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Nürnberger Prozess: Das falsche Göring-Zitat

Göring im Nürnberger Prozess, 8. März 1946 Foto: United States Army Signal Corps photographer – Harvard Law School Library, Harvard University Lizenz: Gemeinfrei

Heute vor 75 Jahren begann in Nürnberg der Hauptkriegsverbrecherprozess gegen Teile der Nazi-Elite. Für viele von ihnen endete das Verfahren mit einem Strick um den Hals, einige wie Albert Speer logen und schleimten sich zu einer Haftstrafe und Hermann Göring brachte sich in seiner Zelle mit Zyankali um. Göring ist es auch, von dem zurzeit in den Sozialen Medien ein Zitat die Runde macht, dass vor allem bei Coronaleugnern beliebt ist, die die Coronamaßnahmen der Bundesregierung gerne in die Nähe des NS-Regimes stellen und das Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz auf eine Stufe stellen.

Die Nachrichtenagentur DPA hat sich das Zitat bereits im Sommer näher angeschaut. Das Ergebnis:

“Göring hat während des Nürnberger Prozesses keine entsprechende Äußerung getan. Er hat sich in anderer Weise in einem Gespräch außerhalb der Gerichtsverhandlung geäußert. Alles deutet darauf hin, dass aus dieser seit 1947 in der Fachliteratur vorliegenden Äußerung ein falsches Zitat produziert wurde, das jetzt in sozialen Netzwerken verbreitet wird. Über den Verlauf des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses in der Zeit vom 20. November 1945 bis 1. Oktober 1946 liegen detaillierte Aufzeichnungen vor. Dazu gehören Wortprotokolle der insgesamt 218 Verhandlungstage.”

Ein reales Zitat Görings könnte die Grundlage für das Fake-Zitat sein. Es hat eine gewisse Ähnlichkeit. Im Interview in der Gefängniszelle mit Gustave Gilbert  sagte Göring im April1946:

“Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg […] Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. […] Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.”

 

 

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12 Kommentare zu “Nürnberger Prozess: Das falsche Göring-Zitat

  • #1
    thomas weigle

    Wieso fällt mir da jetzt der unselige Heiner Geißler ein? Hat wohl mit den beiden letzten Sätzen zu tun.

  • #2
    Emscher-Lippizianer

    @#1
    Wahrscheinlich weil sie an ein Zitat des seeligen Heiner Geißler denken. Ohne Defätismus/Pazifismus/Kriegsunlust auf britischer und französischer Seite wäre die Karriere des Herrn Göring bereits Ende der dreißiger Jahre zu Ende gewesen.

  • #3
  • #4
    thomas weigle

    #2 Pazifismus ist eine Haltung, die Krieg und Gewalt in jeglicher Form ablehnt. Dies den Armeen und Regierungen Frankreichs und Englands zu unterstellen, ist einfach albern. Darum ist das Zitat Geißlers so hetzerisch gegenüber der Friedensbewegung. Hätte er stattdessen "Kriegsunlust" gesagt, hätte das Zitat eine ganz andere Wirkung gehabt.

  • #5
  • #6
    Susanne Scheidle

    @ Thoma Weigle

    Sicher war das Zitat keine rhetorische Meisterleistung von Geißler, er hat sich schon ein bisschen blöd ausgedrückt – das hat er später aber bereitwillig zugegeben und erklärt worum es ihm ging: Dass das Münchener Abkommen ein Fehler war, dass Hitler ohne Krieg nicht zu stoppen gewesen wäre. Und da hat er schlicht recht.

    Man kann jetzt darüber streiten, ob es tatsächlich Pazifismus war, der Chamberlain und Daladier leitete oder ob sich die honorigen Gentlemen alter Schule schlicht nicht vorstellen konnten, dass jemand Abkommen derart dreist bricht. Aber macht das einen Unterschied?

  • #7
    thomas weigle

    @ Susanne Scheidle Schön, dass sie bestätigen, dass sich Geißler später korrigiert hat. Als ich das letzt hier schrieb,wurde das heftigst bestritten. England und Frankreich waren Kolonialmächte, die ihren Status nicht mit pazifistischen Methoden halten konnten. England hatte ein relativ kleines, aber gut ausgebildetes Berufsheer. Frankreich hatte das größte Landheer der damaligen Zeit. Richtig ist, dass sich die Münchener Vertragspartner die Dreistigkeiten Hitlers so nicht vorstellen konnten, wohl auch nicht wollten. Wir sehen diese Geschichte vom Ende her, dieses Privileg hatten Chamberlain und Daladier nicht. Natürlich können wir heute sagen, wieso wurde schon die Rheinlandbesetzung 1936 hingenommen. Wir wissen heute, dass die Wehrmacht den Befehl hatte, beim Auftauchen eines ersten franz.Soldaten sich zurück zu ziehen. Der franz. Generalstab wusste das nicht. Hitler sprach danach in diesem Zusammenhang von den 48 aufregendsten Stunden seines Lebens.

  • #8
  • #9
    Helmut Junge

    Susann Scheidle, ich hab zur Zeit nur eingeschränktes Internet, also wenig Zeit um viel zu lesen. Aber ganz kurz, ich finde, daß du mit deine Ansicht dicht an meiner Erinnerung liegst. Ich war damals überrascht, aber nicht betroffen. Es waren aber etliche Leute betroffen. Das weiß ich auch. Ich war nie Pazifist und konnte den Grad der Betroffenheit niemals richtig würdigen. Dazu kommt, daß ich Jesuiten zwar noch nie als Freiheitskämpfer gesehen hab, aber sie als Gegner meines Intellekts immer sehr ernst genommen hab. Hat Geißler es also so gemeint, muß ich darüber nachdenken, hat er es zurückgenommen, ist es ok, dann muß ich nie mehr darüber nachdenken. Warum auch?.
    Danke für deinen Beitrag.

  • #10
    Susanne Scheidle

    @ Thomas Weigle

    Zurückgenommen hat Geisler den Satz nicht, nur die in ihrer Verknappung missverständliche Formulierung.
    Hinterher ist man immer schlauer wollen Sie andeuten? Na, hoffentlich! Ganz sicher bin ich mir da nicht, wenn ich mir Zeitgenossen wie Frau Käßmann anhöre, die vor nicht allzulanger Zeit noch steif und fest behauptete, Hitler wäre man auch ohne Krieg losgeworden – als wüsste man nicht spätestens im Nachhinein (einige wussten das tatsächlich schon in "Echtzeit"), dass Hitler von Anfang an auf den Krieg zugesteuert hat, dass der Krieg sozusagen Teil seines politischen "Systems" war.

    @ Helmut Junge
    Eingeschränktes Internet habe ich auch gerade, für gewöhnlich so ab 16.00 Uhr 😉
    Ist zum Haare raufen…

  • #11
    Berthold Grabe

    Gut das Zitat ist historisch nicht korrekt, was an dem Wahrheitsgehalt des kolportierten Zitats schlicht nichts ändert.
    Es wurde lediglich modifiziert auf moderne Verhältnisse.
    Ob man dem folgen möchte oder nicht unterscheidet sich nicht zwischem dem Ursprungszitat und dem Veränderten.
    Es entspricht meiner Lebenserfahrung das beide Zitate auf einer realistischen Grundlage beruhen.

  • #12
    Berthold Grabe

    @Forum
    ich respektiere echte Pazifisten, weil sie bereit sind auch alle Nachteile ihrer Überzeugung in kauf zu nehmen, nämlich sich den negativen Folgen ihrer Überzeugung zu stellen.
    Aber ebenso ist überdeutlich, das es nur sehr wenig Pazifisten in diesem Sinne gibt.
    Die meisten die sich so nennen, fürchten sich davor missbraucht zu werden, es ist ein Ausdruck des Misstrauens in staatliche Institutionen denen sie generell absprechen im Gemeinwohl zu agieren. und ihnen daher keine Gewalthoheit einräumen wollen.
    Man merkt es auch immer wieder bei den verbalen Angriffen gegen Ordnungsbehörden wie jüngst bei den angeblichen rechten Netzwerken die es defintitiv in der Polizei nie gegeben hat und zu überzogenen Reaktionen führt.
    Im Grunde ist dieses nicht vorhanden Vertrauen verständlich, führt aber zu gefährlich falschen Reaktionen,die die Grundlage des Staates und das Gewaltmonopol untergraben.
    Das hat wenig mit der Haltung von Frankreich und Engalnd vor dme WK II zu tun.
    Deren Zurückhaltung basierte auf Kriegsmüdigkeit und dem Bestreben nicht schon wieder in die Kriegswirtschaft investieren zu müssen, nach den immensen Verlusten des WK I undnatürlich einer Unterschätzung des Aggressionspotential des Potentaten Adolf Hitler
    Diese Gründe sehe ich auch heute auf deutscher Seite bezogen auf die Herausforderungen durch Potentaten wie Erdogan oder die iranischen Mullahs oder China etc. wobei das geschilderte misstrauen gegenüber dem Gewaltmonopoles Staates hier zusätzlich kontraproduktiv wirkt.
    Es zeigt, das wir immer noch als Volk kein gesundes und allgmein akzeptiertes Verhältnis zur Staatsraison versus notwendiger Kontrolle entwickelt haben.
    Und dies auch in den Institutionen sich widerspiegelt.

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