NRW: 102 Badestellen an Seen und Flüsse darf geschwommen werden

Oleg mag den Fühlinger See in Köln Foto: Laurin


In den kommenden Tagen kehrt der Sommer zurück. An über 102 Badestellen darf an Seen und Flüssen in Nordrhein-Westfalen geschwommen werden. Doch gefahrlos ist das Vergnügen nicht.

Mehr als 140 Fußballfelder groß liegt von Bäumen umgeben im Norden Kölns der bis zu 20 Meter tiefe Fühlinger See. Nicht weit von den Hochhäusern Chorweilers entfernt ist er eines der beliebtesten Ausflugsziele der Stadt. Man darf an seinem Ufer angeln und auf ihm paddeln, aber schwimmen, das darf man nur am Blackfoot Beach, einem privat betriebenen Strandbad. Sechs Euro kostet hier der Eintritt für einen Erwachsenen. Essen und Getränke dürfen nicht mitgebracht werden. Ein langer, heißer Sommertag mit der Familie oder Freunden kann da schnell teuer werden.

Oleg hat darauf keine Lust. Der Ukrainer hat es sich an einem sonnigen Samstag mit zwei Bekannten am Strand des Fühlinger Sees gemütlich gemacht. Wenn die drei nicht gerade im See sind, liegen sie in der Sonne. „Das ist mein Lieblingsbadeort in Köln“, sagt Oleg. Das Wasser sei sauber, er käme im Sommer oft hierher. Ob es ihn stört, dass Schwimmen hier verboten ist? Oleg zuckt mit den Schultern: „Schwimmen ist hier verboten?“ Davon habe er noch nie etwas gehört.

Vielen Kölner dürfte das ähnlich gehen. Und den meisten anderen ist es egal, denn obwohl der Verstoß gegen das Badeverbot bis zu 1000 Euro Bußgeld kosten kann, ist der Fühlinger See das Ziel von Tausender Paddler, Sonnenhungriger und Schwimmer. Sie liegen in an den schmalen Stränden, planschen im Wasser und haben ihren Spaß. Was das Rathaus der Domstadt davon hält, interessiert sie nicht.

Dabei hat das 2021 erlassene Bade- und Schwimmverbot einen traurigen Hintergrund: Zwei Menschen waren damals ertrunken. Doch das Verbot wurde nicht nur weitgehend ignoriert, es gab auch Proteste: Fast 6000 Menschen unterstützten eine von Felix Scherf organisierte Unterschriftensammlung. Über 5000 von ihnen waren Kölner.

Im September könnte das Verbot allerdings kippen. Auf Anfrage  teilte die Stadt Köln mit, dem Rat nach dem Sommer vorzuschlagen, das Baden an einer Stelle des Sees zu erlauben. Ein im November des vergangenen Jahres bei der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen in Auftrag gegebenes Gutachten kam zu dem Ergebnis, an einer Badestelle künftig das Schwimmen in einem klar begrenzten Bereich zu erlauben. Das Schwimmen im ganzen See mit seinen sieben miteinander verbundenen Teilseen zu erlauben sei nicht möglich. Als Grund dafür gibt die Stadt ein Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2017 an, das Kommunen in der Verkehrssicherungspflicht sieht, wenn an einem öffentlich zugänglichen See Anlagen installiert sind, die den Besuchern signalisieren könnten, hier dürfe gebadet werden. Aus Angst vor Klagen bauten in den Folgejahren viele Städte alles ab, was Gerichte als „bädertypischen Ausbau“ sehen könnten. Nicht nur Stege und Wasserrutschen, sondern sogar Bänke und andere Sitzgelegenheiten sollen in der Folgezeit abgebaut worden sein, schrieb das Rechtsmagazin Legal Tribune in einem Artikel 2019. Das Urteil sorgte für viel Unsicherheit. Schwimmen ist an Seen und Flüssen seitdem nur noch in klar gekennzeichneten Bereichen erlaubt. Die gibt es in Nordrhein-Westfalen allerdings in großer Zahl: 102 Badestellen an Seen und Flüssen weist das Land aus. Die Qualität des Wassers wird regelmäßig überprüft und ist in den allermeisten Fällen hervorragend. Ausnahmen sind die Badestellen an der Ruhr in Bochum und Essen, die regelmäßig nach starken Regenfällen geschlossen werden, wenn Wasser aus der Kanalisation in den Fluss geschwemmt wird. Allerdings sind nur wenige dieser Badestellen bewacht. Wer hier ins Wasser geht, tut es auf eigene Gefahr, sagt Frank Zantis, Sprecher Landesverbandes Nordrhein der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). „Im vergangenen Jahr sind 56 Menschen in Nordrhein-Westfalen ertrunken.“ Wo es keine Aufsicht gibt, sei das Risiko höher als in Schwimmbädern, wo immer ein Rettungsschwimmer in der Nähe ist. Alleine 8100 von ihnen stellt im Land die DLRG.

Wer kein sicherer Schwimmer ist, sagt Zantis, solle lieber ins Freibad gehen. Wer auf einen See hinausschwimmt, vergesse oft, dass er dieselbe Strecke auch zurückschwimmen muss. Auch für sichere Schwimmer seien Badeseen und Flüsse allerdings nicht ohne Risiko: „In Naturgewässern und Kiesgruben gibt es Abbruchkanten. Dort ist das Wasser auf einen Schlag deutlich kälter werden.“ Wenn dann der Kreislauf Probleme macht, könne es schnell zu Krämpfen kommen. Der Schwimmer sei dann weder in der Lage um Hilfe zu rufen noch zu winken. „Das nennt man dann den leisen Tod.“

Ob es einen Trend weg aus den kostenpflichtigen Freibädern hin zu den Badeseen gibt, kann Zantis nicht sagen. Aber dass in den vergangenen Jahren viele Freibäder zugemacht hätten, sei ein Problem. Auch der Faktor Geld spiele sicher eine Rolle: „Viele Menschen haben heute finanzielle Probleme, da achtet man darauf, seine Ausgaben gering zu halten.“ In Seen zu baden sei kostenlos, bei Freibädern würde Eintritt fällig.

Ein anderes ist, dass immer weniger Menschen schwimmen können. Nach einer von der DLRG in Auftrag gegeben Studie des Instituts Forsa verdoppelte sich die Zahl der Nichtschwimmer seit dem Jahr 2000 von zehn auf 20 Prozent. Aber das Vermögen zu schwimmen gehe nicht in allen Bevölkerungsschichten zurück. Vor allem Kinder aus wirtschaftlich schwachen Verhältnissen würden es immer seltener lernen. Hier sieht Zantis die Schulen in der Pflicht: „Jedes Kind hat das Recht, ebenso schwimmen zu lernen wie lesen und schreiben.“

Auch für noch so gute Schwimmer sei allerdings das größte und bekannteste Gewässer Nordrhein-Westfalens tabu: Der Rhein. „Wir bilden für Einsätze in Flüssen unsere Rettungsschwimmer besonders aus. Ins Wasser gehen die dort nur mit Helm und Schutzweste.“ Treibgut, gefährliche Strömungen und die viele Schiffe machten den Fluss zu einer einzigen Risikozone.

Verboten ist das Baden im Rhein allerdings nur in der Nähe von Häfen und in Duisburg. Der Fluss ist eine Bundeswasserstraße und gehört der Bundesrepublik Deutschland. Würde die das Baden verbieten, müsste sie auch sicherstellen, das Verbot zu kontrollieren. Auf einer Flusslänge von 865 Kilometern in Deutschland ist so etwas praktisch kaum möglich. Zantis würde sich trotzdem ein solches Verbot wünschen.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

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