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Rosa-Luxemburg-Stiftung fördert „Israelkritik“ in Tel Aviv

BDS-Unterstützer Sa'ed Atshan zu Gast in den Räumlichkeiten der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv. Foto: Antideutsche Aktion Amidar

BDS-Unterstützer Sa’ed Atshan zu Gast in den Räumlichkeiten der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv. Foto: Antideutsche Aktion Amidar


Letzten Montag stellte die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv ihre Räumlichkeiten für eine Veranstaltung mit dem „Israelkritiker“ und BDS-Unterstützer Sa’ed Atshan zur Verfügung. Hier veröffentlichen wir den Bericht der Antideutschen Aktion Amidar, die sich die Veranstaltung angeschaut hat:

Am Montag, den 07.01. sprach der in Ramallah geborene und in den USA lebende Friedensforscher und Professor für Nahoststudien und LGBT* Aktivist und BDS Befürworter Sa’ed Atshan auf Einladung der „Academia for Equality“ in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv vor mehr als hundert ZuhörerInnen. Anlass war die bevorstehende Veröffentlichung des Buches “The Moral Triangle: Germans, Israelis and Palestinians”. Der Titel des Buches war zugleich der Titel des Vortrags, der auf Englisch gehalten wurde. Die Veranstaltung wurde in das kleine linke Neuköllner Café Karanfil übertragen, einem Treffpunkt für Kurdistan AktivistInnen.

Sa’ed Atshan sollte Anfang Juli 2018 im Rahmen der Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum Berlin zu „On Being Queer and Palestinian in East-Jerusalem“ sprechen. Die Ausstellung „Welcome to Jerusalem” wurde wegen ihrer Ausrichtung entlang des palästinensischen Narratives von vielen Juden kritisiert. Um zur Einsicht zu kommen, dass es untragbar ist, als Steuergeld geförderte Institution einen BDS Befürworter einzuladen und die Veranstaltung abzublasen, brauchte es indes den Protest des israelischen Botschafters. Nach seinem Auftritt in den Räumen der RLS stellt sich die drängende Frage, wer auf die Idee kam Atshan überhaupt ins Jüdische Museum einzuladen.

Atshans antizionistische Ansichten sind kein Geheimnis. So sagte er in der Vergangenheit: „Wir alle wissen, dass Israel ein Apartheidsstaat ist und boykottiert werden sollte”. Die bewusste Verwendung des Begriffs Apartheid begründete Atshan mit der Unterdrückung der Palästinenser unter der militaristischen Besatzung.(1) 2012 sprach sich Ashtan auf einer BDS-Konferenz an der University of Pennsylvania dafür aus, dass LGBT-Gruppen sich weigern, von Israel als Teil seiner angeblichen Propagandagenda verwendet zu werden.(2) Im Oktober 2014 machte Atshan auf der Konferenz der Students for Justice in Palestine Israel für palästinensische Ehrenmorde und Homophobie verantwortlich. 2015 lobte Atshan zwei berühmte Gegner der Muslim Leadership Initiative (MLI), die sich für ein respekt- und vertrauensvolles Verständnis zwischen muslimischen und jüdischen Gemeinschaften in Nordamerika einsetzt (3). Einer der von Atshan gelobten Gegner des MLI rief 2014 zur dritten Intifada auf. In einem Artikel auf der antiisraelischen Seite Mondoweiss (“Faithwashing: the Muslim Leadership Institute and the academic boycott”) verurteilt Atshan die Zusammenarbeit von MLI mit dem israelischen Shalom Hartman Institut mit den Worten: “Hartman ist eine zionistische israelische Institution, die den Status quo in Israel / Palästina unterstützt, während der israelische Staat ein System des Siedler-Kolonialismus, der ethnischen Säuberung, der militärischen Besetzung und der Apartheid der indigenen, staatenlosen palästinensischen Bevölkerung durchführt.” (4) Die Wahl von Trump und der darauffolgende Aufstieg der Neonazi-Bewegung, wird von Atshan als „Israelisierung der USA“ betrachtet.(5)
Bei der Einleitung zu seinem Vortrag in den Räumen der RLS lobt sich der BDS Befürworter zunächst für seine Bereitschaft in Israel zu sprechen und inszeniert sich als Mann des Dialogs.

Bei der Verortung seiner Identität hebt Atshan die schmerzende militärische Besatzung Palästinas hervor. Im Laufe des Abends kommt er immer wieder auf die Unterdrückung der Palästinenser zu sprechen, zu der er auch die Abriegelung des Gazastreifens zählt, wo angeblich in zwei Jahren kein Leben mehr möglich sein wird. Darauf bestehend, dass er nicht gleichsetzt, erklärt Atshan, dass es während des Zweite Weltkriegs eine militärische Besatzung durch die Deutschen gab und heute eine militärische Besatzung in Palästina. An einer Stelle wundert er sich über israelische Soldaten an Checkpoints, die er gerne fragen würde, ob sie ihre Geschichte nicht kennen.
Durch die militärische Besatzung Palästinas, so erklärt Atshan, wird das Trauma des Holocaust auf ihn als Palästinenser übertragen.
Um nachvollziehbar zu machen, warum er sich auf der Seite der Holocaust Opfer sieht, zitiert Atshan Edward Said, der über die Palästinenser sagte: “Wir sind die Opfer der Opfer und die Flüchtlinge der Flüchtlinge” Atshan erläutert, dass er vom Holocaust so traumatisiert war, dass er sich lange nicht vorstellen konnte nach Berlin zu gehen. Nachdem ihm aber die deutsch-israelische Professorin Katharina Galor versicherte, dass die Deutschen sich ganz vorbildlich mit dem Holocaust auseinandersetzten, ließ er sich darauf ein, mit ihr eine Forschungsarbeit über Palästinenser und Israelis in Berlin zu machen, deren Ergebnis das Buch “The Moral Triangle: Germans, Israelis and Palestinians” ist. Es ist anzunehmen, dass Atshan nach Veröffentlichung des Buches zu vielen BDS Veranstaltungen in Deutschland eingeladen werden wird.

Bei seinen Recherchen fiel Atshan auf, dass die Israelis im öffentlichen Leben der deutschen Hauptstadt vielfach sichtbar gemacht und hofiert werden. Im Gegensatz dazu, so behauptet Atshan, lebt die palästinensische Gemeinde, obwohl sie doppelt so viele Menschen zählt, weitgehend unbeachtet und zensiert.
Allerdings, so Atshan, haben es trotz dieser Ungleichbehandlung eine ganze Reihe von Palästinensern in Deutschland in Positionen geschafft, in denen sie die Gesellschaft mitgestalten können. Als prominentes Beispiel führt er Sawsan Chebli an. Auf die Idee, dass Chebli nicht trotz sondern wegen ihrer palästinensischer Herkunft Karriere gemacht haben könnte, kommt niemand im Raum.

Die von ihm behauptete Vorzugsbehandlung der Israelis erklärt Atshan mit den Schuldgefühlen der Deutschen gegenüber den Juden. Diesen Schuldgefühlen liegt seiner Meinung nach auch das Verbot der Israelkritik in Deutschland zu Grunde. Atshan lässt keinen Zweifel daran, dass das offizielle Deutschland aus der Geschichte die falschen Schlüsse zieht. Die von Merkel geäußerte Solidarität mit Israel als Teil der deutschen Staatsräson übersetzt er als “Deutschland besteht, um Israel zu helfen” und präsentiert sie als offensichtliche Verirrung. Mindestens zwei Dutzend Deutsche, die dem lächelnden Antizionisten lauschen, stimmen ihm augenscheinlich zu.

Das es an dem Abend um die tabuisierte Israelkritik gehen soll, wird schon bei den einleitenden Worten zu Atshans Vortrag deutlich, als ein Vertreter der Veranstalter auf Dr. Carola Hilfrich eingeht, die als Dozentin an der Hebräischen Universität eine Soldatin in Uniform zusamengestaucht hat. Die Reaktionen auf den Hilfrich Skandal, so wird erklärt, seien Ausweis eines Verbots der Israelkritik für Deutsche.

Zensur ist der Schlüsselbegriff für Atshan, um den Umgang des offiziellen Deutschland mit der palästinensischen Gemeinde zu charakterisieren. Was er mit Zensur meint expliziert er am Beispiel der vermeintlich verbotenen Kritik an der Lieferung von U-Booten. Die Lieferung von U-Booten sind für Atshan Ausweis der Kollaboration mit der Besatzung und damit Unterstützung von Menschenrechtsverletzungen und wer als Palästinenser diese Form der Unterstützung von Menschenrechtsverletzungen anprangert, so behauptet Atshan, muss mit Repressionen bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes rechnen.


Natürlich ließ es sich Atshan auch nicht entgehen, den Boykott den er selbst von Seiten des Jüdischen Museums erfahren hat, anzuführen. Unerwähnt blieb dabei natürlich, dass dieser Boykott sich auf seine BDS Befürwortung (wie z.B. seine Ablehnung der Kooperation des MLI mit dem Hartmann Institut) bezieht.

Dem offiziellen und zensierenden Deutschland setzt Atshan die weltoffene und diverse und aufregende und queere und kreative Stadt Berlin entgegen, in der Palästinenser und progressive Israelis Wege des Zusammenkommens unter post-zionistischen Vorzeichen suchen und finden. Mit sichtlicher Begeisterung verweist er auf die Salaam-Shalom Initiative und die Barenboim-Said Akademie als zwei institutionalisierte Beispiele gelingender Koexistenz und auf das gemeinsame Hummus Essen, dass er beobachtet hat, als Beispiel von der Straße.

Bedrängt wird das israelisch-palästinensische Zusammenkommen in der bunten Stadt Berlin nach Atshan von der diskreditierenden Behauptung Muslime seien überproportional antisemitisch. Atshan behauptet, dass statistisch erwiesen sei, dass Muslime nicht überdurchschnittlich antisemitisch sind ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, aus welcher Statistik er dies herausliest. Jüngste statistische Erhebungen, die aufzeigen, dass Muslime entgegen Atshans Behauptung überproportional oft für antisemitische Übergriffe verantwortlich sind (6) und Warnungen vor zunehmendem muslimischem Antisemitismus (7) sind Atshan entweder unbekannt oder werden von ihm übergangen. Er setzt die Behauptung, dass Muslime nicht überdurchschnittlich antisemitisch sind absolut und nimmt dies als Ausgangspunkt für seine Überlegungen, warum ihnen dies trotzdem unterstellt wird.

Atshan erklärt, dass in Deutschland Israelkritik mit Antisemitismus gleichgesetzt würde. Ohne den Begriff explizit zu gebrauchen, beschreibt Atshan die Antisemitimuskeule als Werkzeug von Rassisten um die Kritik an Israel zu verhindern und um die Muslime zu diskreditieren.

An dieser zentralen Stelle seines Vortrags wird ganz klar, dass der Wissenschaftler die Wissenschaft für die Demagogie in die Tonne kloppt. Um die „Absurdität“ des israelbezogenen Antisemitismus aufzuzeigen erklärt Atshan, dass auch Israelis, die Israel kritisieren als Antisemiten gelten. Die Vorstellung, dass Israelis sich antisemitisch äußern könnten lässt ihn und sein Publikum auflachen. In Interviews, die er geführt hätte, so Atshan, hätten manche Deutsche geäußert, dass sie mit den Palästinensern sympathisieren, dies in Deutschland aber nur unter vorgehaltener Hand sagen könnten. Und Dutzende Deutsche im Publikum taten so, als ob sich dies mit ihren Erfahrungen deckt.

Atshan zeigt des Weiteren auf, dass es neben der offiziellen Politik, die sich aus einem Schuldkomplex heraus der Unterstützung der Besatzung verpflichtet und eine unzulässige Form des Antisemitismus erfunden hat auch in der Gesellschaft Kräfte gibt, die das Zusammenkommen von Israelis und Palästinensern in der großartig diversen Stadt Berlin verhindern: Die Antideutschen. Antideutsche, so erklärt der Friedensforscher, seien unbedingt solidarisch mit Israel und damit anti-palästinensisch und anti-muslimisch und rassistisch. Soweit so gespenstisch. In der Frage und Antwort Runde wurde Atshan von zwei Vertretern der Antideutschen Aktion Amidar – den einzig beiden kritischen ZuhörerInnen – gefragt, ob er die berichtete Übergriffe auf offensichtlich israelsolidarische Menschen von Seiten des Jugendwiderstands in Neukölln und den Angriff auf einen Israeli mit einem Gürtel in Prenzlauer Berg und die vielen Berichte von Mobbing gegen jüdische Schüler und den jüngsten Bericht der Oberstaatsanwältin zum angestiegenen Antisemitismus und die Verbrennung von Flaggen und antisemitische Sprechchöre auf antiisraelischen Demonstrationen und die daraus resultierende Angst in machen Ecken von Berlin einen Davidstern um den Hals zu tragen oder Hebräisch zu sprechen für antideutsche Propaganda hält oder sich damit auseinandersetzt. Als Antwort verweist Atshan auf Armin Langer, dessen Buch „Ein Jude in Neukölln“ aufzeige, dass Neukölln sicher und lebenswert für Juden ist und auf No Go Areas für Frauen mit Hijab. Des Weiteren wiederholt er den Verweis auf die Statistik, die aufzeige, dass Juden nicht in besonderem Maß von Muslimen bedroht sind. Atshan erläutert, dass es in jeder Gruppe gute und schlechte Menschen gibt, ergo auch unter den Palästinensern bzw. Muslimen. Er schließt seine Antwort mit dem Hinweis, dass es rassistisch sei, von Einzelfällen die er eingesteht, auf eine ganze Gruppe zu schließen.
Fraglich bleibt, ob er von den nachgewiesenen Unzulänglichkeiten der einzig bekannten Statistik, die behauptet, die allermeisten antisemitischen Straftaten seinen politisch rechts motiviert, nicht gehört hat oder dies einfach übergeht.

Höhepunkt der VA war die letzte Frage, gestellt von einem Zuhörer, der sich als “Deutscher, der in Palästina lebt” vorstellt. Er fragte Atshan nach dessen Meinung zur Anti-Normalisierung-Doktrin in den palästinensischen Gebieten, die eine Normalisierung des Verhältnisses zwischen Israelis und Palästinensern verbietet. Atshan, der in den letzten Minuten seines Vortrags am Podest herumgehampelt ist, um zu unterstreichen, wie großartig er es findet, dass Israelis und Palästinenser trotz Politik und Antideutschen in Berlin zusammenkommen, ist tatsächlich der Meinung, dass die Normalisierung des Verhältnis zwischen palästinensischer und israelischer Zivilgesellschaft nicht zu befürworten ist, solange es die Besatzung gibt.

(1) https://www.jpost.com/Diaspora/Israels-ambassador-convinces-Berlins-Jewish-Museum-to-cancel-BDS-speaker-563220

(2) https://www.adl.org/news/article/one-state-conference-at-kennedy-school-of-government

(3) https://canarymission.org/professor/Saed_Atshan

(4) https://mondoweiss.net/2015/04/faithwashing-leadership-institute/

(5) https://medium.com/@theresadiffendal/saed-atshan-speaks-at-haverford-for-israeli-apartheid-week-f719689b3f7


(6) 
https://fra.europa.eu/sites/default/files/fra_uploads/fra-2018-experiences-and-perceptions-of-antisemitism-survey_en.pdf (Seite 54)


(7)
http://www.spiegel.de/spiegel/was-muslimischer-hass-auf-juden-in-deren-alltag-bedeutet-a-1183879.html

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3 Kommentare zu “Rosa-Luxemburg-Stiftung fördert „Israelkritik“ in Tel Aviv

  • #1
    Thomas Weigle

    Der "Aufstieg der US-NeoNazis" ist eine Folge der" Israelisierung der USA." Oha!! Keine Behauptung ist offenbar zu dämlich, um nicht benutzt zu werden, um die einzige Demokratie im Nahen Osten zu diskreditieren. Und die umtriebige RLS ist natürlich auch dabei. Ich bin weiß Gott kein Fan von Rosa L., aber solch abwegiges Reden und Tun in ihrem Namen hat sie nicht verdient.

  • #2
    nussknacker56

    Leider kann man niemand das Tragen dieses Namens verbieten. Aber das oben Geschilderte ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Linke sich in Sachen Israelhass von den Rechtsradikalen nicht die Butter vom Brot nehmen lässt.

    Und nicht nur diesem Gebiet. Es ist zwingend, die Linke von jeder behaupteten Progressivität zu entzaubern. Sie sind schon seit Langem den antidemokratischen und reaktionären(!) Kräften zuzurechnen. Ihre ausgeprägte Vorliebe für totalitäre Systeme und Bewegungen dürfen nicht länger mit einem Achselzucken ignoriert werden. Einzelne Ausnahmen (Personen und Kleingruppen) können diese Einschätzung weder revidieren noch abmildern.

  • #3
    Bernd Stoppe

    Kulturpolitik – Geschlossene Gesellschaft – https://www.sz.de/1.4055253
    Der mehr ideologisch als sachlich fundierte Artikel -antideutsch eben- hat mich auf den darin diskreditieren "bösen Israelfeind" Atshsan aufmerksam gemacht. Siehe auch obigen Link.

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