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Bonnie Rotten: „Ich bin ein Nerd“

Bonnie Rotten. Foto: Til Biermann

Bonnie Rotten. Foto: Til Biermann

Bonnie Rotten kommt in ein Öko-Café nahe der Warschauer Straße und setzt sich auf eines der alten Sofas. Vor ihr stehen zwei Marmeladen-Bagels, die sie nicht anrührt. Sie trägt einen sehr kurzen, pinken Rock, ihr Körper ist mit teilweise makaberen Tattoos überzogen, ihrem Markenzeichen. Auf der Haut ihres Bauches steht: “Dead Girls don’t Cry”. Sie ist Anfang 20. 

Bonnie Rotten gehört zu den zurzeit erfolgreichsten amerikanischen Pornostars, im Januar gewann sie den “Porno-Oscar” in Las Vegas als beste Darstellerin. Mittlerweile produziert sie auch selbst schon Filme mit anderen Darstellern. Sie ist gut gelaunt, ein All American Girl mit weißen Zähnen und einem freundlichen Lächeln. Sie hat die Nacht gefeiert – obwohl sie in kaum einen der Berliner Szene-Klubs Einlass bekam. “Mich wollten die immer reinlassen, aber nicht die Typen, mit denen ich unterwegs war”, sagt sie. Ihre Hand tut weh, da sie aus Wut darüber auf eine Wand eingeschlagen hat. Ein Gespräch über ihren Weg in ihr eigenartiges Geschäft.

Wann bist Du in das Porno-Geschäft eingestiegen?

Bonnie Rotten: Ich fing an, als ich achtzehneinhalb war. Bin also jetzt zweieinhalb Jahre dabei.

Hattest Du es seit langem geplant?

Bonnie: Nein, es ist ein bisschen merkwürdig, aber eigentlich kann man so etwas kaum planen. Als ich mit dem Porno-Drehen anfing, strippte ich bereits in einem Klub und trat als Fetisch-Model auf. Jeder sagte mir: “Dein ganzer Körper ist mit Tattoos bedeckt, Du kannst keine Pornos drehen.” Und jetzt habe ich den Preis als “Darstellerin des Jahres” bei der weltweit wichtigsten Porno-Messe “AVN” gewonnen. Es läuft also wirklich super, das hätte ich so nie erwartet.

Du hast tatsächlich sehr viele Tattoos, wann hast Du Dein erstes Tattoo bekommen?

Bonnnie: Ich fing an, mich selbst zu tätowieren, als ich 13 war. Dann habe ich mein erstes professionelles Tattoo mit 15 Jahren bekommen.

Du hast es selbst gemacht? Wie das denn?

Bonnie: Ich habe “Indische Tinte” benutzt, die man eigentlich für Kalligraphie einsetzt. Ich habe eine Nadel genommen und einen Faden herumgewickelt. Dann habe ich die Nadel in die Tinte getunkt und immer wieder in meine Haut gestochen. Ich habe noch ein selbstgemachtes Tattoo von damals.

Welches ist das?

Sie zeigt ein amateurhaftes Tattoo an ihrem inneren Oberschenkel. Es sieht aus wie ein Kastengesicht.

Bonnie: Es stammt aus einer TV-Serie für Kinder: “Aqua Teen Hunger Force”. Dort gibt es diese Charaktere, den Milkshake und den Fryman. Das hier ist der Milkshake. Ich bin ein Nerd (lacht).

Welches ist Dein Lieblingstattoo?

Bonnie: Frank Sinatra. (Das Gesicht von Frank Sinatra wurde auf ihren vorderen Oberschenkel gestochen). Ich liebe es. Es hat mit einer Trennung zu tun. Ich war mit einem Typen für etwa vier Jahre zusammen. Und die Trennung war sehr schmerzhaft. Ich habe es mit Frank Sinatra geschafft, da durch zu kommen. Ich habe ihn damals ständig gehört. Und dann habe ich ihn mir auf meinen Oberschenkel geholt.

Wann habt ihr euch getrennt?

Bonnie: Als wir zusammenkamen, war ich 13, als wir uns trennten, war ich 17.

Glaubst Du dass Dich die Trennung…

Bonnie: Promisk gemacht hat?

Nein, Dich dazu gebracht hat, ins Porno-Geschäft einzusteigen.

Bonnie: Nein. Er war ein Freak was Sexuelles betrifft, aber kein außergewöhnlicher Freak. Nur so ein typischer eben. Nun, danach wollte ich ins Geschäft einsteigen. Also – vielleicht hatte die Trennung unterbewusst etwas damit zu tun, man weiß ja nie.

Wie oft drehst Du?

Bonnie: So etwa 20 Tage im Monat.

Hast Du noch Spaß daran, oder ist es einfach nur ein Job?

Bonnie: Manchmal denkst Du, uh, heute schon wieder. Aber dann spürst Du Erregung wegen der Menschen, mit denen Du arbeitest. Ich arbeite meistens mit einem Kreis von 20 Personen, Frauen und Männer, alle aus L.A. Und wir haben eingespielte Beziehungen. Sogar wenn mich die Situation oder der Regisseur langweilt, gibt es dann eine Person, die meine Leidenschaft erweckt.

Kann man neben dem Porno-Geschäft Liebesbeziehungen haben?

Bonnie: Ich bin mit vielen in unserem Geschäftszweig befreundet, die seit über zehn Jahren verheiratet sind.

Und Eifersucht ist kein Problem?

Bonnie: Ein großartiges Pärchen sind Francesca Le und Mark Wood. Sie arbeiten seit über neun Jahren zusammen und haben gemeinsam mit anderen Frauen Sex vor der Kamera. Ich habe schon Szenen mit denen gedreht und bin mit beiden befreundet. Da muss man nicht eifersüchtig sein. Sie gehen am Ende des Tages nach Hause und sind füreinander da. Beim Sex geht es nur um Chemie. Wir lieben uns nicht. Wir würden nicht miteinander durchbrennen und heiraten. Wir haben einfach Sex.

Warum bist Du nach Deutschland gekommen?

Bonnie: Ich drehe hier einen Film für Magma Film, er heißt “Rollergirl”.

Wie lang dauert das?

Bonnie: Ich war vorher eine Woche in Zürich, jetzt bin ich eine Woche hier in Berlin.

Ich habe ein Foto auf Deinem Twitter-Account gesehen. Dort hast Du in einem Berliner Lager eine Likör-Flasche in Deinem Rektum stecken. Tut das nicht unglaublich weh?

Bonnie: Nein, das turnt mich an. Bei so etwas bekommst Du immer eine ehrliche Reaktion von einer Frau. Das kann man nicht spielen. Es ist diese Intensität.

Gibt es einen großen Unterschied im US-amerikanischen und deutschen Porno-Geschäft?

Bonnie: In den USA ist es stärker legitimiert, weiter verbreitet. In Deutschland gibt es gerade mal fünf männliche Darsteller. Außerdem werde ich in den USA alle zwölf Tage auf alle möglichen Krankheiten getestet. In Deutschland nur alle 30 Tage. Aber es macht Spaß in Deutschland, der Sex ist härter hier. In den USA haben wir viele Regeln bei Drehs, man darf zum Beispiel nicht würgen.

Glaubst Du, das Geschäft wird im Allgemeinen härter, was die Szenen betrifft?

Bonnie: Auf jeden Fall. Wir suchen immer Wege, es härter zu machen.

Du hast einen italienisch-amerikanischen Hintergrund. Wurdest Du katholisch erzogen?

Bonnie: Nein, meine Familie ist überhaupt nicht religiös. Das sind mehr so Hillbillys (lacht).

Also Hippies?

Bonnie: Nein, wie Rednecks. Wir sind aus Cincinnati, Ohio. Das ist im Mittleren Osten der USA.

Ach, hast Du geschossen und gejagt als Kind?

Bonnie: Meine Familie jagt nicht, aber wir sind Angler. Lagerfeuer im Hinterhof, Fischen gehen. So was haben wir oft gemacht.

Ist Deine Familie einverstanden mit Deinem Job?

Bonnie: Meine Eltern sind so einverstanden damit, wie Eltern eben mit so etwas einverstanden sein können. Sie denken nicht: “Yeah!” Aber sie wissen, dass ich aufpasse und Geld spare und ein Geschäft habe und dass ich es als eine Karriere sehe und nicht als Party. Das ist sehr wichtig für sie, weil ich etwas aus meinem Leben gemacht habe.

Gibt es viele Darstellerinnen, die es mehr als Party sehen und sich in Drogen verlieren?

Bonnie: Das mit den Drogen ist zurückgegangen. Die Produzenten haben nicht mehr das selbe Geld zur Verfügung wie früher. Deshalb können sie kein Geld auf Mädchen verschwenden, welche die ganze Zeit auf Toilette rennen, um Kokain zu schniefen. Wir brachen professionelle Mädchen. Ich miete meine Drehorte stündlich. Jede Stunde, die eine Darstellerin auf der Toilette verplempert, zahle ich 150 Dollar. Das kann sich keiner leisten.

Was hättest Du gemacht, wenn Du nicht ins Porno-Geschäft gegangen wärest?

Bonnie: Kennst Du Ducati-Motorräder? Ich wäre eine Ducati-Mechanikerin geworden.

Kannst Du schon schrauben?

Bonnie: Ich kenne mich schon etwas mit der Mechanik aus. Ich war zu einer Schule gegangen, hatte ein Vorstellungsgespräch und die Anmeldeformulare schon ausgefüllt. Ich sollte eigentlich nach Florida zu “WyoTech” gehen, das ist eine Schule für Zweiradmechaniker. Ich sollte dort mein Diplom machen. Aber dann habe ich mit dem Pornodrehen angefangen.

Wie Du schon sagtest, kommen viele Darsteller eher zufällig in das Geschäft. Wie Ron Jeremy, der eigentlich Sonderschul-Lehrer war und jetzt schon mehrere Jahrzehnte Pornos macht. Würdest Du eine Szene mit ihm drehen?

Bonnie: (Lacht). Ron ist ein super Typ, aber… Ich arbeite mit sehr jungen, aufgepumpten, sexy Männern zusammen. Um es nett zu sagen.

Aber er hat sich wirklich lange im Geschäft gehalten, oder? Das ist nicht die Regel, schätze ich.

Bonnie: Oh ja!

Möchtest Du noch mehr Tattoos bekommen?

Bonnie: Für jedes Land, das ich besuche. (Sie zeigt eine schweizer Flagge, die auf ihren Unterarm tätowiert wurde.) Morgen bekomme ich den Berliner Bären für Deutschland.

Gibt es noch etwas, das Du über Dein Geschäft erzählen möchtest?

Bonnie: Unser Geschäft ist professionell und streng reguliert. Wir haben jetzt große Probleme in Kalifornien wegen dem “Kondom-Gesetz”. Sie wollen die Männer zwingen, bei Drehs Kondome zu tragen. Die Regierung will sich in unser Geschäft einmischen. Das ist nicht nötig. Wir können selbst auf uns aufpassen. Es gab seit über zehn Jahren keinen Fall, bei dem HIV an einem Drehort übertragen wurde.

Ich dachte, da waren ein paar…

Bonnie: Nein, das waren Ansteckungen, die außerhalb der Drehorte passierten. Es gab einen Typ, der in Schwulen-Pornos mitgemacht hatte, auch Sex außerhalb der Drehs hatte und sich Heroin spritzte. Er hatte eine Hetero-Freundin, die ebenfalls im Porno-Geschäft war. Die beiden haben viele Partys gemacht und am Ende hatten sie Aids. Und sobald die Frau nach einem Dreh positiv auf HIV getestet wurde, wurde die ganze Porno-Industrie geschlossen. Jeder, der mit den beiden sexuellen Kontakt hatte und jeder, der mit jenen Kontakt hatte, die mit den beiden Kontakt hatten, wurde getestet. So fanden wir raus, dass es keine Übertragung auf einem Dreh war, sondern, dass der Virus von außerhalb gekommen war.

Hast Du keine Angst, Dir etwas einzufangen?

Bonnie: In den USA nicht so sehr, weil es so hohe Sicherheitsbestimmungen gibt. Bei uns ist es wirklich schwer, zu verstecken, wenn man etwas hat. Und ich arbeite immer mit den gleichen Leuten und weiß, was die in ihrem Privatleben treiben.


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