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Ehrenmord oder Familientragödie? Wie die Neuen Deutschen Medienmacher die Suche nach den richtigen Worten sabotieren.

Neuen Deutschen Medienmacher

Neue Deutsche Medienmacher (Bild: Julius Hagen)

Die „Neuen Deutschen Medienmacherveröffentlichten jüngst „Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland“. Der Glossar umfasst eine Liste mit politisch erwünschten Begriffen zu den Themen Islam, Migration, Asyl und Kriminalität. Der Leitfaden für einen diskriminierungsfreien Journalismus bewirkt jedoch das Gegenteil des Gewünschten: Er entfremdet die Leser von ihren Medien. Er verschleiert gesellschaftliche Verwerfungen, anstatt zu ihrer Überwindung beizutragen. Und er sabotiert eine freie und präzise Berichterstattung.

Konstantina Vassiliou-Enz, Ferda Ataman und Shion Kumai bilden die Redaktion der „Neuen Deutschen Medienmacher“, einem nach Selbstdarstellung „unabhängigen“ Zusammenschluss von Journalisten „mit und ohne Migrationshintergrund“. Ziel ihres Leitfadens ist eine möglichst wertfreie, korrekte und präzise Darstellung von Sachverhalten in der medialen Berichterstattung. Tatsächlich geht es den Verfassern um die ungeliebte political correctness, obwohl der Begriff selbst in der Formulierungshilfe nicht auftaucht.

Die Kritiker der politischen Korrektheit ließen nicht lange auf sich warten. Henryk M. Broder spottet in der Welt über den Vorschlag der Medienmacher, man solle die unpolitischen „Salafiten“ von den gewaltbereiten „Salafisten“ unterscheiden.

Alexander Kissler fragt im Cicero: “Wie will sich künftig der maximal korrekte Radiomensch […] verständlich machen mit den sonst klebrig umworbenen „Menschen da draußen“, die partout reden, wie der Schnabel ihnen wuchs? Werden Journalisten zu Volkspädagogen und Zurechtweisern, als die sie sich mitunter eh gerne sehen? Wo soll das offene, freie und riskante Gespräch gedeihen, wenn die Intuition fast immer falsch liegt und ein vorsorgendes Wortklempnertum nötig sein soll?

Die Überfremdungsparanoia des Stammtisches

Akif Pirincci bedient hingegen den Web-Stammtisch. In erwartungsgemäß enthemmter Sprache befeuert er die Überfremdungsparanoia der (politisch korrekt ausgedrückt:) „kognitiv herausgeforderten“ Proleten, die sich in den Kommentarspalten von Politically Incorrect austoben: Die Sprachcodes der Medienmacher, fürchtet er, werden schon bald „Eingang in den Pressekodex, wenn nicht sogar ins Strafrecht finden“. Der „Multikulti-Knigge“ solle Pirincci zufolge verschleiern, dass „ungebildete afrikanische Testesteron-Bomben mit der Neigung zu bewußtseinserweiternden Produkten“ einen „blutigen Krieg“ gegen die „Kartoffeln“ „wegen der Fickerei um die Bürgerinnen“ führen. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Es wäre aber zu kurz gegriffen, dem gängigen, linken Narrativ zu folgen, nach dem jeder Widerstand gegen die Ideen der progressiven Wortdesigner auf einen latenten Rassismus der „Mehrheitsbevölkerung“ (früher: „Mehrheitsgesellschaft“) hinweist. Die Kritik und der Spott sind auch nicht lediglich Ausdruck einer unterbewussten Trauer „privilegierter, weißer Männer“ darüber, dass sie nicht mehr „Neger” sagen dürfen. Die konservativen Skeptiker greifen ein Unbehagen auf, das einen berechtigten Kern hat, der die Rolle und Funktion des Journalismus für die Demokratie betrifft. Denn gut gemeinte Ratschläge sind oft die Vorstufe zu Tabus und soziologischem Aberglauben, gegen den eine präzise Berichterstattung immunisieren kann. Weiterlesen

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