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#SchulboykottNRW: Eine von bemerkenswerten Widersprüchlichkeiten begleitete Aktion

Eine Grundschule in Waltrop. Foto: Robin Patzwaldt

Nach gut einem Monat Ausnahmesituation in diesem Lande, tritt der Egoismus vieler Interessengruppen inzwischen wieder mehr und mehr deutlich sichtbar zu Tage. Um einen persönlichen Vorteil kämpfend, testen viele Zeitgenossen in diesen Tagen offen aus, was für sie (schon wieder) geht und was nicht.

Das liegt grundsätzlich wohl so in der menschlichen Natur und überrascht daher auch nicht wirklich. Dabei geht es meist neben der eigenen Gesundheit inzwischen auch um das liebe Geld und sonstige wirtschaftliche Vorteile in der Krise.

In der Regel sind diese ganz unterschiedlichen Bestrebungen jeweils recht gut nachzuvollziehen, wenn man sie auch persönlich nicht immer teilen mag. Egal ob ein angestrebter Kirchenbesuch, eine Gaststättenöffnung oder die von vielen herbeigesehnte Wiederaufnahme des Fußballbetriebs, für all diese Vorhaben kann man durchaus mehr oder weniger gute Argumente ins Feld führen.

Richtig durcheinander geht es aktuell im Bereich von Schule und Bildung zu. Nicht nur, dass dort aktuell ein regelrechtes Chaos auszubrechen scheint, was die konkreten Rahmenbedingungen und die Termine für die Fortsetzung des Unterrichts betrifft. Jeder Verantwortliche scheint dort gerade irgendwie sein eigenes Süppchen zu kochen.

In diesem Sektor werden in diesen Tagen sogar immer häufiger öffentlich Forderungen und Wünsche in den Raum gestellt, die sich klar zu widersprechen scheinen. Und das von Leuten, die eigentlich doch an einem Strang ziehen müssten, da sie in einer ganz ähnlichen Situation sind.

Klar ist, dass die baldigen Schulabgänger durch die vom Corona-Virus ausgelöste Pause im regulären Schulbetrieb in eine missliche Lage gekommen sind. Es ist alles andere als ideal, wenn man nicht weiß, ob und wann eine vorgesehene Prüfung auf diesem Niveau durchgeführt werden kann und wird.

So gesehen werden viele Leute Verständnis für die Forderung zahlreicher betroffener Schüler haben, beispielsweise die Abiturprüfungen in diesem Jahr abzusagen, stattdessen die Abschlussbewertung ausschließlich aufgrund der bisherigen Durchschnittsnote zu bilden.

In einer dermaßen ungewöhnlichen Situation fällt es schwer, Argumente gegen diese Ausnahme-Regelung ins Felde zu führen, außer vielleicht ‚Das ist aber halt der seit Jahren übliche Weg.‘

Überhaupt gibt es zahlreiche gute Gründe dafür den Schulunterricht in diesen Tagen noch nicht wie geplant wiederaufzunehmen. Unter dem Hashtag #SchulboykottNRW hatten sich da jüngst zahlreiche Zeitgenossen meinungsstark zu Wort gemeldet.

Und auch wir hatten vor einigen Tagen ja ein Interview im Blog, in dem sich eine Realschul-Lehrerin aus Castrop-Rauxel dafür stark machte, den Unterricht in den Schulen noch nicht direkt nach den Osterferien wiederaufzunehmen.

Nun aber muss man sich in den vergangenen Tagen vermehrt darüber wundern, dass auf der anderen Seite gerade etliche Schüler öffentlich relativ lautstark darüber klagen, dass ihr Abi-Ball, ihre Abschlussfeier, ihre Motto-Woche und auch ihr geplanter Sommerurlaub, auf den sie sich so gefreut hätten, nicht wie geplant wird stattfinden können.

Zahlreiche scheidende Schüler vermissen offensichtlich einen regulären Abschied von ‚ihrer‘ Schule. In diversen Medienberichten, auch in der Lokalzeitung hier bei mir am Ort, waren in den vergangenen Tagen immer wieder entsprechende Stimmen zu vernehmen.

Dies zeigt das derzeit ungewöhnlich zerrissenes Meinungsbild an den Schulen im Lande.

Auf der einen Seite davon zu sprechen, dass man am Donnerstag lieber vor Ort noch nicht wieder in den Unterricht gehen möchte, Abi-Prüfungen gerne aussetzen oder aber zumindest freiwillig abhalten möchte, andererseits aber die Absage von Festivitäten rund um das Ende der eigenen Schulzeit lang und breit zu beklagen, das passt nicht wirklich gut zusammen.

Natürlich ist es immer schade, wenn langfristig geplante Feste und Unternehmungen abgesagt werden müssen. Aber es gibt eben Dinge im Leben, die deutlich wichtiger sind als Feiern und sonstige Vergnügungen. Und betroffen sind von diesen Problemen ja auch alle anderen Bürger, nicht nur die Schüler.

So verständlich die von Betroffenen öffentlich geäußerte Trauer um in diesem Jahr nicht zu realisierende Abschlussbälle, Motto-Wochen und Urlaubsreisen in jedem Einzelfall also auch sein mag, mit einer Aktion wie #SchulboykottNRW verträgt sich das mal so gar nicht.

Denn die zumindest theoretisch mögliche Wahl ist ja völlig klar: Eine große Ausnahmesituation erklären und die damit verbundenen drastischen Konsequenzen einfordern, oder aber lieber weiterhin weitestgehend ‚Business as usual‘ zu praktizieren. Beides geht in dieser Pandemie-Situation schlicht nicht zusammen!

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6 Kommentare zu “#SchulboykottNRW: Eine von bemerkenswerten Widersprüchlichkeiten begleitete Aktion

  • #1
    C. Karpus

    Hallo Herr Patzwaldt,

    das passt schon zusammen. Die Jugendlichen sind relativ schlau und realistisch und wissen, dass sie keine Mottowoche hatten, keine Abi-Reveue, keine Entlassfeier und keinen Abiball und in diesem Sommer auch nicht Reisen werden können. Das wissen sie und bedauern es aber sie haben das akzeptiert und verstehen auch, wieso das so sein muss. Wegen G8 fallen auch ganz viele 18. Geburtstage dieses Abijahrgangs ins Wasser. Das kommt schon ziemlich geballt. Und für Kinder, die bis auf wenige Ausnahmen, sich zum Schutz ihrer älteren Mitmenschen an die Regeln gehalten haben, ist es schon ziemlich unverständlich, wieso man sie jetzt zur Teilnahme an diesem Zewangsabitur verdonnert. Wo keiner weiß, ob dabei für die Gesundheit ausreichend vorgesorgt werden kann.

    Ihnen jetzt auch noch das "Jammern" zu verbieten, geht mir zu weit.

    Schulministerin Gebauer sieht die Situation wie folgt:

    "Sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die Lehrkräfte bringen ihre Erfahrungen, ihre Verluste, Ängste und Sorgen bei der Wiederaufnahme des Unterrichts in die Schulen mit. Es wird, so traurig das ist, Schulgemeinschaften geben, die den Tod von Lehrkräften, Schulleitungen oder Familienangehörigen zu beklagen haben, die das schulische Leben und den schulischen Alltag mitunter auch nachhaltig beeinflussen können. Es wird Schülerinnen und Schüler geben, die Erfahrungen von Isolation, innerfamiliären Konflikten oder auch Gewalt mit in die Schule bringen. Diese Erlebnisse und Ereignisse können ein unterschiedliches Ausmaß annehmen und mitunter eine schnelle Dynamik entwickeln.

    (Sigrid Beer [GRÜNE] schüttelt den Kopf.) –

    Sie schütteln den Kopf? – Okay. Sie können nachhaltige Auswirkungen auf das Schulleben und den Schulalltag haben und sich zu schulischen Krisen entwickeln. Auf derartige Situationen sind diese Schulen in ihrer Verantwortung für das schulische Krisenmanagement bereits seit Jahren vorbereitet. Neu ist, dass möglicherweise nicht nur einzelne, sondern mehrere, vielleicht sogar viele Schulen von diesem krisenhaften Geschehen erfasst sind bzw. werden."

    Auszug aus dem Protokoll des Ausschusses für Schule und Bildung, 16.04.2020

    https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMA17-961.pdf

  • #2
    Angelika

    "…Abi-Ball, …, ihre Motto-Woche…"

    Im Jahr 1976 gab es das an meiner Schule nicht – wohl eine Abschlussfeier mit Reden. Machte mir nix. Ich wollte studieren und tat es dann auch.

    Als ich vor einigen Jahren in einem Friseursalon mitbekam, wie eine jungen Dame wegen eine Hochsteckfrisur (wie in den 60zigern … kreisch …) beraten wurde, fragte ich mich, ob diese 18- , 19- , 20jährige denn wohl schon heiraten wolle … "Frau.., die macht das für den Abi-Ball…" Ok … dachte ich … eine andere Zeit … Gönn es den jungen Leuten …

    Nun ist es eben so. Kein Abi-Ball, kein Spaß-Gedöns rund um das Abi (ich will gar nicht wissen, wie das alles genannt wird …). Aber hoffentlich eine Zukunft. Ich wünsche all diesen jungen Menschen, ihren Eltern, Geschwistern, ihren Lehrern, Gesundheit, ein langes Leben, private und berufliche Chancen, Reisen (demnächst wieder!) und irgendwann Parties, Tanzen usw. usw..

    Und wenn man diesen jungen Leuten nun das Abi per vorherigem Notendurchschnitt gäbe, wäre es mir auch egal. Ob man studierfähig ist, entscheidet sich an der Uni. Und wenn da und dort Defizite sind (wegen Unterrichtsausfall während der Corona-Krise), dann kann man das, wenn man will, ausgleichen (und die Universitäten sind da natürlich auch gefordert).

  • #3
  • #4
    Angelika

    "…wie eine jungen Dame wegen eine Hochsteckfrisur…"

    Sorry …
    viel zu schnell getippt.

  • #5
    Lisa Eggebrecht

    Von zu Hause bekommen wir hausaufgenen . In der Schule möchte ich nicht angesteckt werden und mein Leben auf das Spiel zu setzen

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