
Bild: Buchcover Kohlhammer-Verlag
Zwölf unterschiedliche Autoren, deren Lebensläufe sich spannend wie ein Roman lesen, werden von den Herausgebern Ulli Kulke und Reinhard Mohr in dem gerade erschienen Sammelband „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“ vorgestellt. Was verbindet sie und welche Konsequenzen ziehen sie aus den aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen?
Am Anfang steht die Klärung der Begriffe. Was ist „rechts“, was ist „links“? Um dies definieren zu können, braucht es einen Bezugspunkt, von dem aus diese Zuordnung möglich ist. Und hier wird es schwierig. Was gestern noch in der Mitte verortet wurde, gilt heute als „rechts“, schlimmstenfalls als „rechtsextrem“, gerne auch mal als „umstritten“. Menschen in dieses Raster einzufügen, dessen Koordinaten mit Maßstäben gemessen werden, die in ihrer Bewertung heute gänzlich andere sind, als noch vor zehn, zwanzig Jahren, wird in diversen Medien inzwischen mit geradezu missionarischen Eifer betrieben.
Abgesehen von der Schriftstellerin Monika Maron, mit der die Herausgeber ein Interview für den Beitrag führten, haben die Autoren ihre Entwicklung der politischen Überzeugungen in eigenen Aufsätzen beschrieben. Neben Monika Maron kommen Ulrike Ackermann, Henryk M. Broder, Mathias Brodkorb, Monika Gruber, Antonia Grunenberg, Hubert Kleinert, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, Andreas Rebers, Samuel Schirmbeck und der kürzlich verstorbene Peter Schneider zu Wort. Interessant ist hier der Blick auf die Geburtsjahrgänge, die sich von 1941 bis 1971, also, soziologisch betrachtet, über zwei Generationen hinweg, spannen. Die älteren der hier portraitierten Autoren wurden noch in den Kriegsjahren oder kurz danach geboren und sind stark von den gesellschaftlich umwälzenden Entwicklungen Ende der 1960er Jahre geprägt worden. Jüngere, wie Dieter Nuhr, Monika Gruber und Mathias Brodkorb, die diese Zeit nicht bewusst oder qua Geburtsdatum gar nicht erlebt haben, setzen die Wendepunkte ihrer politischen Wahrnehmung in Zusammenhang mit persönlichen, prägenden Erlebnissen. So schildert Dieter Nuhr, Jahrgang 1960 und Gründungsmitglied der Grünen, wie er für den Süddeutschen Rundfunk eine Diskussion zum Thema Gentechnik satirisch begleiten sollte. Als „Öko“, wie er sich selbst beschreibt, sah er es als Pflicht an, auf gar keinen Fall Argumente pro Gentechnik zu formulieren, stellte bei der Recherche jedoch kein einziges sachlich fundiertes Gegenargument fest. Es ging um Ideologie, um das Schüren von Ängsten, so sein Fazit.
„Es muss in dieser Zeit gewesen sein, dass mir auffiel, dass die in links-grünen Kreisen pathetisch eingeforderte Meinungsfreiheit in erster Linie für die eigene Meinung gelten sollte und nicht für die der Abweichler“
So erläutert Dieter Nuhr seine zunehmenden Distanz gegenüber immer repressiveren „red flags“, die von vermeintlichen Verfechtern progressiver Lebenseinstellungen gesetzt werden. Weiße Reggaemusiker, möglichst noch mit Dreadlockfrisur? Sind xenophob und machen sich der kulturellen Aneignung schuldig. „Alter weißer Mann“ ist als Schmähbegriff geläufig und bezeichnet, so Nuhr, die „niederste Stufe der Existenz“. Linke entpuppen sich als engstirnig, fortschrittsfeindlich und komplett ignorant gegenüber historischen Tatsachen, die sie gern geschichtsklitternd aus dem Zusammenhang reißen, so erinnert Dieter Nuhr im weiteren Text seine Erfahrungen mit den Vertretern des linken Milieus. Ebenso harsch fällt sein Urteil über die auf nationale Befindlichkeiten verengte Sicht der Linken aus: „Es ist der Welt schlichtweg egal, was die Deutschen denken.“
„Es geht nicht mehr um Fakten, sondern um Meinungen“
Die Kabarettistin Monika Gruber, Jahrgang 1971, ist eine der jüngsten Autoren des Sammelbandes und leitet ihren Text mit der Aussage ein, sie sei nie links, aber auch nicht rechts gewesen. Sie beschreibt ihre Kindheit und Jugend in einem oberbayrischen Dorf, von „liebevoller Strenge“ und allgemeingültigen unverrückbaren Normen geprägt. Die Existenz von maximal zwei Geschlechtern wurde nicht hinterfragt, ebensowenig wie der sonntägliche Kirchgang und die Verteilung von Haus- und Erwerbsarbeit. Was nach spießiger provinzieller Enge klingt, widerlegt die Toleranz gegenüber abweichenden politischen Einstellungen als der eigenen. Selbstverständlich wählte man die CSU, gestand aber Lehrern und Beamten die Stimmen für SPD und sogar Grüne zu, vereinzelt gab es sogar Wähler der FDP. Ja mei, es gibt schließlich auch Leute, die im Wirtshaus alkoholfreies Bier trinken, leben und leben lassen. Monika Gruber ist hier sehr deutlich in ihrem Portrait der bayrischen Dorfgesellschaft. Es gab klare gesellschaftliche Regeln, die das Zusammenleben bestimmten, aber die Meinungsfreiheit, vor allem, was die politische Präferenz betraf, galt als hohes Gut. Trotz lauter und leidenschaftlicher Diskussionen an Stammtischen oder innerhalb der Freundes- und Familienkreise zerbrachen keine Beziehungen aufgrund konträrer politischer Sichtweisen. Dies ist umso bemerkenswerter, da abweichende Lebensentwürfe durchaus kritisch beäugt, jedoch nicht verteufelt oder ausgegrenzt wurden. Monika Gruber beschreibt mit deutlichen Worten, wie sich in ihrer Wahrnehmung die Wertmaßstäbe zunehmend verschoben haben. Sie selbst habe sich weltanschaulich „keinen Zentimeter nach links oder rechts bewegt“, dafür aber die Bewertung ihrer Ansichten. Es leuchtet ein, dass, wenn sich der Rahmen bewegt, der eigene Standpunkt, je nachdem wie dieser verschoben wird, rechts, links oder in der Mitte zu finden ist. Daraus folgt, so Monika Gruber, die harte Verurteilung durch die links-grünen Vertreter des Mainstreams. Ausgrenzung, Diffamierung, nicht selten Denunzierung, sind die Konsequenzen für Ansichten jenseits linker Narrative.
Eine entscheidende Zäsur war für Monika Gruber der Umgang mit Kritikern der Corona-Maßnahmen. Wie abweichende Meinungen verächtlich, geradezu aggressiv, kommentiert wurden, Menschen, die wagten, ihre anderslautenden Ansichten öffentlich zu äußern, an den Pranger gestellt wurden, hat in ihren Augen zu einem tiefen Riß durch die Gesellschaft geführt. Dasselbe gälte für die Migrationsdebatte, in der die Positionen zunehmend verhärten und indiskutabel würden. Trotzdem, und hier wagt Monika Gruber die hoffnungsvolle Prognose, könnte es eine positive Wendung in der gesellschaftlichen Debatte geben, dann nämlich, wenn man konservative Meinungen nicht grundsätzlich als „rechts“ brandmarkt und offenkundige Missstände deutlich ansprechen darf.
Ulli Kulke und Reinhard Mohr stellen mit ihrer Auswahl der Autoren für dieses Buch eine zeitliche und thematische Bandbreite persönlicher Entwicklungen und manchmal auch Umbrüche vor. Der individuelle Schreibstil jedes Autors, gepaart mit spannenden Schilderungen teils brisanter Situationen, formt die einzelnen Kapitel zu in sich geschlossenen Portraits, die gut lesbar sind und den historischen Kontext berücksichtigen.
Was allen Autoren gemeinsam ist: Die rigorose Ablehnung von Denkverboten aller Art, das unverhandelbare Eintreten für die Meinungsfreiheit ohne Furcht vor persönlicher Repression, das „Denken ohne Geländer“, wie Hannah Arendt es so treffend formuliert hat. Klare Leseempfehlung!
„Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“
Kohlhammer-Verlag, 1. Auflage März 2026, 24,00 Euro
