Sarrazin, das Lehmbruck-Museum und der Couch-Künstler

Horst Wackerbarth hatte eine Idee: Er fotografiert eine rote Couch. Immer an anderen Standorten. Das ist nett. Nun rechtfertigt er die Einladung  Tilo Sarrazins ins Duisburger Lehmbruck Museum.

Die geplante Veranstaltung mit Tilo Sarrazin in Duisburg ist – wenig überraschend – in die Kritik geraten. Gestern hat nun Horst Wackerbarth mit einem Brief auf die Kritiker reagiert. Wir dokumentieren ihn nachfolgend:
Stellungnahme von Horst Wackerbarth zur Veranstaltung im Lehmbruck Museum am 29.11.10 ab 18 Uhr „Thilo Sarrazin liest & diskutiert mit dem Künstler und dem Publikum“:
In diesen Tagen erreichen mich zahlreiche Anrufe und Emails von Einzelpersonen  und organisierten Gruppen, mit der Aufforderung und/oder der Bitte die Veranstaltung am 29. November mit/gegen Thilo Sarrazin abzusagen.
Man dürfe Thilo Sarrazin und seinen umstrittenen Aussagen kein öffentliches Forum geben und/oder es sei eine billige Masche für das Lehmbruck Museum und die Ausstellung „Here & There“ Reklame zu machen.
Hierzu nehme ich Stellung:
1. Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ hat sich über 650.000 Mal verkauft. Das Thema wird in allen führenden Talkshows und allen relevanten Medien, Print und TV, rauf und runter behandelt.
Thilo Sarrazin hat faktisch sein Forum, die große Öffentlichkeit. Bei der Veranstaltung im Lehmbruck Museum ist der Kontext aber ein völlig anderer.
2. Die Veranstaltung im Lehmbruck ist keine Talkshow oder Selbstdarstellung für Thilo Sarrazin und dessen Buch. Denn die Ausstellung „Here & There“ ist das lebendige, menschliche Gegen-modell zu den in „Deutschland schafft sich ab“ vertretenen Thesen.
Die  Gegensätze können größer nicht sein:
– Technokrat vs. Künstler
– „preußischer“ Beamter vs. Weltbürger
– Statistiken, Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Prognosen
vs. Biografien von Individuen
– Populismus vs. Kunst
3. Mein Lebenswerk „ The Red Couch – A Gallery of Mankind“ bringt alle Menschen auf Augenhöhe. Die Rote Couch ist eine Bühne für Integration und Gegensätze. Seit „Here & There“ ist die Funktion der Roten Couch erweitert um eine Kommunikationsplattform für Menschen, die sich im normalen Leben nicht begegnen oder sogar aus dem Weg gehen, zum Beispiel:
– Der Neo-Nazi mit Kampfhund und Trabi und der Türke, jüdischen Glaubens vor dem
ehemaligen Hauptquartier der Gestapo in Weimar, der Stadt von Goethe, Schiller,
Beethoven, aber auch Buchenwald.
–  Die Einbürgerung vor dem Duisburger Rathaus und die Abschiebung in der JVA Büren.
– Die Polizeibeamtin mit türkischem Hintergrund und der Ultra-Fussballfan mit
italienischem Hintergrund.
– Der Vorstandsvorsitzende der TUI und die türkisch-marokkanische Auszubildende eines
Reisebüros.
– Der Kardinal aus Mittelamerika in der Moschee in Duisburg-Marxloh, usw.
Auf der Couch ist auch Platz für eine „Auseinander-Setzung“ mit Herrn Sarrazin!
Deshalb war ich mit dem Vorschlag von Raimund Stecker, Thilo Sarrazin in die Ausstellung einzuladen, einverstanden und nehme an der Veranstaltung teil.
Horst Wackerbarth, Düsseldorf im November 2010
P.S.:  Das Lehmbruck Museum, ein Haus für Internationale Skulptur, befand sich zwei Jahrzehnte im „Dornröschen-Schlaf“.
Vom Bestand und der Bedeutung her Bundesliga spielte es leider Regionalliga. Wenn der neue Direktor Raimund Stecker u. a. Shirin Ebadi (Iran, Friedensnobelpreisträgerin 2003), Günther Grass (Nobelpreisträger Literatur 2008) und jetzt Thilo Sarrazin einlädt, ist dies auch der Versuch, das Museum aktiv am gesellschaftlichen Diskurs teilhaben zu lassen und das ist sinnvoll.

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5 Kommentare

  1. #1 | Herjeh2010 sagt am 25. November 2010 um 13:39 Uhr

    Wenn die sich wenigstens einigen könnten, wer die Idee hatte!

    https://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Wackerbarth-wollte-Sarrazin-im-Lehmbruck-Museum-id3976214.html

    „Die Idee, Thilo Sarrazin für eine Lesung im Rahmen der Ausstellung „Here & There“ zu gewinnen, habe Fotograf Horst Wackerbath selbst gehabt. Sagt Raimund Stecker, Direktor des Lehmbruck-Museum. Er beklagt die geringe Resonanz auf die Ausstellung.“

  2. #2 | Christian sagt am 25. November 2010 um 17:27 Uhr

    Künstler und Sarrazin – Helau !

    https://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/149741/index.html

    „Fassenacht und keiner lacht

    Sarrazin, Reichow und die Ranzengarde

    2009 wurde Thilo Sarrazin für sein „närrisches Wesen“ von einem Mainzer Fastnachtsverein geehrt – lange bevor seine umstrittenen Thesen veröffentlicht waren. Jetzt soll Sarrazin die Laudatio auf seinen Nachfolger, den Kabarettisten Lars Reichow, halten. (…)

    Die Floskeln der Politik zu entlarven, ist eigentlich das Metier von Liedermacher und Kabarettist Lars Reichow. Doch wer meint, er hätte ein Problem mit Sarrazin als Laudator, der irrt. Zum Späßemachen ist der Spaßmacher in diesem Fall nicht aufgelegt. „Ein Preis ist immer eine Streicheleinheit“, sagt er. (…)

    Roland Graßhoff würde „den Anspruch an einen intellektuellen Kabarettisten erheben, dass er zumindest weiß, was rassistische Thesen sind oder worum es bei Rassismus geht.“

  3. #3 | nes.t sagt am 25. November 2010 um 19:14 Uhr

    stop it , please stop it…warum duisburg? reicht es nicht das diese stdt wirtschaftlich gebeutelt, korrupt regiert uups und und und… ist….eine rationale wie emotional katastrophe…toller couchkünstler…dass der nicht innovativ ist war schon vorher klar aber solch eine argumentatinsstruktur ist mehr als blöd…650.000 mal verkauft…..gut, dann kommt demnächst die alte ns riege…650.000 mal erfolgreich ( is ja alles relativ) getötet…hauptsache hohe zahlen…bäh…pfui pfui pfui…“schlappes kastratenjahrhundert..zu nichts nütze als die schandtaten der vorzeit widerzukeuen und mit kommentationen zu schinden.pfui!“

  4. #4 | Jingo sagt am 25. November 2010 um 23:13 Uhr

    Falls ihr Farthmann überhaupt kennt:

    https://www.derwesten.de/nachrichten/politik/SPD-Mahner-Farthmann-stellt-sich-vor-Sarrazin-id3982607.html

    SPD-Mahner Farthmann stellt sich vor Sarrazin

  5. #5 | Justus Klasen sagt am 29. November 2010 um 11:43 Uhr

    Man gewinnt schon den Eindruck, dass hier das provinzielle Museumssüppchen am Skandalon Sarrazin gewärmt werden soll. Das ist unappetitlich und der Person Wilhelm Lehmbrucks nicht angemessen – und weckt die Befürchtung, dass sich Wackerbarth und Stecker zur Steigerung ihrer Popularitätswerte auch vor laufenden Kameras einen runterholen würden – Stop, meine Herrren, bitte lassen Sie die Hosen zu, es war doch nur ein Beispiel!

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