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Schalke und der taktische Arbeiterfußball

Ein Gespräch vor der Glückauf-Kampfbahn

Karsten Jahn kommt aus Herten, war viele Jahre in der Welt unterwegs und weilt zur Zeit vor allem bei unseren niederländischen Nachbarn. Er arbeitet irgendetwas mit Computern und ist seit seiner Geburt Schalke-Fan. Er interessiert sich für die Taktik des Fußballspiels und schreibt sein Beginn der Saison 2013 darüber in seinem Blog „halbfeldflanke“.

Michael Voregger ist in Gelsenkirchen geboren und isso.-Redakteur. Er hat seit Jahren eine Dauerkarte für Schalke 04 und schimpft nicht nur im Stadion, wenn es mal wieder nicht läuft.

Die beiden Fans haben sich vor den Toren der Glückauf-Kampfbahn in Schalke zu einem Gespräch unter Fans getroffen. Journalistische Objektivität spielt auf diesen Seiten also ausnahmsweise mal keine Rolle.

Michael Voregger: Schalke hat eine erfolgreiche Saison gespielt, und der zweite Platz war nicht zu erwarten. Ich habe viele Spiele im Stadion gesehen und vielleicht ein Heimspiel verpasst. Das war nicht immer toll anzuschauen, aber es war erfolgreich. Ist das klassischer Arbeiterfußball? Die Mannschaft ist gut organisiert, es wird gekämpft, und man setzt sich ein, aber es ist nicht immer schön.

Karsten Jahn: Ja, ich glaube, das passt so. Seit Christian Heidel da ist, geht es in diese Richtung. Wir arbeiten viel, es gibt viel hartes Pressing, es wird steil und schnell nach vorne gespielt. Schalke setzt auf Konter, und das war in der Vorsaison unter Weinzierl schon zu erkennen. Die Einkäufe gingen auch in diese Richtung. Unter Tedesco hat das eine andere Qualität bekommen. Es wird gearbeitet, hauptsächlich gegen den Ball. Dabei wird daraufgesetzt, dass Schalke nicht viele Gegentore bekommt. Das ist wirklich nicht schön anzusehen, und da bin ich voll bei Dir. Da liest man dann im Kicker (und das ist so eine typische Zeile): „Taktisch auf höchstem Niveau“. Da reibe ich mich gerne dran, denn natürlich wurde schön gegen den Ball gearbeitet, aber ob das auf taktisch höchstem Niveau ist, weiß ich nicht. Im Prinzip wurde, vereinfacht gesagt, jeder in Manndeckung genommen und quer über den Platz verfolgt. Zwischendurch wurde in der Hinrunde versucht, einen Fußball mit mehr Ballbesitz zu etablieren. Das funktionierte eine Zeit lang ganz gut, aber dann ist der Trainer davon wieder abgekommen, weil die Gegner sich das ausgerechnet haben und Paroli bieten konnten.

Michael Voregger: Es ist schwer, gegen Schalke zu spielen und vor allem auch zu gewinnen. Viele Gegentore gab es nicht. Die Saison ist zu Ende, und die Verantwortlichen beschäftigen sich schon mit der nächsten Spielzeit. Ein paar Verpflichtungen sind schon bekannt. Wird sich der Fußball in der nächsten Saison ändern, wird er schöner, oder bleiben wir bei dem taktischen Arbeiterfußball?

Karsten Jahn: Ich glaube, das wird sich ändern, und es wird sich ändern müssen. Viele Spiele auf der Kippe hat Schalke nur mit Glück und sehr knapp für sich entschieden. Der Zufall war manchmal ein entscheidender Faktor, und jetzt kommt die Champions League noch dazu. Schalke muss eine Schüppe drauflegen, und ich glaube, dass Tedesco eine sehr gute Idee hat, wie er Fußball spielen will. Es ist eine Vermutung, aber in der Rückrunde war es nicht immer so, wie er sich das vorstellt. Die Sommerpause wird dafür genutzt, sich da näher heranzuarbeiten. Wir werden in der nächsten Saison anderen Fußball sehen, und es wird sicher mehr auf Ballhalten gesetzt. Das war ja in der Hinrunde schon ein Thema, und da wird mehr Systematik reinkommen. Es lag ja oft am Abschluss, dass Schalke nicht souveräner gewonnen hat, und da wird sich was ändern.

Michael Voregger: Ich bin Fußballfan und stehe regelmäßig in der Kurve. Da treibt es mich zur Weißglut, wenn ein frühes Tor gelingt, und dann wartet die Mannschaft ab. Es kann immer ein Gegentor geben, wenn ein Ball durchrutscht oder ein Abspielfehler passiert. Es gab einige Spiele, die zum Schluss unentschieden ausgingen oder sogar verloren wurden. Ist das der Plan des Trainers, oder kann die Mannschaft nicht anders spielen?

Karsten Jahn: Ich vermute einen Plan, weil es halt häufig passiert ist. Oft waren die ersten zehn, zwanzig Minuten so, dass Schalke sehr hoch stand, hoch gepresst hat und früh attackiert hat. Ob da ein Tor fällt oder nicht, ist ein wenig Glückssache. Spätestens nach diesen zwanzig Minuten zieht sich Schalke zurück und verteidigt näher am eigenen Strafraum, um dann stärker kontern zu können. Die Idee ist dabei, je tiefer ich stehe, desto mehr Wege muss der Gegner gehen. Je weiter aufgerückt er ist, desto schneller komme ich vor sein Tor. Schalke hat viele Spieler für Konter, wie Yevhen Konoplyanka – der ja zum Schluss ein bisschen aufgeblüht ist. Die brauchen viel Platz, haben die Schnelligkeit und können dann im Zweifelsfall alleine in den Strafraum ziehen und den Abschluss suchen.

Meine Vermutung ist, dass das Spielermaterial für Tedescos Ideen nicht mehr hergibt. Das mit dem Ballhalten wurde eine Zeitlang mit Max Meyer versucht. Es hat nicht immer geklappt, weil die Mitspieler dafür fehlen. Meyer hatte unfassbar oft den Ball und spielte Doppelpässe mit Leon Goretzka. Alle anderen warteten auf den tiefen Ball in die Spitze, aber das ist nicht das Spiel von Meyer. Es fehlte das Kombinationsspiel, und er war für den Gegner leicht zu verteidigen. Meyer wurde von allen Seiten in den Deckungsschatten genommen. Es ging dem Trainer darum, mit dem Spielermaterial das Beste herauszuholen. Die Idee war, frühe Tore zu erzielen, sich dann zurückzuziehen, um dann nachzulegen. Insgesamt passte das gut, weil die Innenverteidigung von Schalke einfach sehr stark ist. Tendenziell gehört Schalke zu den zwei, drei Teams mit den wenigsten Gegentoren in der Bundesliga – das war schon die letzten fünf, sechs Jahre so.

Michael Voregger: Es gibt natürlich Schwächen, und dazu gehört, selber das Spiel zu machen, und das gegen einen starken Gegner. Mir ist aufgefallen, dass unser Passspiel oft sehr schwach ist, und das in entscheidenden Situationen. Der Spieler hat einen Zweikampf gewonnen, und der Pass in die Spitze muss kommen, aber es gelingt einfach nicht.

Karsten Jahn: Das ist mir auch aufgefallen, und das sind zwei Themen. Zum einen spielt Schalke mit viel Risiko und will schnell nach vorne kommen. Schalke steht mit einem Großteil der Mannschaft relativ nah vor dem eigenen Strafraum und versucht, schnell in den gegnerischen Strafraum zu gelangen. Dafür braucht es Risiko, und das heißt, wir müssen uns durch die Gegner durchmanövrieren. Es wird dabei in Kauf genommen, dass der Ball abgefangen wird, aber wenn der Pass durchkommt, dann bin ich relativ weit vorne. Da sind viele Bälle dabei, die leicht abgefangen werden. Wir haben eine niedrige Passerfolgsquote. Schalke hat hier derzeit die niedrigste Quote, seit ich meinen Blog mache – also seit fünf Jahren. Typischerweise liegt Schalke hierin bei etwas über 80 Prozent erfolgreicher Pässe. Jetzt sind wir bei etwas über 70 Prozent, und nur drei von vier Pässen kommen an. Oft wird gar nicht abgespielt, oder die Spieler sehen sich nicht. Es ist ein bisschen Kaffeesatzleserei, aber es wird viel improvisiert, und die Spieler haben im Zweifelsfall freie Hand. Das heißt, dass es wenig konkrete Spielzüge gibt, die eingeübt werden. Es wird mehr versucht, nach vorne zu kommen und sich auf dem Platz abzustimmen. Ich glaube, das ist für die Zukunft ein Thema, dass die Abstimmung im Zweifelsfall nicht so super ist und da ein wenig Systematik fehlt.

Michael Voregger: Weston McKennie ist ein Spieler, der mir gut gefällt und der viele Zweikämpfe gewinnt. Er macht viel richtig, aber wenn er dann den Ball hat, dann kommt das Abspiel nicht an.

Karsten Jahn: Die Ruhe zu bewahren, den Ball zu erobern, das Umfeld zu scannen und zu wissen, wo die Mitspieler sind – das kommt erst mit der Erfahrung auf dem hohen Niveau der Bundesliga. Manchmal sieht er das und weiß, wohin er den Ball spielen muss. Die Spieler drum herum sagen auch, wohin der Ball soll. Das ist ein gutes Zeichen, dass auf dem Platz viel kommuniziert wird. Die Zweikampfführung und die Ballkontrolle sind sehr gut, aber er ist halt noch sehr jung, und der Rest kommt noch.

Michael Voregger: Du hast irgendwann angefangen, dich mit Taktik zu beschäftigen. Ich sehe zwar ein paar taktische Dinge im Spiel, aber ich freue mich mehr über viele Torchancen. Siehst Du ein Spiel jetzt anders und denkst, der Deckungsschatten ist gut gelöst, und das Pressing klappt heute gut?

Karsten Jahn: Ich habe zwei Hüte auf, mit denen ich ein Spiel schaue. Im Stadion habe ich keine Gedanken frei, um auf Taktik oder so was zu achten. Ich gehe zum Teil sogar nach Hause und weiß nicht einmal genau, was für eine Formation die Mannschaft gespielt hat. Da bin ich einfach zu euphorisch dabei, und wenn es einen packt, dann habe ich dafür einfach null Konzentration übrig. Wenn ich mir das Spiel nochmal anschaue, dann bin ich deutlich nüchterner und analytischer dabei. Das heißt, ich schaue mir das im Anschluss genau an. Ich versuche, auf die einzelnen Spieler zu achten, Laufwege zu sehen und auf den Gegner zu achten. Das erfordert Konzentration, da bin ich beim Spiel zu emotional und kann das nicht. Es gibt Leute, die das können. Tedesco ist sehr emotional an der Seitenlinie, aber er trifft trotzdem rationale Entscheidungen. Deswegen verdient er wahrscheinlich viel Geld damit, und ich habe nur einen kleinen Blog. (lacht)

Der Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe des Stadtmagazins isso. erschienen.

Halbfeldflanke

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Ein Kommentar zu “Schalke und der taktische Arbeiterfußball

  • #1
    leoluca

    Besten Dank für dieses für deutsche, aber auch für Pottverhältnisse außerordentlich hohe Ideen- und Gesprächsniveau über Fußball. Dass es dabei um einen sogenannten Malocherclub geht, ist die nächste Überraschung. Schalker eben.

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