Sollen Kinder früher für ihre Taten büßen?

Ein 12jähriges Mädchen ist tot, Luise aus Freudenberg. Sie wurde, nach derzeitigem Ermittlungsstand, von zwei anderen Mädchen getötet, mit über 30 Messerstichen. Mutmaßlich erfüllt die Tat die Merkmale von Mord. Eine strafrechtliche Verfolgung der beiden Täterinnen wird nicht erfolgen, denn sie sind jünger als 14 Jahre, somit nicht strafmündig. Nun wird diskutiert, ob das sein kann, und ob das Alter für die Strafmündigkeit nicht herabgesetzt werden sollte, auch vor dem Hintergrund zunehmender Delinquenzen von Kindern. Das ist eine populäre Forderung, und völliger Bullshit.

Aus Sicht vieler Menschen da draussen, soll das Strafrecht Schuld büssen lassen, und die Strafbedrohung soll von Taten abschrecken. Tatsächlich soll das Strafrecht zum einen (auch) geltende gesellschaftliche Normen abbilden, zum anderen eine Steuerungswirkung haben. Dabei geht das Erwachsenenstrafrecht davon aus, dass ein Täter einen vollen Einblick und Verständnis in die Art und das Ausmaß seiner Tat hat. Juristen können sicherlich die theoretischen Fundierungen viel besser erklären; aber fachliche Meinungen interessieren derzeit kaum – weder juristische noch psychologische.

Dabei müsste eigentlich einiges im kinder- und jugendpsychologischen Bereich Beachtung finden. Kinder und Jugendliche können schon aufgrund ihrer Hinreife die Folgen von Handeln nicht langfristig überblicken. Deswegen lassen wir Kinder auch keine Autos kaufen, oder Rentenverträge abschließen. Spätestens an dieser Stelle sollte der Volkszorn ins Nachdenken kommen. Aber genau das ist nicht die Stärke eines aufgeladenen Volkszorn.

12jährige sollen strafrechtlich belangt werden. Dass man dann aber darüber nachdenken müsste, sie auch wählen zu lassen, sie Alkohol trinken zu lassen, sie rauchen zu lassen, oder eben auch Verträge vollumfänglich abschließen zu lassen, darüber spricht niemand. So weit wird nicht gedacht.

Man könnte aber doch vielleicht nur bei massiven Straftaten einschreiten, und das zerkratzte Auto, den Schubser in der Schule, die Scheibe die mit einem Ball zerschossen wurde, eben nicht mit einbeziehen. Wieso sollte man das? Wenn wir davon ausgingen, dass Kinder vollumfänglich verstehen und bewusst abgewogen handeln, wieso sollten sie nicht wegen Sachbeschädigung angezeigt werden, wieso sollte der gestohlene Lippenstift nicht strafbewehrt sein?

Dazu kommt, dass der Volksbauch nicht gewahr hat, dass nicht die Polizei oder die Staatsanwaltschaft, geschweige denn Facebook-Kommentare, Recht sprechen, sondern eben ein Gericht. Erst das Gericht ordnet die Schwere einer Tat ein, und nein, das Gericht muss eben nicht der Staatsanwaltschaft folgen. Wir nennen das Gewaltenteilung, und sie eines der höchsten Güter, die eine Demokratie hat. Was also wenn ein Staatsanwalt Mordmerkmale erfüllt ansieht, für die man Kinder verurteilen können sollte, das Gericht aber eine Körperverletzung mit Todesfolge erkennt? War dann das Strafverfahren per se nicht anzustrengen gewesen? Und was wenn die nächste Instanz es anders sieht – gibt es überhaupt eine nächste Instanz?

Es fällt derzeit – natürlich – schwer, sich vom dem grausamen Tötungsdelikt zu lösen. Luise war 12, sie hatte noch, wie man sagt, ein ganzes Leben vor sich. Das wurde ihr genommen. Soll man deswegen nun den Täterinnen auch diese Möglichkeit nehmen? Wollen wir „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ leben? Die Frage ist rhetorisch, auch wenn die Antwort vieler Deutscher dazu leider „Ja“ ist.

Nicht ohne Grund trennen wir zwischen dem Jugend- und dem Erwachsenenstrafrecht. Das Jugendstrafrecht hat den Fokus auf erzieherische Aspekte. Man erkennt die Tat des Täters an, man sieht seine Schuld. Man sieht aber auch, dass der Täter Unterstützung auf seinem weiteren Weg braucht, man versucht ihn gewissermaßen auf „den rechten Weg“ zu bringen. Und man erkennt eben den Reifungsstand an – deswegen verurteilen wir junge Erwachsene auch nicht zu lebenslangen Freiheitsstrafen.

Sind Kinder und Jugendliche aber heute nicht schon viel früher weiter als früher? Diese Frage bekomme ich oft zu hören. Ich arbeite nun seit einigen Jahrzehnten mit vielen Hunderten Kindern und Jugendlichen, und meine Antwort ist: eigentlich nicht. Wir wissen, dass junge Menschen heute später anfangen, wenn überhaupt, zu rauchen, und dass auch der Alkoholkonsum, zumindest mit Blick auf Krankenhausaufenthalte, stark rückläufig ist. Auch verschiebt sich das Alter des ersten Geschlechtsverkehrs weiter nach hinten.

Woher kommt aber dann der vorbenannte Eindruck? Kinder nutzen heute schon früh selbstverständlich Medien und Techniken, mit denen die heutigen Erwachsenen oft schlechter umgehen können und die ihnen später bekannt wurden. Das ist eigentlich ein trivialer Umstand: vor 10, 20 Jahren gab es eben kaum Social Media, Handys waren nicht so selbstverständlich. Dementsprechend muss zwangsläufig bei Erwachsenen der Eindruck entstehen, dass Kinder heute früher weiter sind. Das Problem: viele Erwachsene interessieren sich gar nicht wirklich für die Lebenswirklichkeiten von Kindern und Jugendlichen – sie abstrahieren von Einzelfällen auf die Allgemeinheit, gerade dann, wenn diese Einzelfälle ihre Vorurteile bestätigen.

Noch schlimmer: viele Eltern wissen gar nicht, was ihre Kinder da eigentlich online und am Handy machen. Das Schlimmste ist dann, wenn Eltern ihr Unvermögen fast stolz vor sich hertragen, wenn sie betonen „dass sie da ja nicht durchblicken, was der Kurze macht“. Wieso? Wieso setzen sich viele Eltern nicht mit ihrem Kind hin, schauen sich an, was das Kind sich anschaut, benennen, was sie nicht verstehen, lassen sich Dinge erklären? Ist das eine Ego-Sache? Die Sicht, dass man als Erwachsener dem Kind ja immer überall voraus ist? Wie kann es sein, dass Eltern überhaupt keine Ahnung davon haben, wenn ihre Kinder online mit Pornografie oder Gewaltvideos konfrontiert werden? Wie können Eltern kein Gefühl dafür haben, was sozialer Druck in Social Media bedeutet, und nicht wissen, wie man Kinder hier stark machen kann?

Kinder und Jugendliche haben, nach allen Studien, stark unter den COVID-19-Schutzmaßnahmen gelitten. Mit Blick auf den damaligen Kenntnisstand waren die Maßnahmen richtig, das soll hier nicht bestritten werden. Aber sie hatten eben Folgen: das soziale Miteinander in der Peer-Group konnte nicht ausprobiert und erlernt werden, Bildungsprobleme und das Gefühl, abgehängt zu sein verstärkte sich, dazu kamen viele Spannungen in den Familien. Das alles hat dazu geführt, dass sich die psychischen Spannungs- und Problemzustände erhöhten. Wir wissen das nun schon länger, aber wir gehen es nicht an.

Wir brauchen in den Kitas und Schulen geschulte Fachkräfte, die wissen, was Anzeichen von Problemlagen sind, und auch wissen, welche Wege sie dann gehen können. Wir sprechen hier im Übrigen nicht von psychopathologischen „Vollbildern“, also voll ausgeprägten Depressionen oder ähnlichem, wir sprechen von Belastungen, von Rückzugsverhalten, von Impulsdurchbrüchen.

Wir müssen auch sicherstellen, dass Kinder möglichst viel Kontakt zu anderen Kindern haben können. Die Ort sind hier v.a. die Kitas und Schulen. Ja, es gibt auch Vereine, aber da findet sich naturgemäß nur ein kleiner Teil der Kinder und Jugendlichen. Wieso stellen wir nicht sicher, dass möglichst viele und möglichst unterschiedliche Kinder und Jugendliche in den Kitas und im Offenen Ganztag (OGS) der Grundschulen sind, in dem wir den Besuch kostenfrei stellen, und damit Eltern nicht ins Grübeln bringen. Und wieso bieten wir an den weiterführenden Schulen nicht flächendeckend ein OGS-Angebot an? Neben dem Effekt auf die Kinder, könnten wir dadurch auch mehr Eltern die Möglichkeit geben, arbeiten zu gehen, so sie das denn wollen (auch ein Stichwort: Gendergap)?

Wir tun das alles nicht, weil es Geld kostet, und weil die Mehrheitsmeinung ist, dass es ja auch früher anders ging. Dabei glorifiziert man übrigens, wie es früher war, wann immer das auch gewesen sein soll. Gewalt gegen Kinder und generelle Gewalt in Familien war früher viel üblicher. Bekommt heute ein Kind in der Öffentlichkeit eine Ohrfeige, wird (fast immer) jemand etwas sagen, Nachbarn melden immer öfter Kinderschreie von nebenan. In den 1950er oder 1960ern undenkbar. Und auch die Gewalt unter Kindern war, wenn man eben Menschen zuhört, die von früher erzählen, verbreiteter als heute. Das wiederum führt dazu, dass man heute sensibler bei Gewalt durch und gegen Kinder ist. Das ist gut. Es versperrt aber eben mitunter den Blick darauf, dass es eben früher schlechter und nicht besser war.

Unsere Kinder brauchen Hilfe und Unterstützung, nicht drakonische Strafen.

Es ist schäbig und verachtenswert, wenn nun Politiker den mutmaßlichen Mord an Luise nutzen, um ihre eigene rückwärtsgewandte Law-and-Order-Vorstellungen zu verbreiten. Im Übrigen übersehen sie dabei, dass gerade bei schweren Straftaten die Androhung der Strafen nicht dazu führt, dass diese Taten seltener verübt werden. Es geht schlicht um Rache, nicht mehr, nicht weniger. Es ist regressiver Populismus, oder eben Dummheit.

Man wird durch all die beschriebenen Maßnahmen das Unrecht, das Luise wiederfahren ist, nicht aufheben können. Den unermeßlichen Schmerz der Familie und Freunde wird man dadurch nicht lindern. Es ist völlig menschlich, Wut und auch Hass gegenüber den Täterinnen zu empfinden. Man darf sie auch nicht aus ihrer individuellen Verantwortung entlassen.

Darum geht es nicht. Es geht darum, einen Weg zu finden, solche Taten, wie selten sie auch sind, zu verhindern. Und dafür braucht es gesellschaftliche Reflektion, Veränderung von Strukturen, ein erhöhtes Verantwortungsbewußtsein bei Eltern – und eben Geld. Und keine Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters.

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