
V-Mann Joe war eine West-Berliner Punkband aus der Hausbesetzer-Szene der frühen 90er-Jahre. Die wilde, rebellische Band mit ihren witzigen Texten und ihrer schnellen, markanten Punkmusik hat mich maßgeblich geprägt. Ich bin stolzer Besitzer einer Kassette der Band, die ich für 10,- DM 1991 auf einem Festival gekauft habe. Eine Schallplatte der Band gab es damals noch nicht. Als diese dann ein Jahr später herauskam, fand man dort auch das Lied „Rita Süßmuth“:
Der Text ist frech und in typischer V-Mann-Joe-Manier geschrieben. Aber er ist eben auch komplett ausgedacht und wird Rita Süssmuth in keinster Weise gerecht. In einer völlig fiktiven Erzählung von Missbrauch und Widerstand wird sich über die Politikerin derbe lustig gemacht. Nichts davon stimmt auch nur annähernd, und nur weil sich „Mach’s gut – Süßmuth“ schön reimt, ist das Lied noch lange nicht gut.
Rita Süssmuth ist letzten Sonntag im Alter von 88 Jahren an Brustkrebs gestorben. Sie kam als Seiteneinsteigerin in die Politik und war vorher Professorin für Erziehungswissenschaft. Die liberale Katholikin war drei Jahre Familienministerin und zehn Jahre Bundestagspräsidentin. Sie stand als Politikerin wie keine andere Frau in der CDU für Feminismus.
Mit Sätzen wie „Hören wir endlich auf, die Frauen für entscheidungsunfähig, für nicht verantwortungsfähig zu halten“ kämpfte sie unermüdlich für die Rechte der Frau. Und das in einer Zeit, als es noch längst keine Selbstverständlichkeit war, dass Frauen in der Politik etwas zu sagen hatten. Wer weiß, ob ohne sie Karrieren wie die von Angela Merkel oder Ursula von der Leyen überhaupt möglich gewesen wären.
Sie kämpfte für liberalere Abtreibung und gegen die Vergewaltigung in der Ehe. Die Vereinbarkeit von Beruf und Erziehung war ihr ebenfalls sehr wichtig. Neben ihrer offensiven Frauenpolitik setzte sie sich auch für LGBTI-Rechte ein. Zu einer Zeit, als AIDS noch eine gefährliche Bedrohung für die Gesundheit der Menschen war, kämpfte sie gegen die Stigmatisierung der Betroffenen. „Wir müssen die Krankheit bekämpfen, nicht die Kranken“, sagte Süssmuth. Berühmt wurde ihr Bild 1987 auf dem Spiegel-Cover im Ganzkörperkondom.
Die CDU-Politikerin Rita Süssmuth hat mehr für uns Frauen getan als diese modernen Queerfeminist*innen, die uns unsere Rechte als biologische Frauen absprechen. Sie hat den Schmähtext von V-Mann Joe einfach nicht verdient. Ich verzeihe der Band meiner Jugend, dass sie sich über diese großartige Feministin lustig gemacht hat, aber das Lied „Rita Süßmuth“ verbanne ich aus meiner Setlist.
