3

Ruhrtriennale: Hezarfen Ensemble verklärt in Absage Türkei zum Schmelztiegel verschiedenster Kulturen

Homepage des Hezarfen Ensemble Screenshot: Ruhrbarone

Das Istanbuler „Hezarfen Ensemble“ hat seinen für Mittwoch im Rahmen der Ruhrtriennale im Maschinenhaus Essen geplanten Auftritt kurzfristig abgesagt. Dort wollte das „Hezarfen Ensemble“ das Projekt „Music of Displacement“ aufführen. In einer auf der Homepage der Gruppe veröffentlichten Stellungnahme wird ein Artikel aus der „Welt am Sonntag“ genannt, ohne sich auf den Inhalt zu beziehen. In dem Artikel,  in dem es um das Verhalten von Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp und ihren Umgang mit der antisemitischen BDS-Kampagne ging, wurde auch auf das „Hezarfen Ensemble“ eingegangen. Der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli kritisierte die Gruppe. Im  Zusammenhang  mit dem Ensemble  wurde im Programmheft der Ruhrtriennale von der „Umsiedlung“ der  Armenier geschrieben. Damit würde „nicht nur die planmäßige und nationalistisch motivierte Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich zu einer Umsiedlung verharmlost, sondern der Genozid als solcher geleugnet“, sagte Dogan Akhanli der „Welt am Sonntag“.

Anstatt auf diese Kritik einzugehen, beschwört die Gruppe in ihrer Stellungnahme zur Absage das Bild der Türkei als „Schmelztiegel“ und tut eine klare Stellungnahme zum Genozid an den Armeniern als  „parteipolitische Haltung“ ab. Außerdem stellt man sich hinter Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp. Was wenig verwundert:  Das Istanbuler Hezarfen Ensemble sieht als eine der großen Fluchttragödien unserer Zeit die Vertreibung der Palästinenser, die Vertreibung der Juden, ja der Völkermord an ihnen, wird in ihrem Programmheft an keiner Stelle auch nur mit einem Wort erwähnt:

„Right now there is Syria, and before that Kosovo, and before that Kurdish forced migrations to cities, and Cyprus, and Palestine and of course the extremely painful Greece-Turkey population exchange in 1923, with of course the Armenian exodus to begin the century.“

Wer einen politischen Anspruch an seine Kunst hat, sollte vernünftig argumentieren können und sich nicht bei jeder Kritik hinter Schwurbeleien von Differenz verstecken. Eine Lektion, die auch Ruhrtriennale-Chefin Stefanie Carp noch zu lernen hat.

Dokumentation:

Erklärung zur Absage von der Ruhrtriennale 2018

Die Türkei ist ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen und stolz darauf ein Garten mit vielen Farben zu sein. Wir schätzen und pflegen den Reichtum unserer kulturellen Vielfalt. Unser Projekt Music of Displacement reflektiert die Konsequenzen von Vertreibung und drückt gleichzeitig den Reichtum einer uns alle verbindenden Menschlichkeit aus. Es gibt nicht nur einen, sondern sechs Komponisten, die für Vertriebene sprechen, darüber hinaus Dichter, die keine spaltenden, sondern zutiefst menschliche und nachdenkliche Werke erschaffen haben, welche sich mit diesem Schmerz auseinandersetzen. Das Projekt befasst sich sowohl direkt als auch poetisch mit dem vielleicht tiefgreifendsten Problem unserer heutigen Welt und lädt das Publikum dazu ein, darüber nachzudenken. Es nimmt absichtlich keine parteipolitische Haltung ein, damit Komponisten, Dichter und Bilder für sich selbst sprechen können.​

Jedoch durch das Erscheinen von Artikeln, wie zB. gestern in Die Welt, wird klar, dass wir nach Kriterien beurteilt werden, die nicht zu unserem Programm – Vertreibung und Flüchtlinge – passen, sondern sowohl durch politische Agenden als auch kleinliche Machtspiele. Und das inmitten einer wachsenden Rhetorik des Absoluten, von denen geschaffen, die nie in der Türkei gelebt haben, jedoch davon auszugehen scheinen, alles darüber wissen. Hezarfen Ensemble hat kein Interesse daran seine Arbeit für solche Zwecke vereinnahmt zu sehen. Das widerspricht den von uns benannten Idealen und würde Schaden bringen, statt des Friedens den wir anstreben. Am Ende ist klar geworden, dass die Arbeit des Hezarfen Ensembles benutzt wird und weiterhin benutzt werden wird:​

1. in Versuchen, den Ruf von Stephanie Carp zu beschmutzen
2. als einverleibter Beweis für andere Agenden
3. um falsche Urteile und Annahmen über uns zu treffen, einfach weil wir ein Ensemble aus der Türkei sind

Das Hezarfen Ensemble zieht es vor, nicht in einer solchen Umgebung zu spielen. Diese wurde leider vor allem durch den Herausgeber der Welt-Zeitung, angefangen mit der BDS-Debatte, sowie mittlerweile auch durch weitere Debatten, verursacht und welche sich im Laufe der letzten Monate in einen Medienzirkus verwandelt haben. Unsere sorgfältige Arbeit, bevor sie überhaupt gehört oder gesehen wurde, wird für politische Schlagworte und Manipulationen verwendet, wobei das, was wir aus unserem Gewissen heraus zu sagen haben, deutlich von denen übergangen wird, die ihre Wahrheit auf die Verwendung bestimmter Wörter reduzieren und sich weigern die Welt aus anderen Blickwinkeln als durch ihre eigenen Lupen zu sehen. Das ist das Gegenteil von dem was Hezarfen Ensemble ist, ein multi-ethnisches, zeitgenössisches Ensemble mit Sitz in der Türkei, das Brücken in Kultur und Musik baut. Wir entschuldigen uns aufrichtig bei unseren Zuhörern die eigentlich zur Ruhrtriennale kommen wollten, um zuzuhören.

Hezarfen Ensemble

Istanbul,12.08.2018

RuhrBarone-Logo

3 Kommentare zu “Ruhrtriennale: Hezarfen Ensemble verklärt in Absage Türkei zum Schmelztiegel verschiedenster Kulturen

  • #1
    ke

    Mit der Auswahl und Kurzbeschreibung von historischen und gegenwärtigen Ereignissen gibt es natürlich eine Agenda des Ensembles. Ebenso durch die Auswahl der Komponisten.

  • #2
    Arnold Voss

    Statt die eigene Position zumindest zu diskutieren, absagen. Interessantes Kulturverständnis für Leute, die "aus einem Schmelztigel verschiedenster Kulturen" zu kommen behaupten.

  • #3
    thomas weigle

    Mehr zum "Schmelztiegel Türkei" kann man in "Hölle Nr.5, Bericht aus einem türkischen Gefängnis" von Mehdi Zana,ehemals Bürgermeister von Diyarbakir, nachlesen. Mein lieber Herr Gesangsverein!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.