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 Testphase: Auch im Ruhrgebiet beginnt das Rennen der E-Scooter


Das Rennen der E-Scooter beginnt nun auch im Ruhrgebiet. Die Verleiher stellen zum Ende des Sommers allenorts ihre batteriebetriebenen Roller auf. Von unserem Gastautor Dirk Schmidt.

Die Hauptsaison des Jahres 2019 ist zwar vorbei, aber der späte Start ist der Schaffung der gesetzlichen Voraussetzungen in Deutschland im Frühjahr 2019 geschuldet. Bürokratie braucht Zeit. So können straßenzugelassene E-Scooter bei vielen Elektromärkten nur vorbestellt werden. Lieferung im September oder Oktober. Die Hersteller benötigen noch die Straßenzulassung für ihre Geräte.

Unterschiedlich stellt sich das Vorgehen der Verleiher dar. Es wird beeinflussen, wie die Bürgerinnen und Bürger die E-Scooter in den nächsten Monaten annehmen. Und auch abstellen. Die Akzeptanz hängt davon ab, ob die geparkten Roller im Alltag stören und ihre Fahrer Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer nehmen. Die Ruhrnachrichten [1] berichten von einem ersten Unfall mit Fahrerflucht. Mediale Begleitung ist gewiss.

Herne war die erste Stadt. Dortmund und Essen folgen. In Bochum wurde am Freitag der Startschuss für die E-Roller des Anbieters Circ [2] gegeben. 500 Roller will Circ allein in Bochum aufstellen. In Kooperation mit der BoGeStra können diese nicht nur über die App Circ, sondern auch über die App des Verkehrsunternehmens gebucht werden. Und Circ kooperiert auch mit der Stadtverwaltung. So sind Parkanlage wie der Stadtpark und die Schmechtingwiesen von der Nutzung ausgeschlossen. Die Roller können dort nicht abgestellt werden.

Im Ausland geht man einen Schritt weiter. In Villa Nova de Gaia, dort wo am Ufer des Douros gegenüber von Porto die berühmten Portweinkeller liegen, sind Bereiche von der Nutzung ausgeschlossen. Der städtische Satzungsbeschluss wurde in Software umgesetzt: Der Roller erkennt per GPS, wenn er in die Altstadt fährt. Der Motor läuft dann nicht mehr. Das erfolgt in Deutschland nicht.

Das ist ein interessanter Regulierungsansatz und bestätigt die Ansicht, dass Software genauso stark steuern kann wie Gesetze (vgl. [3]). Auffällig ist, dass von Regulierungen per öffentlicher Satzung durch die Kommunen bisher kein Gebrauch gemacht wird. Auch GPS-basierte Geschwindigkeitsdrosselung spielt keine Rolle, wie die WAZ [4] feststellt.

Nicht alle Anbieter kooperieren derartig mit den Stadtverwaltungen. Rechtlich müssen sie es auch nicht. Der Anbieter Tier hat in den Tagen vor dem gemeinsamen Start der E-Scooter von Circ seine Roller in Bochum abgeladen. Das kann aber auch anders gesehen werden: Die Stadtverwaltung kooperiert nicht mit Tier, sondern nur mit Circ. Der Wettbewerb ist groß. In Dortmund und Essen geht auch Lime an den Start. In Porto hat der Autor sieben Anbieter nebeneinander gezählt.

In Deutschland sind von Anfang an die Anbieter Tier, Circ, Voi und Limes dabei. Sollte der Hype zu groß werden und überall Räder stehen, muss ggf. über Lizenzen wie bei Taxis nachgedacht werden. In der Schweiz finden sich Ansätze hierzu.

Mit metropolerad Ruhr [5] hat die Berliner Firma Nextbike ein stationsbasiertes Leihradsystem in den Großstädten des Ruhrgebiets etabliert. Zu den stationsbasierten Fahrrad-Leihsystemen kamen in den Vorjahren andere Anbieter hinzu, die nicht-stationsbasierte Leihsysteme für Fahrräder anboten. Ein Anbieter gehört zum Konzern der Deutschen Bahn, ein anderer war Byke, der zum Beispiel in Essen tätig war.

Wie die E-Scooter übermittelten diese ihren Standort per GPS und Mobilfunktechnologie. Das Buchen am Stationsmodul entfällt.

Die Anbieter haben vielfach ihre Räder wieder eingezogen. Besonders spektakulär war das Scheitern des in Singapur ansässigen Anbieter oBike in München. Leihräder hingen in Bäumen, lagen in der Isar oder wurden auf Stapel geworfen [6]. Der Anbieter ist inzwischen pleite – nicht nur in Deutschland.

Aus Marseille wird berichtet, dass Jugendliche die E-Scooter einfach ins Hafenbecken werfen [7]. Einige zu glauben wissen, dass damit die Abrechnung umgangen wird, da das Wasser den Bordcomputer zerstöre. Andere glauben an Rennen am Rand des Hafenbeckens, bei denen es darum gehe, wer zuletzt abspringt und wessen Roller weiter fliegt. Aus der E-Scooter-Modellstadt Herne wird berichtet, dass es derartige Events hier nicht gebe. [4]

Die nächsten Monaten werden zeigen, ob die Nutzer und Bürger das Leihangebot der E-Scooter annehmen. Die Leihradsysteme existieren weiter, aber der Hype um sie ist verklungen. Die Entwicklung geht auch weiter. So werden existierende Angebote um ausleihbare e-Bike, E-Autos und Lastenräder an Mobilstationen ergänzt [8].  Insgesamt wird das Angebot ausleihbarer, individueller Verkehrsmittel vielfältiger.

Die Entwicklung folgt der These des Autors Jeremy Riffkins, zu der er im Jahr das Buch mit folgendem Titel veröffentlichte: „Access – Das Verschwinden des Eigentums: Warum wir weniger besitzen und mehr augeben werden“ [9] Und es stimmt, E-Scooter fahren ist nicht billig. Circ rechnet einen Grundpreis pro Nutzung zuzüglich einen Minutenpreis ab. Der Preis eines Nahverkehrstickets oder eines Ubers in Porto ist da schnell überschritten. Aber das Einsammeln der Geräte und ihre Laden will bezahlt sein. Dafür muss ich aber auch nicht dauerhaft kaufen.

In einem Jahr werden wir wissen, ob das alles funktioniert oder nur wieder ein Versuch war. Denn auch die Kosten für die Systeme sind hoch. Experten rechnen schon für Jahresende mit dem Aus für die ersten Anbieter, berichtet das Handelsblatt [10]

Quellen & Links

[1] „Erster E-Scooter-Unfall in Dortmund – Autofahrer begeht Fahrerflucht„, von Felix Guth, Ruhr-Nachrichten Dortmund, 26.8.2019, [2] „500 E-Tretroller in Bochum, 300 in Gelsenkirchen Kooperation zwischen Städten, BOGESTRA und Circ Sogar die Ruhr-Uni ist mit dabei“,

Gemeinsame Presseinformation der Städte Bochum und Gelsenkirchen, der BOGESTRA und der Firma Circ, Bochum, 30.8.2019,

[3] „Code and other laws of cyberspace“ oder Deutsch: „Code und andere Gesetze des Cybersapce“, von Lawrence Lessig, 1999/2001

[4] „Unnötiges E-Roller-Chaos – Städte ignorieren Möglichkeit von Sperrzonen für E-Scooter“, von Thomas Mader, WAZ, 22.8.2019, https://www.waz.de/region/rhein-und-ruhr/staedte-ignorieren-moeglichkeit-von-sperrzonen-fuer-e-scooter-id226847761.html

 

[5] metropolradruhr, Fahrradverleih im Ruhrgebiet, https://www.metropolradruhr.de/

 

[6] „Gescheitert: oBike reduziert Leihräder in München massiv“, von Dirk Schmidt, Ruhr.Today, 4.4.2018, https://www.ruhr.today/2018/vandalismus-obike-reduziert-leiraeder-in-muenchen-auf-1-000/

 

[7] „Problem in Marseille – Teenager werfen hochgiftige E-Scotter ins Meer“, von Agardi, Kronen-Zeitung, Wien, 23.7.2019

 

[8] „VBW, BOGESTRA und Stadtwerke planen erste Bochumer Elektro-Mobilstationen“, Pressemitteilung, 18.7.2019, https://www.bogestra.de/news-liste/news/article/vbw-bogestra-und-stadtwerke-planen-erste-bochumer-elektro-mobilstationen.html

 

[9] „Access – Das Verschwinden des Eigentums: Warum wir weniger besitzen und mehr augeben werden“, von Jeremy Riffkin, 2000

 

[10] „Keine Alternative zum Auto: E-Scooter-Hype könnte schon am Jahresende vorbei sein“, von Dieter Fockenbrock, Christoph Kapalschinski und Matthias Rutkowski, Handelsblatt, 28.8.2019, https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/elektro-tretroller-keine-alternative-zum-auto-e-scooter-hype-koennte-schon-am-jahresende-vorbei-sein/24944340.html?ticket=ST-7908472-LQofuUsvUHbpfr6l3OOG-ap2

 

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9 Kommentare zu “ Testphase: Auch im Ruhrgebiet beginnt das Rennen der E-Scooter

  • #1
    e-Müll

    … ich kann dir schon jetzt sagen: funktioniert nicht !

    in Berlin eine Plage, die Dinger stehen überall im Weg, liegen auch schon mal quer auf dem Radweg, usw.

    es sind eigentlich nur Touris, die damit "rumfahren"

  • #2
    Robert Müser

    Diese Dinger durfte ich mir jetzt an zwei Tagen (29./30.08.2019) in Dortmund und Bochum in Aktion anschauen. Ein Hauch von Anarchie surrt lautlos über den Bürgersteig, den Radweg oder die normale Straße. Regeln scheinen für die Nutzer dieser Scooter nicht zu gelten und an vielen Stellen stehen die Dinger rum und versperren die Wege bzw. irgendwelche Eingänge/Zugänge. Die städtischen Ordnungsbehörden scheinen noch keinen Umgang mit diesen Spielzeugen zu haben.

    Je einmal wäre ich in Dortmund und in Bochum auf dem Fußweg fast von diesen Dingern umgenietet worden. Mein Buchhändler erzählte mir gestern, dass er am Morgen in seinem Eingang fünf dieser Roller hatte, die er erst mal irgendwie wegräumen musste.

    Ich will doch mal hoffen, dass dieser Spuk so schnell wieder von den Straßen verschwindet, wie er gekommen ist. Bei den beobachtetenn Nutzern hatte ich bisher den Eindruck, dass es sich hier eher Fun-Vehicles handelt.

  • #3
    Klaus Lohmann

    "Denn auch die Kosten für die Systeme sind hoch" – Welch Wunder, wenn diese höchst überflüssigen Teile im Schnitt nach drei Monaten Ausleihe-Tretmühle Schrott sind: https://www.capital.de/wirtschaft-politik/e-tretroller-welle

    Wer mir erzählen möchte, das wäre doch total öko und "schließe eine Lücke in der Mobility" zwischen Plattfuß-Dasein und Auto, den lache ich aus. Die Teile bleiben reines Kinderspielzeuch für Kinder ab 18 und das Businessmodell dahinter ist ausschließlich auf schnellste Einwerbung von Investorengeldern, schnellste Verdrängung der anderen Marktteilnehmer, möglichst null Investition in Service und Wartung und Gewinnmaximierung ohne irgendeinen sozialen oder sonstwie nützlichen Aspekt fixiert – "Wegwerfgesellschaft" at its best…

  • #4
    Nina

    Frage: Warum müssen Nutzer die Scooter nach Gebrauch häufig völlig unpassend mitten auf Wegen etc. abstellen? Das ist mir jetzt besonders in Köln aufgefallen, mitten auf Rad- und Gehwegen. Das kanns ja wohl nicht sein, oder?
    Bin gespannt, wie sich das im Ruhrgebiet entwickelt. Aber auf solche Ärgernisse hab ich keinen Bock, das senkt meine Toleranz.

  • #5
    abraxasrgb

    Hey, die Neophoben haben ein neues Thema, an dem sie sich abarbeiten können.

    Deutschland greint sich ab 😉

  • #6
    ke

    Warum will man immer Sachen, Tätigkeiten etc. verbieten, wenn sich ein paar Mitbürger nicht an elementare Regeln des Zusammenlebens halten? Hier muss doch das Ziel sein, die Spaßverderber zu sanktionieren, statt insgesamt alles zu verbieten.

    Ich kenne Preise aus Tests und finde sie eher hoch. Will man wirklich für die kleine Strecke jeden Tag mehrfach diese Preise zahlen, wenn denn ein Fahrzeug verfügbar ist?

    Ich hatte versucht , die Preise auf Webseiten zu prüfen. Nur die sind wohl out bei neuen Unternehmen. Geht es nur darum, die App aufs Handy zu bekommen? Was die dann auch immer macht.

    Als Funfahrzeug können sie genutzt werden. Im Urlaub werden auch immer mehr E-Gedöns Touren angeboten. Früher ist man Fahrrad oder Bus mit vielen Menschen gefahren.

    Der Effekt auf die Umwelt ist wohl noch fatal. Für den eigenen Besitz sind sie sehr teuer und wären dann das Fahrzeug 97 im Haushalt.

    Aktuell werden die meisten neuen Mietlösungen wohl eher ÖPNV, Fußwege und Radwege verdrängen. Die Mietfahrer in den US-Cities warten in Dauerschleifen auf der FAhrbahn auf Kunden und fahren sie dann direkt zu Preisen wie im ÖPNV. Bequem, vom Arbeitsmodell sicherlich unterhalb des Mindestlohns und auch nicht Öko.

  • #7
  • #8
    Nina

    @#5 abraxasrgb:
    Kannst Du Dir vorstellen, dass auch Neophile etwas dagegen haben, wenn die Teile ihren Weg versperren? 😀

  • #9
    Helmut Junge

    @Nina, neophile Deutsche dürften ein winzige Minderheit von unter einem Prozent sein. Falls du dazu gehören solltest, herzlichen Glückwunsch.
    Letzte Woche hat mich ein Fahrradfahrer auf einer Einkaufsstraße von hinten beinahe mit seinen neunzig Kg plus Fahrradgewicht mit ca 20km/h niedergemäht. Wenn mir jemand auf seinem e-scooter mit 30 km/h entgegen kommt, fänd ich das durchaus lästig, obwohl ich die Erfindung solcher Fahrzeuge toll finde. Ich bin neophil! und liebe die Freiheit. Aber bei "Rot" halte ich trotzdem an der Ampel. Manche Regel muß es geben.

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