
Es gibt diesen alten Satz, halb spöttisch, halb resigniert: „Zivilisation ist nur eine dünne Schicht Firnis.“ Wer jemals die Kommentarspalten unter einem Online-Zeitungsartikel gelesen hat oder einen Shitstorm verfolgt, weiß: dünner, als wir dachten. Social Media hat uns nicht ehrlicher gemacht, es hat uns enthemmt.
Im echten Leben bremst uns der Blickkontakt. Wir wissen, dass die unfreundliche Bemerkung an der Supermarktkasse nicht ohne Folgen bleibt. Es könnte eine scharfe Antwort hageln oder, wenn man es zu bunt treibt, sogar eine schallende Ohrfeige. Diese Aussicht auf unmittelbare Rückmeldung hält viele von uns erstaunlich gut im Zaum.
Online fällt dieser Filter weg. Die Tastatur ist warm, der Bildschirm anonym, und die Plattformen belohnen, wer besonders laut, empört und gnadenlos ist. Das Resultat: Menschen zeigen dort vielleicht nicht ihre „wahre Natur“ – aber eben doch die Seite, die sie sich sonst verkneifen. Wer sich früher in der Kneipe ganz hinten brummig über Anderstickende ausgelassen hat, kann heute im Netz jeden anschnauzen, der nicht spurt, und fühlt sich noch heroisch dabei.
Das gilt auch für manch krude Theorie. Solche Gebilde gedeihen vor allem online, weil sich dort die versammeln, die glauben wollen – an irgendetwas. Es kann ja schlecht sein, dass das eigene Leben wirklich so bedeutungslos ist, wie es seit Jahren aussieht. Irgendeine Ursache muss her, irgendwer muss schuld sein, man selbst ist schließlich die Krone der Schöpfung. Und wenn es schon nicht die ewige Weltverschwörung oder die Freimaurer sind, dann eben der Idiot mit der anderen Weltsicht. Hauptsache, die Kränkung bekommt ein Gesicht und der Frust eine einfache Erzählung. Eine möglichst laute Erzählung.
Lautstarke Minderheiten und ihre Auswirkungen
Das Phänomen der lautstarken Minderheit ist dabei vielleicht das politisch gefährlichste Nebenprodukt. Kleine Gruppen, oft hochgradig akademisiert und in einer ideologischen Blase lebend, klingen online wie eine überwältigende Mehrheit. Sie beherrschen die Schlagzeilen, weil Journalisten und Politiker glauben, die Netzlautstärke sei die Stimme des Volkes. Nur so lässt sich erklären, wie in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren so manche politische Entscheidung zustande kam: nicht, weil die Mehrheit das wollte, sondern weil eine aktive Minderheit es so aussehen ließ. Der Elfenbeinturm war selten so laut.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Landwirt aus dem Emsland, kürzlich, bei einer kleinen Feier. Er sagte: „Wenn ich auf den Feldern stehe, höre ich nichts von diesen Debatten, die bei Twitterhoch und runter gehen. Aber die Politik scheint zu glauben, das sei das echte Leben.“ Der Mann weiß zwar nicht, dass Twitter jetzt X heißt, aber er hat mehr Realitätssinn als viele, die in den sozialen Netzwerken den Ton angeben.
Dazu kommt der Online-Mob: der Shitstorm, dieses so modisch gewordene Wort. Der Shitstorm ist nur möglich, weil das Internet die natürliche Bremse des persönlichen Gegenübers aushebelt. Auge in Auge würde kaum jemand derart beleidigend werden. Stattdessen könnte das Gegenüber widersprechen oder einfach weggehen. In den Kommentarspalten aber bleibt das Opfer festgenagelt und allein vor dem Bildschirm.
Social Media ist ein Zerrspiegel der Realität
Man sollte Social Media vielleicht nicht unbedingt für das wahre Gesicht der Gesellschaft halten. Es ist ein Zerrspiegel, der die Extreme verstärkt und die Lautstärke zur Währung macht. Die meisten Menschen sind weder hysterisch noch hasserfüllt. Aber sie sind leise – und werden von der Plattformlogik an den Rand gedrängt.
Wer im Netz glaubt, den „wahren Menschen“ zu sehen, irrt. Wir sehen dort eher, was aus Menschen wird, wenn man ihnen die sozialen Bremssysteme nimmt: Enthemmung, Pose, gelegentlich ein Hauch von Exhibitionismus. Die Zivilisation ist nicht weg – sie hat nur gerade kein Profilbild.
