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Wer hat die richtige Strategie? – Krisenbewältigung in Zeiten von Corona

3D-Grafik des SARS-CoV-2-Virions Bild: CDC/ Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAM – This media comes from the Centers for Disease Control and Prevention’s Public Health Image Library (PHIL), with identification number #23312 Lizenz: Gemeinfrei

Im Angesicht der zunehmend heftiger werdenden öffentlichen Debatte um die „richtige“ Corona Strategie werde ich mich im Folgenden am Beispiel von Covid 19 mit den besonderen Eigenschaften von Krisen und den verschiedenen Art und Weisen ihrer  Bewältigung auseinandersetzen. Mein Ziel ist es dabei nicht eine bestimmte Strategie zu propagieren, sondern von falschen, missverständlichen und vor allem verleumderischen Vorwürfen zu mehr Rationalität und Sachlichkeit zu kommen.

Krisen definiere ich von der Sache her als Ausnahmezustände, in denen bestehende Routinen und vorhandenes Wissen nicht mehr ausreichen oder sogar gänzlich fehlen, während gleichzeitig auf Grund der Gefahrenlage unter Zeitdruck gehandelt werden muss. Auch die Gefahrenlage selbst ist dabei, da Informationen fehlen oder nicht genau überprüfbar sind, in Dimension und Größe  nicht sicher einzuschätzen. Oft gilt das schon für  die genaue Bestimmung des Krisenbeginns, weil es aus denselben Gründen auch keine präzisen Warnsysteme gibt, die rechtzeitig Alarm schlagen können.

Krisenbewältigung ist nie nur Problemlösung sondern immer auch Stressreduktion

Bei Covid 19 liegen diese Eigenschaften von Krisen komplett vor, obwohl Viren, ihre Mutation und ihre Ausbreitung in unserem Wissenssystem schon lange vorhanden sind, und es deswegen auch Notfallpläne, sprich Grundroutinen der Krisenbewältigung gibt. Diese bestehen aber vor allem in den entsprechen Not-Reserven und generell möglichen Verlaufsschemata, nicht aber im ausreichenden und vor allem sicheren Wissen über den neuen Virus selbst. Dieses kann erst während seiner Bekämpfung geschaffen werden, die wiederum wegen der hohen Bedrohung unter permanentem Handlungsdrucks steht.

Der dadurch erzeugte Stress ist unvermeidlicher Teil jeder Krise. Der damit verbundene individuelle und kollektive psychologische und soziale Druck wird im Wesentlichen aus den Ängsten gespeist, die bei fast allen Menschen entstehen, wenn sie mit Gefahren konfrontiert sind, die sie gar nicht oder sehr schlecht einschätzen können. Er überlagert alle sachlichen und fachlichen Bewältigungsbemühungen einer Krise. Von den für die Krisenbewältigung Verantwortlichen wird deswegen ein besonderes Maß an Besonnenheit bei gleichzeitig hoher Durchsetzungskraft verlangt. In Demokratien sollte, vor allem bei den politischen Entscheidern, eine ausgeprägte Sensibilität für kollektive Stimmungen hinzukommen.

Krisenstrategien verlangen deswegen, vor allem in freiheitsgewohnten Gesellschaften, zusätzlich zur sachlichen und zeitlichen Leitung ein permanentes Angst- und Stimmungsmanagement, wenn der unvermeidliche Stress bei den davon Betroffenen nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Die Kommunikationsstrategie und -taktik der Krise nimmt dabei aus gutem Grunde eine hervorragende, in bestimmen Phasen sogar entscheidende Rolle ein, weswegen kein Krisenstab heutzutage ohne entsprechende Experten auskommt.

Das sich dabei immer wieder sachliche Argumentation und psychologisches Wording vermischen, ist ein fast unvermeidlicher Teil der Krisenbewältigung, der allerdings auch selbst eine Gefahr darstellt. Kollektive Angst kann nämlich mit den heutzutage bestehenden medialen und informationstechnischen Mitteln mehr denn je gesteuert, sprich erzeugt, verschärft oder gemildert werden. Und wer Information gelernt hat, weiß aus der Natur der Sache auch wie Des- und Noninformation geht. Manipulation in guter Absicht ist deswegen fast immer Teil einer Krisenbewältigung. Besonders wenn der Zeit- und Handlungsdruck zunimmt.

Krisenbekämpfung verlangt deswegen in freiheitlichen Gesellschaften ein besonderes Maß an Transparenz und Kontrolle, und genau hier beißt sich jede Krisenkatze immer wieder in den eigenen Schwanz. Bei einem so gefährlichen Feind wie Covid 19 war von Anfang an von den Entscheidern immer ein schwierige Abwägung zwischen voller Information und möglicher panischer Reaktion zu leisten, sprich der Zwang zur Stressreduktion und zum Angstmanagement war von Anfang an ein fester Bestandteil der sachlichen Gefahrenlage, gerade weil man ihre Größe eine Zeit lang nur vermuten konnte

Der Feind ist umso schwächer je besser man auf seinen Angriff vorbereitet ist.

Jede Krisenstrategie hängt nicht nur vom Grad der Gefahr selbst, sondern auch und vor allem von den vorhandenen Mitteln zu Bekämpfung, d.h. konkret vom Vorhandensein der entsprechenden personalen, technischen und finanziellen Reserven ab. Im Fall von Corona also vom besseren Gesundheitssystem, schnellerem und flexiblerem Einsatz seiner Kräfte und vor allem von einer ausreichenden technischer Infrastruktur. Kommen noch ein höherer wissenschaftlicher Standard und entsprechende bessere Test- und Kontrollverfahren dazu, ist er „Feind“, unabhängig von anderen Faktoren, selbst bei großer Informationsunsicherheit schneller und leichter zu „besiegen“.

Vergleicht man die unterschiedlichen Erfolge verschiedener Länder bei der bisherigen Bekämpfung von Covid 19, jenseits anderer landes- und regionstypischer Unterschiede bezüglicher der Bevölkerungsstruktur, der Erkrankungsanfälligkeit und spezifischer die Covid 19 Erkrankungen fördernder Umweltbelastungen, dann kann man jetzt schon sehen, dass die Stärke und Menge der vorhanden Bekämpfungsmittel einen zentralen Teil der Krisenbewältigungsfähigkeit ausmacht. Wird diese zugleich begleitet von rechtzeitigem und entschlossenem Handeln, muss es eben nicht notwendigerweise zu so schrecklichen Phänomenen kommen, die wir in einigen Ländern gerade zu Gesicht bekommen.

Deswegen darf bei jeder Krisenbewältigungsstrategie nie die Gefahrenstärke der Krise mit der Schwäche der eigenen Bekämpfungsmittel verwechselt werden. Es ist im Prinzip wie bei einer Virenbekämpfung selbst: Die eigenen Immunstärke, bzw. die Fähigkeit zur Bildung von Antikörpern ist ein zentraler Teil der Krisenbekämpfungsstrategie. Die generelle Vergrößerung der Immunität der Bevölkerung und die Vervielfältigung der medizinischen Reserven zum Schutze derer, die immunschwächer sind, können jetzt schon als  die beiden zentralen Schlussfolgerungen aus Covid 19 angesehen werden.

Dabei ist bei einem Virus, der schon ansteckend ist, ohne Krankheitssymptome beim Infizierten hervorzurufen, das rechtzeitige Handeln eigentlich unmöglich, bzw. kann der Ort und Zeit des Beginns der Krise immer erst im Nachhinein festgestellt werden. Anfangsfehler sind also bei dieser Gefahr unvermeidlich und sollten denen, die sie begangen haben, zumindest wenn sie nicht offensichtlich fahrlässig waren, nicht zum Vorwurf gemacht werden. Krisenmanagement ist nie die Meisterschaft in völliger Fehlervermeidung, sondern in möglichst schneller und entschlossener Fehlerkorrektur. Krisenbewältigungsstrategien sind deswegen kurzfristig immer auch Zick-Zack-Kurse, deren Gesamtrichtung allerdings stimmen muss, wenn sie am Ende erfolgreich sein sollen.

Zwei grundsätzliche Krisenstrategien bei Covid 19 und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile

Krisenbewältigungsstrategien unterscheiden sich in ihren Grundrichtungen im Wesentlichen darin, wieviel Risiken die Strategen im Verhältnis zum anvisierten Erfolg einzugehen bereit sind. Das Ziel ist zwar das gleiche, die Wege zur Erreichung können deswegen aber sehr unterschiedlich sein. Entscheidend ist dabei, wieviel Zeitdruck besteht, wieviel Fehlerkorrekturreserven vorhanden sind und vor allem, wie hoch die Gefahr selbst eingeschätzt wird. Dass es hier, insbesondere unter Bedingungen unsicherer Informationslagen, nicht nur unterschiedliche fachliche Position bei den Experten, sondern auch mehr oder weniger gegensätzliche Meinungen bei den verantwortlichen Politikern gibt, liegt auf der Hand.

  • Die Konsequente Eindämmung oder auch „Hammer and Dance“

Im Kern folgt diese Strategie dem auch im Alltagswissen bekannten Leitspruch: Im Gefahr und größter Not ist der Mittelweg der Tod. Krisenstrategisch übersetzt, geht es um weitgehendste Eliminierung von Risiken, die bei einer hochansteckenden und potentiell tödlichen Gesundheitsgefahr wie Covid 19 den tendenziellen sogenannten „Lockdown“ und das konsequente „Social Distancing“ zu unausweichlichen strategischen Folge haben.  Das muss jedoch möglichst lange am Stück durchgehalten werden, was krisenpsychologische nur dann gelingt, wenn permanent eine Höchstgefahr kommuniziert wird und die Menschen das auch für wahr halten.

Der Vorteil dieser Strategie ist die größere objektive Sicherheit und auch das subjektive Sicherheitsgefühl der Betroffenen bei gleichzeitig leichtere Einhaltungskontrolle durch die Sicherheits- und Ordnungskräfte. Kommt ein einübender Lernprozess und in der Folge ein Gewöhnungsfaktor dazu, der neue Krisenroutinen entstehen lässt, wird diese Strategie, trotz des Leidens an der Isolation und den wirtschaftlichen Folgen des „Shutdowns“, auch für die große Mehrheit der Betroffenen eine Zeit lang erträglich. Die verbleibenden „Renitenten“ können dann mit der eindringlichen Kommunikation der Höchstgefahr in Kombination mit Strafandrohungen zur Raison gebracht werden.

Die Nachteile dieser Strategie liegen aber genau deswegen auch auf der Hand. Je länger der „Shutdown“ anhält, desto größer werden die negativen Folgen für das auch die Krisenbewältiger versorgende und finanzierende Wirtschaftssystem. Je länger die Menschen die  soziale Isolierung erdulden müssen, desto mehr hinterfragen sie den Sinn der Maßnahmen und desto weniger sind sie bereit deren Folgen zu ertragen. Vor allem aber werden sie für die Informationen immer empfänglicher, die die Gefahr geringer beschreiben als die Krisenstrategen und ihre Presseleute. Ein weiterer Nachteil entsteht, wenn der „Lockdown“ stufenweise gelockert wird, denn dann stürmen alle auf die Tür, selbst wenn sie aus krisenstrategischer Sicht nur einen Spalt weit geöffnet werden sollte.

Die eigentliche epidemiologische Problematik liegt jedoch in der Tatsache, dass auch diese Strategie – so lange keine Gegenmittel gefunden sind – um die sogenannte Herdenimmunität nicht herumkommt. Containment, also die vollständige Kontrolle über das Virus und seine Elimination, sind für ein Land wie Deutschland nämlich illusorisch. Sollte die Krisendynamik sich also bei der Beendigung des Lockdowns durch eine zweite Infektionswelle erneut massiv beschleunigen, endet der fröhliche Tanz nach der Krisenrosskur, der „Dance“ nach dem „Hammer“ in erneuter, noch schärferer Gesamtquarantäne. Die aufrührerischen Folgen eines so erzeugten kollektiven Frustausbruchs wären von den Sicherheits- und Ordnungskräften wahrscheinlich nicht mehr zu bändigen.

  • Die gesteuerte Ausbreitung oder auch „ No Hammer, no Dance“

Im Kern folgt diese Strategie sowohl der Alltagserfahrung als auch der Erkenntnis vieler Heerführer: Einen langen Kampf gewinnt man nur dann, wenn man nicht schon am Anfang alles auf eine Karte setzt. Krisenstrategische geht es dabei um eine jeweils der Lage angemessene Dosierung von Risiken. Sie geht bei Covid 19 nicht grundsätzlich von einer geringeren Gefahr aus, sondern von der Tatsache, dass diese nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort gleich groß ist und damit die Restriktionen, wenn überhaupt, nur stufenweise und regional unterschiedlich ergriffen werden müssen. Der völlige „Lockdown“ ist auch dabei möglich, soll aber so lange wie es geht, vermieden werden. Freiwilligkeit geht, so lange es irgendwie verantwortbar ist, vor Zwang.

Der Vorteil dieser Strategie ist, dass sie den davon betroffenen weniger soziale und finanzielle Härten zumutet und sie so, und das ist das krisenstrategisch Entscheidende, die Maßnahmen länger durchhalten lässt. Nur strengere Maßnahmen müssen dann krisenpsychologisch mit der Höchstgefahr kommuniziert werden, was auch den allgemeinen Stress reduziert. Die Zahl der „Renitenten“ ist dabei von Anfang niedrig und kann auch leichter so gehalten werden. Massive Strafandrohungen, vor allem aber die den sozialen Frieden potentiell bedrohenden robusten Einsätze der Ordnungskräfte zu ihrer Durchsetzung, können so weitestgehend vermieden werden.

Die Nachteile dieser Strategie liegen auf Grund des vermehrten Zulassens der Durchseuchung ebenfalls auf der Hand. Die Anfälligkeit für eine plötzliche steigende Krisendynamik ist größer und die Überwachungs- und Kontrollmöglichkeiten der auch bei dieser Strategie geforderten Maßnahmen des „Social Distancing“ und des „Stay Home“ sind kleiner. Erst recht, weil diese wegen ihrer Freiwilligkeit auch schlechter sanktioniert werden können. Deswegen verlangt eine solche Strategie entweder größere Krisenmittelreserven, sprich bei Covid 19 mehr Intensivbehandlungsplätze plus Personal, oder eine viel stärkere Überzeugungskraft der Maßnahmen bei der betroffenen Bevölkerung. Am besten natürlich beides.

Die zeitweise epidemiologische Problematik dieser Strategie liegt – so lange kein Gegenmittel gefunden ist – in einer, jenseits der sonstigen Einflussgrößen, größeren Zahl von Todesfällen pro Einwohner. Der Infektionsgrad steigt schneller als bei der Strategie der konsequenten Eindämmung. Die schlussendliche Gesamtzahl der Toten wird dadurch aber nicht vergrößert, weil so auch die Herdenimmunität schneller ansteigt. Was wiederum die gesamtlänger der Krise und das heißt, auch die Zumutungen die dadurch für die Wirtschaft und die Bevölkerung entstehen, verkürzt. Das allerdings nur, wenn immer dafür gesorgt ist, dass alle die, die an Covid 19 schwer erkranken auch behandelt werden können, ohne dass die medizinische Versorgung anderer Kranker darunter leidet.

Krisenstrategien werden selten lupenrein verfolgt, weil dafür selten alle notwendigen Voraussetzungen bestehen.

Auch bei Covid 19 sind von Land zu Land nicht nur die technischen,  politischen, sozialen und kulturellen Krisenbedingungen unterschiedlich, sondern auch die jeweilige Verlaufsdynamik. Entsprechend unterschiedlich ist auch das Risikoverhalten bei der Bevölkerung und bei den Krisenstrategen. Dass sich die Strategien bei Covid 19 insgesamt jedoch mehr oder weniger ähneln, liegt an der über die globale Kommunikation vermittelten gemeinsamen Einschätzung des Grades des Gefahr und der gemeinsamen Suche nach Gegenmitteln und Gegenmaßnahmen.

Ihr praktischer Einsatz und die jeweilige Krisenkommunikation bleiben dagegen weiterhin sehr unterschiedlich. D.h. in der Wirklichkeit werden die beiden oben aufgezeigten Grundstrategien zeitlich gewechselt oder kombiniert, bzw. Elemente der einen mit Elementen der anderen verbunden. Inhaltlich gleiche Maßnahmen werden, je nach Einschätzung der Lage von freiwilligen zu erzwungenen. „Lockdowns“ tauchen zeitweilig auch bei der gesteuerten Ausbreitung aus und Lockerungen unter zusätzlichen Bedingungen  auch bei der Strategie der Eindämmung.

Deswegen ist es auch so wichtig, dass die Strategen und ihre jeweiligen Anhänger sich nicht gegenseitig diffamieren sondern stattdessen fair vergleichen und sachliche argumentieren, um so den richtigen Weg zum gemeinsamen Ziel zu finden. Ein Ringen, das unvermeidlich auch zwischen Wissenschaftlern und Politikern und jeweils untereinander geschieht, sind Krisen- und ihre Bewältigung doch immer auch Bewährungschancen für den weiteren Aufstieg, sei es zu größerer politischer Macht oder zu größerem wissenschaftlichen Renommee.

Kein professioneller Krisenstratege, egal welchen Geschlechtes, lässt sich deswegen mir nichts dir nichts von (s)einem wohl überlegten Grundkonzept abbringen. Erst recht wenn er sich aus für ihn überzeugenden Gründen für eine rigorosere Strategie entschieden hat. Er wird erst mal auch jedem widersprechen, der die Gefahr geringer einschätzt als er selbst, basiert doch die besondere Härte seiner Strategie auf der besonderen Höhe der Gefahr. Aber er wird, wenn er klug ist, jede Analysestrategie unterstützen, die ihm mehr und bessere Daten über die genauere Größe und Qualität der Bedrohung bringt.

Krisenanalyse und Krisenbeobachtung als Hauptmethoden der Krisenbewältigung

Dabei geht es vor allem um die Beobachtung / Messung der zeitlichen und räumlichen Krisendynamik und der Erforschung ihrer Gründe, die leider unter dem gegeben Handlungsdruck häufig nur aus begründeten Vermutungen auf Basis unzureichender und/oder unsicherer Daten besteht. Dabei muss man räumlich in der Regel von besonderen Krisenherden / Clustern und zeitlich von Dynamikschüben ausgehen. Bei Covid 19 sind das die Superspreader Orte/ Ereignisse und die exponentielle Infektionsentwicklung, wobei die größte Messunsicherheit in der Dunkelziffer besteht.

Das Problem dabei ist, dass unter Zeitdruck die Messunsicherheiten nicht alle so schnell wie notwendig behoben werden können. Bei Covid 19 wäre das einerseits massenhafte und flächendeckende individuelle Testmöglichketen und andererseits Panelstudien, die für typische sozialräumliche Dichtsituationen eine statistisch genügende Anzahl der Bewohner und ihre Infektionsverläufe untersuchen, um die die wirklichen Infektions- und Letalitätsraten herauszubekommen. Alles zusammen würde erst die jeweilig gewählten Strategien, bzw. Kombinationen von ihnen auf datensichere Füße stellen und damit auch für die Betroffenen überzeugender machen. Was wiederum ihre Durchsetzungsfähigkeit gerade in demokratischen Staaten erhöhen würde.

So lange das aber nicht, oder nur eingeschränkt möglich ist, ist keine der beiden Hauptstrategien grundsätzlich falsch oder richtig, sondern nur vorläufig. Sicher kann  man nämlich bei Krisen dieser Art erst am Ende sein, wobei es wohlmöglich bei Covid 19 über längere Zeit kein sicheres Ende geben wird, wenn die Gegenmittel nicht so schnell gefunden werden wie erhofft. Die Krisenbeobachtung wird dann, wahrscheinlich mit genaueren und valideren Methoden, auf Dauer gestellt werden müssen. Einschließlich des dazu notwendigen vollen Einsatz der Telekommunikation, der Digitalisierung und der entsprechenden Infektionsverlaufsüberwachung.

Es gibt keine Krisenbewältigung ohne Wertedebatte

Spätestens dann wir die Krisenbewältigung in ein weitere Phase kommen: Der der grundsätzlichen Wertediskussion über Gesundheit und Tod und über die Frage, was ein würdiges Leben trotz Krise ist oder sein soll. Ob die Dauerüberwachung und die damit auch dauerhaft eingeschränkten Grundrechte noch der Bedrohlichkeit der Gefahr selbst entsprechen. Ob ein Leben ohne die körperliche Nähe auch der fremden Anderen, also der Möglichkeit der Begegnung, der neuen Freundschaft, der neuen Liebe noch lebenswert ist? Ob die virtuelle Nähe die sinnliche Berührung, in welcher Form und Intensität auch immer, wirklich ersetzen kann.

Ob wir nicht alle mit der Gefahr, die wir trotz aller Bemühungen absehbar nicht besiegen können, zu leben lernen müssen. Ob im Ernstfall jemand, der selbst besonders gefährdet ist, die Quarantäne bis zum Lebensende dem freien Leben mit möglicherweise schnelleren Tod vorzieht. Wie z.B. viele Krebspatienten heute schon, die auf die zerstörerische Chemotherapie verzichten um in Würde und weitest gehender Schmerzfreiheit die ihnen noch verbleibende Zeit zu erleben.

Aber auch auf der freudigen Seite des Lebens geht es  nicht ganz ohne Gefahr für Leib und Leben. Extremsportarten, Geschwindigkeit, Drogengenüsse, ja fast alle kleineren oder größeren Exzesse bergen sie in sich. Und genau aus dieser latenten Gefahr resultiert der besondere Lustgewinn. Er macht für viele das Leben sogar erst lebenswert. Ein Alltag im ständigen Gleichmaß wird dagegen von den meisten von uns als langweilig und fad empfunden.

Es gibt keine große Krise ohne existentielle Fragen

Es geht bei der Diskussion um Werte aber nicht nur um Lust und Laster und ihre Bedeutung für die Lebensfülle. Es geht nicht nur um die dahinter stehenden Wünsche und Träume der Menschen.  Es geht auch um besondere menschliche Herausforderung im Sinn der Humanität als solcher, die ganz besonderen Mut erfordern, weil sie existentiell sind, bzw. aus gravierenden Lebenskrisen entstehen. Es geht um den Kern unseres Menschseins in Zeiten großer Herausforderung.

Was wäre die Welt ohne Menschen, die ohne Todesbedenken andere Menschen aus größter Not retten? Was ohne Eltern, die zum Schutz ihrer Kinder notfalls ihr Leben riskieren würden? Was ohne Freiheitskämpfer die sich auch dann einer Diktatur entgegenstellen, wenn ihn dabei die Todesstrafe droht? Was ohne Menschen die bis zur tödlichen Erschöpfung um ihre Ideen und Erfindungen ringen? Was ohne Menschen die den aufrechten Gang zum Galgen immer noch besser finden als ein nicht endendes Lagerleben?

Nein, es muss nicht jeder so mutig sein, noch können das alle. Aber es gibt kein erfülltes Leben ohne eine Portion dieses Lebensmutes. Es gibt kein tiefes emotionales Engagement ohne das Risiko des Verlustes. Es gibt kein urbanes Leben ohne belebte Plätze mit echte Menschen die beim Ein- und Ausatmen Mikroorganismen verbreiten, die eventuelle auch gefährlich sein können. Mit einem altbekannten Satz: Es gibt kein Leben ohne Lebensgefahr. Wir müssen sie deswegen nicht unbedingt suchen. Völlig vermeiden können wir sie jedoch nicht, wenn wir nicht auf alle Errungenschaften eines modernen und freien Lebens verzichten wollen.

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5 Kommentare zu “Wer hat die richtige Strategie? – Krisenbewältigung in Zeiten von Corona

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  • #2
    Dr. Joachim Voss

    In einer "Krise" wie dieser, stehen emotionale Erlebnisse im Vordergrund: Das Verdrängen des schon immer bestehendem Lebensrisikos führt zu einer hysterischen Gegenreaktion. Ein sicheres Leben, von dem viele nur Träumen. Es geht hier nicht um Zahlen (die übrigens massiv unsicher sind) sondern um eine Lebenseinstellung, die Risken sieht und akzeptiert. Jeden Tag sterben in Deutschland 1800 Menschen durchschnittlich. Meist alte Menschen. Schon immer haben wir in Infektionenzeiten eine deutlich erhöhte Sterblichkeit. Eine Grippewelle wie 2017/18 hat 30.000 Todesopfer erbracht. Warum wir Kindergärten sperren, wo wahrscheinlich die Todesrate auf dem Weg zum Kindergarten höher liegen als an Covid-19 zu erkranken, ist sachlich nicht nachvollziehbar. Diese vielen Widersprüchlichkeiten zeigen vor allem eins an: Corona wird eher als böser Geist behandelt als eine Infektion, die sicher für viele ein Risko darstellt, aber auch rationale Schutz und Therapieoptionen hat. Es kann nicht sein, dass allein Virologen das Maß meines Glückes bestimmen. Diese Verbotsstimmung mit der Hoffnung auf "Genesung" ist eine Illusion. (Noch zwei Wochen, dann haben wir es geschafft). Mir scheint das Schwedische Modell der Bewältigung ehrlicher und emanziperter.

  • #3
    Thomas Schmitt

    hier wird die ganze Problematik endlich logisch auf den Punkt gebracht. Dem ist nichts hinzuzufügen. Schade nur, dass von unseren Politikern nicht schon längst erkannt wurde, dass der scheinbare Erfolg der starken Eindämmung der Pandemie die Sache nur länger vielleicht über Jahre hinauszögert. Man muss kein Hellseher sein, dass dies zu großen gesellschaftlichen Verwerfungen führen wird.

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