STIKO-Empfehlung zur vierten Impfung – Die Kommunikation wird mit jedem Booster schlechter

Ampulle mit fünf Impfdosen des BioNTech-Vakzins Foto: U.S. Secretary of Defense – https://www.flickr.com/photos/secdef/50721647742/ Lizenz: CC BY 2.0

Seit zwei Jahren ist Pandemie und seit zwei Jahren gelingt es politischen Akteuren in erschreckender Präzision, kommunikative Unzulänglichkeiten zum Schaden der Bevölkerung und des Vertrauens in die Politik zu optimieren. Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur vierten Impfung ist nur ein weiterer Höhepunkt in einer nicht enden wollenden Kette des Versagens. Ein erster richtiger Schritt wäre es, die Bevölkerung endlich wie mündige Erwachsene zu behandeln.

Wir leben in einer schnelllebigen Welt. Es ist eine Art Mantra geworden, Informationen so weit in der Komplexität zu reduzieren, dass der Konsument sich nicht mehr eingehend mit der Information selbst beschäftigen muss. Das geht zulasten der Informationsqualität und erhöht die Dunning-Kruger-Quote in der Bevölkerung. Politiker und öffentliche Akteure haben auch die Aufgabe, Aussagen der Wissenschaft ideologiefrei so zu kondensieren, dass die Kernaussagen von einer fachfremden Bevölkerung verstanden werden können. Nur so lässt sich die Wissenschaft schützen und Vertrauen in die Politik stärken. Verlässlichkeit und langfristige Strategien lassen sich in der politischen Kommunikation dieser Tage jedoch kaum finden.

Bereits im Gymnasium haben wir uns mit dem Kommunikationsmodell von Schulz von Thun beschäftigt, die „vier Seiten einer Nachricht“. Stark kondensiert: Die Art der Darstellung einer Aussage beeinflusst die Wahrnehmung. Wer eine bestimmte Wahrnehmung erreichen will, muss das bereits bei der Aussage berücksichtigen.

Und die Art der Darstellung ist auf einem historischen Tiefpunkt. Mittlerweile haben wir einen Gesundheitsminister, der in der Darstellung vermehrt auf Twitter setzt. In 280 Zeichen lässt sich viel darstellen, es wäre aber wünschenswert, dabei nicht nur stark vereinfacht und verkürzt das kurzfristige Ziel zu kommunizieren, sondern den Sinn des kurzfristigen Ziels in der langfristigen Strategie.

Während der Impfkampagne vor einem Jahr hieß es, dass eine vollständige Immunisierung nach zwei Impfungen erreicht sei und knüpfte sie an zahlreiche Versprechen für alle Geimpften.

Mittlerweile ist klar: Das war falsch. Wesentlich schlimmer aber ist, dass es schon damals nicht Stand der Forschung war. Im April 2021 äußerte sich Albert Bourla, dass die Wirksamkeit des Impfschutzes nur eine Momentaufnahme darstelle, dessen langfristige Wirksamkeit noch erforscht werden müsse. Er äußerte bereits damals, dass eine dritte Impfung vermutlich notwendig würde.

Politisch ignorierte man derartige Aussagen großflächig. Das kurzfristige Ziel, mit im Endeffekt nicht haltbaren Versprechen einen Großteil der Bevölkerung geimpft zu bekommen, wurde überpriorisiert. Umso größer war der öffentliche Aufschrei, als Ende 2021 die Boosterkampagne anlaufen musste. Schnell gerieten politische Akteure in Erklärungsnot und übten sich in Ausflüchten, man habe den Effekt der Impfungen überschätzt oder zu sehr auf Hoffnungen gesetzt. Die Wahrheit ist eine andere: Man hat einfach nur die halbe Wahrheit kommuniziert. Die dritte Impfung kam weder überraschend noch unerwartet.

Lehren zog man aus dieser Erkenntnis folgerichtig nicht. Vor nur zwei Wochen äußerte sich Gesundheitsminister Lauterbach, dass eine vollständige Impfung, die auch einer Impfplicht genüge, aus drei Impfungen bestehe. Diese Kombination, so Lauterbach, böte gegen alle Corona-Varianten Schutz zumindest vor schwerer Krankheit und Tod.

Und erneut verschwieg ein zentraler politischer Akteur das einschränkende Sternchen. Im September 2021 untersuchte der wissenschaftliche Erste-Welt-Staat Israel den Effekt von Booster-Impfungen, monitorte nachfolgend die Antikörperlevel der Geimpften und analysierte die Todesfälle anderer Staaten weltweit. Das total überraschende Ergebnis: Was für die Erst- und Zweitimpfung galt, gilt auch für die Drittimpfung. Je schlechter das Immunsystem eines Menschen ist, desto schneller sinkt der Level an Antikörpern. Wer im medizinischen Bereich arbeitet und häufig Kontakt mit dem Coronavirus hat profitiert von einem Antikörperlevel, das in der restlichen Bevölkerung gar nicht notwendig ist. Weiterhin zeigen die Daten des RKIs, des CDCs sowie weiterer Forschungseinrichtungen: Wer geimpft am Coronavirus stirbt, ist in aller Regel schwer vorerkrankt oder sehr alt.

Die folgerichtige Erkenntnis der Israelis war die vierte Impfung für vulnerable Gruppen sowie medizinisches Personal. Diese steigert den Antikörperlevel massiv und kann in den Zielgruppen Todesfälle effektiv verhindern und den Erkrankungslevel im Gesundheitssektor reduzieren. Weiterhin belegte die Studie, dass gerade bei jüngeren und immungesunden Menschen eine vierte Impfung keinen zusätzlichen Nutzen schafft. Und genau auf diesen Erkenntnissen basiert die völlig richtige Empfehlung der STIKO, die sich explizit auf vulnerable Gruppen und medizinisches Personal bezieht.

Die richtige Aussage wäre daher: Eine vollständige Immunisierung besteht aktuell nach drei Impfungen für den größten Teil der Bevölkerung. Wie lange die Antikörper reichen wissen wir nicht, ob das Virus nach Omikron endemisch wird wissen wir nicht, ob die Impfungen vor Varianten in der Zukunft Schutz bieten wissen wir ebenfalls nicht. Der individuelle Schutz kann abweichen, Garantien kann niemand geben.

Das ist Science in Progress. Möchte man die Bevölkerung von einer langfristigen Strategie überzeugen, dann muss dringend damit Schluss sein, in kurzfristigen Halbwahrheiten ohne Berücksichtigung des Kleingedruckten zu argumentieren.

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Jürgen
Jürgen
1 Jahr zuvor

Vielen Dabk für den Text. Dem kann ich zustimmen.

Ich möchte ihn noch ergänzen: Diese Empfehlung wird nicht gelesen und verstanden, es läuft darauf hinaus, dass sich jetzt ganz vielen Menschen, die nicht von dieser Empfehlung erfasst werden, trotzdem unbedingt ein viertes Mal impfen lassen möchten und daraus ein medialer wie gesellschaftlicher Druck resultiert, dass doch alle, die wollen oder meinen zu müssen, auf einer vierten Impfung bestehen, egal ob sinnvoll oder nicht.

Aufrecht
Aufrecht
1 Jahr zuvor

"….Science in Progress" – das is gut!
Schauen wir mal, was dabei am Ende dabei herauskommt und wie lange der die Geduld der Geimpften dabei noch reicht. Der Glaube versetzt Berge, sagt man ja immer….

thomas.weigle
thomas.weigle
1 Jahr zuvor

Guter Text.Der größte Fehler war wohl, nie zu sagen,"das ist der Stand heute,morgen oder in vier Wochen kann das alles schon überholt sein-das Wichtigste aber ist,sich jetzt zu schützen,auch wenn dieser Schutz sich als zeitlich nur begrenzt wirksam erweisen könnte." Ob eine solche Politik,oder das schöne Motte Science in Progress alle überzeugt hätte bzw.kann-zweifelhaft. Dazu sind schon zu viele v.a. in den sozialen Medien unterwegs, denen die ganze Richtung schon vor Corona nicht gepasst ht und die nun ihren Hass freien Lauf lassen.Dass es kein einheitliches Vorgehen bundesweit gibt, ist logischerweise auch kein Publikumserfolg.
Wie auch immer-ich lechze nicht gerade nach einem erneuten Booster,werde mich ihm aber keinesfalls verweigern. Auch sonst mache ich vorerst so weiter wie seit nun mehr zwei Jahren-Safety first.

SvG
SvG
1 Jahr zuvor

Ich erinnere mich noch sehr gut an ein Interview mit dem Stikobärchen, als nicht nur ich den Eindruck hatte, daß er während einer Frage eingeschlafen war.
Der "Widerstand" gegen das Impfen ist in nicht unwesentlichem Anteil durch das chaotische Geplapper der "Eliten" in Politik, Medien, vor allem ÖR und Wissenschaft entstanden bzw. verhärtet worden.
Zum Thema Impfen just einen Kommentar über die Impfpflicht für Pflegekräfte gelesen, der sehr lesenswert ist:
https://www.welt.de/politik/deutschland/article236665623/Corona-Warum-die-Impfpflicht-fuer-die-Pfleger-ein-Skandal-ist.html

Angelika, die usw.
Angelika, die usw.
1 Jahr zuvor

Ein Gesundheitsminister twittert. Nun, das tat er auch vor Beginn seiner Amtszeit.
Der Autor des Artikels hat 51 follower (was natürlich nicht gegen den Autor spricht), der derzeitige Gesundheitsminister… öm … einige mehr (was natürlich nicht gegen den Gesundheitsminister spricht). Als Lauterbach sein Amt antrat, kündigte er an, dass er weniger twittern werde (Zeitfaktor), was dann auch der Fall war.
Ich habe auch die tweets des Amtsvorgängers gelesen, die zur Pandemie wenig informativ waren. Lauterbach verwies nach meiner Erinnerung zu Beginn der Pandemie mehrfach darauf, dass die jeweiligen Forschungsergebnisse (Phase vor Impfstoff, erste Phase mit Impfstoff, usw. usw.) vorläufig seien, fortlaufend korrigiert werden müssten, dass sei so in der Wissenschaft (ich könnte das genauer recherchieren und tweetchen anschleppen, aber ich bin hier nicht als Zeitgeschichtehistorikerin angestellt, ich tippe nur mal schnell einen Kommentar). Lauterbach erklärte und erklärte (schon vor Amtszeit), verwies auf Fachaufsätze (zumeist in engl. Sprache). Ich las einige Aufsätze in Teilen, da mir med. Wissen fehlt, komme ich da schnell an meine Grenzen. Das Engagement Lauterbachs auf tw. wissen viele sehr zu schätzen, dass ich auch zu diesem Kreis gehöre wird in diesem Kommentar und anderen Kommentaren vorher deutlich.

thomas.weigle
thomas.weigle
1 Jahr zuvor

@ Angelika,die usw. Da ich nicht twittere, sind mir diese Äußerungen entgangen. Wenn das so war,spricht das natürlich auf das Schärfste für ihn, ganz ohne Frage.Wie auch immer, eri st eine Wohltat gegenüber seinem Vorgänger.

SvG
SvG
1 Jahr zuvor

#thomas.weigle u. Angelika, die…:
MW hat KaLau "versehentlich" die doppelte Menge an max. nötigen Impfstoffeinheiten für Januar bestellt. Der Unsinn mit dem verkürzten Genesenenstatus, der nur für normale Bürger, nicht jedoch für die MdBs gilt, geht auch auf seinen Deckel. Und die versprochene Anerkennung der Leistung der Menschen im Gesundheitsdienst war bislang nur eine Wahlkampfphrase.
Er steht genauso wie sein Vorgänger für ein paternalistisches Regieren, nach eigenem Bekunden hofft er darauf, daß die Mißachtung der Grundrechte in Coronazeiten auch im "Kampf gegen die Klimakrise" , der MMn vergebens ist, einsetzen zu können.
"Am 27. Dezember 2020 forderte Lauterbach in der Welt „Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels, die analog zu den Einschränkungen der persönlichen Freiheit in der Pandemie-Bekämpfung sind.“ Wikipedie-Karl Lauterbach
Dabei hat er immer noch Zeit für Lanz und Will. Und an einem ihm entgegengereckten Mikrophon kann er auch nicht vorbei gehen. Es sei denn, die Reporter hinterfragen kritisch sein Tun. MMn hat da die Not das Elend ersetzt.

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
1 Jahr zuvor

Ich kann Angelika, die usw. nur zustimmen, daß die Politik sich an sich ändernden Erkenntnissen über Corona wird anpassen müssen und etwaige Empfehlungen darum nur vorläufiger Natur seien, ist immer wieder geäußert worden.

Kommunikationsdesaster gibt es mehrere von mehreren Aktiven.

Fängt man ganz vorne an, muß man wohl bei der Verbreitung alternativer Fakten, insbesondere durch den ÖRR beginnen, der über Jahrzehnte auf der unbedingten Gefährlichkeit der Gentechnik herumritt. Blöd wenn dann ein gentechnisch gewonnener Impfstoff das Mittel der Wahl ist, da hat man Widerstände herangezüchtet.

Ob es einem gefällt oder nicht, Trump lag mit seinem nutlosen Chinavirus-Gerede und seiner nützlichen Operation Warp-Speed richtig. Für kaum einen war das Zusammenfallen des Richtigen mit dem Falschen hinnehmbar.

Die Nichtausgangssperre, die trotzdem so heißt (lockdown), in manchen Bundesländern (Bayern) dann doch auch in echt so erlassen, schädlich und rechtswidrig, gerade von der Presse und Teilen der "aufgeklärten" Bevölkerung als löblich abgefeiert worden ist, wobei letztere sich dann aber auch nicht dran gehalten haben – bei bekanntem Ergebnis für Bayern und BaWü.

Das Maskendesaster befeuert von der Bundesregierung und Montgomery, die Masken wider jede Erfahrung als latent gefährlich hinsteillten, um sie später als notwendig zu verordnen.

Corona wird nicht mit Schmierinfektionen übertragen (bis heute ist keine einzige Schmieinfektion außerhalb eines Krankenhauses nachgewiesen worden), aber wir sollen trotzdem möglichst überall Oberflächen mit die Atemwege angreifenden Desinfektionsmitteln bearbeiten. Sehr schlau bei einer Atemwegsinfektion.

Das Testdesaster. "Tests sind unzuverlässig" heißt es zutreffend, da es bis zu diesem Winter keinerlei Qualitätskontrolle für die Tests gab.

Das Heilsversprechen durch Impfung, obwohl Virologen wie z.B. Streeck seit Winter 2020 insistieren, wir werden mit dem Virus Leben lernen müssen.

Die Maximalzahlen der Modellrechner als reale Option zu propagieren, obwohl sich bei jeder Welle zeigte, die Bevölkerung antizipiert die Gefahrenlage schneller als die Poltik.

Scheindebatten über Impfpflicht.

Die kontrafaktische 1/4Jahr-Genesenenstatus-Regelung, die wohl Druck in Richtung Impfung aufbauen soll.

Das Kommunikaitonsdesaster ist Inkompetenz, glatter Lüge, Wunschdenken für Eindeutigkeit bei unklarer Lage und primitiver binärer Denke (s. "Team Drosten" gegen "Sterben mit Streck") geschuldet. Beteiligte sind Politik, Medien, einfältige Rezipienten, und allgemein eine unhygienische Bevölkerung von Sagrotanschlampen, die glaubt zeichenhaft reinliches Tun mit irgendwelchen Mittelchen hätte etwas mit Gesundheitschutz zu tun, der aber konkrete und zielführende Maßnahmen zu anstrengend sind.

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