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Selbstbildnis mit Bonhoeffer: BDS am Rand des Dortmunder Kirchentags

Farid Esack Foto: Thomas Wessel


Unser Gastautor Thomas Wessel ist Pfarrer der Christuskirche in Bochum und besuchte am Samstag in Dortmund eine Veranstaltung, die nicht Teil des Kirchentags war.

Die Stadt Dortmund hatte darum gebeten, das Land Nordrhein-Westfalen, der Bundestag: Hört auf, BDS zu promoten. BDS, heißt es im Bundestagsbeschluss, ziele auf die „Brandmarkung israelischer Staatsbürgerinnen jüdischen Glaubens“, die Kampagne sei „scharf zu verurteilen“. Der Evangelische Kirchentag, vor zwei Jahren noch indifferent gegenüber der Kampagne, hat in diesem Jahr entschieden reagiert und zwei BDS-Promoter vom Platz gestellt. Die daraufhin  –  als seien sie von Assad verfolgt  –  „Asyl“ erhalten haben in einer Dortmunder Gemeinde. Ulrich Duchrow, einer der beiden Deplatzierten: „Meine Frau arbeitet seit Jahren in der Asylarbeit, ich war mehrfach direkt beteiligt, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal ins Kirchenasyl müsste.“ Der Vergleich war ernst gemeint, er legt ein Selbstbild bloß, in dem sich Idealismus und Verfolgungswahn verschwistern. Ein Selbstbildnis des BDS in Deutschland? Eine Bildbeschreibung:

Etwa 120 Leute, kein Kommen kein Gehen, viel Freundlichkeit viel Einvernehmen. „Mit 62 bin ich einer der Jüngeren“, sagt einer, alle nicken. Treue Schar. Die Kirche eine Notkirche, 1948 aus Holz errichtet, heute denkmalgeschützt: Man sitzt in der eigenen Geschichte. Steht aber auf Seiten der Unterdrückten, denn das sei, rief Chris Ferguson von der United Church of Canada, „faith imperative“. Folgt der Verweis auf Dietrich Bonhoeffer.

Soweit das Setting, der Vorsatz ist gut, die Wirklichkeit grau. Die Seitenwahl aber scheint immer schon gefallen zu sein, und um das zu erklären, müsse man, so der gastgebende Ortspfarrer, „tief in die Seelenlandschaft der deutschen Mentalität einsteigen“, dort läge die Antwort, sie laute:

„Wir Deutsche bewältigen unsere Vergangenheit auf Kosten der Palästinenser.“

Beifälliges Nicken, das scheint die Denkfigur zu sein in allen Köpfen: Weil Auschwitz, darum Israel, darum Nakba (s. Anm. unten). Bei Farid Esack, muslimischer Religionswissenschaftler aus Südafrika, klingt diese Logik so: Rassismus zeige sich in „Slogans wie … ‘Die Iren sind dumm‘ oder ‚Die Juden sind das auserwählte Volk.‘ Die Schrecknisse des Holocaust waren, ebenso wie andere Katastrophen der Menschheit, in einmaliger Weise entsetzlich. Aber eine Form des Rassismus  –  in diesem Fall den Antisemitismus  –  zu einer eigenen Klasse zu erheben, (…) ist in Wahrheit eine weitere Manifestation der privilegierten Stellung der Weißen.“

Ein Hütchenspiel, das er da betreibt, am Ende ruft er „haltet den Dieb!“ und zeigt auf Israel: Esack ist Vorsitzender des südafrikanischen BDS und einer der beiden, die der Kirchentag ausgeladen hat.

Jetzt der andere, Ulrich Duchrow, linkstheologischer Professor em., der sich im „Kirchenasyl“ wähnt: Er erklärt, der jüdisch-christliche Dialog, den er lange Jahre selber mit geprägt habe, sei „zu einem Deal geworden: Weil wir Buße tun, dürfen wir Deutschen wieder teilnehmen, dafür müssen wir aber zu Israel schweigen“. Das klingt wie Martin Walser von vor 20 Jahren mit dem Unterschied,  dass sich Duchrow ausdauernd zu Israel äußert, und an dieser Stelle kommt der Verfolgungswahn in Spiel, Duchrow:

„Die Instrumentalisierung der Schuldgefühle der Deutschen ist das zentrale Problem. In Deutschland werden wir massiv manipuliert!“ 

Wer manipuliert, wen meint er? „Die Hasbara!“ Ist was? „Das großzügig finanzierte und finanzierende Propagandaprogramm des israelischen Außenministeriums …“ Duchrow nennt eine Zahl: „100 Mio Dollar!“ Kurzer Blick bei Wikipedia: Das Jahresbudget allein des Goethe-Instituts, Teil der auswärtigen Kulturpolitik der Bundesrepublik, belief sich 2015 auf 387 Mio €. Duchrow aber weiß, was Israel mit Geld in Deutschland anstellt: „Die Antideutschen!“Und schiebt gleich nach: „Kann ich Ihnen nicht erklären, schlagen Sie es unbedingt nach, es ist sehr wichtig. Die Antideutschen haben zwei Glaubenssätze, erstens: Israel hat immer recht, zweitens: USA hat immer recht. Sie definieren sich als Linke, nehmen aber rechtsextreme Positionen ein.“ Und dann? „Schaffen sie eine Ebene kollektiven Drucks, bestimmte Tabus nicht zu berühren.“ Wie das? „Hetzjagd gegen mein Buch.“ Was noch? „Ausschluss vom Kirchentag.“ Noch mehr? „Bundestagsbeschluss gegen BDS.“ Aber wie können die solch einen Einfluss haben?„Feliks!“ Feliks? Duchrow meint es ernst: „‘Feliks‘ dringt in Wikipedia-Artikel ein, um dort negative Eintragungen bei israelkritischen Personen und positive bei kritiklosen Unterstützern des Staates Israel zu lancieren.“

Kein Witz, alle Zitate sind auf dem Podium in Dortmund gefallen und nachzulesen (s. Anm.) im Vorwort zu Duchrows jüngstem Buch, das der Verlag rechtzeitig stoppen konnte und das jetzt in Kleinstauflage kursiert. Es hat etwas Unheimliches, wenn ein Mann, der sein Leben lang veröffentlicht hat, an eine „Hetzjagd“ glaubt, weil ein Verriss erschienen ist, dann ein Interview im DLF, ein Kommentar in der WELT, dann dringt „Feliks“ in Wikipedia ein, „weitere Interventionen kamen in der Wochenzeitung ‚Die Zeit‘ (Volker Beck) und sogar in der taz (Micha Brumlik). Es drängt sich der Eindruck einer orchestrierten Kampagne auf“, schreibt Duchrow: „Der Kontext solcher Kampagnen ist das Propagandaprogramm des israelischen Außenministeriums“.

Duchrow auf dem Dortmunder Podium: „Wir werden in Deutschland missbraucht von diesen Kräften.“

Ist das antisemitisch? Sagen wir so: Es ist BDS.

Kirchentagsfarbene Bank Foto: Thomas Wessel

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Anm | Nakba, dt. Katastrophe oder Unglück, ist der palästinensische Begriff für Flucht und Vertreibung in Folge des arabischen Angriffskrieges auf Israel 1948. In der konditionalen Reihung Auschwitz-Israel-Nakba liegt ein zweifacher Fehlschluss: Dass es Israel gibt, weil es Auschwitz gab, ist falsch, die Staatsgründung geht weit hinter Auschwitz zurück, die jüdische Präsenz im Land noch sehr viel weiter. Dass die Gründung Israels Ursache der Nakba sei, ist abermals falsch: Ursache war die Entscheidung der arabischen Staaten, keinen palästinensischen Staat zu dulden, sondern den jüdischen Staat mit Krieg zu überziehen.

Anm| Duchrows Verschwörungstheorie: http://ulrich-duchrow.de/wp-content/uploads/2018/12/000-Rundbrief-zu-2.-Aufl.-Religionen-f%C3%BCr-Gerechtigkeit-in-Pal%C3%A4stina-Israel.pdf

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Ein Kommentar zu “Selbstbildnis mit Bonhoeffer: BDS am Rand des Dortmunder Kirchentags

  • #1
    Gerd

    Deutschland schweigt zu Israel? Wenn es doch nur so wäre?

    Deutschland wird (vom ewigen Ju, pardon Zionisten) manipuliert? Na, wenn das kein klassisches antisemitisches Vorurteil ist?

    "Wir Deutsche bewältigen unsere Vergangenheit auf Kosten der Palästinenser.“ Geschichtsvergessen! Der völkerrechtliche Beschluss zur Wiedergründung Israels wurde 1920 getroffen.

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