Zusammenarbeit von Molau mit den Ermittlungsbehörden denn bisher gehabt? Welche Nazis sind durch das ach so tolle Insider-Wissen Molaus inzwischen verhaftet worden? In welchen Prozessen hat Molau bisher gegen Nazis ausgesagt und das entscheidende Belastungsmaterial geliefert? Auf mich wirkt das alles wie Augenwischerei.

    Was für ein toller Ausstieg, wenn der angebliche Aussteiger nun mit einem Loblied auf die Konrad-Adenauer-Stiftung nun quasi kontinuierlich weiter macht: Am äußersten rechten Rand dessen, was bei vielen vielleicht noch als bürgerlich-demokratisch durchgehen könnte, geht es ihm weiter um “Heimat”, “Patriotismus” und “Identität”.

    Sorry, aber auf Veröffentlichungen von solchen “Aussteigern” kann ich wirklich verzichten, und ich hoffe inständig, dass es ein Ausrutscher war, dass sich die Ruhrbarone mit so jemandem gemein machen.

  • #24
    Nansy

    #21 und #23

    solange hier auch “Aussteiger” zu Wort kommen dürfen, sind die Ruhrbarone für mich weiterhin interessant. Ich habe kein Interesse daran, hier nur “ideologisch reinen” mainstream Journalismus vorgesetzt zu bekommen.

  • #25
    Walter Stach

    Ich meine, nach allem, was ich vorstehend lesen durfte:

    Ich akzeptiere, wenn einige der Diskutanten meinen, eine Causalität begründen zu können zwischen Heimat-” gefühl”, Vaterlands-“liebe”, Patriotismus und dem sog. Neo-Nationalsozialismus.

    Ich habe das Gefühl, Waltrop sei meine Heimatstadt. Ich denke manchmal darüber nach, wo dieses Gefühl seine Gründe haben könnte. Eine Antwort darauf will ich aber letztendlich gar nicht finden ,und vermutlich gibt es die auch nicht, eben so wenig, wie ich meinem Gefühl der LIebe “auf den Grund” gehen will.

    Ich sage gelegentlich, ich sei ein Verfassungspatriot, weil ich der Auffassung bin, daß unsere Verfassung zu den besten der Welt zählt mit ihren Staatszielbestimmungen Demokratie,Rechtsstaat und Sozialsstaat, und zu diesen Prinzipien und damit zu “meiner” Verfassung bekenne ich mich und für diese Verfassungsprinzipien bin ich jederzeit zu streiten bereit.

    Sind damit bei mir Grundvoraussetzungen gegeben, um auf die Abwege zu einem Neo-Nazi zu geraten?

  • #26
    Hans

    @Nansy: Die Frage ist ja nur, bei was ist der Molau eigentlich “ausgestiegen”? Erst schwadronierte er über Heimat, Patriotismus und Vaterland bei der NPD. Dann schwadronierte er über Heimat, Patriotismus und Vaterland bei der DVU. Dann schwadronierte er über Heimat, Patriotismus und Vaterland bei Pro-NRW. Jetzt schwodroniert er über Heimat, Patriotismus und Vaterland bei den Ruhrbaronen. Dass das den Ruhrbaronen nicht unangenehm ist, sich in diese Reihe zu stellen, das wundert mich schon sehr.

    Was mich dagegen überhaupt nicht wundert: Dass Molau jetzt, wie “Jan” in #22 richtig bemerkt, zum Extremismustheoretiker geworden ist. Wer nun sein politisches Leben am äußersten rechten Rand dessen fortsetzen will, was gerade nicht als “extremistisch” gilt, braucht diese von sehr vielen Fachleuten als unwissenschaftlich abgelehnte Theorie.

    Denn eine differenzierte Betrachtungsweise, die nationalkollektivistische Ideologien als Problem ausmacht und feststellt, dass z.B. Rassismus keineswegs ein Problem des politischen Randes ist, sondern sich vor allem in der angeblichen “Mitte der Gesellschaft” abspielt, die würde ja den Blackwashing-Versuchen von Molau zuwider laufen.

    Molau will offensichtlich nicht mehr als “Brauner” gelten, sondern viel lieber als rechtskonservativer im Geiste der Konrad-Adenauer-Stiftung. Mit Ausstieg hat das wenig zu tun, wenn man betrachtet, dass sich Referenten der Konrad-Adenauer-Stiftung durchaus zum Beispiel bei rechten Burschenschaften der Nazi-affinen “Burschenschaftlichen Gemeinsachaft” rumtreiben.

    Von einem “Aussteiger” würde ich erwarten, dass er mit rechtem Gedankengut bricht anstatt mit Grauzonen-Politik im rechtskonservativen Lager weiter zu machen – also woanders über Heimat, Patriotismus und Vaterland zu schwadronieren. Und ich erwarte, dass er alles ihm menschenmögliche dazu beiträgt, die rechten Strukturen auszuheben.

    So lange Molau aber so weiter macht wie bisher, und sich dabei nur gerne auf der anderen Seite einer von ihm selbst mit postulierten Extremismusgrenze zu positionieren, hat er überhaupt keine Unterstützung wie diese Veröffentlichung verdient. Denn was Molau macht, ist aktuell nichts anderes als Grauzonen-Politik. Und die machen bekanntlich viele Rechte.

  • #27
    Nansy

    @Hans
    ich kann deinen Ausführungen weitgehend folgen. Und weiterhin möchte ich behaupten, dass es doch positiv ist, wenn man hier darüber streiten kann. Die Ruhrbarone stellen sich ja nicht automatisch “in eine Reihe” mit den Ansichten eines Gastautors.

  • #28
    Hans

    @Walter Stach:

    Ob bei Ihnen “Grundvoraussetzungen gegeben” sind, “um auf die Abwege zu einem Neo-Nazi zu geraten”?

    Ich würde sagen, die wären nur dann gegeben, wenn Sie meinen würden, das Problem würde erst bei denen beginnen, die Neo-Nazis werden – und nicht bei allen Formen von Nationalchauvinismus und Rassismus, die sich in weiten Teilen eben nicht in der Neonazi-Szene abspielen, sondern in der Mainstream-Gesellschaft. Und sie wären dann gegeben, wenn Sie ihr gerade sehr persönlich-emotional (und sympathisch) geäußerten Verhältnis zu ihrer Heimatstadt politisieren und kollektivistisch umdeuten würden. Der Heimatbegriff, von dem Rechte wie Molau reden, ist nämlich nicht nur etwas persönliches, sondern es ist etwas politisch-kollektives. Da geht es nicht um persönliche emotionale Bindungen an eine Heimatstadt, sondern um ein kollektives Wir-Gefühl auf nationaler Ebene.

    Also: So lange

    – Ihr Heimatstadt-Begriff persönlich bleibt und Sie sich nicht auf einen kollektivistischen (evtl. gar national definierten) Heimatbegriff beziehen,
    – und so lange Sie nicht anfangen, mit “Heimat” Politik machen zu wollen, so wie Molau das nach wie vor will
    – und so lange Ihnen auch bewusst ist, dass Rassismus und Nationalchauvinismus keine exklusiven Probleme der organisierten Neonazi-Szene sind, sondern leider vor allem mitten unter uns im Alltag ihren Platz haben

    so lange würde ich Ihre Frage mit “Nein” beantworten.

  • #29
    Hans

    @Nansy: Was ich ja nur meine: Es gibt nun wirklich genug Leute, die sehr fundiert über die militante Rechte schreiben können. Und auch über den Teil der Rechten, an den sich Molau gerade offensichtlich anbiedert.

    Das wären sinnvolle Veröffentlichungen, über die wir auch gerne streiten können. Es gibt überhaupt keine Notwendigkeit, den Bock zum Gärtner zu machen, und Molau, der nach wie vor rechte Politikansätze vertritt, auch noch als Experten seiner selbst anzukündigen (“kennt die rechtsradikalen Szene Deutschland von innen her so gut wie kaum ein Zweiter”), und ihn bei seiner Grauzonen-Politik zu unterstützen, mit der er jetzt an jenen Teil des rechten Lagers andocken will, das gerade eben nicht als “extremistisch” gilt.

  • #30
    Nansy

    @Hans: Wir wollen Aussteiger? Natürlich! Wir hoffen auf Einsicht und Umdenken? Aber ja, doch erwarten wir auch, dass jemand im klassischen Sinne abschwört?

    „Ich, Galileo, Sohn des Vincenco Galilei aus Florenz, fast 70 Jahre alt, stand persönlich vor Gericht und ich knie vor Euch Eminenzen, die Ihr in der ganzen Christenheit die Inquisitoren gegen die ketzerische Verworfenheit seid. Ich habe vor mir die heiligen Evangelien, berühre sie mit der Hand und schwöre, dass ich immer geglaubt habe, auch jetzt glaube und mit Gottes Hilfe auch in Zukunft glauben werde, alles was die heilige katholische und apostolische Kirche für wahr hält, predigt und lehrt …“

    Man verzeihe mir meinen Ausflug in die Geschichte, aber mir ist jeder recht, der sich aus den Fängen der rechtsradikalen Szene lösen kann. Ob er nun “an jenen Teil des rechten Lagers andocken will, das gerade eben nicht als “extremistisch” gilt” ist ja eine Frage, die Diskutiert werden kann. Aber die Formulierung “gerade nicht als extremistisch gilt” impliziert ja schon, dass dieses Lager in Wirklichkeit extremistisch ist. Dafür fehlen mir dann aber die Beweise.

    Was ich ja nur meine: man darf “Aussteiger” nicht nur unter dem Gesichtpunkt der “richtigen politischen Gesinnung” beurteilen, sonst kommt man nicht zum Ziel. Die Einleitung (“kennt die rechtsradikalen Szene Deutschland von innen her so gut wie kaum ein Zweiter”)hätte ich mir allerdings auch anders vorstellen können.

  • #31
    Arnold Voss

    Ich empfehle zwischen einem territorialen und und einem funktionalen Heimatbegriff zu unterscheiden. Der funktionale Heimatbegriff geht von einem Grundbedürfnis nach Heimat aus, das sich jedoch überall realisieren lässt, wo der Mensch sich auf längere Zeit niederlässt bzw. ihm die Möglichkeit gegeben wird, sich mit einem Ort bzw. mit den dort lebenden Menschen zu identifizieren.

    Heimatbildung ist dann ein Prozess der Aneignung eines Ortes, der auch einem Zugezogenen/gewanderten, gelingen kann, wenn sich die schon am Ort Lebenden auf den Zugezogenen/gewanderten nachbarschaftlich einzulassen bereit sind. Die gemeinsame Zukunfstperspektive, also das was “der, der auszog” (#16) als Zuhausesein bzw. Sich-Zuhause-Fühlen beschreibt macht dann im Kern Heimat aus.

    Damit lösst sich der Heimatbegriff von einem bestimmten und dauerhaft angrenzbaren Territorium und einer damit verbundenen zwanghaften kollektiv-räumlichen Identitätsbildung. Heimatbildung ist dann freiwillig, immer auf Zeit und damit mehrfach im Leben an verschiedenen Orten, ja sogar in verschiedenen Ländern möglich.Der Heimatbegriff ist in diesem funktionalen Sinne dann auch nicht mehr für Nationalismus und Rassismus geschweige denn für jede Art von Naziideologie vereinnahmbar.

    Mensch verschiedener Herkunft können nämlich sehr wohl ein gemeinsames Heimat- und Identifikationsgefühl entwickeln. Das ist, wie Einwandererstädte wie z.B. New York City oder Buenos Aires in großem Maßstab aufzeigen zwar nicht konfliktfrei möglich, aber es ist in einer Weise möglich wie es sich selbst ein großer Teil der Deutschen die aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft stammen, bislang nicht vorstellen können.

  • #32
    Hans

    Klar wollen wir Aussteiger. Die können sich dann aber doch, wenn sie es ernst meinen, erstmal mit Weisheiten über Heimat und Patriotismus bedeckt halten, und stattdessen im Hintergrund in Zusammenarbeit mit der Polizei und meinetwegen auch mit antifaschistischen Organisationen dabei helfen, den braunen Sumpf trocken zu legen.

    Sie können Insider-Infos verraten, Leute vor Gericht bringen und auch sonst dazu beitragen, zumindest ein klein wenig von dem ganzen Übel wieder gut zu machen, dass sie über Jahrzehnte hinweg mit angerichtet haben.

    Worauf wir verzichten können: Angebliche Aussteiger, die genau das nicht tun, sondern die weiter in der Öffentlichkeit über Heimat und Patriotismus schwadronieren wollen. Ein bisschen Demut wäre angebracht, wenn man selbst , jahrelang politische Verbrecherorganisationen unterstützt hat. Klappe halten, Strukturen zerschlagen wäre da angebracht. Was Molau macht, ist genau das Gegenteil. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

  • #33
    Unwissender

    @#21 | Kaugummimaus: “rechte Begriffe wie “Heimat””

    Heimat ist immer noch Sehnsucht nach der Kindheit. – Heinrich Böll

  • #34
    Andreas Molau

    @ Jan. Ich habe gesagt, dass extremistische Gedanken zur Gewalt führen können. Nicht jeder rechte Ideologe muss gewalttätig sein. Aber Ausgrenzung, da gebe ich Ihnen recht, ist strukturelle Gewalt.
    @ Hans. Bei allem Respekt. Aber das, was Sie da schreiben ist für mich totalitären Geistes und aggressiv bis in die kleinste Formulierung. Ausgrenzung ist strukturelle Gewalt. Wer gibt Ihnen eigentlich das Recht bestimmen zu wollen, wer etwas wozu sagt? Sie tauschen Argumente mit Beleidigungen aus. “Klappe halten, Strukturen zerschlagen,…” Warum nicht gleich Biografien zerschlagen oder internieren?! Solch verbale Gewalt empfinde ich als unerträglich. Was ist das für eine tolle Erkenntnis, dass ich mit mit den Themen Heimat während meiner Biografie in den verschiedenen Phasen auseinandergesetzt habe?! Wäre ja auch komisch, wenn nicht. Im Studium bei der Beschäftigung mit der Romantik hab ich das übrigens auch getan. Und stellen Sie sich vor, man kann sich mit einem Thema beschäftigen und neue Antworten finden.

  • #35
    Stefan Laurin

    @Andreas Molau: ich weiß nicht, wie Hans das sieht, aber das Recht, Nazi Strukturen zu zerschlagen, leite ich aus der Geschichte ab.
    Ich glaube auch nicht an den Dialog. Ich glaube an Druck. Wenn der groß genug ist, springen ein paar Leute ab, andere radikalisieren sich. Im Idealfall erledigt den Rest dann die Polizei.

  • #36
    Walter Stach

    -28-Hans und -31-Arnold:

    Das Gefühl eines Menschen, beh e i m a t e t zu sein und das öffentliche Äußern dieses menschlichen Gefühles von H e i m a t sind also nach den Beiträgen -28- und -31- nicht “a priori was Schlechtes für den Betreffenden selbst und auch nicht für Andere oder “a priori was Gefährliches für eine freiheitliche Gesellschaft”;und auf diese simple Erkenntnis zielte meine rhetorischen Frage -25-.

    (Im übrigen teile ich weitgehend die unter -28- und -31-geäußerten Auffassungen bzw. Meinungen.)

  • #37
    Andreas Molau

    @ Stefan Laurin. Vokabeln wie zerschlagen klingen für mich nach Krieg. Ich denke, ohne Dialog geht es nicht. Sie sehen das anders. Das kann man ja auch ohne Schaum vor dem Mund diskutieren und notfalls stehen zwei Meinungen einfach gegeneinander. Das ist Pluralismus. Ich frage mich eben nur, warum das, wie etwa bei Hans, nur mit Unterstellungen und Beleidigungen gehen muss.

  • #38
    Hans

    Bei allem Respekt – aber die Postings von Andreal Molau zeigen für mich schon deutlich, wes Geistes Kind er ist. Da nennt er sich einen “Aussteiger” und nennt es gleichzeitig “totalitär”, wenn Leute Nazistrukturen zerschlagen wollen. Solche “verbale Gewalt” sei ihm zuwider. Quod demonstrandum erat.

    Ich bleibe dabei: Wer jahrelang die Strukturen von rechten Gewaltverbrechern gestärkt hat, sollte ein bisschen Demut zeigen, wenn er den Ausstieg ernst meint.

    Er sollte im Hintergrund an der Zerschlagung der neofaschistischen Strukturen mitarbeiten, um zumindest ein klein bisschen wieder von dem Schaden gut zu machen, den er angerichtet hat.

    Was er nicht tun sollte ist zu versuchen, möglichst viel vom eigenen rechten Weltbild in die angebliche “Mitte der Gesellschaft” zu retten, zu der er doch so gerne dazugehören würde.

  • #39
    Stefan Laurin

    @Andreas Molau: Auseinandersetzungen mit Menschen, die den Mord an 6 Millionen Juden gut finden und andere mit dem Tod bedrohen, in Deutschland in den vergangenen Jahren für 181 Tote verantwortlich waren und nach Meinung der Innenminister Waffen horten, haben zwangsläufig immer auch einen militärischen Charakter. Der Staat scheint das nach den NSU Morden begriffen zu haben und tritt entsprechend härter auf. Wer nicht in diese Auseinandersetzung geraten will, kann ja aussteigen. Wenn nicht geht es in den Knast.

  • #40
    Arnold Voss

    @ Andreas Molau
    Zwei Meinungen, bei denen eine von beiden sowohl auf das Gewaltmonpol des Staates pfeift als auch selber systematische Gewaltanwendung zu ihrem Durchsetzungsmittel erklärt, und beides tun die Neonazis, hat rein garnichts mit Pluralismus zu tun, Herr Molau. Das ist einfach nur Straßenterror.

  • #41
    Kaugummimaus

    So lange Andreas Molau es als Beleidigung empfindet, wenn jemand benennt, dass er jahrzehntelang gewalttätige Fascho-Strukturen gestärkt und unterstützt hat, und dass er jetzt – wenn er es mit dem Ausstieg ernst meint – die Pflicht hat, zu ihrer Zerschlagung beizutragen, so lange kann Andreas Molau von seiner Gesinnung her meiner Meinung nach nicht als Aussteiger gelten.

    Auf mich wirkt das so:

    Da hat sich wer von bestimmten Organisationsstrukturen getrennt. Zuerst ist er von einer Fascho-Partei (NPD) zur nächsten (DVU) gewechselt, dann weiter zur extrem rechten Partei Pro-NRW. Jetzt will er gerne ins nationalkonservative Lager wechseln und nennt das einen “Ausstieg” aus der rechten Szene.

    Tatsächliche Aussteiger fühlen sich nicht beleidigt, wenn sie mit klaren und deutlichen Aussagen über ihre Fascho-Vergangenheit konfrontiert werden. Sie versuchen auch nicht abzuwigeln, zu relativieren und den anderen Leuten zu erzählen, dass man mit Nazis doch eigentlich reden müsste, anstatt ihre Strukturen zu zerschlagen.

    Das alles zeigt alles klar und deutlich, was für einen redaktionellen Fehlgriff die Ruhrbarone sich mit der Entscheidung erlaubt haben, ausgerechnet Molau zum “Gastautor” werden zu lassen.

  • #42
    Stefan Laurin

    @Kaugummimaus: Ich kenne ausser Andreas Molau nur einen anderen Nazi-Aussteiger, wäre aber bei denen, die sich so verhalten, wie ich es mir wünsche besonders mißtrauisch.

  • #43
    Gregor

    Hier scheint mir aber vieles durcheinandergeraten zu sein. Worüber reden wir hier eigentlich? Meines Erachtens hat Herr Molau die These aufgestellt, dass wir die Begriffe Patriotismus und Heimat nicht den Rechtsextremisten überlassen dürfen. Wollen wir den die Lufthoheit über diese Begriffe am Ende wirklich nur den Neonationalsozialisten überlassen? Ist Heimat wirklich etwas perse verachtenswertes? Müssen wir hinter dem Begriff Patriot wirklich immer gleich die kalte Fratze des Nationalismus vermuten? Ein solches Weltbild erscheint mir dann doch etwas eingeengt.

    Heimat ist mehr als nur der Ort in dem ich geboren bin. Heimat prägt und ist daher auch Teil der eigenen Identität. Ob es uns nun passt oder nicht: Wir sind mehr oder weniger durch unser Land geprägt. Seine Geschichte ist auch Teil unserer Indentität. Wäre das nicht so, dann könnten wir die Geschichte einfach ablegen, weil sie uns ja garnichts angeht. Das kann aber gerade hier niemand ernsthaft vertreten wollen, oder doch?

    Warum übernehmen manche Disskutanten hier so unrflektiert das nationalistische Gedankengebäude zu eigen, dass Heimat und Patriotismus Begriffe sind, die grundsätzlich den Anderen augrenzen. Denn nur in diesem nationalistischen Sinne wären Begriffe wie Heimat und Patriotismus etwas Verwerfliches und dementsprechend zu kritisieren. Das kann ich aber bei den Ausführungen von Andreas Molau nicht entdecken. Heimat und Herkunft, ist nach meiner Ansicht eben nur ein Teil meiner Identität. Darüber hinaus gibt es viele andere Dinge, die mich prägen. Sonderrechte, wie Rassisten behaupten, kann ich davon überhaupt nicht ableiten. Ich muss daher Heimat auch nicht überbewerten, nationalistisch aufladen und völlig überhöhen!!!! Ich muss diesen Begriff aber ebensowenig bekämpfen. Beide Dinge nehmen den Begriff Heimat und Patriotismus wichtiger als er für den Menschen im Grunde genommen ist. Man kann Deutscher, Euröpäer und Mensch sein, ohne dass das eine das andere ausschließt. Bleibt also bitte auf dem Teppich.

  • #44
    Andreas Molau

    @ Hans. Ich finde es totalitär, wenn Sie mir sagen, dass ich die Klappe halten soll.
    @ Kaugummimaus. Ich finde es auch nicht als beleidigend, wenn man mich darauf hinweist, dass ich rechtsextreme Strukturen gestärkt und entwickelt habe. Ich empfinde es als beleidigend, wenn mir jemand vorschreibt, worüber ich heute zu reflektieren habe und worüber nicht.
    Das mit solchen Argumenten einem repressiven Polizeistaat das Wort geredet wird, das finde ich schon skurril.
    Nochmals, ich ziehe Dialog der Gewalt vor. Das ist meine Schlussfolgerung aus den Erfahrungen, die ich gemacht habe.
    @ Arnold Voss. Wie wäre es einfach einmal mit etwas Differenzierung. Jemand der Gewalt anwendet, ist ein Fall für die Justiz. Ich habe nicht gesagt, dass solche Leute zum pluralen Diskurs gehören. Lesen Sie doch einfach mal, was ich geschrieben habe. Resozialisierung würde zwar auch Dialog voraussetzen, aber ich denke, dass eine inhaltlche Auseinandersetzung mit jenen zuerst stattfinden muss, die nicht Gewalt ausüben.

  • #45
    Kaugummimaus

    @Stefan Laurin: Misstrauisch bleiben sollte man bei Leuten, die jahrelang in solch menschenverachtenden Strukturen gearbeitet haben, immer.

    Aber wichtig ist halt, was hinten raus kommt – also wie viel der angebliche oder tatsächliche Aussteiger dazu beiträgt, die menschenverachtenden Nazi-Strukturen zu zerschlagen. Relativierende Statements z.B. über die rechte Junge Freiheit (Molau tut so, als ob sein Einstieg in die Szene nicht bereits mit der Autorschaft und führende Mitarbeit der Zeitung schon längst unerträgliche Formen angenommen hätte, sondern erst danach schlimm geworden sei) oder die Forderung, dass man mit den Nazis doch lieber reden sollte, das kann jedenfalls nicht als praktische Widergutmachung angesehen werden. Stattdessen ausgerechnet als Ex-Fascho zu versuchen, Begriffe wir “Heimat” und “Patriotismus” reinwaschen zu wollen, das gehört nun wirklich auch nicht dazu.

  • #46
    Stefan Laurin

    @Kaugummimaus: Mal ganz im ernst und unabhängig vom Thema: Ich war noch nie besonders mißtrauisch.

  • #47
    der, der auszog

    @Hans
    Mit Heimat machen alle Politik, Parteien, Städte, Wirtschaftsverbände; die CDU mit “Wir in NRW”, die SPD mit “NRW im Herzen” eine Stadt wie Gelsenkirchen mit “Gelsenkirchen, Herz im Revier voll Kraft und Zauber”, eine Wirtschaftsregion mit “Das Ruhrgebiet – ein starkes Stück Deutschland”
    Mir persönlich geben solche Sprüche nichts. Ich finde sie absolut lächerlich, weil sie keine rational fassbaren Inhalte transportieren, teilweise sogar verklären. Aber sie funktionieren und zwar auf einer Emotionalen Ebene. Und weil sie funktionieren wird “Heimat” immer auch ein Thema in der Politik sein.

    @Kaugummimaus
    Man kann vor Stefan Laurin eigentlich nur den Hut ziehen, dass er auch Beiträge, wie diesen hier veröffentlicht. Die Diskussion in den Kommentaren zeigen, wie kritisch über das Thema diskutiert wird und dass sich niemand – mit wem auch immer – auf eine Stufe stellt. Ich würde im Übrigen nie auf die Idee kommen, eine Veranstaltung von Andreas Molau zu besuchen. Trotzdem hätte ich ein paar Fragen an ihn. Hier kann ich sie stellen.

    @Andreas Molau.
    Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen über ihre Heimat sprechen. Ich habe ein Problem, wenn sie etwas in ihre Heimat hinein interpretieren. Lassen wir uns über ein Beispiel reden. Ich bin an der Lippe aufgewachsen und sag jetzt einfach mal, die Gegend zwischen dem Römerlager Haltern und der Stadt Xanten ist meine Heimat. Wieso ich ausgerechnet diese beiden Städte auswähle, hängt mit einem Ereignis zusammen, welches vor drei Jahren in Form dreier großartiger Ausstellungen und vieler kleiner Events gedacht wurde. 2000 Jahre Varusschlacht. Diesem Thema kann man sich auf unterschiedliche Art und Weise nähern. Rational und emotional.

    Rational wäre beispielsweise unter Berücksichtigung der historischen Ereignisse: Da scharrt ein Germanenhäuptling, nennen wir ihn der Korrektheit halber Arminius, der in Rom erzogen wurde und in Syrien die römische Kampfkunst erlernte, einen Haufen Germanenstämme um sich, lockt 18.000 römische Soldaten in einen Hinterhalt, vernichtet sie und sorgt so dafür, dass sich die Römer in Zukunft wieder bis hinter den Rhein zurückziehen. Irgendwann, Jahre später, bekommt dieser Germanenhäuptling dann von seinen eigenen Verbündeten einen über die Rübe und ist Geschichte. Rechtsrheinisch bleibt alles beim alten, während sich auf der linken Seite des Rheins unter dem Einfluss Roms die Zivilisasation weiterentwickelt.

    Und jetzt gehen wir mal emotional an die Geschichte heran und interpretieren ein wenig hinein: Wir vergessen Arminius und entdecken ihn dann plötzlich 1800 Jahre später wieder, geben ihm einen deutschen Namen, nämlich Hermann und stilisieren ihn zum Urvater der Germanen, schließlich war er es ja, der die Germanen von den Römern befreit hat. Zum krönenden Abschluss setzen wir ihm im deutschesten aller Wälder das größte Denkmal der Welt. Finanziert wird die Kiste mit Geld aus Frankreich, welches kurz zuvor zwei Kriege gegen das neu gegründete Reich verloren hatte. Als Dankeschön für die Niederlage lässt man dann noch den deutschen Urvater erhobenen Schwertes nach Westen, Richtung Frankreich blicken.

    Eventuell lässt sich der Hermannhype des 19. Jahrhunderts noch mit der Sehnsucht nach Nationaler Einheit gepaart mit der Unkenntnis über die eigene Geschichte erklären. Heines “Deutschland ein Wintermärchen” sticht da erfrischend aus der damaligen Schar der Künstler heraus, aber das ist eine andere Geschichte. Fakt ist aber, dass die Mär um Hermann bis heute Bestand hat und im Zusammenhang mit dem, was man irgendwie als Heimat-geschichte bezeichnen könnte, weiterlebt. Meine Schulzeit in den 80er Jahren war unter anderem dadurch geprägt, dass man wenigstens einmal einen Klassenausflug nach Detmold zum Hermannsdenkmal unternommen hat. Die 90er Jahre waren dadurch geprägt, dass sich Historiker, Heimatvereine und Burschenschaften bei der Frage nach dem wahren Ort der Varusschlacht Schlammschlachten lieferten. Die Funde in Kalkriese bei Osnabrück brachten den Detmolder Hermann und seinen Mythos ganz schön ins Wanken. Aber so richtig losslassen an der Mär des Urdeutschen wollen immer noch viele nicht. Warum nicht? Hermann, oder nennen wir ihn der Korrektheit halber wieder Arminius, ist für mich das beste Beispiel für Schwachsinn, der automatisch entsteht, wenn man in seine Heimat und ihre Geschichte irgendetwas hinein interpretiert.

    Aber ich wollte auch Fragen stellen. Wie sieht ihrer Meinung nach Heimat aus, und was soll Heimat, wo sind die Grenzen sein?

    Im Moment leben wir in einem Europa der Regionen. Deutschland gleichberechtigt neben anderen Nationen, der Westfale auf Augenhöhe mit dem Basken oder dem Südtiroler. Es gibt aber auch andere Modelle, zum Beispiel Deutschland ohne Europa, möglicherweise in den Grenzen vor 1945. Sie haben die CDU nahe Konrad Adenauer Stiftung erwähnt, die sich ja auch um den Heimatbegriff bemüht. Bei Adenauer muss ich irgendwie auch hin und wieder an Vertriebenenverbände denken. Schlesier, Ostpreußen, Oder-Neiße Linie…

  • #48
    Britta W.

    @Andreas Molau: Wenn Sie wirklich Angst davor haben sollten, einem “repressiven Polizeitaat” zu dienen, wenn sie zur Zerschlagung von extrem rechten Strukturen beitragen, wenn Sie der Polizei dabeibhelfen, ihre alten Kameraden zu verhaften, dann gehen Sie doch meinetwegen zur Antifa Ihres vertrauens und erzählen Sie alles, was sie über die rechten Strukturen und Protagonisten wissen. Möglichkeiten gibt es genug, wenn Sie wollen. Ich habe den Eindruck, Sie wollen lieber rumrelativieren, und irgendwie vielleicht sogar verhindern, dass Nazistrukturen zerschlagen werden. Ein fkaubhafter Aussieg aus extrem rechten Welterklärungsmustern (Menschen, die keine Nazistrukturen dulden, seien deswegen selber titalitär etc.) ist das nicht. Eher das Gegenteil.

  • #49
    Unwissender

    @#48 | Britta W.: Die Antifa ist in dem Fall sicher der falsche Ansprechpartner, sinnvollerweise sollte man mit dem Staatsschutz zusammenarbeiten, wenn man es ernstmeint.

  • #50
    Arnold Voß

    @ Andreas Molau #37 + #44

    “Das kann man ja auch ohne Schaum vor dem Mund diskutieren und notfalls stehen zwei Meinungen einfach gegeneinander. Das ist Pluralismus.”

    Es gibt Meinungen die eben nicht einfach gegeneinander stehen bleiben können. Wenn z.B. Jemand den Holocaust leugnet, kann man diese Meinung nicht einfach so stehen lassen bzw. sich damit zufrieden zu geben, dass man eine gegenteilige hat. Das gleiche gilt für antidemokratische oder rassistische Äußerungen. Solche Meinungen sind nämlich entweder keine Meinungen sondern Lügen oder aber sie hebeln den von ihnen so gelobten Pluralismus als solchen aus.

    Aber wo sie Differenzierung einklagen: Was halten sie von meiner Differenzierung des Heimatbegriffes in # 31 bzw.könnten sie sich meinem funktionalen Heimatbegriff anschließen?

  • #51
    Ulf

    # 49: Meinen Sie denselben Staatsschutz, der sich eigentlich in NSU-Schutz umbenennen sollte?

  • #52
    Wolfram Obermanns

    @Ruhrbarone
    Respekt! Ich kann mir vorstellen, diesen Artikel zu veröffentlichen hat Ihnen ein wenig Bauchschmerzen bereitet.

    Mich wundert ein wenig, daß ausgenommen von Arnold Voss #31 und Gregor #43 der Begriff Heimat nur in seiner faschistoiden Ausprägung diskutiert wird (bei Molau bin ich mir nicht sicher, was er genau meint, wenn er von Heimat spricht).

    Wo Molau definitiv Recht hat: Immer draufhaun schmiedet nur zusammen.

  • #53
    Walter Stach

    -52-W.Obermanns:
    So ganz allein sind Arnold Voss und Gregor ja nicht -sh.meine Beiträge 25 u.36.!!

  • #54
    Arnold Voß

    @ Wolfram Obermanns # 52

    Heimatgefühle sind nun mal politisch leicht ausbeutbar. Da sollte man, wenn möglich, schon rein begrifflich einen Riegel vorschieben. Ansonsten sind mir selbst Heimatgefühle nicht fremd. Im Gegenteil.

  • #55
    Andreas Molau

    @ Arnold Voss. So wie Sie das in # 31 schreiben würde ich das im wesentlichen auch so sehen. Wobei ich hinzufügen würde, dass es diesen territorialen Heimatbegriff noch gibt, wenngleich er sicher im Schwinden begriffen ist und für mich selbst auch kaum eine Bedeutung hat. Mal abgesehen davon, dass mich zum Beispiel mit meinem Heim insofern etwas verbindet, als es mein Großvater gebaut hat. Aber auch das würde ich verlassen. Aber natürlich fühle ch mich in diesem Kulturraum (s.u.) auch heimisch und also sicher. Was den Pluralismus anlangt: ich meine damit unterschiedliche Auffassungen zu Sachthemen. Dass es den Holocaust gegeben hat, ist eine traurige Wahrheit und hat nichts mit Meinungsaustausch zu tun. Trotzdem wird es immer Menschen geben, die Unsinn erzählen.
    @ Der Auszog. So, Sie würden also keine Veranstaltung mit mir besuchen. Schade, vielleicht hätte man sich etwas zu sagen 🙂 Ich interpretiere nichts in die Heimat hinein. Schon gar nicht in die Geschichte. Der zwanghafte Versuch der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, alles teleologisch auf die Entstehung der deutschen Nation hin zu deuten, halte ich für Unsinn. Ich halte die Reichsgründung von 1871 nicht für die Erfüllung des deutschen Traums. Dieser Nationalstaatsgedanke hat vieles kaputt gemacht an regionaler Vielfalt. Das Dritte Reich war ein Musterbeispel für die Einebnung der Eigenheiten. Heimat hat keine Grenzen oder überschreitet Grenzen des Staates. Wenn Sie sich mal die Definitionen ansehen bei der Konrad Adenauer Stiftung, die sind sehr behutsam beschrieben und eine gute Diskussionsgrundlage. Ansonsten (s.o.) finde ich die Beschreibung in # 31 treffend. Allerdings muss man sagen: Ein neues Umfeld schafft man sich schwer. Unser Kulturraum, ist uns zunächst nahe, weil er eben auch durch die zeitliche Komponente geprägt ist. Ich habe mit Menschen gesprochen, die ihre Heimat verloren haben, also ihre vertraute Umgebung. So zu tun, als sei das so einfach, ist Zynismus.
    @ Britta W. Ungeheuer spaßig, was Sie da schreiben. Ja, ein repressiver Polizeistaat macht mir Sorgen. Den hatten wir in deutschland trauriger Weise zwei mal. Das genügt. Gott sei Dank haben wir den nicht mehr. Der Antifa vertraue ich ungefähr so wie der NPD, nämlich gar nicht. Ich bin bestimmt nicht aus extremistischen Zusammenhängen ausgestiegen, um mich extremistischen Zusammenhängen anzuschließen. Also wende ich mich lieber an die Polizei als an die Antifa.

  • #56
    Ulrike Märkel

    @ Molau Richtig ist, dass ich wenig Ahnung habe, was Menschen innerlich bewegt nach rechts zu gehen und ebenso wenig Ausstiegswillige persönlich kenne. Dennoch habe ich mich lange genug eingehend mit dem Thema Rechtsextremismus befasst, um eine Meinung zu haben. Zum Thema Gewalt und Antisemitismus gibt es ausschliesslich eine Null-Toleranz-Haltung. Wenn sie das für apodiktisch halten – von mir aus.

    Ihr ehemaliger DVU-Kamerad Gerhard Frey hat z.B. wie andere Rechte auch bestimmt keinen “sozial ausweglosen” Background – es scheint also noch andere Gründe für Rassismus und Rechtsextremismus zu geben. Dazu fehlt Ihre Analyse. Die Gleichmacherei von linker und rechter Gewalt ist ein alter Hut mit Gamsbart, den schon Franz-Joseph Strauß getragen hat. Aber das nur nebenbei.

    Mich verwundert vor allem, dass Sie außer der Renaissance von “Heimat & Patriotismus” überhaupt kein Lösung für die -wie Sie sagen- vielen rechten Ausstiegswillige anbieten. Denn sind nicht wesentlich mehr Komponenten zu einem erfolgreichen “Verabschieden aus der rechten Szene” notwendig? Und stellen sich dem Aussteiger nicht viel unmittelbarere Probleme, wie z.B. der Abschied von klandestinen Strukturen und damit von einem Machtgefühl, der Verlust des Freundeskreises, das Abhandenkommen der eigenen politischen Identität, der Verrat an den ehemaligen Kameraden, Haltlosigkeit angesichts des Aufgebens der einen, festen Ideologie usw. Warum berichten Sie nicht davon, also von Ihren persönlichen Erfahrungen? Das wäre ehrlich gesagt weitaus interessanter gewesen und deutlich hilfreicher in der Diskussion als das vorgetragene Heimat-Täräää.

    Kurz gesagt – mich erstaunt, dass ein jahrelang geschulter rechter Kader nicht ein paar mehr Ideen hat, um den Aussteigern den (unterstützungswerten) Ausstieg zu erleichtern oder sogar zu ermöglichen. Das wäre redlich. Warum also sind Sie ausgestiegen, OBWOHL das nach ihrer Ansicht hinderliche verkrampfte Heimatbild herrscht? Was hat Zweifel an der rechten Ideologie ausgelöst? Wie sind Sie danach ohne das gewohnte Umfeld zurecht gekommen? Wie hat die rechte Szene auf Ihren Ausstieg reagiert? Die Antwort auf diese Frage von Ihnen zu erfahren, wäre wichtig für Aussteiger und für alle, die zwar nicht genau nachvollziehen können, warum jemand nach rechts abdriftet und keinen Ausstiegswilligen persönlich kennen – und dennoch interessiert daran sind, die Strukturen besser zu verstehen, um dann zielgerichteter gegen sie vorgehen zu können.

  • #57
    Helmut Junge

    @Andreas Molau,
    auch ich habe keine Ahnung, was sich in den Köpfen von aussteigewilligen Neonazis abspielt. Um diese Ahnung zu bekommen, müßte ich mindestens ein Beispiel kennen. Sie wollen doch solch einen Weg beschritten haben.
    Sie ziehen aber aus Ihrer persönlichen Erfahrung Schlußfolgerungen, die aber ein außenstehender Beobachter nicht einfach nachvollziehen kann, weil dem genau diese Kenntnisse fehlen.
    Tatsächlich wäre es für mich hilfreich diesen Diskurs zu verstehen, wenn Sie dem Vorschlag von @Ulrike Märkel (56) nachkommen und uns von Ihrer persönlichen Geschichte etwas mitteilen würden.
    Ich könnte dann nämlich überlegen, ob diese Ihre Erfahrung so zu verallgemeinern sein könnten, wie Sie es hier vorgeben. Das mögen Sie vielleicht selbst so sehen, Aber stimmt das auch? Ihrer strukturierten Sprache nach sind Sie nämlich mit einer sehr guten Allgemeinbildung ausgestattet und schon allein deshalb nicht für alle Ausstiegswilligen repräsentativ.

  • #58
    Andreas Molau

    @ Ulrike Märkel. Sie kennen keinen Ausstiegswilligen und auch keinen Menschen, der sich in rechtsextremen Kreisen bewegt. Aber Sie geben ein apodiktsches Urteil darüber ab, wie man mit dem Phänomen umgehen soll. Das ist Ihr Problem. Neben den inhaltlichen Platitüden. Null Toleranz gegen Gewalt zum Beispiel, als ob da jemand widersprechen würde. Das ist aber erst in zweiter Linie ein politisches, in erster Linie ein rechtsstaatliches Problem. Ich stimme Ihnen zu. Prima. Und wie ist es mit der 1.Ma-Demo in Hamburg oder Berlin? Aber da hängt ja der Gamsbart dran. Denn wenn Linksextremisten Gewalt ausüben, dann ist ein Ausdruck sozialen Unbehagens. Es mag was auch immer daran hängen: Aber nach meiner Auffasssung ist jede Art von Gewalt, jede Art von Extremismus abzulehnen. Null Toleranz. Und dennoch werde ich mich mit einem linken Straftäter unterhalten und mt einem rechten oder was er auch immer als Legitmation für sein Verhalten angibt, weil es überall eine menschliche Ebene geben muss. An dieser Stelle, das ist ja hier schon mehrfach vorgetragen worden, gibt es offenbar erhebliche Meinungsunterschiede. Als Historiker ist mir nicht bekannt, dass ein Krieg zu friedlichen Strukturen geführt hat. Sie verfügen da offenbar über andere Erfahrungen.
    Kein Mensch hat gesagt, dass allein soziale Faktoren nach rechts führen. Warum intendieren Sie, ich hätte das gesagt? Meine eigenen Motivationen arbeite ich auf, habe an verschiedenen Stellen bereits darüber gesprochen und geschrieben und werde das weiter tun. Hier ging es einfach um eine andere Fragestellung. Stellen Sie sich vor, ich gehe auch ins Kino und spreche oder schreibe darüber. Nachdem ich über die Hälfte meines Lebens publiziert habe werde ich mir nicht vorschreiben lassen, worüber ich zu schreiben habe. Es gibt Gott sei Dank noch so etwas wie Grundrechte. Und Sie werden es kaum glauben: Die gelten sogar für Extremisten.
    Schließlich, ich habe hier über einen meiner Ansicht wichtigen Faktor geschrieben, den ich als wichtig empfinde, um Extremisten in die Gesellschaft zurück zu holen. Es geht hier nicht um eine Heimatrenaissance, sondern um ein Projekt, über das ich berichtet habe und das aus meiner Sicht Antworten auf Fragen hat, die sich Menschen stellen. Sie und einige andere womöglich nicht. Aber andere. Weil Menschen auf diese Fragen schlechte Antworten bekommen oder keine, wandern sie unter anderem nach ganz rechts ab. Das mag für Sie bequem sein oder nicht. Es ist aber so, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. In diesem Projekt ist ein Heimatbegriff verwendet, der weltoffen ist und ein Angebot darstellt. Nur allein darum ging es.
    Sie fragen, warum ich ausgestiegen bin, obwohl nach meiner Ansicht ein verkrampftes Heimatbild herrscht. Bitte lesen Sie doch einmal. Weil es rechts genauso verkrampft und darüber hinaus noch aggressiv ist. Und es gibt außerhalb der rechtsextremen Szene nicht nur Linke, sondern Konservative, Liberale, Religiöse etc. Jemand wie Jürgen Trittin hat sich mal in linksextremen, gewalttäigen Gefilden getummelt und ist heute in einer linken Partei (dass die Grünen in ihrem Linkssein schon wieder strukturkonservativ sind, lassen wir mal außen vor). Ich beanspruche von der anderen Seite nicht mehr oder weniger Akzeptanz für die Möglichkeit einer Entwicklung.

  • #59
    der, der auszog

    Ich würde ihnen gerne Glauben schenken, Herr Molau, aber dafür müssten sie erst einmal liefern. Das sehe ich nicht. Sie haben einiges in ihrem Leben veröffentlicht. Sie haben über Alfred Rosenberg geschrieben, sie haben über Joseph Goebbels geschrieben. Ich vermisse ehrlich gesagt Veröffentlichungen zu den Themen NPD, DVU, proNRW, die vom thematischen Überbau ähnlich gestrickt sein dürften. Zumindest unterstelle ich einem Aussteiger, der vorgibt, es ernst zu meinen, dass er in der Lage ist, einen Zusammenhang zwischen den Hetzern von damals und den Hetzern von heute herzustellen. Niemand wird den braunen Parteiensumpf besser kennen, als einer, der wie sie in den Führungsetagen mitgemischt hat.

    Stattdessen weichen sie aus und versuchen Themen, wie Heimat und Patriotismus, die ihnen scheinbar auch vor ihrem Sinneswandel wichtig waren, in einem bürgerlichen Rahmen wiederzufinden. Ein Psychologe würde ihnen wahrscheinlich sagen: Herr Molau, sie lenken ab!

    Wenn man sich ihre Biographie anschaut, dann haben sie sich selbst im Laufe der Jahre extrem ins Abseits katapultiert. Sie haben bis 2004 an einer Waldorfschule unterrichtet. Als Lehrer steht man eigentlich nicht am Rande der Gesellschaft. Trotzdem haben sie es drauf ankommen lassen. Ihre Bürgerlichkeit haben sie zugunsten eines politischen Engagement für Rechts aufs Spiel gesetzt und alles dafür getan, dass man sie hochkant von der Schule, in der sie tätig waren, schmeißt.

    Für mich geht es ab diesem Zeitpunkt eigentlich erst richtig bergab mit ihnen. Nicht nur für sie war kein Platz mehr an der Schule, auch ihre Kinder mussten irgendwann die Waldorfschule verlassen. Auch wenn man wahrscheinlich darüber streiten könnte, ob das vernünftig war, steht eines fest: Sie haben mit ihrer Rechtslastigkeit nicht nur ihr Leben verpfuscht, sie verpfuschen auch das Leben ihrer Kinder. Ihr braunes Geseiere und ihre dunkle Gesinnung von damals verwehrt ihren eigenen Kindern Bildungsmöglichkeiten und damit Chancen, die eigentlich jedem offen stehen müssten. Was ist das für ein Gefühl Herr Molau, wenn nicht nur sie sondern plötzlich auch ihre Familie, für die sie Verantwortung tragen, nicht mehr in, sondern neben der Gesellschaft stehen?

    Ich weiss nicht, wie es beruflich mit ihnen weiter ging. Neben ihrem parteipolitischem Engagement gibt das Internet da keine weiteren Informationen. Aber jeder einigermaßen verantwortungsvolle Arbeitgeber dürfte sich hüten einem NPD Funktionär einen Job zu geben. Sie würden den Ruf seines Unternehmens auf Dauer genauso schädigen, wie den Ruf der Schule, an der sie Unterrichtet haben.

    Ich vermute sie sind extrem viel angeeckt. Die Steine, die sie in den letzten Jahren sich und anderen in den Weg geräumt haben, sind zu einer nicht zu unterschätzende Last geworden und es besteht die Gefahr, dass sie und wahrscheinlich auch andere, zwischen ihnen zermalmt werden.

    Ihre Sehnsucht nach einer Art Heimat, nach einer Bürgerlichkeit, in der sie wahrscheinlich gerne wieder Wurzeln schlagen möchten, ist durchaus nachzuvollziehen und auch erstrebenswert. Aber wenn darin die Motivation für ihren politischen Sinneswandel begründet liegt, wird man ihnen einen Platz inmitten der Gesellschaft auch weiterhin verwehren.

    Bevor sie über Heimat und Patriotismus sinnieren, sollten sie erst einmal auspacken und zwar alles. Bevor sie die nächste politische Plattform, egal ob in der Nähe der KAS oder sonstwo suchen, sollten sie erst einmal die Steine, die sie sich selbst in den Weg geräumt haben, beseitigen. Dann werden sie auch für andere wieder zugänglich. Alles andere wirkt, als sprängen sie von einem Rettungsboot ins nächste.

  • #60
    Helmut Junge

    @der, der auszog (59),
    wenn Teile der Gesellschaft Kinder in Sippenhaftung für Aktivitäten ihrer Eltern nimmt, ist das eine Schuld dieses Teiles der Gesellschaft. Aus meiner Sicht sogar eine schwere Schuld. Diese Schuld auf die Eltern zu schieben, sollte sich von selbst verbieten. Jetzt habe ich keine Lust mehr an dieser Diskussion.

  • #61
    Meier

    Wie man mit denen umgeht, fragt die Überschrift?
    So:

    Man geht mit der sog. “extremen” Rechten (also den Nazis, an denen lesbar für jeden bereits “Blödmann” und Dumpfbacke dransteht,die diesen Schläger-SA-Hautgout verströmen) im Gegensatz zu den echten subtilen,modernen, intelligenten neuen “Nazis” in Nadelstreifen und Kleinem Schwarzen die sich ja überall herumtreiben, so um, wie man mit den Linken auch umgeht. Wie?
    Man unterwandert sie und steuert über entsprechende Leute an einigen Schnittstellen und in deren Medien (Schrifttum) deren Handlungen usw. so, dass die im geeigentem Moment immer genau das medienwirksam tun, was ihnen selbst,wären sie echt, schadet,- aber eben die dann doch abgestoßenen Wähler und Bürger angeekelt (wieder) den etablierten Kräften und deren bürger-und wählerfeindlichen Inhalten in die Arme treibt,resp. die Unbelehrbaren offen vorzeigt.
    Dazu hielt man sich die NPD auf Rechts (die man jetzt augenscheinlich ersetzen will wegen passierter Fehler die im System begründet liegen) und hält sich linke Gruppierungen eben links. Das Spiel ist jahrzehntelang erprobt und hat an ishc immer gut funktioniert.

  • #62
    der, der auszog

    @Helmut (#60)
    Wenn ich mit Kindern eine Ampel überquere, weil ich als Fußgänger grün habe, aber irgendwelche Raser meinen mit ihrem Auto doch noch eben über die Kreuzung huschen zu müssen, bleibe ich doch auch stehen, schon wegen der Kinder, selbst wenn ich an dem möglichen Unfall keine Schuld tragen würde.

    ich gebe dir recht, dass die Schuld der “Sippenhaftung”, wie du sie mit diesem Wort treffend beschreibst, in der Gesellschaft zu suchen ist und nicht beim Vater. Ich frage mich allerdings, ob die Reaktion der Schule, auch wenn sie völlig daneben liegt, nicht vorhersehbar war? Ich schrieb, dass, man wahrscheinlich darüber streiten könnte, ob das vernünftig war. Persönlich finde ich den Rauswurf der Kinder unvernünftig, aber es wundert mich nicht, dass die Schule sich so verhalten hat, eben wegen unserer Geesellschaft. in der auch nicht alles astrein läuft. Als Vater, um wieder auf Molau zurückzukommen, habe ich nicht nur mir gegenüber eine Verantwortung und ich schätze ihn so ein, dass er die Reaktion der Schule hätte erahnen können.

  • #63
    Andreas Molau

    @ der, der auszog. Sie sind zynisch und selbstgerecht. Wenn Sie glauben wollen, gehen Sie in die Kirche. Wenn Sie psychologisieren wollen, wechseln Sie einfach das Fach und warten auf Kundschaft. Ich bedarf Ihrer nicht. Was Sie hier schreiben, fällt auf Sie zurück.
    @ Helmut Junge. Ich habe an anderer Stelle schon über meine Motive berichtet und ich weiche dieser Auseinandersetzung auch nicht aus. Hier ging es aber um ein anderes Thema. Aber Leuten wie jener, der sich unter “der, der auszog” verstecken, geht es doch nur um Ausgrenzung und Diffamierung.
    Für mich ist deshalb, gerade nach dem Abgleiten ins Persönliche, auch das Ende dieser Diskussion erreicht. Im Stalinismus hat man den poltischen Gegner zum Kranken gestempelt. Ich würde so einem Menschen gern einmal Aug in Auge gegenüberstehen. Am besten mit meiner Familie. Mit Diskussion hat das nichts mehr zu tun.

  • #64
    Arnold Voß

    @ Der der auszog, Ulrike Märkel, u.a.

    Das mit dem “auspacken” ist leicht gesagt. Wer so tief im rechtsextremen Sumpf drin gehangen hat wie Andreas Molau, der hat auch was zu befürchten, wenn er wirklich “auspackt”, erst recht wenn er das im Internet tun würde.

    Allerdings hat er selbst dafür gesorgt, dass das so ist, und deswegen empfinde ich dafür zwar Verständnis aber keineswegs Mitleid. Mitleid würde ihm im übrigen auch nicht viel nützen. Unterstützung schon eher. Die allerdings kann ihm in dieser Runde wohl niemand geben und es will wohl aus politischen und soziokulturellen Gründen auch niemand.

    Andreas Molau bewegt sich hier gewissermaßen in politischem “Feindesland” und entprechend verhält er sich auch. Abwägend, vorsichtig und alles in allem argumentativ geschickt. Aber auch und gerade das macht ihn für viele erst recht verdächtig.

    Wie soll unter diesen Bedingungen ein fairer und offener Dialog entstehen? Ich muss selbst zugeben, dass ich hin und her gerissen bin zwischen:

    a) Der Mann hat nicht mehr als einen neuen Fluchtweg gefunden, ohne wirklich die Kurve gekratzt zu haben, oder

    b) der Mann steht am Anfang einer schonungslosen Bestandsaufnahme seiner eigenen Irrwege und Verfehlungen und entsprechend ernst hat man ihn zu nehmen.

  • #65
    Helmut Junge

    @Arnold Voß (64),
    Deine beiden Fallunterscheidungen kann ich aus meiner Sicht auch nicht beantworten. Soviel erst mal vorweg.
    Aber ich diskutiere normalerweise so, dass ich meinen Diskussionspartner überzeugen möchte.
    Konsequenterweise muß ich ihn, wenn er dann überzeugt ist, auch als Verbündeten sehen.
    Jetzt ist aber das, was Molau früher getrieben hat und heute nach seinen Bekundungen nicht mehr treibt, ausserhalb meiner kleinen Welt.
    Es ist zugegebenermaßen so weit außerhalb, dass ich mich schwer tue, ihn als Verbündeten sehen zu können.
    Ulrike Märkel argumentiert aus einer anderen Position, nämlich schroffer Ablehnung aus dem Gefühl heraus. Die wird es noch schwerer haben als ich.
    Aber was ist das Ziel? Teile ich die Einschätzung, dass es wichtig wäre, junge Neonazis zum Ausstieg zu bewegen?
    Wenn ich diese Frage beantworte, muß ich mit denen sprechen.
    Denn wenn die weiterhin von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, steigt keiner mehr aus. Dann können wir gleich Nein sagen zum Ausstiegsgedanken. Wir könnten uns diese Diskussion schenken.
    Nun fällt es uns bei so einem ausstiegswilligen rein fiktiven jungen Neonazi sicher leichter ihn in die Arme zu nehmen als bei einem intelligenten erwachsenen Andreas Molau, der zudem gut argumentieren kann.
    Das ist sowieso klar. Aber zusätzlich kommtnun dieser Mensch mit einem Vorschlag, der vielen verdächtig scheint, und dem zu folgen uns besonders schwerfallen würde. Das sind zwei Schritte in unbekannte verdächtige Welten.
    Einen allerersten Schritt, nämlich überhaupt mit Herrn Molau zu sprechen, haben alle, auch diejenigen die es eigentlich gar nicht wollen, bereits gemacht.
    Und ich meine dass Reden immer gut ist. Ob da was bei herauskommt, ist eine andere Frage.

  • #66
    Walter Stach

    -64-Arnold:
    Im Zweifel? Ich gebe dann Deiner Variante b.) den Vorzug. Warum? Ich halte das für menschengerechter.

    Diese Meinung schulde ich meiner -73 jährigen- Lebenserfahrung. Ich bemühe dazu ‘mal Goethe, der erinnerlich sinngemäß gesagt hat, daß man nur alt wird, um milder sein zu können und um als alter Mensch feststellen zu können: “Ich sehe nicht, daß Fehler gemacht werden, die ich nicht auch begangen haben könnte.”

    Ich kenne Molau nicht. Und kann ganz und gar nach dem Wenigen, was ich über ihn höre und lese bzw. von ihm selbst lese, z.B. jetzt hier bei den Ruhrbaronen, nichts zu der Diskussion über seine Person, seine Motive, seine persönlichen, seine politischen Ziele beitragen.

    Ich kann mich aber nicht des Eindruckes erwehren, daß das Contra gegenüber Molau auch einer gehörigen Portion Selbstgerechtigkeit geschuldet sein könnte.

    Arnold,
    wenn ich Deiner Variante b.)den Vorzug gebe und zudem nachdenklich bin ob der Möglichkeit einer gehörigen Portion Selbstgerechtigkeit in der Auseinandersetzung mit Moldau, dann mag das wenig realistisch, wohl aber idealistisch sein;”sei’s drum”.

  • #67
    Ulrike Märkel

    @ Molau #58 Null Toleranz gegen Gewalt als eine Plattitüde zu benennen ist schon reichlich sonderbar, wenn man sich in einer Diskussion als Aussteiger öffentlich präsentiert und in der man als ehemaliger höherer NPD-Funktionär von sich aus ein Forum für seine Ansichten sucht. Man kann in der Diskussion um Rechtsextremismus nicht Gesinnung und Gewalt voneinander trennen. Das ist keine Attitüde und auch keine Plattitüde, sondern die Frage, wie man einen Diskurs führt. Und wenn man eine wirklich wichtige Erkenntnis aus den NSU-Morden gezogen hat, dann diese: Rechte Gewalt und rechtsextremistisches Gedankengut als Ursache von rechter Gewalt lässt sich nicht auseinander dividieren – denn es ist ursächlich. Daher bleibt es wichtig, die Gewaltfrage in jeder Diskussion um “Wie gehe ich mit Rechtsextremismus um?” mit im Fokus zu haben. Auch wenn die Intension Ihres Artikel vorrangig eine andere war. Wichtig finde ich diesen Aspekt vor allem, wenn sich Aussteiger in einem Blog, der für seine intensive Beschäftigung mit Rechtsextremismus bundesweit bekannt ist, äußern. Und auch für Sie selbst wäre das wichtig, weil dies offenbar eine Frage der Ausstiegs-Glaubwürdigkeit ist, wie man an dem Verlauf der Diskussion gut feststellen kann.

    Da Sie sich in ihrer politischen Vergangenheit mit Äußerungen wie dieser hervorgetan haben “Ich wäre froh, wenn ich in irgendeine deutsche Stadt kommen würde und keine Dönerbuden sehen würde”, nehme ich Sie natürlich als politisch Agierenden wahr und zähle Sie zwar nicht zu den Straftätern, aber zu den (in der Zeit ihrer politischen Tätigkeit) geistigen Brandstiftern. Solche Sätze sind zwar nicht “selbst Gewalt anwenden”, aber sie hetzen auf und schüren möglicherweise die Gewalttätigkeit anderer – die NSU jedenfalls versuchte die von Ihnen benannte Vision Wirklichkeit werden zu lassen.

    Sie schreiben #34 “Nicht jeder rechte Ideologe muss gewalttätig sein.” Aber jeder rechte Ideologe schafft den Nährboden für Gewalttaten. Und die argumentativen Grundlage für Rechtfertigungsstrategien. Für mich gehört, bei meinem Respekt für Ihren und jeden anderen in aller Konsequenz vollzogenen Ausstieg, in der Retrospektive auf die eigenen Rolle ein schonungsloser Blick -auch auf diese Tatsache- dazu. Und die Messlatte an die Distanzierung zur ehemaligen politischen Haltung wird eben von “den anderen” bei veröffentlichten Artikeln relativ hoch gehängt, das ist aus meiner Sicht normal.

    Ich halte es für falsch, wenn Sie behaupten, dass man in erster Linie ein rechtsstaatliches und nur in zweiter Linie ein politisches Problem hätte. Damit entpolitisieren Sie nicht nur den Rechtsextremismus (das finde ich sehr gefährlich) sondern relativieren auch Ihre eigene Vergangenheit, die durch und durch politisch ist. Das wird Ihrer zunächst sehr positiven Zielrichtung der Nazi-Ideologie etwas entgegenzusetzen (in ihrem Fall den Heimatbegriff) nicht gerecht – gerade weil Sie der ehemalige “Chefideologe” der NPD waren. Da finde ich Ihre Pläne sich an sozialen Projekten zu beteiligen, Aufklärungsarbeit an Schulen zu machen und die inneren Partei-Strukturen hoffentlich rückhaltlos aufzudecken, viel überzeugender als diesen Artikel und der Vorwurf des Allgemeinplatzes gegen mich, weil ich mich als Bewohnerin einer Stadt, in der Menschen von Rechten auf offener Strasse getötet worden sind, gegen Gewalt ausspreche.

    Es ist übrigens auch ein politisches und nicht nur ein rechtliches Problem, wenn eine aus Steuermitteln mitfinanzierte Partei wie die NPD mit einer Organisation wie dem Nationalen Widerstand Dortmund eng zusammenarbeitete, wie es die Verbotsverfügung des NRW-Innenministers sehr deutlich und detailliert aufführt. Es gab, wie ein Artikel von David Schraven (WAZ) belegt, noch andere Zusammenhänge zwischen NWDO und NPD, genauer gesagt:

    – gemeinsam organisierte Saalveranstaltungen (laut Verbotsverfügung insgesamt zehn Stück von 01/2010 und 06/2012)
    – fast monatliche Zusammentreffen
    – die NPD (Apfel) rief zur Solidarität mit dem NWDO auf
    – Mitglieder des NWDO waren Wahlhelfer der NPD

    Und bei den Hausdurchsuchungen des NWDO in Dortmund wurde zahlreiches Material und Wahlplakate der NPD gefunden. Die Partei NPD hat also mit einer Organisation eng zusammen gearbeitet, die nun endlich wegen ihrer unzweifelhaft rassistischen, antisemitischen, verfassungsfeindlichen und den Nationalsozialismus verherrlichenden Ausrichtung verboten wurde. Die NPD hat auch mit einer Organisation eng zusammen gearbeitet, deren Mitglieder Menschen verprügelt und u.a. mit Messerstichen verletzt haben. Wollen sie diese strafrechtlich relevanten Handlungen von der Ursache – dem menschenverachtenden rechten Gedankengut wirklich trennen und nur rechtsstaatlich bewerten?

    Und zu den von ihnen eingeforderten Grundrechten für Extremisten: Jahrelang wurde den extremen Rechten in Dortmund das Demonstrations-Grundrecht gewährt. Bundesweit zusammengetrommelte Rechte durften alljährlich zum Antikriegstag mitten durch Dortmund ziehen und in dem Stadtteil mit dem höchsten MigrantInnen-Anteil ihre hetzerischen Abschlusskundgebungen mit dem sich in unerträglichen rassistischen Reden ergehenden Worch abhalten.
    So schlimm wie sie fürchten, scheint es also nicht gewesen zu sein mit der Einschränkung der Grundrechte für Extremisten.

    http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/dortmunder-neonazis-hatten-enge-partnerschaft-mit-npd-id7021295.html

  • #68
    Walter Stach

    -67-Ulrike Märkel:
    “………..jahrelang wurde den extrem Rechten in Dortmund das Demonstrations-Grundrecht gewährt” -sh.letzter Absatz-.

    Nein, so nicht, Frau Märkel.
    In Dortmund werden keine Grundrechte gewährt.
    Grundrechte werden in ganz Deutschland durch die Verfassung jedermann garantiert.

    So auch das Demonstrationsrecht, welches durch die in Art.5 garantierte Meinungsfreiheit und durch die in Art.8 garantierte Versammlungsfreiheit grundrechtlich gewährleistet ist. Grundrechtsschranken gibt es nur im Rahmen dessen, was die Verfassung diesbezüglich zuläßt. Und wenn Sie sich einmal mit der jahrzehntelange Rechtsprechung des BVerfG zu den Schranken der Demonstrationsfreiheit befassen, dann werden sie feststellen , daß diese Schranken sehr “eng gefaßt” sind.

    Eine andere Frage ist die, ob im Rahmen des verfassungskonformen allgemeinen Polizei- und Ordnungsrechtes bzw. im Rahmen der verfassungskonformen Regeln des Versammlungsrechtes die zuständigen Behörden in Dortmund stets alle ihrer Möglichkeiten ausgeschöpft haben, wenn Demonstrationen gewaltbereiter Neo-Nazis anstanden.
    Und da mag hier und dort der Eindruck enstanden sein, vermutlich auch bei Ihnen, daß die Behörden in DO in der Vergangenheit nicht immer alle ihre Möglichkeiten ausgeschöpft haben, was ich persönlich nicht beurteilen kann. Wenn Sie das mit Ihrem von mir zitierten Satz gemeint haben sollten, geht es um etwas Anderes als um die “Gewährung des Demonstrationsgrundrechtes in Dortmund”.

    Ich stelle dieses auch deshalb fest, weil ich mich noch gut daran erinnere,was seinerzeit alles seitens des Staates versucht worden ist, die Demonstrationen der sog. 68er Bewegung zu verbieten oder diese zumindest substantiell einzuschränken, letztlich für die damals Demonstrierenden erfreulicherweise vergebens, da verfassungswidrig. Und das war und das ist “gut so” angesichts der fundamentalen Bedeutung des Demonstrationsrechtes in einer freiheitlichen Demokratie.

    Freiheit im Rahmen der Schranken, die unsere Verfassung festsetzt, bedeutet auch Freiheit für diejenigen, die Sie und ich für politisch Irre halten. Diese Freiheit verpflichtet , Manches ertragen zu müssen, was unerträglich erscheint, was abstoßend wirkt, was gemeinhin als menschlich wiederlich gilt, was als entwürdigend gegenüber den Betroffenen zu benennen ist und was es öffentlich anzuprangern gilt, so wie eben das, was die Neo-Nazis alltäglich produzieren.

    Das ist der Preis der Freiheit!

    Mit meinem Beitrag wiederhole ich einen Teil der bereits vorab ausgetauschten Argumente. Ich habe das deshalb getan, weil mich die von mir einleitend zitierte Äußerung von Ihnen irritiert hat: ” …..jahrelang …..in DO….gewährt “;vielleicht habe ich Sie hier aber nur mißverstanden.

  • #69
    Ulrike Märkel

    @Walter Stach: Es ist alles vollkommen richtig, was Sie schreiben! Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Es war meine Antwort darauf, dass Herr Molau mich fragte, ob ich glauben kann, dass Grundrechte auch für Extremisten gelten. Und das kann ich nicht nur glauben, sondern das hat die Vergangenheit auch gezeigt – das wollte ich gerne klarstellen. Auch weil sich Rechte (die Diskussion ging ja nicht um Molau, sondern um den Umgang mit Rechten) sehr gerne als arme Opfer repressiver Staatsgewalt darstellen.

    Sie haben allerdings auch damit Recht, dass man in Dortmund bis 2012 manchmal den Eindruck hatte, dass die Genehmigungsbehörden eben nicht immer alle ihre Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Und man war verwundert, dass die provokative und aus unserer Sicht durchaus die “öffentliche Sicherheit und Ordnung unmittelbar gefährdende” Routen mitten durch die Dortmunder Nordstadt jahrelang genehmigt worden sind und das völlig ungestörte “Durchmarschieren” der Rechten mit Giemsch als Anmelder und Worch als Redner nur durch Sitzblockaden verhindert werden konnte.

    Mit dem Amtsbeginn von Polizeipräsident Norbert Wesseler 2011 gab es in Dortmund allerdings eine neue und sehr positive Entwicklung. Er hat von Anfang an die Arbeit gegen den Rechstextremismus als sein Schwerpunktthema bezeichnet, die Sondereinheit „Kein Raum für Rechtsextremisten“ eingesetzt, repressive Maßnahmen umgesetzt und ein (natürlich) verfassungskonformes Demonstrationsverbot zum Antikriegstag durchgesetzt. Das waren alles sehr wichtige, gute Schritte. Und wirkte gewissermaßen wie ein Paradigmenwechsel.

  • #70
    Ruppert Müller

    Die gesamte Diskussion zeigt auf, dass wir es uns mit dem Thema “Rechtsextremismus” nicht leicht machen dürfen. Wie oft glauben wir, Rechtsextremisten wären lediglich ein Haufen dummer, ungebildeter Typen, die kaum in der Lage sind, ihre Ziele zu artikulieren. Bei Andreas Molau zeigt sich, dass das nicht der Fall ist. Es mag uns erschrecken, dass jemand wie Molau sich jahrelang im rechtsextremistischen und neonazistischen Umfeld verortet hat. Grundsätzlich bin ich aber bereit, jemandem wie Molau einen Gesinnungswandel abzunehmen. Nichts in seinem Artikel – zumindest nach meiner Meinung – lässt mich misstrauisch werden. Das jemand wie Molau nicht von heute auf morgen ein Linker geworden ist, dass macht ihn eher glaubwürdig. Mir sind jene Aussteiger mehr als suspekt, die sich in kürzester Zeit um 180 Grad drehen.

    Gestehen wir Andreas Molau einen Wandlungsprozess zu. Er hat sich aus meiner Sicht auf einen Weg in die richtige Richtung begeben. Am Ende dieses Weges ist er nicht.

  • #71
    Walter Stach

    Ulrike Märkel:
    Konsens!
    Und danke für die weiteren Erläuterungen zur Lage in DO -Behörden versus Neo-Nazis, zu Versäumnissen und zu Fortschritten.

    Ich beneide Euch in DO nicht, wenn ihr tagtäglich mit der Neo-Nazi-Szene konfrontiert werdet, wenn Ihr Euch immer wieder neu im Kampf gegen die Neo-Nazis positionieren müßt und wenn Ihr -zumindest in der Vergangenheit-Euch dabei häufig durch die zuständigen Behörden im Stich gelassen fühlt. Und es nutzt Euch ja de facto nichts, wenn Euch im Kampf gegen die Neo-Nazis Solidarität versichert wird, z.B. hier im Blog ,auch von mir.

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