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Die Lockdown-Falle: Wenn die Krisenbewältigung selbst zur Krise wird

Schild im Lockdown Foto: Stefan Laurin


Dies ist mein dritter Ruhrbarone Essay zu Corona. Es geht bei ihm weder um Schuldzuweisungen noch um nachträgliche Besserwisserei, sondern um eine möglichst nüchterne Betrachtung und Reflektion der bisher gefahrenen  Krisenstrategie, die im Wesentlichen auf dem Lockdown beruht. Er handelt von seiner inneren Logik und  Dynamik und zeigt die strategischen Fallen auf, die sich daraus fast unvermeidlich ergeben. 

Wer  Infektionen durch ein lebensgefährliches Virus verhindern will, muss die Menschen – so es irgendwie möglich ist – auf körperlichen Abstand halten, lautet die erste eiserne Regel der Epidemiologen. Wie gefährlich das Virus selbst ist, zeigt sich dabei erst nach der Infektion, was bedeutet, dass das Abstandhalten sicherheitshalber vorsorglich geschehen muss. Es sei denn, ein Virologe kann durch einen Test, sofern es ihn gibt, feststellen, dass die betroffene Person das Virus nicht beherbergt oder dagegen immun ist.

Die zweite eiserne Regel der Epidemiologie lautet: Da das Abstandhalten nicht immer möglich ist, muss das Virus an seinem Weg zum anderen Körper gehindert oder besser noch gestoppt werden, indem ihm z.B. durch eine dazu geeignete Maske der Weg versperrt wird. Die Eignung eines solchen Viren-Aufhalters bestimmen dabei wiederum die Virologen zusammen mit den medizinischen Konstrukteuren, wobei gilt, dass selbst bei einem guten Schutzschild die Regel des Abstandhaltens eingehalten werden soll.

Die physische Kontaktbeschränkung zwischen den Menschen ergibt sich damit als unausweichliche epidemiologisch und virologisch basierte Hauptmaßnahme zur Bekämpfung des Virus. Ihr zentrales Instrument ist folgerichtig der Lockdown, weil nur er die Infektionszahlen rapide zu senken in der Lage ist, sofern er ausreichend kontrolliert und flächendeckend durchgesetzt werden kann. Alles andere sind für die Mehrheit der Virologen und Epidemiologen nicht mehr und nicht weniger begleitende und ergänzende Maßnahmen.

Stellt man dieser geradezu unerbittlichen Absolutsetzung aber die ebenso anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Soziologie und der Psychologie gegenüber, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Aus ihrer Sicht widerspricht der Lockdown diametral der sozialen und psychologischen Logik des menschlichen Lebens. Der Mensch ist danach ein Gemeinschaftswesen, wobei die Gemeinschaftskulturen der verschiedenen Ethnien diese Eigenschaft zwar sozialisationsbedingt schwächen oder stärken, nie aber gänzlich aufheben.

Der Lockdown verlangt von den Menschen, sich gegen einen Teil ihrer Grundbedürfnisse zu stellen

Sinnliche Berührung, direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, absichtliche sowie spontane zwischenmenschliche Gruppenerfahrung sind für  alle Menschen – in unterschiedlichen Graden/Ausprägungen – nicht weniger wichtig als Essen und Trinken. Sie sind unbedingt notwendig für jede Art von Gemeinschaftsbildung und die darauf aufbauende humane und produktive Zivilisierung von Gesellschaften. Wer diese interaktiven Nähe Bedürfnisse auf Dauer beschränkt, zerstört den zwischenmenschlichen Zusammenhalt und gefährdet damit die Stabilität der Gesellschaft.

Ein Lockdown, und das ist offensichtlich auch den meisten Virologen und Epidemiologen klar, kann deswegen – jenseits grundgesetzlicher Vorbehalte – nur ein zeitlich sehr begrenztes Unterfangen sein. Das gilt vor allem für die physisch und psychisch besonders interaktionsbedürftigen Heranwachsenden und für die auf emotionalen und/oder körperlichen Beistand besonders angewiesenen Kranken, Alten und Behinderten. Da sie die schwächsten Glieder sind, muss sich  die zumutbare Länge eines Lockdowns an ihren Möglichkeiten bemessen.

An ihrer Überlastung, und nicht an den Potentialen der sozial und gesundheitlich Starken, ist der Lockdown in Umfang und Länge, auszurichten. Wobei nicht zu vergessen ist, dass, je länger ein Lockdown dauert, auch die Starken schwächer werden. Denn auch sie trifft  soziale Vereinzelung und wirtschaftliche Not.  Es kann also generell über die zeitliche Dauer von einer exponentiellen Belastungskurve ausgegangen werden, die sich je nach unterschiedlichen sozialen und räumlichen Umgebungsbedingungen individuell und familiär   unterschiedlich auswirkt.

Diese sozialen Kosten zwischenmenschlicher Trennung sind also, jenseits der ökonomischen Nachteile, von ganz eigenem Gewicht, wobei die ökonomischen Nachteile diese erheblich verstärken können. Beides muss deswegen vor allem bei denen zusammen betrachtet und bewertet werden, bei denen mit der zeitlichen Dauer nicht nur die soziale Deprivation, sondern auch ihre existentielle ökonomische Bedrohung wächst. In dieser gegenseitigen Spirale sind, erst recht, wenn depressive Neigungen schon vorher vorhanden waren, auch Suizide nicht auszuschließen.

Der Lockdown ist ein soziales Experiment mit eingebauter Sprengkraft

Das jede soziale Trennung und damit einhergehende mobile Entschleunigung auch das Potential zur Besinnung und Selbstreflektion hat, ist auch empirisch nicht neu. Vor allem bei denen, die dabei keine existenziellen Gefährdungen in Kauf nehmen müssen. Auch erzwungene Muße ist Muße, erst recht, wenn das Einkommen weiterläuft. Ist sie jedoch für längere Zeit mit erheblichen und bislang ungewohnten Bewegungseinschränkungen gepaart, kommt dabei immer mehr die erzwungene Seite zum Vorschein.

Paart sie sich obendrein mit Verhaltenskontrollen außerhalb oder sogar innerhalb der eigenen vier Wände, mehrt sich das Gefühl des Eingesperrt Seins und der Isolation selbst dann, wenn die eigenen Räumlichkeiten Platz, Licht und Luft genug bieten oder sogar ein eigener Garten hinzukommt. Werden die Verhaltenskontrollen dazu noch mit gesetzlichen Strafen und/oder sozialer Missachtung / Misstrauen bewehrt, kommt ein grundsätzliches Unwohlsein hinzu, das sich unter bestimmten Bedingungen zum Dauerstress aufschaukeln kann.

Werden die Trennungs- und Kontaktbeschränkungsregeln obendrein rational als nicht nachvollziehbar gesehen und wird die Bestrafung des Verstoßes gegen sie als willkürlich und/oder ungerecht empfunden, gesellen sich zum Dauerstress entweder apathische Ohnmachtsgefühle oder im Gegenteil Groll und Zorn dazu, der sich in der Regel nach außen, und dabei oft gegen Unschuldige wendet, da die eigentlichen Verursacher nicht zur Hand oder gar nicht erkennbar sind.

Diese sozial zerstörerische Seite des Lockdowns nimmt dabei aus der Natur ihrer Eigendynamik genauso exponentiell zu wie die Virusgefahr, die durch ihn bekämpft werden soll. Der Virus und seine Bekämpfung befinden sich im Lockdown quasi in einer Art  umgekehrten Wettrennen miteinander. Je länger er dauert, desto stärker sinkt zwar die zerstörerische Kraft des Virus, aber gleichzeitig nimmt die soziale und ökonomische Sprengkraft des Lockdowns zu.

Ein Lockdown ist von den Betroffenen nur durchzuhalten, wenn sein Ende absehbar ist.

Einerseits gilt es, den Lockdown möglichst konsequent und bis zur Grenze der sozialen Erträglichkeit durchzuhalten, um die Infektionsgefahr soweit wie möglich zu senken, bzw. sie so kontrollierbar zu machen, dass das Gesundheitswesen durch die Behandlung der Erkrankten nicht überfordert wird. Andererseits gilt es, diese Grenzen nicht so weit zu dehnen, dass  die  schwächsten Kettenglieder reißen und die anderen so in Mitleidenschaft gezogen werden, dass sie ebenfalls die Gefolgschaft verweigern.

Wer aus diesem Dilemma heraus will, hat nur einen strategischen Weg: Den Betroffenen von Anfang an ein absehbares Ende des Lockdowns in Aussicht zu stellen. Belastungen und Leiden werden nämlich, wie auch empirische Untersuchungen zeigen, nicht nur durch äußeren Trost und innere Stärke gemildert, sondern vor allem durch die subjektive Hoffnung und die begründete Wahrscheinlichkeit ihres Endes. Erst das alles zusammen schafft bei einem Lockdown genügend intrinsische Motivation und Geduld, ihn möglichst lange durchzuhalten.

Beide zusammen erhöhen wiederum die Bereitschaft, den Verantwortlichen auch dann zu vertrauen, wenn sie unvermeidlich Fehler machen und/oder ihre Maßnahmen im ersten Moment widersprüchlich und/oder unverständlich erscheinen. Dies allerdings nur, wenn die Gewissheit besteht, dass sich die Entscheider auch an ihre bezüglich des Endes des Lockdowns gegeben Versprechen halten. Tun sie das nicht, nimmt mit jeder Verlängerung nicht nur die Motivation und Geduld, sondern auch und vor allem das Vertrauen der Betroffenen ab.

Diese negative Wirkung kann verhindert oder zumindest gemildert werden, wenn bei den Verantwortlichen die Bereitschaft besteht, Fehler offen einzugestehen und möglichst schnell zu korrigieren, ja überhaupt für Transparenz und Nachvollziehbarkeit ihrer Entscheidungen zu sorgen. Geschieht auch das nicht, schlägt das Pendel ungehindert weiter in die falsche Richtung und torpediert am Ende auch die angestrebte Wirkung des Lockdowns. Der Lockdown wird sich sozusagen selbst zur Falle.

Kein Lockdown ohne die Hoffnung auf die Impfung

Damit wird aber das Versprechen seines absehbaren Endes und dessen strikte Einhaltung zur alles entscheidenden Bedingung seines Erfolges.  Oder anders herum: Je länger er sich  hinzieht, desto mehr sind die Betroffenen geneigt, ihn zu unterlaufen, was wiederum in der Lockdown Logik eine  weitere Verlängerung des Lockdowns erfordert. Was wiederum dazu führt, dass die Betroffenen ihn noch weniger akzeptieren. Und so weiter und so weiter.

Diese sich selbst verstärkende Negativ Spirale ist im Lockdown selber angelegt. Es ist die Achillesverse dieser Infektionsbekämpfungsmethode, seine quasi eingebaute Falle, in die jede Krisenstrategie, die hauptsächlich auf sie setzt, unvermeidlich gerät. Ein konsequenter Lockdown, und nur das ist epidemiologisch auch einer, enthält damit immer auch sein Scheitern, weil sein Erfolg ohne das konsequente Mitmachen der Betroffenen unmöglich ist.

Dem entkommt man nur, wenn man entweder den Lockdown ganz meidet, bzw. durch  andere Maßnahmen ersetzt oder ihn mit der begründeten Hoffnung auf schnelle Impfung  oder ein Heilmittel verknüpft. Denn nur sie bieten eine hohe und sichere Gefahrenabwehr bei gleichzeitiger Rückkehr zur Lebensnormalität. Die Impfung, die die Infektion selbst verhindert, bzw. den Krankheitsverlauf nicht mehr tödlich macht, ist jedoch der Königsweg aus jeder epidemiologischen und virologischen Krise, und das ganz besonders, wenn die Krisenbekämpfung um einen Lockdown nicht herum kommt.

Das aber heißt, einerseits möglichst viele Kräfte und Mittel möglichst schnell auf die Erforschung, Entwicklung, Produktion und Verteilung dieses hoch wirksamen Schutzmittels zu konzentrieren und andererseits auf jede „Salamitaktik“ bei der Bestimmung der Dauer des Lockdowns verzichten. Eine Verlängerung sollte es, wenn überhaupt, nur einmal geben, und das nur aus sachlich so überzeugenden und zugleich so überzeugend kommunizierten Gründen, sodass das Vertrauen in die Entscheider nicht verloren geht.

Der Jojo Effekt, oder warum ein Lockdown nur einmal oder gar nicht funktioniert

Denn jeder Lockdown, erst recht wenn er länger dauert als versprochen, hat einen weiteren in ihm selbst angelegten Effekt, der allerdings erst bei seiner Beendigung bzw. Lockerung zur vollen Wirkung kommt: den Überdruck. Der Lockdown ist dabei vergleichbar mit einem Wasserkessel, in dem durch Erhitzen die Dampfkompression umso größer wird, je dichter und je länger der Deckel drauf gehalten wird. Gesellschaftlich gesprochen werden die sozialen Kontaktbedürfnisse durch ihre Unterdrückung quasi explosiv.

Der so forcierte soziale Überdruck hat dann bei der Lockerung und/oder Aufhebung des Lockdowns zwei fast unvermeidliche Folgen. Zum einen will aus nachvollziehbaren Gründen jeder zuerst raus, bzw. gibt es ein erhebliches gesellschaftliches Streitpotential, wenn das nicht gleichzeitig für alle geht. Zum anderen gibt es bei denen, die rausgelassen werden, einen Kontakt- und Mobilitätsnachholbedarf, der infektiologisch und epidemiologisch ähnlich funktioniert wie der bekannte und vielfach empirisch bewiesene Jojo-Effekt beim Abnehmen.

Die Infektionen nehmen, je nach Wellen Phase, überproportional zu oder unterproportional ab. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Steigerung der Exponentialfunktion, was selbst bei günstigen klimatischen Verhältnissen den erreichten epidemiologischen Erfolg erheblich einschränken, ja ganz zu Nichte machen kann. Damit wird jedoch über kurz oder lang ein zweiter Lockdown notwendig und die oben aufgezeigt Lockdown-Falle schnappt erneut zu.

Wenn dann keine Impfung in Aussicht steht, bzw. nicht schnell und breit genug durchgeführt werden kann, ist das Desaster perfekt. Die Bevölkerung verliert nicht nur endgültig das Vertrauen in die Mittel, die eingesetzt wurden, sondern auch in die, die sie eingesetzt haben. Geschehen dazu noch weitere Fehler, oder erweisen sich die Verantwortlichen sogar als gänzlich inkompetent, wird die Epidemie zur gesellschaftlichen und politischen Krise, die nur noch schwer zu bewältigen ist. Ob eine Bewältigung gelingt, hängt dabei ganz entscheidend von den Medien ab.

Die Medien als systematische Angstmacher

Die einschneidenden psychischen, sozialen und ökonomischen Wirkungen eines Lockdowns eignet sich nämlich ideal zu seiner auflagen- und quotensteigernden Dramatisierung, und das schon, bevor er beginnt. Die Bedrohung, ohne deren besondere Größe er ja nicht notwendig wäre, wird in Wort und Bild zur Katastrophe aufgebläht, wobei einem Teil der Verantwortlichen dabei sogar ein gewisser Grad von Panikmache genehm ist, weil sie glauben, dass sie bei den Betroffenen die Bereitschaft zum Mitmachen erhöht.

Am wirksamsten ist dabei die Kombination von als wissenschaftlich erachteten Prognosen mit Mutmaßungen und Spekulationen, die zwar nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden können. Die innerwissenschaftlichen Zweifel über die genannten Zahlen werden dabei entweder unterschlagen, oder von vorne herein nur das Worst Case Szenario genommen und szenisch durch dramatische Einzelfall Schilderungen ausgemalt. Den Rest macht der Boulevard mit kreischenden Schlagzeilen, die zwar den Wissenschaftlern oft die Haare zu Berge stehen, die sich aber von ihnen kaum noch korrigieren lassen.

Die von ihnen, die bezüglich der Notwendigkeit und der Wirksamkeit Zweifel und Bedenken haben, geraten dabei, ebenfalls mit mehr oder weniger offener Unterstützung einiger Entscheider, sehr schnell unter medialen Beschuss. Erst recht, wenn sie sich in der Scientific Community sowieso schon der Minderheit befinden. Und auch das liegt in der Logik des Lockdown selbst: Je gesellschaftlich einschneidender eine Maßnahme ist, desto mehr Geschlossenheit nach außen verlangt sie von denen, die sie durchsetzen, bzw. ihre Durchsetzung beratend befürworten.

Die Folge ist eine tendenzielle Bunkermentalität bei den „Lockdownisten“, die fast unvermeidlich zur Vermeidung, zumindest aber zur Behinderung des öffentlichen Dialogs mit ihren politischen und/oder wissenschaftlichen Kritikern führt. Mit dem keineswegs beabsichtigten, aber nichts desto trotz gefährlichen Nebeneffekt, dass sich die, die die Bedrohung, aus welchen Gründen auch immer, nicht ernst nehmen oder gar für eine abgekartete Verschwörung von wem auch immer halten, in ihren Ansichten bestätigt fühlen.

Auf Leben und Tod

Da es bei einer gefährlichen Infektionskrankheit wie Covid-19 objektiv gesehen um eine für die Betroffenen eventuell lebensbedrohliche Gefahr geht, kommt ein existentielle und sachlich begründete Furcht vor dem Tod dazu, die wiederum selber das Einfallstor für jede Art von zusätzlicher journalistischer Dramatisierung ist. Es geht dann sehr schnell auch in der öffentliche Kommunikation um die Frage, ob und wie der Lockdown Leben rettet, bzw. wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, am Virus zu sterben.

Damit ist unvermeidlich auch eine Grundwertefrage verbunden, die selbst in jeder Weise demagogisch eingesetzt werden kann. Der Tod als ultimative Bedrohung wird dabei aus der Natur der Sache von Lockdown-Befürwortern und -skeptikern unterschiedlich bis gegensätzlich gesehen. Die Befürworter neigen in der Regel dazu, die Verhinderung des Todes und/oder großen Leides absolut zu setzen, während die Skeptiker beides in Relation zu allen anderen Toten und Leidenden und dem Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an Bildung und wirtschaftlicher Stabilität sehen .

Der Tod als unvermeidbare Lebenstatsache wird so nicht nur zum moralischen Schlachtfeld,  sondern auch und vor allem zum politischen Druckmittel zur Durchsetzung und/oder Verlängerung des Lockdowns. Jeder empirisch-statistische Relation durch Bedrohungs- und Leidensvergleiche wird dabei eine absichtliche Relativierung unterstellt. Die Zahlen werden selbst zum Kampffeld und entsprechend auf beiden Seiten auch gebogen, angepasst oder sogar ganz verschwiegen bzw. für nicht relevant erklärt.

Der Schritt von der Katastrophen- zur Kriegsrhetorik ist unter diesen Bedingungen nicht mehr weit. Das Virus wird zum Hauptfeind der Menschheit erklärt. Entsprechend werden nicht die Zahlen aller Toten und Leidenden, sondern nur die, die dem Virus zugeschrieben werden, täglich veröffentlicht. Die, die das Virus überleben, werden zu Helden erhoben, während die Lockdown-Skeptiker und -Kritiker zu potentiellen Mördern erklärt werden. Der Logik der absoluten Bedrohung entspricht der Logik des Ausnahmezustandes, dem sich alle anderen Bedürfnisse und Rechte unterzuordnen haben, auch die Diskussion und die Rhetorik.

Haltungsjournalismus, Nudging und Framing

Die auf diese Weise schon grundsätzlich geschwächte Dialogbereitschaft nimmt mit der Länge des Lockdowns zu. Denn mit ihr werden nicht nur die Stimmen der bislang nicht gehörten fachlichen Kritiker lauter, sondern auch das nachvollziehbare Murren und Stöhnen der Betroffenen, die immer mehr unter sozialen, psychischen und ökonomischen Druck geraten. Was wiederum bei den Medien, die den Lockdown publizistisch mittragen, zu verstärkten medialen Bemühungen führt, diese Entwicklung zu unterbinden oder zumindest abzuschwächen.

Die Basis ihres Mittragens ist dabei in der Regel eine Art Haltungsjournalismus, der sich auch öffentlich zu einer Mitverantwortung für das Gelingen des Lockdowns bekennt. Die Bedrohung wird von den dort Verantwortlichen auch jenseits ihrer Quoten und Klicks heischenden Dramatisierung für sehr ernst gehalten. Mit dem Nebeneffekt, dass auch sie zum Teil, und das gegen ihr professionelles Ethos, eine geschlossene und kritikimmune Community ausbilden, der sich allerdings, mit der Länge des Lockdowns zunehmend, auch in der eigenen Profession kritische Stimmen entgegenstellen.

Die journalistische Attitüde der „Lockdowner“ ist in der Regel eher belehrend, fürsorglich, ja bevormundend, da sie neben der Informationsaufgabe immer auch dem gut gemeinten Zwecke zu dienen hat, die Betroffenen beisammen und folgsam zu halten, um den epidemiologischen Erfolg des Lockdowns nicht zu gefährden. Darunter leidet nicht nur die Informationsqualität. Es werden auch bestimmte Formulierungen und Verhaltensregeln entsprechend einer Art Didaktik für Begriffsstutzige auf allen Kanälen endlos und flächendeckend wiederholt, und alle sonstigen Aussagen in einen eher positiven als kritischen Rahmen gestellt.

Je länger der Lockdown andauert, je eher geht diese in der Medienforschung als Nudging und Framing bezeichnete Kommunikationsweise aber tendenziell nach hinten los bzw. fördert es  nicht mehr die beabsichtigte, sondern zunehmend die gegenteilige Wirkung. Selbst die Menschen, die guten Willens sind, werden zunehmend genervt, was ihren Lockdown-Stress  erhöht. Die gegenseitige Dialogbereitschaft geht so endgültig gegen Null, was die gesellschaftliche Gruppe weiter vergrößert, die den Lockdown sowieso ablehnt, weil sie die Gefahr, die er bekämpft, grundsätzlich leugnet oder für überschätzt hält.

Das Ausmaß der Angst verhält sich umgekehrt proportional zur Erfolgswahrscheinlichkeit eines Lockdowns

Die tiefere Ursache dafür liegt jedoch bei den Medienleuten und Politikern die der irrigen Annahme folgen, dass ein Lockdown nur dann durchsetzbar ist, wenn die Menschen möglichst große Angst vor dem Virus haben. Die begründete Furcht der Menschen vor der realen Gefahr reicht ihnen nicht aus, weil sie den Betroffenen nicht genügend eigene Urteilskraft zutrauen. Dabei ist es genau umgekehrt. Nur wer die Menschen ohne Angst in den Lockdown führt, sorgt dafür, dass sie sein Ende nicht aus den Augen und die Hoffnung nicht an die Panik verlieren.

Denn ein Lockdown macht aus sich heraus schon Angst genug. Statt sie zu verstärken, gilt es, sie durch seriöse Nachrichten und Fakten auf realistische Füße zu stellen. Die immer wieder und unvermeidlichen auftauchenden irrationalen Angst  muss in eine rationale Gefahreneinschätzung umgewandelt werden, ohne den Leuten dabei die Hoffnung auf Besserung zu nehmen. Dazu braucht es keine permanente Überdosis an Informationen, sondern die angemessene Versorgung mit weniger aber dafür umso gesicherteren Daten und Fakten.

Angst verkauft sich allerdings besser als Zuversicht. Zuspitzungen und Übertreibungen bringen höhere Klickzahlen und Quoten als distanzierte und differenzierte Berichterstattung. Zusammen führen sie zu sich aufschaukelnden gesellschaftlichen Erregungskurven, die der den Viruswellen nicht unähnlich sind. Werden sie zu einer Art Dauerwelle, können sie bei vielen Menschen zur völligen Abwendung von den etablierten Medien hin zu  abseitigen und extremen bis extremistischen Infowelten führen. Einmal in Gang gesetzt, ist dieser Prozess kaum noch revidierbar und erhöht die gefahrenbedingte gesellschaftliche Grundnervosität massiv, statt sie dialogorientiert zu senken.

Aber gerade in Krisenzeiten darf der gesellschaftliche Diskurs auf keinen Fall abbrechen. Erst recht nicht in Zeiten des Lockdowns selbst, wo viele Menschen, wenn auch gezwungener Maßen, mehr Zeit zur Kommunikation und zur produktiven Auseinandersetzung haben. Um zu verhindern, dass sie dabei immer tiefer in die digitalen Filterblasen der sozialen Medien abdriften, muss dieser Diskurs, gerade bei unterschiedlichen Meinungen, auch öffentlich gefördert und verstetigt werden. Denn nur diese Form der gesellschaftlichen Teilhabe schafft  in Krisenzeiten gegenseitiges Vertrauen und damit mehr Stabilität.

Die Dialogunfähigkeit ist im Lockdown angelegt

Der eigentliche Grund für die verhärteten Kommunikationsfronten liegt aber im Lockdown selbst. Denn er steigert die psychologischen, sozialen und ökonomischen Belastungen mit jedem Tag und macht es so mit jeder Verlängerung schwieriger für die Verantwortlichen, ihn ohne sichtbaren Erfolg zu beenden. Der Erfolg wird quasi ein Muss, weil sonst die Opfer der Betroffenen umsonst waren. Das wiederum zwingt, erst recht wenn Fehler begangen wurden, im Ernstfall zu weiteren Verlängerungen mit den oben aufgezeigten Folgen.

Entsprechend nehmen die Durchhalteparolen mit der Länge des Lockdowns zu. Aus Framing und Nudging wird fast unvermeidlich veritable Propaganda, die einen gemeinsamen Feind braucht: Den Lockdown-Verweigerer. Das Virus als äußerer Feind wird um den inneren Feind ergänzt. Egal ob die Verweigerung geschieht, weil der Lockdown trotz aller Mühe nicht mehr durchgehalten werden kann, oder weil die Gefahr des Virus nicht ernst genommen oder sogar gänzlich geleugnet wird, sie gilt als eine Art Fahnenflucht vor dem großen gemeinsamen Feind, dem Virus.

Aber auch die, die zwar weiter mitmachen, aber vermehrt, sachlich begründet und vor allem öffentlich ihre Kritik daran äußern, gelten als unsichere Kantonisten im Krieg gegen das Virus. Sie stehen ebenso wie die Verweigerer unter besonderer Beobachtung der Lockdown treuen Medien und der staatlichen Organe, die den Lockdown umzusetzen haben. Sind sie Wissenschaftler, richten sich auch die Augen der Kolleginnen und Kollegen, die den Lockdown-befürworten, besonders kritisch auf sie.

Ähnlich wie die verantwortlichen Politiker können sich auch die beratenden Wissenschaftler in einer Krise profilieren und an Einfluss gewinnen. Auch sie können im Wissenschaftssystem weiter aufsteigen oder die Karriereleiter herunter purzeln und auch sie sind dabei eng von den Medien abhängig, die sie entweder protegieren, runterschreiben oder ignorieren. Entsprechend verschärft sich auch der Ton innerhalb der wissenschaftlichen Community, was wiederum in den sozialen Medien dazu verführt sie in konkurrierende, ja befeindete „Teams“ zu sortieren und sie aufeinander zu hetzen. Nehmen die Wissenschaftler diese Zuschreibungen auch noch auf, führt der Lockdown auch bei denen, die ihn rational begründen sollen, zu struktureller Irrationalität.

Strategien und Regeln zur Lockdown Vermeidung

Nimmt man alle die hier aufgezeigten grundsätzlichen strategischen Probleme eines Lockdown zusammen, wird klar, dass eine  darauf basierende Strategie wenn irgendwie möglich vermieden werden sollte. Womit sich allerdings die Frage stellt, was denn die strategische Alternative dazu wäre. Ich bin weder Viro- noch Epidemiologe, aber sofern meine Überlegungen richtig sind, ergibt sich daraus zumindest die Richtung, in die dabei zu denken ist. Genauer gesagt sind es 4 grundsätzliche strategische Linien, denen dabei zu folgenden wäre:

  1. Die pandemiebezogenen infrastrukturellen, personellen und finanziellen Krisenreserven müssen grundsätzlich so gesteigert werden, dass eine Überforderung des Gesundheitssystem soweit als möglich von vorneherein ausgeschlossen ist. Das erlaubt eine größere Gelassenheit der Verantwortlichen und damit einen wesentliche planvolleren Umgang mit der Krise selbst, was wiederum die Angst bei den Betroffenen senkt und sie selbst weniger panisch reagieren lässt.
  2. Alle vorhandenen Mittel müssen flexibel und schnell auf die Orte, Sektoren und Menschen konzentriert werden, die sich als besonders gefährdet erweisen oder auf Grund wissenschaftlicher Forschung, Untersuchung und Expertise als solche vermutet werden. Dazu bedarf es eines schnellen, hoch vernetzten und dezentral organisierten Informationssystems, das zugleich die nationale und internationale Kooperation beschleunigt um wiederum schneller vor Ort zu handeln.
  3. Alle Maßnahmen sind auch und vor allem darauf zu prüfen, wie lange sie von den Betroffenen durchgehalten werden könne. Dabei sind in der Regel die vorzuziehen, die länger durchzuhalten sind. Eingeschätzt und überprüft werden kann das nur von einem interdisziplinären wissenschaftlichen Gremium in Zusammenarbeit mit Katastrophen-Praktikern und den Politikerinnen und Politikern vor Ort. Zugleich sollte ein Warnsystem eingerichtet werden, das rechtzeitig Stressreaktion meldet.
  4. Ein flächendeckender Lockdown kann nur das allerletzte Mittel sein, und das auch nur dann, wenn ein Impfstoff mit großer Sicherheit und in absehbarer Zeit in Aussicht steht. Stattdessen sollten er, wenn überhaupt, dezentral und örtlich angepasst da eingesetzt werden, wo die Gefahr besonders groß ist. Hier allerdings muss er entschlossen und konsequent umgesetzt, ehrlich kommuniziert und vor allem mit einem einhaltbaren Beendigungstermin versehen werden.

Ich bilde mir nicht ein mit diesen Schlussfolgerungen den Stein der Weisen gefunden zu haben, geschweige denn, dass ich mit allen meinen Annahmen und Überlegungen richtig liege. Es ist im Übrigen leicht, die Menschen die in Verantwortung stehen, zu kritisieren, ohne die schwierigen Umstände und Belastungen mit ihnen zu teilen, denen sie dabei unterliegen. Dieser Text kann also nicht mehr und nicht weniger als eine Anregung zum Nachdenken und zur Diskussion sein, und als solches ist er auch von mir gedacht.

 

https://www.ruhrbarone.de/die-krisen-hinter-der-krise-wie-corona-nicht-nur-die-menschen-sondern-auch-die-gesellschaft-infiziert/183220

https://www.ruhrbarone.de/wer-hat-die-richtige-strategie-krisenbewaeltigung-in-zeiten-von-corona/183517

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12 Kommentare zu “Die Lockdown-Falle: Wenn die Krisenbewältigung selbst zur Krise wird

  • #1
    DEWFan

    Und das ist noch nicht alles!

    Zu den eigenen Problemen kommen noch die Sorgen, ob die geliebten Lokale und Geschäfte überhaupt wieder eröffnen. In den coolen Hipster Städten wie Hamburg und Berlin heißt es dann einfach "… dann kommt eben was Neues…"

    Im Ruhrgebiet bleibt es aber leider oft bei runtergezogenen Rolläden für immer…

  • #2
    Dirk Gleba

    Eine kluge Analyse in welcher Falle unsere Gesellschaft gerade. Der Übergang zu der "Kriegsrhetorik" mit dem beschrieben "Erfolg wird quasi ein Muss", macht es den handelnden Akteuren quasi unmöglich sich zu korrigieren und andere Wege zu gehen.

    Ich befürchte, dass erst ein großer Knall – sei er ökonomischer, politischer oder sozialer Natur, – den Weg frei macht grundsätzlich und neu über den Umgang mit dem Virus nachzudenken. Die aufgelisteten strategischen Leitlinien (im Text sind 5 angekündigt, aber nur 4 aufgeführt) sind dazu ein Denkanstoß.

  • #3
    Philipp

    Ein toller Text, der zeigt, dass Sozialhygiene genauso wichtig wie Psychohygiene ist.

  • #4
    Werntreu Golmeran

    Viele Worte, mit vielen Unterstellungen.

    Wenn Sie mal Frau Brinkmann anhören, hat es selbst diese Wissenschaftlerin überrascht, wie nah die tatsächlichen Zahlen an den modellierten Kurven lagen. Und so wird es, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wieder kommen. Und das liegt vor allem an der riesengroßen Anzahl an Menschen in Deutschland, die grundlegendes Defizit an mathematisch-naturwissenschaftlicher Bildung haben oder an Dyskalkulie leiden.

    Gerade am heutigen Tag, an dem selbst jeder Hauptschulabsolvent, der mit einer 3 seinen Abschluss geschafft hat, in der Lage sein sollte anhand der aktuellen Zahlen mit einfacher Potentislrechnung und ein wenig Fermi-Gespür abschätzen kann, dass wir in zwei, drei Wochen wieder ins Chaos stürzen und dann vermehrt auch jüngere in den Intensivstationen landen, ist so ein ‘Wir sollten mit dem Virus reden und gemeinsam Händchen halten Artikel" eigentlich unerträglich.

    Ja, auch mich nervt der immer wieder verlängerte Lickdown, aber nicht weil er immer wieder verlängert wird, sondern weil wir auf einer viel niedrigeren Grundinfizierung in der Bevölkerung wären, wenn wir schon im Septe3einen kurzen Lockdown gemacht hätten und nach Weihnachten zwei Wochen einen harten Lockdown mit einem "Deutschlandurlaub" gemacht hätten, bei dem auch slle Büros und Fabriken geschlossen worden wären.

    Aber in Deutschland entscheiden die Schwätzer und Schaumschläger, leider.

  • #5
    Walter Stach

    Arnold Voss,
    nach- und bedenkenswerte Gedanken, Ideen, Anregungen.

    Ich meine allerdings, daß sie nicht hilfreich sind, nicht hilfreich sein können, für alldiejenigen die sich derzeit verantwortlich mitten im "Kampf gegen das Virus" befinden. Das gilt für diejenigen, die die strategische Verantwortung tragen ebenso wie für all diejenigen "die an der Front" aktiv sind.

    Und wenn dieser Kampf beendet ist?
    Selbst wenn dann gravierende "Verluste" zu beklagen sein werden -an Menschenleben, im gesellschaftlichen Leben (in der Kultur, in der Wirtschaft , im sozialen Gefüge), werden es Reformer sehr schwer haben, wenn sie sich z.B. im Sinne Deiner Gedanken, Ideen, Anregungen daran machen würden, alle gravierenden Mängel und Fehler im Kampf gegen das Virus systematisch zu erfassen, um darauf gestützt, grundlegende Reformen einzufordern, damit Gesellschaft und Staat zukünftig effektiver, effizienter und mit weniger Folgeschäden im Kampf gegen eine neue Pandemie oder generell im Kampf gegen Katastrophen jedweder Art bestehen zu können. "Man" wird weder Katastrophen im allgemeinen noch Pandemien im besonderen gänzlich verhindern , aber deren Folgen wesentlich minimieren können. Es mag nach weitgehend überstandene Kampf gegen die Corona-Pandemie weltweit, so auch hierzulande ideenreiche Reformer geben, jedenfalls mehr als bisher, ob diese das ihnen gebührende Gehör finden in den sog. gesellschaftlich relevanten Organisationen – z.B. der Wirtschaft, der Gewerkschaften, der Wissenschaft, der Religionsgemeinschaften, in den Parteien- und in den staatlichen Organen – wage ich zu bezweifeln, ganz zu schweigen von denkbaren Erfolgen solcher Reformen.

    Meine o.a. formulierten Gedanken resultieren u.a. aus meiner Hochachtung vor den "großen, weil erfolgreichen Reformer" von Stein, Hardenberg im Bereich der allgemeinen inneren Verwaltung Preußens zu Beginn des 19.Jahrhunderts und Gneisenau als einem der maßgeblichen Reformer des preußischen Heeres; aus einer Katastrophe Preußens im Kampf gegen Napoleon und aus deren Folgen haben sie drastische Konsequenzen eingefordert und diese weitestgehend gegen heftige Widerstände durchsetzen können. Reformen, die z. Teil heute noch Bestand haben.
    Diese Gedanken bzw. deren Ursachen führen mich zwangsläufig zu der derzeit weltweit diskutierten Frage, ob eine rechtstaatlich verfaßte Demokratie (westlicher Prägung) zu solchen Reformen befähigt ist, nur bedingt befähigt sein könnte und/oder ob sie nicht a priori einen diesbezüglichen Wettstreit um "die besten Erfolge" im Kampf gegen Katastrophen im allgemeinen, gegen Pandemien im besonderen verlieren würde, wenn der "Wettbewerber" z.B. die sog. Volksrepublik China und/oder deren Nachahmer wären. Auch darüber hätten die von mir erhofften, erwünschten Reformer in der sog westlichen Welt, eben auch in Europa, in Deutschland nachzudenken.

    Arnold Voss,
    Dein Beitrag zeigt, daß es bereits jetzt an "reformerischen Ideen" nicht mangelt und vermutlich nach einem weitestgehend überstandenen Kampf gegen die Corona- Pandemie noch weniger mangeln wird.
    Meine diesbezüglich geäußerte Hoffnung, u. a. resultierend aus einem historischen Vergleich, geht allerdings einher mit großer Skepsis gegenüber der Fähigkeit von Gesellschaft und Staat, einschlägige und grundlegende (!!) Reformen mit dem unbedingten Willen ihrer Realisierung anzupacken.

    Vielleicht geht es ja "auch eine Nummer kleiner", dh. ohne grundlegende Reformen, wenn es zukünftig darum geht, erfolgreich , jedenfalls wesentlich schneller, wesentlich effektiver, wesentlich effizienter den Kampf gegen Katastrophen, gegen Pandemien zu führen, indem "lediglich" das Management in der öffentlichen Verwaltung (und in der Politik?) "optimiert" wird. Dazu bedarf es jedenfalls keiner "großen Reformen".

  • #6
    ccarlton

    Wir werden "wieder ins Chaos stürzen"? Wann waren wir denn schon mal da, ausser bei Beschaffung von Masken, Impfstoff, Schulunterricht, …? Während der ersten Welle waren Krankenhäuser kaum ausgelastet und während der zweiten waren sie auch nicht voller als sonst um die Jahreszeit.
    Worauf basiert die Aussage, dass "dann vermehrt auch jüngere in den Intensivstationen landen? Schwere Verläufe von Atemwegserkrankungen treten in allererster Linie die alten und Menschen mit Vorerkrankungen auf. Corona hat sich bis heute in dieser Hinsicht nicht von anderen Atemwegserkrankungen unterschieden.

  • #7
    Werntreu Golmeran

    @ ccarlton

    Wir haben seit über einem Jahr in gewisser Weise Chaos. Mittlerweile trotz monatelangem Lockdown über 73.000 Tote.

    Bei uns gab es kein funktionierendes Pandemiekonzept, obwohl in der Fachwelt die Bedrohung bekannt war. Im Gegensatz etwa zum "Schwellenland" Vietnam, wo man anstatt Karneval zu feiern sofort im Januar Maßnahmen ergriffen hat.

    Im März 2020 wurde erst reagiert, als die Zahlen expodierten. Dann wurde bis zum Herbst die Zeit vertrödelt und dann zu spät reagiert. Dadurch haben wir jetzt einen halbjährigen Pseudolockdown mit verheerenden Auswirkungen auf teile der Wirtschaft, die Psyche vieler Menschen und auch auf den Bundeshaushalt. Unser Politiksystem legt dabei auch all seine Schwächen frei. Ich empfinde das schon als Chaos.

    Oder das Maskenchaos in den Kliniken und Altenheimen. Bis in den Herbst gab es Altenheime und Medizinische Kliniken, in denen weder das Personal noch die Patienten Masken trugen. In einigen Einrichtungen war es den Mitarbeitern sogar ausdrücklich verboten Masken zu tragen.

    Und das geschieht alles sehenden Auges, da die Epidemiologen erschreckend genaue Vorhersagen machen, die Politiker aber glauben, das Virus lasse mit sich verhandeln. Das ist irrational und chaotisch.

    Und tatsächlich ging es in den Intensivstationen und in den Pallitativnetzwerken Ende des Jahres teilweise sehr chaotisch zu.
    Gehen Sie doch mal zu den Familien, deren Angehöige gestorben sind und reden mit denen.

    Und wenn es in den nächsten Wochen so geht, wie bisher, hat man sich in den Behörden wieder keinerlei Gedanken gemacht, wie man mit der Situation umgehen soll und wird wieder ad hoc irgendwas beschließen, was weder Hand noch Fuss hat.

    Und das hat sich alles fast 1 zu 1 vor 100 Jahren bei der spanischen Grippe schon einmal so abgespielt. Das ist erschrekend.

    Ich hoffe Sie haben Recht und es geschieht ein Wunder.

    Vielleicht treffen wir uns in 3 Wochen hier noch einmal.

  • #8
    Joachim Voss

    Krisen, egal welcher Art, werden immer wieder auf Gesellschaften Einfluss nehmen. Das Vertrauen in eine Politik, die dadurch geprägt ist, keine Verantwortung zu übernehmen, Fehlplanung nicht benennt mit dem Argument: "Wir müssen jetzt nach vorne schauen", kann das Angstdenken und Misstrauensdenken nur verstärken. Zur Zeit wird das Management des Mangels so in den Vordergrund gerückt, dass es, so scheint es, von der eigentlichen Fehlplanung des Impfeinkaufs ablenken soll. Wenn ich an der Basis der Versorgung erlebe, mit welchen masslosen Bürokratie- und Verwaltungsaufwand die Impforganisation stattfindet, ist es verwunderlich, dass der Bürger überhaupt noch Vertrauen in einen propagierten Fürsorgestaat haben kann. Ich kann nur hoffen, dass zukünftig Entscheidungs- und Verantwortungsstrukturen neu organisiert werden und nicht ein peinliches und entblößendes Bund- und Länder Verwirrspiel stattfindet, welches Unfähigkeiten und Politikernarzissmen verdecken soll.

  • #9
    ccarlton

    #7:

    Ach das meinten Sie mit Chaos. Ja, alles suboptimal organisiert, heute wie vor einem Jahr. Das hätte schon damals besser laufen können. Aber zu Anfang war ja der, der vor einer Gefahr durch Corona gewarnt hat der Verschwörungstheoretiker bzw Rechtspopulist.

    Was Vorhersagen angeht, so sollten wir uns daran erinnern, dass die apokalyptischen von vor einem Jahr eben nicht eingetreten sind. Corona hat sich nicht als zweite Spanische Grippe herausgestellt, sondern eher als die normale. Die pro Welle auch leicht über 20.000 Opfer fordern kann, aber ohne die öffentliche Aufmerksamkeit von Corona zu erregen. 

    Ein Wort noch zu Lockdowns. Damit lässt sich die nur Geschwindigkeit der Ausbreitung reduzieren, was die Belastung von Krankenhäusern reduziert. Wichtig für Länder mit geringeren Kapazitäten als Deutschland. Auf die gesamte Zahl der Infektionen hat das wenig Einfluss. Siehe Schweden und Kalifornien. In Schweden gibt es ähnlich viele Tote wie hier, obwohl die keinen Lockdown haben, in Kalifornien haben sie trotz strengem Lockdown sehr hohe Infektionszahlen.

  • #10
    Werntreu Golmeran

    Das ist leider nicht richtig. Mit strengen Lockdowns kann man sehrwohl die Zahl der Infizierten reduzieren. Das zeigt ja der Lockdown nach der ersten Welle.

    Der zweite Lockdown erfolgte aber viel zu spät, als die Gesundheitsämter schon keine Chance mehr hatten, die Fälle in den Griff zu bekommen.

    Der Vergleich mit der Spanischen Grippe ist sehrwohl richtig. Die Situation heute ist aber zum Glück anders als vor 100 Jahren, als diese "neue Grippe" auf eine Weltbevölkerung traf, die durch den 1.. Weltkrieg extrem geschwächt war.

    Lesen Sie das Buch von von Laura Spinney, "Die Welt im Fieber" und Sie werden die vielen Parallelen sehen und dass man vieles aus der Geschichte hätte lernen können.

  • #11
    Helmut Junge

    Wer niemanden begegnet, kann weder angesteckt werden, noch jemanden anstecken. Das ist die simple Idee, die hinter dem Lockdown steckt. Wenn die Menschen Angst haben, machen sie die Prozedur Lockdowm mit. wenn sie keine angst haben, machen sie nicht mit.
    wenn sie der Regierung trauen, machen sie bereitwilliger mit, als wenn sie der Regierung nicht trauen.
    Wird der Lockdown befolgt, stirbt das Virus aus. aber einige Viren bleiben lebend. Die sind dann die Ausgangs Population für die nächste Welle. Das Maß in dem eine Welle wächst, hängt von der Ausgangssituation ab und vom Maß des Vertrauens in die Regierung. Ja, der Wellenanstieg ist ein Maß für das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung. Weil das Vertrauen stark sinkt, steigt die Welle stark an. Aber irgendwann siegt die Angst vor dem Sterben wieder und die Leute machen das, was die Regierung sagt, auch dann, wenn das Vertrauen in sie wie jetzt am Tiefpunkt ist. Der Grund ist der, daß es ohne Impfstoff keinen Schutz gibt. Unsere Regierung hat aber nicht genügend Impfstoff gekauft und deshalb hat sie uns in der Hand. Wenn wir leben wollen, müssen wir im Haus bleiben und uns abschotten. Pervers? Ja, aber wir müssen unsere Regierung ja nicht mögen. Immerhin.

  • #12
    Wolfram Obermanns

    "Wer Infektionen durch ein lebensgefährliches Virus verhindern will, muss die Menschen – so es irgendwie möglich ist – auf körperlichen Abstand halten, lautet die erste eiserne Regel der Epidemiologen."
    Jain.
    Die eiserne Regel lautet, es zunächst mal gar nicht zur Epidemie kommen zu lassen, indem man Infizierte in Quarantäne steckt. Deswegen schottet man DANN Regionen die außer Kontrolle sind, ab.
    Deswegen sind epidemiologisch relevante Krankheiten meldepflichtig.
    Sie sind nicht meldepflichtig, damit das RKI Inzidenzstatistiken führen kann.

    Taiwan, Korea und Japan zeigen, wie das geht und welche Grenzen dem gesetzt sind. Nullinzidenzien z.B. sind auf Dauer gesehen ganz klar nicht mehr als ein schöner Traum. Im Griff behalten kann man die Sache mit einer Teststrategie: Tracen, Testen, Quarantäne.
    Das haben wir in D nicht hinbekommen (wollen). Genausowenig wie wir die epidemische Ausbreitung multiresistenter Keime in Krankenhäusern in den Griff bekommen (im Gegensatz zu NL z.B.). Das politische Versagen ist Corona weit, weit vorgelagert.

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